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    <title>Kulturkaschemme von Meike Stoverock</title>
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      <title>Kulturkaschemme von Meike Stoverock</title>
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      <title><![CDATA[Tod, leicht wie eine Feder]]></title>
      <description><![CDATA[Über Leid so zu schreiben, dass man als Lesende am Ende nicht emotional völlig zerfleischt ist, ist eine Kunst, die in meiner Smmlung nur einer beherrscht: John Irving.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Über Leid so zu schreiben, dass man als Lesende am Ende nicht emotional völlig zerfleischt ist, ist eine Kunst, die in meiner Smmlung nur einer beherrscht: John Irving.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/4c601b7c-cbe0-4ea2-a180-2f100ab94286/uploads/images/yz66yasbhw/IMG_0266.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Vor Jahr und Tag schrieb ich schon einmal über John Irving, damals <a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/posts/f7e472cd-b1f4-4e68-96b0-dc96c1e34c8d">“Das Hotel New Hampshire”</a>, seit 30 Jahren mein unzerstörbares Lieblingsbuch. Doch obwohl das Buch damals sofort gezündet und, wie ich kürzlich bei meiner Zeitreise durch mein Bücherregal, bei der ich Bücher, die ich vor Urzeiten einmal gelesen habe, noch einmal lese, festgestellt habe, immer noch zündet, ist es das einzige Buch von Irving gewesen, das ich kannte.</p><p>Das passiert mir manchmal bei Büchern oder auch Musik: Dass mir ein einziges Werk so reich erscheint, mich so sehr nährt und bereichert, dass ich schlicht voll bin. Nicht übersättigt, nicht müde, sondern eher wunschlos glücklich. Ich brauche nicht mehr für die volle Gefühlsdosis als dieses eine Buch oder dieses eine Musikalbum. Und deshalb habe ich mir erst vor zwei Wochen ein weiteres Buch von Irving zugelegt: “Lasst die Bären los!”, sein Debüt als Schriftsteller.</p><p>Ich liege noch in den letzten Zügen, bin noch nicht ganz am Ende, aber wie schon bei dem Hotel Newhampshire ist diese Phase, kurz vor dem Schluss, für mich immer etwas Besonderes bei einem Buch. Bevor es unwiderbringlich vorbei ist, bevor ich erfahre, wie alles ausgeht, nehme ich mir einen Augenblick der Verzögerung, um zu prozessieren, was die Geschichte als Ganzes bis dahin in mir ausgelöst hat. Dieser Moment der inneren Einkehr umfasst den Stil, die Geschichte, den Aufbau, und auch, wenn sich das ziemlich analytisch anhört, ist es ein reiner Fühlprozess.</p><p>Nun also, kurz vor dem Ende von “Lasst die Bären los!”, merke ich, wie wohltuend Irvings Umgang mit Themen ist, die gemeinhin als schwer, sperrig, belastend, unhandlich wahrgenommen werden. Leid, Katastrophen, Tode, all das beschreibt Irving auf leichte Weise schrecklich und auf schreckliche Weise leicht. Jetzt, wo ich über die sagenhafte Stichprobengröße von 2 verfüge, kann ich sagen, dass mir kein anderer Autor - noch nicht einmal Terry Pratchett - so viel darüber beigebracht hat, dass der Tod … okay ist, wie John Irving.</p><h2>Inhalt</h2><p>Siggi Javotnik und Hannes Graff, zwei Studenten aus Wien, haben eines Tages die glorreiche Idee, dem bürgerlichen Alltag mit zu viel Raum für Leistung und zu wenig für Freiheit auf einem Motorrad, das eine ganz eigene Geschichte hat, den Rücken zu kehren. Nach einem Tag im Wiener Zoo mit zu vielen traurigen Kreaturen geht ihnen auf, dass sie genauso gefangen sind. Siggi ist ein verkannter Dichter, für den Bürgerlichkeit ohnehin keinen großen Reiz hat, Hannes hat gerade eine wichtige Prüfung versemmelt, die ihn ohne Plan B für sein Leben zurücklässt.</p><p>Der kreative, immer geisteshungrige, abenteuerlustige Siggi spielt auch mit dem Gedanken, die Zootiere zu befreien. Doch das erfordert Zeit und Planung, so es denn überhaupt machbar ist. Mit Schaudern denken beide an einen ähnlichen, zwanzig Jahre zurückliegenden Versuch, der damit endete, dass der Befreier von den Raubtieren des Zoos getötet wurde. Wenn überhaupt, wollen die beiden es besser machen.</p><p>Der Alternativplan, sich einfach auf jenes besondere Motorrad zu setzen, zu fahren, wohin der Zufall sie trägt, sich unterwegs von selbst gefangenen Fischen und Handel mit den ansässigen Bauern zu ernähren, sich vom Leben treiben zu lassen, scheint beiden realistischer als das Projekt Zoobefreiung. Und so fahren sie los, Italien ist allenfalls ein vages Endziel ihres Trips.</p><p>An einer ihrer Etappen im Umland von Wien verliebt sich Hannes in die junge Gallen und sein Enthusiasmus, sich mit Siggi dem Sog der Straße zu überlassen, wird schwächer. Zunächst versuchen die Drei noch zusammen, das Motorrad zu bezwingen, was Hannes mit schweren Brandwunden und Gallen als seine Pflegerin zurücklässt. Siggi, der Junge mit den Flausen im Kopf, ist viel allein und kehrt immer wieder zurück zu der Idee, die traurigen Zootiere zu befreien. Während Hannes gesund wird, fährt Siggi nach Wien, um den Zoo auszukundschaften. Lässt sich abends unbemerkt einschließen, beobachtet den Nachtwärter, der den ohnehin schon traurigen Tieren noch weiter zusetzt. Schießlich glaubt Siggi, die Abläufe der Wachwechsel gut genug zu kennen, um einen Befreiungsversuch zu wagen. Doch sein Versuch, Hannes wieder mit an Bord zu holen, scheitert an dessen Verknalltheit. Aus Gründen kommt schließlich alles anders als geplant und dabei spielen Liebe, Bienen, ein nachts quer auf der Straße stehender Wagen und der Tod eine Rolle. Danach steht Hannes vor der Gretchenfrage, was er nun mit Siggis Visionen - freien Zootieren, ein Leben in Italien - machen soll.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Blog gratis abonnieren</a></p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><p>Das Erste, was man bei Irving lernen kann, ist, dass das Leben immer weitergeht. Disruptive Katastrophen und Traumata handelt er mit Halbsätzen ab, sein Fokus bleibt immer beim Leben. Die Katastrophe ist nur ein Ereignis unter vielen, nicht wichtiger oder unwichtiger als die positiven Begebenheiten der Reise. Eine seltsame Form von Gleichmachung von Leben und Tod findet man bei John Irving und damit die ultimative Loslösung von der christlichen Überhöhung des Lebens. Die besagt, Leben ist gut, Leben ist ein Geschenk, Leben hat die oberste Priorität. Tod ist eine Strafe, eine Sünde, eine Tragödie. Wie ein augenzwinkender Ketzer kündigt Irving dieser Sichtweise die Gefolgschaft. Er beschreibt Todesfälle, aber er bewertet sie niemals.</p><p>Denn - und auch das lehrt John Irving - das Leben geht immer weiter. Irgendwo stirbt jemand und irgendwo wird etwas geboren. Ein Kind, eine Idee, eine Vision. Ein Tod - egal von wem - hat nur für Zeugen und Hinterbliebene eine Bedeutung, aber keine universelle.