Zum Thema Transfrauen und Frauensport hat man bei WEB.DE (Opens in a new window) eine Transfrau interviewt. Verzichtet wurde auf die Anstrengung, auch einmal kritisch nachzufragen oder gar die Perspektive von Frauen einzubeziehen.
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Die Trans-Dartspielerin Noa-Lynn van Leuven darf nicht mehr an Frauenwettbewerben teilnehmen. Hierzu hat der Sportjournalist Andreas Reiners ein Interview (Opens in a new window) mit der Transfrau Julia Monro geführt. Monro hat als Autorin und Aktivistin unter anderem den Deutschen Fußball-Bund bei der Entwicklung einer Regelung für Transpersonen (Opens in a new window) im Amateurfußball beraten.
Reiners fragt seine Interviewpartnerin zunächst, ob sie die neue Regelung als Schritt in Richtung Fairness oder eher als klaren Rückschritt sieht. Monro findet, ein Schritt in Richtung Fairness hätte einen „demokratischen Prozess“ beinhalten müssen, in dem man „gemeinsam nach Lösungen sucht“. Reiners hätte als Sportjournalist an dieser Stelle fragen können, ob denn Gewichts- und Altersklassen, Ligen oder Dopingregeln unfair sind, da sie keinem demokratischen Prozess entspringen. Oder ob Chancengleichheit im Sport nicht immer auch Ausschlüsse erfordert. Stattdessen fragt er: „Wird der Fairnessbegriff hier vorgeschoben, um Ausschlüsse zu rechtfertigen?“
Monros Eindruck ist tatsächlich, „dass dieses Argument vorgeschoben wird“, dass sich „politische Debatten unter dem Deckmantel der Fairness in den Sport einschieben“ und sich diese Entwicklung nicht erst seit gestern abzeichne. Jetzt hätte Reiners einhaken und fragen können, woran man erkennt, dass es gar nicht um Fairness geht. Auch hätte er fragen können, ob politische Debatten nicht wiederum dem gewünschten „demokratischen Prozess“ nahekommen. Doch er fragt nur nach der angedeuteten Entwicklung: „Inwiefern?“
Monro nennt die „Anti-Trans-Debatte“ in den USA, die Haltung der neuen IOC-Präsidentin Kirsty Coventry „zu Transthemen“ und ihre frühe Ankündigung, den Frauensport wieder fairer machen zu wollen. Hier hätte ein Sportjournalist darauf hinweisen können, dass die neue IOC-Regelung zum Schutz der Frauenkategorie (Opens in a new window) hauptsächlich Athlet:innen mit DSD – mit Störungen der Geschlechtsentwicklung – betrifft. Sie haben vielfach Medaillen geholt und sind in der Frauen-Leichtathletik über 150-mal häufiger vertreten (Opens in a new window), als es ihrem Anteil in der Bevölkerung entsprechen würde. Ein Sportjournalist hätte auch fragen können, ob es fair war, dass bei den Olympischen Sommerspielen 2016 im 800-Meter-Lauf der Frauen keine Frau auf dem Siegerpodium (Opens in a new window) stand. Stattdessen fragt Reiners, ob der zentrale Fehler beim IOC liege, beim Dartsverband oder ganz woanders.
Monro erklärt daraufhin, für sie liege der grundlegende Fehler darin, „dass versucht wird, Geschlecht zu normieren“. Dazu sei früher mit Testosteronwerten gearbeitet worden, was zu Streitfällen und auch Studien geführt habe. Dass Transfrauen klare Vorteile hätten, konnte „wissenschaftlich so pauschal nicht belegt werden, teilweise wurden sogar Nachteile festgestellt“.
Sportjournalist Reiners stellt nicht richtig, dass andersrum ein Schuh draus wird: Sportverbände normieren Wettkampfklassen, nicht Geschlecht. Deshalb wurde auch nicht mit Testosteronwerten „zur Normierung von Geschlecht“ gearbeitet. Vielmehr wurden Limits für Testosteron als leistungsrelevanten Faktor eingeführt. Entsprechend ist für die Frage der Pubertätseffekte die geringe Zahl an Vergleichsstudien von Transfrauen und Frauen nicht entscheidend. Denn klar belegt (Opens in a new window) ist mittlerweile, dass eine spätere Unterdrückung von Testosteron geschlechtsspezifische Vorteile wie mehr Muskelmasse, Explosivkraft oder Lungenvolumen nicht gänzlich rückgängig macht, weder bei Transfrauen noch bei DSD-Athlet:innen. Reiners jedoch hakt an keiner Stelle nach. Er mag nur wissen: „Und die Folgen?“
Monro glaubt, weil das Argument der „wissenschaftlich so pauschal nicht belegten Vorteile“ an Überzeugungskraft verloren habe, verschiebe sich die Debatte jetzt auf biologische Merkmale wie Chromosomen. Ihrem Eindruck nach würden „politische Vorstellungen darüber, wie Geschlecht zu sein hat, in den Sport getragen“.
