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Unrast #4: Unterwegs in Wien

Nirgendwo lässt es sich so gut flanieren wie in Wien.

Ein paar Tage Wien, es ist Juli, aber das Wetter ist eher kühl, grau, regnerisch, dazwischen immer wieder Sonnenschein. Bipolar wird es die Kellnerin vom Kleinen Café ein paar Tage später nennen. Unsere Gastgeberin fragt nach unseren Plänen. Meine Antwort: von einem Kaffeehaus ins nächste ziehen, ein Museumsbesuch vielleicht, auf jeden Fall Schnitzel und Marillenknödel irgendwo.

Mit der U4 erreichen wir Mariahilf. An einer Brandschutzmauer alte Leuchtreklamen: Gitti, Liselott, Mariandl, Gabriela. Auf der MaHü, der zentralen Einkaufsstrasse, wird eine Benko-Ruine langsam abgetragen.

Wir lassen uns durch das Viertel treiben, bevor wir im Café Jelinek einkehren. Der Kellner führt uns an einen kleinen Marmortisch am Fenster. Als wir vorhin vorbeiliefen, sassen dort zwei alte Herren, in ihr Gespräch vertieft. Neben schweren, gelben Samtvorhängen, die Bilder von legendären Gästen. Leises Gemurmel, Besteck klirrt, der Boden knarzt. Keine Musik. Wäre Wien mein Zuhause, ich würde öfter hierherkommen – mich wie der Gast in der Ecke mit einer Zeitung in den Sessel falten.

Gegenüber finden wir einen Buchladen. Drinnen stapeln sich Bücher in dichten Reihen. Wir werden herzlich empfangen. Ob wir etwas Bestimmtes suchen oder einen Tee aus dem Samowar möchten. «Nein, danke, wir schauen erst mal, und ja, gerne.» Wir verlassen den Laden mit einer schweren Tüte voller Bücher.

Hungrig geht es weiter ins Stemann, schräg gegenüber. Auch hier knarzen die Böden. An der Wand ein Plakat vom Wien Museum: «Du sollst keine anderen Wirten haben neben mir.» Bier, gemischter Satz, Wiener Schnitzel, Marillenknödel.

30 Minuten bevor sie schliesst, schlüpfen wir noch in die Secession und schauen uns das Beethovenfries von Klimt an. Wenn man einen QR-Code scannt, kann man die IX Sinfonie von Beethoven, auf die sich das Fries bezieht, hören. Aber die Musik schallt ohnehin durch die Kopfhörer der anderen.

Am Abend fahren wir noch einmal in die Stadt. Von Ottakring laufen wir bis zu den U-Bahn-Bögen am Wiener Gürtel. An der Bar in Chelsea bestellen wir ein Bier. Ich bin ganz sicher schon mal hier gewesen. Der Club ist leer. Alle Gäste haben sich an den Tischen draussen versammelt. Wir ziehen weiter. Ein Taxi bringt uns ins Tanzcafé Jenseits. Als ich am Tresen stehe, um Getränke zu bestellen, läuft Falco. An der Wand über der Tanzfläche: David Bowie.

Im Wien Museum eine Ausstellung über Eisenbeton. Den Untertitel «Die Anatomie einer Metropole» finde ich passend gewählt. Im Raum ragen filigrane Modelle wie Skelette in die Luft. Die Dauerausstellung des Museums ist verwinkelt, vielschichtig und zeigt Wiener Stadtgeschichte. An der Decke der grossen Halle hängt der Praterwalfisch Poldi, der Schriftzug des Südbahnhofs prangt an der Wand. Ich stehe länger vor einem grossen Panorama von Wien: «Die Kaiserstadt an der Donau – Wien vom Nussberg». gemalt von Anton Hlaváček. Ein Blick von 1884.

Unseren Besuch im Kleinen Café beginnen wir auf dem Franziskanerplatz. Als wir gerade bestellen wollen, beginnt es zu regnen. Drinnen ist es voll, warm und alle Tische sind besetzt. Wir hangeln uns von Tresen zu Tresen, bis einer der Eckplätze im hinteren Teil des Lokals frei wird. Wir bestellen Kaffee, Bier und zwei Soda-Zitron gegen den Durst. Dazu: Brote mit Schnittlauch und Gurke. Die Frau, die sie zubereitet hat, serviert sie uns tanzend. Das Brot hat eine feine Kümmelnote, die Butter die perfekte Konsistenz.