</p><p>Das ist so wohltuend, so befreiend für jemanden wie mich, der immer schon eine <a href="https://steady.page/de/frau-meike-meint/posts/da7bdf72-4aeb-4948-bc44-b3ca35e9b73c">sehr neutrale Sicht auf den Tod</a> hatte. Man könnte mich die Ambassadorin des Todes nennen, weil ich nicht müde werde zu betonen, wie normal und natürlich der Tod von Individuen ist. Verlustschmerz ist real, der darf da sein und sollte durchlebt werden. Aber im übergeordneten Sinn ist das, was da passiert ist, keine große Sache.</p><p>Tod und Leben als gleichwertigt zu behandeln, wie Irving das tut, ist nicht weniger als eine Ode an das Leben selbst. Nicht an die individuelle Existenz, an das Leben. Es ist lebensbejahend. Es feiert den Umstand, dass sich das Leben nicht vom Tod beeindrucken lässt. Nicht den Tod abzulehnen oder zu fürchten, bejaht das Leben, sondern ihn als gleich anzusehen, tut es. Der Tod ist da, er ist immer eine Möglichkeit - das zu akzeptieren und trotzdem das Leben zu wählen, es zu genießen, ist so viel mehr, als am Leben zu bleiben, weil man Angst vor dem Tod hat.</p><p>Das alles tut John Irving natürlich wesentlich eloquenter und berührender als ich es vermag. Und deshalb ist “Lasst die Bären los!” der zweite seiner Romane, der sofort bei mir zündet. Bei ihm liegt eine Leichtigkeit im Schrecklichen, die die Verhältnisse und auch das das eigene Empfinden geradezieht.</p><p>Aus den besagten Gründen fällt Hannes Siggis Notizbuch in die Hände, in dem der nicht nur seine Zoogedanken notiert hat, sondern auch die Geschichte seiner Eltern während des Krieges und der alliierten Stadtaufteilung. Eine Zeit, die an Leid und Tod nicht arm ist. Aber wenn man bei Irving liest, ist es vor allem eine Zeit der Resilienz. Nicht nur der Menschen, sondern des Lebens selbst.</p><p>Irving lässt seine Protagonisten leiden, er schickt sie durch die Hölle und zurück. Aber er tut das so liebevoll, so leichtfüßig, so wohlmeinend, dass keine Last zurückbleibt, sondern vielmehr das Gefühl, von einer Last befreit worden zu sein. Und genau deshalb würde ich die Lektüre seiner Bücher vor allem jenen empfehlen, die sich fragen, wozu sie noch am Leben sind, die an der Welt und ihrer eigenen Existenz leiden, mitunter womöglich suizidale Gedanken haben.</p><p>Ihr, nein, wir sind am Leben, weil der Tod absolut keine Bedeutung hat.</p><hr/><p>★ Social Media ★</p><p><a href="https://www.instagram.com/meikestoverock/">Instagram</a> ★ <a href="https://bsky.app/profile/meikestoverock.bsky.social">Bluesky</a></p><hr/><p>★</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Buch]]></category>
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      <pubDate>Sun, 31 May 2026 11:41:11 +0000</pubDate>
    </item>
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      <title><![CDATA[Tierhorror, ein unterschätztes Genre]]></title>
      <description><![CDATA[In kaum einem anderen Filmgenre liegen unerträglicher Trash und Qualitätsspannung so dicht beieinander wie Filme, in denen Tiere die Bösen sind. Zeit zu sortieren.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<h1>Tierhorror - Unterschätztes Genre</h1><p><em>In kaum einem anderen Filmgenre liegen unerträglicher Trash und Qualitätsspannung so dicht beieinander wie Filme, in denen Tiere die Bösen sind. Zeit zu sortieren.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/0a5fa465-53aa-41d1-b306-9364c6c8c21d/uploads/images/3gnaimrmeh/image-from-rawpixel-id-5941138-original.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Was gibt es Besseres, als sich bei viel zu tiefen Frühlingstemperaturen mit einem heißen Kakao ein bisschen Wohlfühlunterhaltung reinzuziehen? Wohlfühlen heißt für mich in aller Regel: Gruseln. Und ein Genre, das für mich zuverlässig abliefert, ist Tierhorror. Vielleicht liegt es an meinem Dasein als Biologin, dass Tierhorror so eine eigentümliche Faszination auf mich ausübt. Die Idee, dass irgendetwas dem Mensch Einhalt gebieten kann. </p><p>Dummerweise hat die Tricktechnik immer mehr dazu geführt, dass in dem Genre praktisch nur noch Trash zu finden ist. Also, Trash, bei dem man ernstlich um seine Gehirnzellen fürchten muss, wenn man ihn sich ansieht. Aus dem Grund braucht die Welt dringend eine Orientierungshilfe, die solide Unterhaltung, echte Perlen und besagten Trash voneinander trennt. Hier kommt sie.</p><h2>Die Klassiker</h2><p>Unter Klassikern verstehe ich ältere Filme, in denen das Grauen noch nicht ruckzuck am Computer zusammengeklickt werden konnte, sondern echte Tiere und physische Modelle herhalten mussten.</p><p><em>Die Vögel von Alfred Hitchcock (1963)</em></p><p>Gott, ich liebe diesen Film, was sicher auch daran liegt, dass ich Alfred Hitchcock liebe und Tippi Hedren auch. Eine junge Frau verschlägt es im Zuge eines Flirts in die kleine Hafenstadt Bodega Bay, wo sie nicht nur dem Mann näherkommt, sondern auch erleben muss, wie aus heiterem Himmel Krähen, Möwen und Sperlinge über die Menschen herfallen. Hitchcock ist ja ein meisterhafter Geschichtenerzähler, weshalb “Die Vögel” - entstanden nach einem Roman von Daphe DuMaurier - in seinen ikonischen Szenen bis heute unerreicht ist. Hitchcock drehte überwiegend mit echten Vögeln, was bisweilen eine Beklemmung erzeugt, an die am Computer generierte Tiere nicht ansatzweise heranreichen.</p><p><em>Der Weiße Hai von Stephen Spielberg (1975)</em></p><p>Inspiriert von den <a href="https://de.wikipedia.org/wiki/Haiangriffe_an_der_K%C3%BCste_von_New_Jersey_1916">Haiattacken an der Küste von New Jersey 1916</a> fühlte Spielberg sich berufen, dem Hai als Gefahr an sich ein unrühmliches Denkmal zu setzen. Der Film ist ein erzählerisches und tricktechnisches Meisterwerk und auch, wenn er eher nicht dazu beigetragen hat, das Verständnis für diese komplexe und faszinierende Tiergruppe zu fördern, liebe ich ihn heiß und innig. Zu den wenigen Traditionen in meinem Leben gehölrt es, jedes Jahr im Sommer einmal “Der Weiße Hai” anzuschauen. </p><p>Aber nicht nur das beeindruckende Haimodell machen den Film so sehenswert, sondern auch das Darsteller-Trio aus Robert Shaw als bärbeißigem Kapitän Quint, Roy Scheider als Polizeichef Brody und Richard Dreyfuss als Meeresbiologe Hooper erzeugen eine tolle Dynamik. Der Film wurde ärgerlicherweise 2004 neu und ganz schlimm synchonisiert. Ich empfehle die alte Synchronisation.</p><p><em>Moby Dick von John Huston (1956)</em></p><p>Die Geschichte des wahnsinnigen Kapitän Ahab, der sein Leben - und schlussendlich auch sein Schiff und seine Mannschaft - der Jagd nach dem weißen Wal Moby Dick opfert, ist weltberühmt. Die Romanvorlage von Hermann Melville ist inspiriert vom Untergang des Walfängers Essex nach einem Pottwalangriff 1820, den nur drei Schiffbrüchige überlebten, die die Ereignisse für die Nachwelt notierten.