Wie wir oben gesehen haben, sind nicht Chromosomen oder politische Vorstellungen maßgeblich, sondern die im Durchschnitt leistungsrelevanten Vorteile einer durchlaufenen männlichen Pubertät.
Reiners lenkt nun immerhin das Gespräch zurück auf den Fall von Noa-Lynn van Leuven: „Begründet wurde der Ausschluss von van Leuven mit körperlichen Vorteilen, die das Spiel beeinflussen. Wie sehen Sie das?“
Monro erklärt, dass sich der Körper bei Transfrauen durch eine Hormontherapie verändert: Muskulatur baue sich ab, Fett lagere sich stärker ein und verteile sich anders im Körper. Sie findet, solche Faktoren würden in der Debatte „viel zu wenig berücksichtigt“. Hier verpasst Reiners zu fragen, wer realistisch den Aufwand und die Kosten übernehmen würde, 1. bei jeder Transfrau die verschiedenen leistungsrelevanten Faktoren zu messen, 2. für jeden Faktor und für jede Sportart einen „fairen“ Wert zu definieren und 3. die Messungen regelmäßig zu wiederholen, da sich Werte verändern können. Alternativ hätte Reiners die Notwendigkeit leicht überprüfbarer Regeln im Sport erwähnen können. Doch er fragt nur, was denn ein Ausschluss sportlich und persönlich für Betroffene bedeute.
Für van Leuven, referiert Monro, bedeute er faktisch das Ende ihrer Karriere im Frauensport. Sage man ihr, sie könne ja bei den Männern antreten, bedeute dies die Nichtanerkennung ihrer Identität als Frau. Interviewer Reiners verbleibt in seinem Energiesparmodus. Er setzt nicht hinzu, dass im Darts die „Männerkategorie“ in der Regel eine offene Kategorie ist, in der jede:r spielen kann, auch van Leuven. Dass er gar nachfragt, warum ausgerechnet Spitzensport Identität priorisieren sollte, erwartet man schon nicht mehr. So kreist Reiners um van Leuvens Ungemach und fragt Monro schließlich, was aus ihrer Sicht eine Lösung wäre.
Monro meint, man solle nicht „primär nach biologischen Kategorien wie Geschlecht oder Chromosomen“ trennen, sondern „stärker auf konkrete körperliche Voraussetzungen schauen“. Sie nennt „Körpergröße, Armlänge oder andere physische Faktoren“ und verweist auf Gewichtsklassen im Boxen. Reiners unterlässt den Hinweis, dass im Boxen, anders als im Darts, keine Geschlechter gegeneinander antreten. Er gibt auch nicht zu bedenken, dass man mit einer komplizierten Trennung nach Körpermerkmalen die Frauenkategorie faktisch abschaffen würde und auf den oberen Plätzen regelmäßig diejenigen mit männlicher Pubertät landen würden. Stattdessen fragt er: „Wer ist jetzt gefordert? Wer muss den ersten Schritt machen, damit sich etwas bewegt?“
Das Interview geht noch weiter. Aber es geht so weiter. Reiners war gefordert, doch er hat nicht den ersten Schritt gemacht. In seiner Eigenschaft als Sportjournalist hat er das Interview in eine Fantasiewelt driften lassen, in der kaum eine Rolle spielt, was im Sport realistisch ist. Im Ergebnis hat sein Niedrigenergie-Interview weder der üblichen Polarisierung beim Thema etwas entgegengesetzt noch echte Meinungsbildung oder Erkenntnisgewinne ermöglicht. Was Reiners hätte tun müssen: Distanz einziehen und eine steile These auch mal in Frage stellen. Dies darf als „erster Schritt“ im Journalismus nicht zu viel verlangt sein.