Abends auf das Popfest. Als wir an der Karlskirche ankommen, lugt hinter der Kuppel ein Regenbogen hervor. Wir sehen Miriam Adefris und Jeansboy – und verpassen Oska. Lieber noch schnell auf ein Getränk ins Schikaneder. Auf unserem Tisch hat jemand mit Edding «Kein Gott, kein Staat, kein Mietvertrag» geschrieben. Daneben ein trauriges Herz. Als wir heimkommen, ziehen die Weinbergschnecken am Friedhof in Hütteldorf ihre Spuren über den Weg. Es folgt ein Spiessrutenlauf.

Da ich meine, den Stephansdom trotz einiger Wienbesuche noch nie gesehen zu haben – eine Annahme, die nicht gesichert ist –, machen wir uns auf ins Zentrum. Ich mag die alten Schilder an einem ehemaligen Lottoladen hinter der Kirche: «NEU LOTTO – Computer 6 aus 45, Gewinn-Garantie». Im Dom findet eine Messe statt. Gitter trennen die Touristen von den Gläubigen. Erstere laufen in Scharen durch die Kirche. Viele von ihnen haben den Blick auf das Handydisplay fixiert und filmen, ohne wirklich hinzuschauen.

Hinter einem Hérmes-Laden putzt ein Fiakerfahrer seine Pferde. Vor der Hofburg winden sich Meermänner und Seeungeheuer dramatisch in einem Brunnen, während Männer in historischen Kostümen Touristen Tickets für ein klassisches Konzert unterjubeln wollen. Wir queren den Innenhof der Burg, den Heldenplatz, machen kurz Pause im Volksgarten und passieren das Naturhistorische Museum.

Im Café Sperl spielen zwei Frauen Anfang zwanzig die Szene aus Before Sunrise nach, die in den frühen Neunzigern hier gedreht wurde. Sie sind verlegen dabei, ihre Freundin dirigiert ihre Posen für das perfekte Foto. Auch den Plattenladen um die Ecke besucht das Paar im Film. Mit einer Engelsgeduld fragt der Typ hinter dem Counter alle Besucher:innen: «Are you here because of the movie? Do you want to listen to the song from the movie?» während er ihnen gratis Platten in die Stoffbeutel mit dem Logo des Ladens steckt. Klar, auch mein Wienbild ist von diesem Film geprägt, seit ich ihn als Teenager zum ersten Mal sah. Ich bin dennoch überrascht, wie präsent er hier ist.

Der Teil des Naschmarkts, der bei der Sezession beginnt, wirkt touristischer als das andere Ende, wo sich die Gemüse- und Obststände befinden. Dort reichen die Händler den Passanten Oliven, Nüsse, syrische Baklava und andere Delikatessen zum Probieren. An einer verrammelten Bude für Wurst- und Käse-Spezialitäten hängen handgeschriebene Schilder: gleich zweimal der Hinweis «Urbanek (since 1957) Anthony Bourdains favorite place in Vienna» und «Wir machen Urlaub bis 10. August».

Wir legen eine Schnitzelpause ein. Jedes Restaurant an diesem Ort ist vermutlich eine Touristenfalle. Ich bin genervt und amüsiert, gleichzeitig von einem Amerikaner hinter uns, der versucht, einem jungen Wiener die Welt zu erklären. Ich hoffe, er hört nicht zu oder vergisst schnell.

In der Albertina betrachten wir Zeichnungen, die, herausgerissen aus grossen Blättern, das Leben in den Caféhäusern dokumentieren. Kleine Alltagsszenen auf Aquarell. Eine andere Ausstellung behandelt Maler:innen auf Reisen. Wir lernen: Auch zu Goethes Zeiten war es wichtig, zu dokumentieren, wo man war und was man gesehen hat. Wer es sich leisten konnte, nahm einen Maler mit, der ein Porträt am Reiseort anfertigte. Und: Viele Reiseziele, die noch heute populär sind, waren schon damals gefragt. In den sogenannten Prunkräumen dann, fast beiläufig, «Der Feldhase» und «Das grosse Rasenstück» von Albrecht Dürer.

Vor dem Abflug noch einmal schnell in Das Kleine Café. Wieder an den Platz hinten in der Ecke. Ab jetzt mein Stammplatz.

Was sonst noch bleibt: Wörter wie Aufsperrdienst, Fahrtreppenbenutzer, Putzerei und Hausbesorger. Frisch geriebener Kren passt immer und überall. Palatschinken mit Marillen sind viel besser als Marillenknödel. Jemand hat alle Würstelstände Wiens in einem Fotobuch dokumentiert. Statt «Endstation» sagen sie bei den Wiener Linien «Wir sind am Ziel».

Alle erwähnten und weitere gute Orte in Wien findet ihr auf dieser Karte (Abre numa nova janela). Als Soundtrack empfehlen sich folgende Stücke:

Tópico Unterwegs