</p><p>Gregory Peck, der bis dahin eher weiche, intellektuelle Charaktere gespielt hatte, brilliert als Kapitän Ahab. Ohne jede Empathie für Mensch oder Kreatur ordnet er alles seinem Rachedurst unter, seitdem der weiße Wal ihm ein Bein geraubt hat. Und die Manschaft muss zuschauen, wie sie ihrem eigenen Untergang entgegenfährt. Eine Warnung sei allerdings ausgesprochen: Regisseur Huston hat für die Verfilmung auch authentische Waljagdaufnahmen verwendet. Wer sich diese Bilder nicht antun möchte, sollte um Moby Dick lieber einen Bogen machen.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Newsletter abonnieren</a></p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><h2>Das Mittelfeld</h2><p>Im Mittelfeld des Genres findet sich nicht viel. Offenbar spaltet sich Tierhorror in meiner Empfindung in “ganz toll” und “nicht der Rede wert”. In der Riege der soliden Unterhaltung, die vor allem von Geschichte und Darstellenden, weniger von spektakulären Tricks getragen wird, sind mir nur zwei Einträge eingefallen.</p><p><em>Cujo nach Stephen King (1983)</em></p><p>Der Bernhardiner Cujo des Automechaniker Cambers wird auf der Jagd nach einem Kaninchen von einer Fledermaus mit der Tollwut infiziert. Eigentlich ein gutmütiges Tier wird er nach und nach immer reizbarer und schließlich zu einer Gefahr für die Menschen seiner Umgebung. “Cujo” ist im Grunde ein Kammerspiel ohne Kammer, denn ein Großteil der Handlung sowohl im Roman als auch im Film besteht aus dem Überlebenskampf einer Frau und ihres kleinen Sohnes, die ihr defektes Auto für eine Reparatur zu Camber bringen. </p><p>Cujo hat seinem Besitzer bereits den Garaus gemacht, die Frau kann sich mit Mühe und Not in ihr Auto retten und ist nun dort gefangen. Sie kann es weder verlassen, um Hilfe zu rufen noch um für sich und ihren Sohn Nahrung und Wasser in der Gluthitze des Sommers zu besorgen. Aus der Enge heraus muss sie Lösungen ersinnen, sich und ihr Kind zu retten. Ein nervenaufreibender Kampf beginnt, Zug um Zug versuchen Frau und Hund, die Situation jeweils zu ihren Gunsten zu entscheiden.</p><p><em>Arachnophobia von Frank Marshall (1990)</em></p><p>Keine Liste über Tierhorror wäre ohne einen Eintrag über Spinnen vollständig, und hier ist er. “Arachnophobia” ist beste Popcorn-Unterhaltung mit der Betonung auf Unterhaltung, denn der Film hat neben dem Gruselschauer auch humorige Elemente. Jeff Daniels spielt einen Arzt, der mit seiner Familie aufs Land zieht und dort eine eigene Praxis eröffnet. Das gestaltet sich schwierig, denn die Dörfler bringen dem neuen Arzt kein Vertrauen entgegen. Außerdem hat die Überführung eines auf einer Expedition verstorbenen Tierfilmers einen unerfreulichen Gast mitgebracht: Eine tödlich giftige Spinne aus der Wildnis von Equador. </p><p>Der spinnenphobische Jungmediziner muzss zu allem Überfluss feststellen, dass sich die Spinne ausgerechnet auf seinem Grundstück niedergelassen und fortgepflanzt hat. Er muss sich also nicht nur dem Spinnentier, sondern auch seiner eigenen Angst entgegenstellen, um die kleine Ortschaft vor dem achtbeinigen Tod zu retten.</p><h2>Die Perlen</h2><p>Schön, dass Ihr bis hier weitergelesen habt, denn hier kommen die Geheimtipps. Filme, die durch die Geschichte, das Setting oder die Darstellenden einen so deutlichen Mehrwert erhalten, dass sie völlig zu Unrecht in der Trashecke liegen.</p><p><em>Orca von Michael Anderson (1977)</em></p><p>Ein Rachedrama von epischem Ausmaß. Kapitän Nolan macht sich auf, für ein Aquarium einen wilden Killerwal zu fangen. Schon bald gelingt es ihm, doch das gefangene Weibchen verliert an Deck sein ungeborenes Kalb und stirbt daraufhin. Der zugehörige Bulle sinnt auf blutige Rache und beginnt mit einer nevrvenaufreibenden Jagd auf Nolan. Hier sei eine Klammer aufgemacht, denn natürlich ist es Quatsch, das “Ein Mann sieht rot”-Motiv auf einen Killerwal zu erweitern. Orcas gehen keine stabilen Paarbeziehungen ein. Klammer zu.</p><p>Bis weit in die Arktis geht die Jagd und immer unklarer wird die Frage, wer wen jagt. Beide Männchen, der Mensch und der Wal, werden Teil einer Dynmik, in der sich Schmerz und Hass mischen. Im Packeis des Nordpolarmeeres kommt es schließlich zu einem ergreifenden Showdown.</p><p>Was den Film in meinen Augen so besonders macht, ist zum Einen der herzzerreißende Sounbdtrack von Ennio Morricone. Die Komposition liefert allen Stationen der Jagd ein aufwühlendes Fundament. Zum Anderen: Richard Harris als Kapitän Nolan. Richard Harris holt einfach aus allen Rollen das Maximum menschlicher Intensität heraus.</p><p>Ich habe den Film lange nicht mehr angeschaut, weil die Spannung und Tragik der Geschichte, die Originalschauplätze vor Neufundland und eben die Musik mich zu sehr mitnehmen. Aber Ihr könnt ja mal reinschauen.</p><p><em>Link, der Butler von Richard Franklin (1986)</em></p><p>Hier ist ein Affe, genauer: ein Orang-Utan, der Bösewicht.</p><p>Der Wissenschaftler Dr. Philipps lebt in seinem abgelegenen Haus mit drei Menschenaffen, zwei Schimpansen, Voodoo und Imp, und dem Orang-Utan Link, mit denen er Verhaltens- und Intelligenztests durchführt. Er stellt die Studentin Jane als Assisstentin ein. Mit Hilfe einer Symboltastatur kann Link sogar mit den Menschen kommunizieren, aber für die Forschungen des Professors ist er eher wertlos.</p><p>Philipps verschwindet. Jane geht davon aus, dass er nur Besorgungen im Dorf erledigt, und bleibt allein mit den Affen zurück. Nach und nach werden Voodoo und Link immer schwerer zu kontrollieren und nachdem die junge Frau eine Leiche findet, wird ihr klar, dass von Link eine tödlich Gefahr ausgeht.</p><p>Vor allem Terrence Stamp als Dr. Philipps, Elizabeth Shue als Jane und der echte Orang-Utan machen den Film sehr sehenswert.</p><p><em>A cold night’s death (1973)</em></p><p>Und noch einmal Affen. Dieser Film steht im Grunde nur wegen einer persönlichen Begebenheit in dieser Liste. Als mein Bruder und ich noch klein waren, viel zu klein für die Filme auf dieser Liste, erzählte mein Vater uns machmal Filme nach. Mein Vater war ein toller Erzähler, seinen Zusammenfassungen zuzuhören, war beinahe ebenso spannend, wie den Film tatsächlich zu schauen. Eines Tages erzählte er uns die Geschichte von diesem Film.</p><p>Zwei Wissenschaftler werden zu einer Forschungsstation am Nordpol geschickt, um den abgerissenen Funkkontakt zu einem Kollegen aufzuklären. In der Station werden mehrere Affen für Verhaltenstests gehalten. Sie finden die Station verlassen, nur die Affen sind quicklebendig. Sie stoßen auf mysteriöse Ungereimtheiten und bald ist nicht mehr klar, wer das Versuchstier und wer der Emperimentator ist.</p><p>Der Film lief nicht im Kino, sondern wurde nur für das Fernsehen gedreht. Er ist im englischen Original frei bei <a href="https://www.youtube.com/watch?v=vYFWAZ6QiUI">Youtube</a> und <a href="https://www.dailymotion.com/video/x903mi2">Dailymotion</a> anzusehen.</p><p><em>Der böse Geist von Jambuj (1981)</em></p><p>Der russische Film lief irgendwann in den 80er Jahren ein einziges Mal im ZDF-Tagesprogramm und er hat sich so sehr in mein Gehirn geschraubt, dass ich ihn 30 Jahre später nach erheblicher Recherchearbeit auf DVD erworben habe.</p><p>Tief in der sibirischen Taiga verschwindet ein Team von Geologen am Berg Jambuj. Ein Suchtrupp macht sich auf, sie zu finden. Weitab der Zivilisation treffen sie auf einen Stamm Ewenken, die ihnen erzählen, am Berg hause ein böser Geist, der die Geologen geholt habe. Dieser Geist entpuppt sich als Bär, ein Koloss von einem Tier, der nicht nur die Geologen, sondern auch die Mitglieder des Suchtrupps nach und nach zu sich holt.</p><p>Nicht nur die Bedrohung durch den Bären, sondern auch die schroffe Landschaft und die mystisch anmutende Stammesgemeinschaft der Ewenken erzeugen hier Spannung. Alles wirkt fremd, nichts ist vertraut und allein das erzeugt eine gewisse Beklemmung. Folklore trifft auf Survival, Spiritualität auf wilde Tiere. </p><hr/><p>★ Social Media ★</p><p><a href="https://www.instagram.com/meikestoverock/">Instagram</a> ★ <a href="https://bsky.app/profile/meikestoverock.bsky.social">Bluesky</a></p><hr/><p>★</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Film]]></category>
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      <pubDate>Sun, 05 Apr 2026 14:32:26 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Das Monster, reloaded]]></title>
      <description><![CDATA[Ich habe mir “We need to talk about Kevin” von Lynne Ramsay ein zweites Mal angeschaut und finde meine Rezension vom ersten Mal immer noch passend.]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Ich habe mir “We need to talk about Kevin” von Lynne Ramsay ein zweites Mal angeschaut und finde meine Rezension vom ersten Mal immer noch passend.</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c2c49651-6525-40d4-b521-902fb4e7edde/uploads/images/m7arqamn5e/We-Need-to-Talk-About-Kevin-Szene-5.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Eva lebt wie eine Geächtete am Rande der Vorstadt, allein, so weit wie möglich entfernt von den Menschen. Die Nachbarn beobachten sie misstrauisch, Unbekannte werfen Farbbomben auf ihr Haus, sie selbst verschanzt sich wie in einer Burg, die Gardinen sind immer zugezogen. Evas Haare sind strähnig, tiefe Falten durchziehen ihr Gesicht, nicht der kleinste Funken Lebensfreude leuchtet in ihren Augen, das frühere Charisma liegt nurmehr als Echo in ihren Zügen verborgen.</p><p>Siebzehn Jahre früher.<br/>Eva ist Mitte dreißig, autark, intelligent, voller Neugier auf das Leben. Ihren ungeheuren Lebenshunger stillt sie auf langen Reisen um die Welt, über die sie anschließend Bücher schreibt. Sie reist immer allein, ihr Partner Franklin, mit dem sie eine liebe- und lustvolle Beziehung führt, wartet zuhause auf sie.<br/>Die beiden sind im besten Wortsinn ein modernes Paar: selbstbestimmt, unabhängig, frei.</p><p>Alles ändert sich, als Eva ungewollt schwanger wird. Es gelingt ihr nicht, Freude über die Schwangerschaft zu entwickeln. Es ist dabei nicht etwa so, dass Eva nicht Mutter werden <em>will</em>; sie <em>ist</em> ganz einfach keine Mutter und daran wird auch die bevorstehende Geburt nichts ändern.<br/>Der Babybauch wirkt wie ein Fremdkörper an ihr, und genau das ist er auch: ein fremder Körper. Er gehört nicht zu ihr.</p><p>Das Kind ist ein Schreikind, jedes Lächeln der Mutter, mit dem sie versucht, ihr Baby zu erreichen, wirkt wie eine groteske Fratze, gequält und verzweifelt.</p><p>Als Kleinkind verweigert Kevin alle Aufforderungen zum Spiel, als Sechsjähriger straft er Evas Versuche, zu ihm durchzudringen, mit Häme und Verachtung. Schnell wird klar: nicht nur die Mutter liebt das Kind nicht, das Kind hasst auch die Mutter.<br/>Der feindselige Kevin provoziert sie, führt sie vor, demütigt sie.<br/>Alles, was er tut, scheint Berechnung zu sein, ein sorgsam ausgelegtes Schlageisen für die Mutter. Und sie tappt in jedes einzelne. Bei einer dieser Gelegenheiten verliert sie die Beherrschung und bricht ihm versehentlich den Arm. In jedem anderen Fall wäre diese Verletzung ein grober und kaum wiedergutzumachender Bruch des kindlichen Vertrauens. Hier nicht, denn es gibt kein Vertrauen, das zu zerstören wäre.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Beiträge ins Postfach!</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><p>Vor dem Vater ist Kevin freundlich, zugänglich, lebhaft; die beiden spielen Videospiele, bolzen im Garten, der Vater bringt dem Sohn das Bogenschießen bei, und natürlich glaubt er Eva kein Wort, als sie ihm vom destruktiven und soziopathischen Verhalten Kevins erzählt.<br/>Eva wird erneut schwanger und bringt ein Mädchen zur Welt, zu dem sie ein warmherziges und gesundes Verhältnis hat.</p><p>Als das Meerschweinchen der Tochter verschwindet und im Müllhäcksler wieder auftaucht, als die Tochter im Beisein des Bruders einen “Unfall” mit chemischem Abflussreiniger hat, der sie ein Auge kostet, wird Eva endlich klar, dass es um mehr geht als nur ein schlechtes Familienklima.</p><p>Den unvermeidlichen Gewaltausbruch, den Kevin schließlich auslöst, als Tragödie zu bezeichnen, wäre falsch. Es ist keine Tragödie, als Kevin in seiner Schule mit Pfeil und Bogen Amok läuft, seinen Vater und seine Schwester tötet und nur die Mutter am Leben lässt.<br/>Es ist ein Großes Finale, die Krönung und der inszenatorische Höhepunkt seines Lebens. Die ultimative Bestrafung seiner Mutter.</p><a href="http://www.youtube.com/embed/hFOfE-b_pFI">http://www.youtube.com/embed/hFOfE-b_pFI</a><h3>“We need to talk about Kevin” (Lynn Ramsey)</h3><p>Und hier findet sich vielleicht die einzige dramaturgische Schwäche in “We need to talk about Kevin”, dem ansonsten meisterhaften Film der schottischen Regisseurin Lynne Ramsay. Sie inszeniert Kevin - furios gespielt von Ezra Miller - so lustvoll dämonisch, als Kind, das bösartig zur Welt kommt, dass er sich nicht recht fügen will in diesen Film, der vor allem durch seine sehr karge Erzählweise auszeichnet. Auch kommt dadurch der psychologische Aspekt zu kurz: der Mangel an mütterlicher Liebe, das Fehlen einer Bindung als mögliche Ursache und Erklärung für seine tiefe Störung.</p><p>Das eigentliche Monster dieses Films, die Sprachlosigkeit zwischen Mutter und Sohn, tritt hinter Kevins Boshaftigkeit zurück.<br/>Der winzige Moment Offenheit, der sich in den letzten Minuten des Films zeigt, hätte dieses Monster offenbaren und der gesamten Geschichte einen Sinn geben können. Er hätte die Stille betonen können und die Vehemenz, mit der Mutter und Sohn jahrelang nicht über ihre Gefühle sprechen. So aber wirkt er nach dem tiefen Hass zwischen beiden seltsam künstlich.</p><p>“We need to talk about Kevin” ist nichtsdestotrotz ein Meisterwerk. Die zu extremen Rollen neigende Tilda Swinton verkörpert Eva mit einer verzweifelten Intensität, die bisweilen kaum auszuhalten ist. Diese Frau, deren Leben sich mit der Geburt des Sohnes in einen Albtraum verwandelt hat, aus dem es kein Entrinnen gibt. Diese Frau, die am Ende alles verloren hat, sogar sich selbst.</p><p>Es ist schwierig, den Impuls zu unterdrücken, sie als Opfer zu sehen.<br/>Denn tatsächlich ist nicht nur der Sohn unfähig, sich mitzuteilen, die Mutter ist es auch. Miteinander reden ist der allerletzte Schritt, beide tun ihn erst, als sie nichts mehr zu verlieren haben.</p><p>Doch diese Frau ist kein Opfer und sie hat kein Mitleid verdient. Eva bereitet den Amoklauf genauso akribisch vor wie der Sohn. Ihr Schweigen und ihre Verdrängung sind es, die die monströse Sprachlosigkeit am Leben erhalten und so den Boden bereiten für die grausame Tat des Sohnes. Und als Kevin den gespannten Bogen gegen seine Mitschüler richtet, da ist Eva mit im Raum. Ohne es zu wissen oder gar zu wollen, lenkt sie seine Hände.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Film]]></category>
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      <pubDate>Sun, 22 Mar 2026 13:44:30 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Benoît Sokal: Ein schöner Geist]]></title>
      <description><![CDATA[Obwohl er bereits 2021 starb, erfuhr ich erst gestern vom Tod eines der größten Geschichtenerzählers aller Zeiten - Ein Nachruf mit gebrochenem Herzen]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Obwohl er bereits 2021 starb, erfuhr ich erst gestern vom Tod eines der größten Geschichtenerzählers aller Zeiten - Ein Nachruf mit gebrochenem Herzen</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/c10e082e-86d8-41a8-b467-c12238454a67/uploads/images/cztgen2k77/IMG_1824.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Lieber Benoît,</p><p>Du hast im Leben Geschichten erzählt, deshalb möchte Dir auch eine Geschichte erzählen. Die Geschichte eines Mädchens, das mit Eintritt in die Pubertät alles verlor, was ihm zuvor Halt und Geborgenheit in dieser schönen und schrecklichen Welt gegeben hatte. Die Gründe dafür sollen hier keine Rolle spielen, aber das Mädchen war vollkommen verloren, einsam im Innen und im Außen, verwirrt und verletzt davon, wie ihm diese Welt begegnete. Obwohl es in dem aufwuchs, das man intakte Familie nennt, hatte es keine Bezugsperson. Da war niemand.</p><p>Das Mädchen spürte viele Jahre eine große Todessehnsucht und erschuf sich eine Ersatzfamilie in Büchern und Filmen und manchmal auch der eigenen Phantasie. Es umgab sich mit Geschichten, in denen es sich selbst fand. Geschichten, die es hielten und den Schmerz der Einsamkeit linderten. Schöne Geschichten waren das fast nie, eher düstere, in denen es um Verlust, Trauer und die Verzweiflung, am Leben zu sein, ging. Aber gerade an diesen Orten fühlte das Mädchen sich verstanden.</p><p>Eines Tages kaufte das Mädchen in einer Bahnhofsbuchhandlung ein Comicheft als Geschenk für seinen Bruder. Die Geschichte war zwar düster, aber auch blutig, genau das richtige für ihn. Wenn das Mädchen nur gewusst hätte, was es dort in Händen hielt, bereit, es fortzugeben, weil es nicht mit ihm sprach. Vielleicht hätte das Mädchen sich dann früher gefunden. Aber es war noch zu jung, die Geschichte in dem Comic sprach noch nicht zu ihm. Vielleicht konnte es die Worte auch bloß noch nicht verstehen. Der Name des Comics, Du ahnst es vielleicht schon, war “Der aufrechte Hund”, der erste Band mit Inspector Canardo.</p><p>Es dauerte noch ein paar Jahre, bis das Mädchen die Stimme Deiner Geschichten hören und verstehen konnte, aber schließlich erkannte sie den Inspector. Diese krummbeinige Ente mit dem verlotterten Trenchcoat wurde ihr Vater und Mutter, Bruder, Vertrauter, Seelenverwandter, Geliebter. Sie erkannte Inspector Canardo als bitteren Zyniker, unter dessen harter Schale sich tiefe Empfindungen und ein gutes Herz verbargen. Den seine Fälle immer wieder in die hoffnungslosesten Ecken der Gesellschaft führten und der sich nie leisten konnte, sich irgendwelchen Illusionen über diese Gesellschaft hinzugeben. Ein Einzelgänger, der immer zwischen Erbärmlichkeit und Coolness taumelte, der Schmerz weder auswich noch ihn suchte, weil das zum Leben dazugehört. Inspector Canardo, der vielleicht der Hoffnungsloseste von allen Deinen Figuren war, der seine Fälle mit routinierter Präzision löste, Lügen, Korruption, Mord aufklärte, dabei aber nie auch nur eine Sekunde glaubte, die Welt zu einem besseren Ort zu machen.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Beiträge ins Postfach!</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><p>Als ich, denn natürlich bin ich das Mädchen in dieser Geschichte, begann, Canardo zu verstehen, ihn in seiner ganzen in sich gebrochenen, poetischen Strahlkraft wirklich erfasste, da gab es bereits zehn Bände und ich hatte erst einmal genug Stoff, um ganz in Deine und seine Welt einzutauchen. Danach schaute ich anfangs noch regelmäßig nach neuen Bänden, aber Du arbeitetest langsam. Ließest jeder Geschichte die Zeit, die sie brauchte. Die Abstände, in denen ich nach neuen Geschichten suchte, wurden größer, aus meiner Ungeduld wurde Gelassenheit. Die Gelassenheit, dass wann auch immer Du etwas Neues herausbringen würdest, es das Warten wert sei. Denn man konnte das in jeder Zeichnung und in jedem Wort sehen: wie lange sie gereift sind. Wie organisch sich alles zusammenfügte. Wie kugelrund die Erzählungen stets in sich waren.</p><p>Aber der langwierige Reifungsprozess war nicht der einzige Grund, weshalb ich oft mehrere Jahre auf einen neuen Canardo-Comic warten musste, nicht wahr? Du hast früh verstanden, dass Computerspiele Dir eine ganz neue Möglichkeit zum Geschichtenerzählen boten. Und Du hast diese Möglichkeit mit Hilfe der Entwicklerfirma Microids und später Deiner eigenen White Bird Productions voll ausgeschöpft.</p><p>Sowohl in <em>Amerzone</em>, einer realistischen Adaption des fünften Canardo-Bandes “Weiße Vögel sterben leise”, als auch in <em>Syberia</em> hast Du Welten erschaffen, die mich in sich hineingezogen haben, wie ich es es bei keinem anderen Entwickler je erlebt habe. Du hast in <em>Amerzone</em> zwar weitgehend auf den düster-politischen Hintergrund des Comics verzichtet, aber das führte keineswegs zu Einbußen. Im Gegenteil: Ich glaube, die Fokussierung der Geschichte schuf genau den Freiraum, die unglaubliche Flora und Fauna von Amerzonien erfinden zu können, über die wir so viel in dem Almanach erfahren durften. Mit <em>Syberia</em> hingegen schöpftest Du eine ganz neue Geschichte, mit neuen Orten, neuen Charakteren, neuen Freunden und Feinden. Obwohl die Erzählung um den greisen Automatenbauer Hans Voralberg, den seine raffgierigen Verwandten mit Hilfe der Anwältin Kate Walker entmündigen lassen wollen, um sich seine Automatenfabrik anzueignen, von Steampunk-Elementen nur so wimmelt, war es kein Steampunk-Spiel, sondern ein Spiel über Gefühle. Wir mussten Räderwerke aufziehen, komplizierte Mechanismen reparieren und uns selbst den Zugführerautomaten Oskar montieren, um Hans mit dem Zug nach Syberien folgen zu können, wo er seinem Kindheitstraum nachjagte: Der Entdeckung der letzten Mammuts der Welt. Und auf der Reise merken wir - als Kate Walker -, dass wir sprichwörtlich im falschen Zug sitzen. Unnötig zu erwähnen, dass ich alles von Dir besitze, auch die Comics und Graphic Novels, die Du abseits von Inspector Canardo erschaffen hast, auch die anderen Spiele <em>Paradise</em> und <em>Sinking Island</em>.</p><p>In Deinen klassischen Point&amp;Click-Adventures vereinigen sich immer die Faszination für Technik und die Liebe zur Natur. Und den handelnden Figuren. Ja, ich glaube, Du hast Deine eigenen Figuren geliebt, anders ist es nicht möglich, sie so behutsam und eindringlich zu zeichnen. Dass alle Spiele handgezeichnete Hintergründe hatten, Dein Pinselstrich immer und überall spürbar war, war Ausdruck Deiner Achtung vor Deinen Figuren und ihren Erfahrungen. Und es hat mich glücklich gemacht, so glücklich.</p><p>Was Du erschaffen hast, hat mich so glücklich gemacht, dass ich Dir vor über zehn Jahren, als ich Dich bei Facebook entdeckte, schrieb, was mir Deine Arbeit bedeutet. Als Du mir kurz und knapp “Thank you” antwortetest, beschloss ich, mein Postfach nie wieder zu waschen.</p><p>Nach den beiden Teilen von <em>Syberia</em> und weiteren Bänden um Inspector Canardo wurde es etwas stiller. Viele Male habe ich in den letzten Jahren nachgeschaut, ob es einen neuen Comic oder den lange angekündigten dritten Teil von <em>Syberia</em> gäbe. Aber es dauerte. Dauerte und dauerte. Der dritte Teil kam, war aber so teuer, dass ich mir nicht leisten konnte, ihn sofort zu kaufen. Aber ich hatte so lange darauf gewartet, dass es mir nichts ausmachte, noch etwas länger zu warten, bis der Preis in meine Reichweite kam. Vor ein paar Wochen war das der Fall. Ich habe das Spiel noch nicht durchgespielt, die Steuerung ist weniger intuitiv als bei den früheren Spielen, aber Deine Liebe zu Deinen handelnden Figuren scheint ungebrochen, so viel kann ich sagen.</p><p>Gestern kommentierte ich bei Instagram unter dem Photo eines Nutzers, die Komposition sähe aus wie das Cover eines Comics von Dir. Ich wusste, dass Dein Name irgendwo einen Accent hat, aber nicht mehr, wo. Ich schaute schnell nach und die ersten Suchergebnisse erreichten mein Gehirn gar nicht.</p><p>“Benoît Sokal tot”, stand da und das durchdrang mich nicht. Es war nur ein Sekundenbruchteil der Verweigerung, der Leugnung dessen, was da in mehreren Artikelüberschriften stand. Dass Du bereits im Mai 2021 nach langer, schwerer Krankheit gestorben bist. Und dann hakte etwas aus in mir. Ich sagte laut “Nein!”, ich rief es, immer wieder, immer lauter, und die Klarheit des Wortes wurde durch Schluchzen verwischt, das aus mir herauswollte und zwei Stunden lang nicht aufhören wollte.</p><p>Du, lieber Benoît, hast mir ein Zuhause geschaffen mit Deinem schönen Geist. Einen Hafen, in dem ich mich immer verstanden fühle. Worte können den Schmerz nicht beschreiben, den ich gerade fühle. Kein Canardo mehr. Keine neuen Spielwelten mehr. Kein Zuhause mehr und kein Hafen. Ich bin wieder das Mädchen von damals, das so allein, so ohne jeden Trost war, bis es Dich fand. Wie soll dieses Mädchen, wie sollen all die Menschen, denen es so geht wie mir, in einer Welt ohne Dich leben, wie? Wie konntest Du mich alleinlassen?</p><p>Und obwohl ich Wut auf Dich spüre, obwohl ich Dir ganz klischeehaft mit meinen Fäusten gegen die Brust trommeln will, weil Du mich alleingelassen hast, hoffe ich doch, dass Dein letzter Weg nicht so quälend war, wie sich “lange, schwere Krankheit” anhört. Ich wünsche Dir, dass Du jetzt frei bist von allen Sorgen und allem Schmerz.</p><p>Mein Herz ist gebrochen. Und Du nimmst ein Stück von mir mit Dir, mein Freund. Thank you.</p><hr aria-hidden="true"/><p>(Bilder in Teaser und Text stammen aus dem dritten Band der Canardo-Reihe: “Ein schöner Tod”, Edition ComicArt Carlsen Verlag.)</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Comic]]></category>
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      <pubDate>Sun, 22 Mar 2026 13:16:41 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Dünner werdender Rest, im Hals aufsteigend]]></title>
      <description><![CDATA[Wochen der Dunkelheit liegen hinter mir. Zeit für etwas Leichtes, Erbauliches. Zum Beispiel "Das Hotel New Hampshire" von John Irving]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Wochen der Dunkelheit liegen hinter mir. Zeit für etwas Leichtes, Erbauliches. Zum Beispiel &quot;Das Hotel New Hampshire&quot; von John Irving</em></p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2cb2ad7f-2e1a-492f-bd21-5bdc17cd9448/uploads/images/yi637stwvw/2023-05-26%20003.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Altes Papier, Papier, das viele Male berührt wurde, verändert sich. Wenn man oft genug mit dem Finger über die Ecke eines Blattes Papiers streicht, wird es geschmeidig und faserig. Rasiermesserscharfe Kanten werden weich. Wäre es Stoff, würde man sagen, es franst aus. Die Haptik wird tröstlich wie ein Schnuffeltuch.</p><p>Ich sitze im Zug und lese. Meine Finger spielen unbewusst mit den Zipfeln zweier fehlerhafter Seiten. Welcher Prozess beim Bücherfertigen es auch immer war, der schiefgelaufen ist: zwei Seiten des Buches haben keine gerade Kante, sondern einen unregelmäßigen Überstand. Beim Lesen fummele ich daran und obwohl ich mit Gedanken, Gefühlen ganz bei dem Inhalt des Textes bin, höre ich einen Teil meines Gehirns sagen, reiß den Zipfel ab. Immer wieder stört mich die Stimme beim Lesen, es ist vollkommen klar: eine Entscheidung muss her. Abreißen oder nicht. Ich klappe das Buch zu, den Finger als Lesezeichen zwischen den Seiten, und überlege zum Fenster des fahrenden Zuges hinaus. &quot;Das Hotel New Hampshire&quot; von John Irving. Ein Buch voller Macken, voller Schrullen, voller seltsamer Personen und Begebenheiten.</p><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/2cb2ad7f-2e1a-492f-bd21-5bdc17cd9448/uploads/images/hk2n5xi3db/2023-05-26%20006.JPG?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><p>Da ist der alte Bär State o&#39; Maine, der nichts anderes als &quot;Earl&quot; sagen kann. Da ist Lilly, die irgendwann einfach nicht mehr weiterwächst und deshalb eine große Schriftstellerin wird. Da ist der homosexuelle Frank, der ein Gespür für Uniformen, Taxidermie und den österreichischen Kronprinz Rudolf hat. Da ist Iowa-Bob, der Großvater mit einem Gespür für Hanteln. Freud, der Besitzer von State o&#39; Maine, der eigentlich anders heißt, aber weil er Österreicher und Jude ist und alle österreichischen Juden bekanntlich Freud heißen, von allen Freud genannt wird. Da sind Franny und John, sie mit einem Gespür für Stärke, er mit einem Gespür für Franny, die seine Schwester ist. Da ist Susie, Freuds zweiter Bär, der gar kein Bär ist, sondern ein hässliches Mädchen ohne Gespür für Menschen, außer für Franny. Da sind Mutter und der kleine schwerhörige Egg, die beide ein tragisches Gespür für den kalten Atlantik haben. Da sind die Huren, Kreisch-Annie, die Alte Billig, Jolanta, die Kampfmaschine, und Babette. Und die Dunkle Inge, aber die darf man nur anschauen, nicht anfassen. Da sind die Radikalen, ein Trupp Umstürzler, die ein Gespür für Revolution haben und den ganzen Tag wütende Pamphlete in ihre Schreibmaschinen hacken. Und da sind jede Menge Hotels. Das erste (in New Hampshire), zweite (in Wien) und dritte (in Maine) Hotel New Hampshire, außerdem noch das Stanhope (in New York) mit einem Gespür für Racheakte.</p><p>Mit süßen Zwanzig habe ich das Buch zum ersten Mal gelesen und als ich es vor ein paar Tagen erneut aus meinem Buchregal zog, da hatte ich nicht mehr viel davon im Gedächtnis. Eigentlich haben mich nur die Radikalen mein Leben lang als Thema begleitet. Als ich während meine Studiums mit B. in einer WG im fünften Stock eines Hamburger Altbaus wohnte und wir eines Tages über uns, wo nur der Dachboden war, Geräusche von Menschen hörten, erzählte ich ihr die Geschichte von den Radikalen, die wahrscheinlich da oben säßen und den Umsturz planten. An Wien erinnerte ich mich also, an die Radikalen, aber sonst blieb nicht viel. Außer einem Gefühl. Ein Gefühl, das ich weder vor dem Hotel New Hampshire noch danach je wieder bei einem Buch hatte: Als ich das Buch ausgelesen hatte, wurde mir das Herz so entsetzlich schwer, weil ich das Gefühl hatte, mich für immer von wirklich guten Freunden verabschieden zu müssen.</p><p>Zu beschreiben, was &quot;Das Hotel New Hampshire&quot; ist, ist ungefähr so unmöglich wie zu beschreiben, was eine Meeresbrise ist. Wenn man sagt, eine Meeresbrise sei bewegte Luft, dann stimmt das zwar formal, aber man erfährt nichts über den Geruch nach Salz und verfaulendem Tang, über Gefühle von Freiheit und Sehnsucht, über die Demut vor der eigenen Kleinheit im Angesicht der Gezeiten. &quot;Das Hotel New Hampshire&quot; als die Geschichte einer Familie, die über knapp dreißig Jahre in verschiedenen Hotels lebt, zu beschreiben, ist ebenso formal richtig, unterschlägt aber alles, was man wissen muss.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Beiträge ins Postfach?</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><p>&quot;Das Hotel New Hampshire&quot; ist auch eine Geschichte über Liebe, Gewalt, Rache, Sex, Inzest, Suizid, über ein universelles Gleichgewicht, das alles irgendwie in der Waage hält, über Antisemitismus, Feminismus und darüber, dass Hilflosigkeit auch etwas ungeheuer Würdevolles haben kann. Genauso wie Sehnsucht. Darüber, wie stark die Anerkennung der eigenen Beschränkungen ist.</p><p>Einige mysteriöse Begegnungen mit einem Antisemiten in weißer Smokingjacke, einem Bär namens State o&#39; Maine und seinem Besitzer Freud wecken in dem (späteren) Ehepaar Berry das Gespür für Hotels. Ausgerüstet mit fünf Kindern (aufsteigend: Egg, Lilly, John, Franny, Frank) funktionieren sie also zunächst die leerstehende Mädchenschule in Dairy, New Hampshire, um und reden sich ein, dass es doch ganz okay läuft. Aber es läuft nicht okay. Franny wird von den Bullies vom Footballteam vergewaltigt, weder John noch Frank können es verhindern (oder wenigstens rächen), das Hotel steht mehr leer als voll, der alte Familienhund Kummer stinkt flatulierend vor sich hin, und als Frank ihn nach seinem Dahinscheiden ausstopft und der ausgestopfte Hund unvorbereitet aus des Großvaters Schrank kippt und Großvaters Herz vor Schreck kurzentschlossen aufhört zu schlagen, bricht irgendwie die Realität in ihr Leben ein. Doch da kommt Post aus Europa: Von Freud, der mittlerweile ein Hotel in Wien betreibt, das zur aufgerundeten Hälfte von Huren, zur aufgerundeten Hälfte von Radikalen und zu den an einhundert fehlenden Prozenten von tatsächlichen Gästen bewohnt wird. Und so macht sich die Familie Berry auf den Weg nach Wien, um Freud mit seinem Hotel zu helfen. Sie finden eine Art von Liebe, vereiteln die Sprengung der Staatsoper, Franny findet ihre Singstimme, Vater Berry verliert seine Weitsicht, Freud sein Leben und als sie schließlich zurückkehren nach Amerika, ist niemand mehr, wie er war, und doch genau so.</p><p>Die Melancholie ist auf jeder Seite des Buches dabei, doch John Irving geht nie über ein Seufzen hinaus. Ein Luftholen, ein kurzer Moment der Fassungslosigkeit, als ob einem jemand kurz ins Herz kneift, wenn der Tod zuschlägt, die Gewalt einbricht in diese kleine, entzückende, schrullige, liebenswürdige Welt. Aber noch bevor die Tränen Wasser werden können, wandelt sich die Melancholie in frivolen Aberwitz.</p><p>John Irvings Buch ist ein Fest der Lebenslust, ohne Leben zu predigen. Es ist von der ersten bis zur letzten Seite ein unbekümmertes Schulterzucken, ein furchtloses Annehmen sowohl der schönen als auch der schlimmen Ereignisse. Keine der Besonderheiten der Familie Berry, Kleinwuchs, Homosexualität, Schwerhörigkeit, Gewalterfahrung, ist <em>wirklich </em>etwas Besonderes. Diese Eigenheiten, die die Familie zu von der Gesellschaft Ausgestoßenen machen könnten, sind nur eine andere Art der Normalität.</p><p>Die hinreißende Gleichgültigkeit aller Personen gibt der Geschichte Leichtigkeit. Große Gefühle, wie Trauer, Wut oder Angst, sucht man hier vergebens, sie sind einfach nicht im Repertoire der sturmerprobten Familie vorhanden. Wer schon einmal große Gefühle hatte, weiß, wie anstrengend die sein können, und so ist der Verzicht auf Drama gerade die Zutat, die die Geschichte so leicht macht. Wie ein rot-weiß geringelter Dauerlutscher oder Gras unter den nackten Füßen. Rot-weiß ist auch das Motiv, das über diesem verrückten, normalen, alle Absurditäten des Lebens umarmenden Trupps Menschlein schwebt - Blut und Schlagobers.</p><p>In den letzten Monaten habe ich oft alte Bücher aus dem Regal gezogen und noch einmal gelesen. Diese Bücherzeitreise war eine Maßnahme im Kampf gegen die Depression, aber ich fand es auch aufschlussreich, wie unterschiedlich Bücher mit einem Abstand von 25 oder 30 Jahren wirken. Und während einige heute im Vergleich zu der Wirkung, die sie damals auf mich hatten, geradezu blässlich scheinen, wurde mir mit jeder Seite von &quot;Das Hotel New Hampshire&quot;, die ich ausgelesen hatte, mit jeder Seite, die der Rest des Buches dünner wurde, beklommener. Der Abschied rückt näher.</p><p>Da sitze ich also, schaue zum Fenster hinaus, den Finger immer noch als Lesezeichen zwischen den Seiten, und denke über das Buch nach. Ich glaube, wenn es jemals ein Buch gab, für das ein fehlerhafter Papierschnitt eine Zierde ist, dann muss es wohl dieses sein. Natürlich reiße ich die Zipfel nicht ab, ich lasse sie wie kleine schrullige Wimpel als eine Art Inhaltsangabe an diesem Buch.</p><p>Während die Landschaft draußen wie ein einziger Farbwisch an mir vorbeifliegt, steigen Tränen in meinem Hals auf. Alles an diesen Tränen ist richtig. Es sind Tränen der Liebe, der Freude, der Rührung, des bevorstehenden Abschiedsschmerzes. Aber ich sitze immer noch im Zug und auch wenn ich mich nicht schäme, in der Öffentlichkeit zu weinen, ist hier einfach nicht der Platz für eine Kernschmelze. Ich mache einen Knick in die Seite, klappe das Buch mit dem dünner werdenden Rest zu und hebe mir den Abschied für später auf. Später, wenn ich wieder so zuhause bin, wie ich mich in diesem Buch fühle.</p><p>Blut und Schlagobers sind keine schlechte Mischung für ein Leben, denke ich, und lächele aus dem Fenster, während eine Träne meine Wimperntusche ruiniert.</p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Buch]]></category>
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      <pubDate>Sun, 22 Mar 2026 13:04:37 +0000</pubDate>
    </item>
    <item>
      <title><![CDATA[Der lange Schatten des Herrn Kurtz - Das Grauen]]></title>
      <description><![CDATA[Manchmal reicht der richtige Umriss, um einen ganzen Kosmos entstehen zu lassen. Über die Symbiose von „Apocalypse Now“ und „Herz der Finsternis“. (Bildquelle:…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Manchmal reicht der richtige Umriss, um einen ganzen Kosmos entstehen zu lassen. Über die Symbiose von „Apocalypse Now“ und „Herz der Finsternis“.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/10c609a2-cce0-43de-b9b8-7a58952843c8/uploads/images/kzxzhzubxs/60213977_78ca62c76c_b(1).jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt="Bild der Begegnungszene zwischen Colonel Kurtz und Captain Willard"/><figcaption>(Bildquelle: https://www.flickr.com/photos/brtsergio/60213977)</figcaption></figure><p>Es gibt Filme, die so ikonisch sind, die so tief in das kulturelle Bewusstsein ganzer Generationen eindringen, dass sie über sich selbst hinausstrahlen. „Apocalypse Now“ ist so ein Film.</p><p>Die Handlung ist im Grunde schnell zusammengefasst. Während des Vietnamkriegs bekommt Captain Willard (Martin Sheen) den geheimen Auftrag, einen Mann zu liquidieren, einen Amerikaner, der im Grenzgebiet von Vietnam und Kambodscha eine Art Gewaltherrschaft errichtet hat. Dieser Colonel Kurtz (Marlon Brando) ist ganz offensichtlich unter den Eindrücken des Krieges wahnsinnig geworden und Willard begibt sich mit einer kleinen Militäreskorte auf die Schiffsreise den Mekong hinauf, um ihm das Handwerk zu legen.</p><p>Die ikonische Anfangssequenz eines vom Wind zerzausten Dschungels, die Stille zunächst zerrissen vom durch die Zeitlupe gestreckten Wop-wop-wop eines vorbeifliegenden Helikopters, später durch Jim Morrison, der die bedrückende Vorahnung dieses Bildes mit „This is the end“ besingt. Die ikonische Luftoffensive, die von Wagners Walkürenritt begleitet wird. Die ikonische Szene, in der Martin Sheen mit Tarnbemalung ganz langsam aus dem Wasser auftaucht, die Augen mit einem wilden Glühen aus Entschlossenheit und Zweifel. Und schließlich: der ikonische Colonel Kurtz, ein gottgleicher Alleinherrscher, der Terror und Gewalt verbreitet, wo sein Charisma nicht ausreicht, um Menschen gefügig zu machen.</p><p>„Apocalypse Now“ kann man ohne Übertreibung als Meisterwerk bezeichnen, das American Film Institute führt ihn im oberen Drittel unter den einhundert besten Filmen aller Zeiten. Francis Ford Coppola hat aus der überschaubaren Handlung, der Essenz dieser Geschichte, ein komplexes Protokoll geschaffen, die Chronik einer seelenzersetzenden Reise ins, nun ja, Herz der Finsternis.</p><hr/><p>Werbeblock</p><p><a href="https://www.paypal.com/paypalme/MeikeStoverock">Paypal-Kaffeekasse</a></p><p><a href="https://steady.page/de/kulturkaschemme/newsletter/sign_up">Beiträge ins Postfach?</a></p><hr/><p>Werbeblock Ende</p><p>Vorlage des Films ist das gleichnamige Buch von Joseph Conrad, vielmehr ein Büchlein, eine Novelle, was ja nur die bildungsbürgerliche Bezeichnung für einen Kurzroman ist. Immer, wenn eine filmische Adaption über sich selbst hinauswächst, muss sie sich irgendwann nicht mehr mit der literarischen Vorlage messen, sondern umgekehrt. Ich weiß nicht mehr, wer es war, der irgendwann zu mir sagte, das Buch sei eher enttäuschend im Vergleich zum Film. Vielleicht habe ich mich zu sehr davon beeinflussen lassen, denn es dauerte eine Weile, bis ich es zur Hand nahm, obwohl es schon lange hier lag. Nun, da ich es endlich gelesen habe, könnte ich nicht vehementer widersprechen.</p><p>Joseph Conrad erzählt die Geschichte der Flussfahrt in die Dunkelheit als Monolog eines gewissen Captain Marlow, der seinen Freunden eines Abends von der Reise in den dunkelsten Teil Afrikas berichtet. Die Erzählung ist über 100 Jahre alt, sie spielt nicht vor dem Hintergrund eines Krieges, sondern vor dem nicht minder schaurigen des europäischen Kolonialismus. Marlow ist ein geborener Abenteurer, ein hungriger Geist, immer auf der Suche nach dem Fremden, dem Herausfordernden. Die guten Kontakte seiner Tante ausnutzend, reist er im Auftrag einer belgischen Handelsgesellschaft nach Afrika und schon bald begleitet ihn der geraunte Name eines Agenten, der ganz erstaunliche Mengen von Elfenbein aus dem dunklen Kontinent nach Europa sendet: Kurtz. Wer immer diesen Namen erwähnt, tut es entweder mit Bewunderung für einen brillanten Redner oder mit Unbehagen, es bei Kurtz mit einer tickenden Zeitbombe zu tun zu haben.</p><p>Wie in Coppolas späterer Verfilmung dauert es lange, bis der Reisende der Sagengestalt Kurtz tatsächlich begegnet, und die Begegnung fällt bei Conrad sparsamer als im Film aus. So sparsam, dass ich verstehen kann, warum jemand an der Stelle enttäuscht ist. Statt – wie im Film – in einer klimaktischen Begegnung lange einzutauchen in die außergewöhnliche Rednergabe Kurtz’, in seinen abgrundtiefen Geist, schenkt Conrad uns nur wenige Zeilen Dialog, wenig Handlung und ein weit weniger dramatisches Ende als der Film.</p><p>Es ist richtig, dass Joseph Conrad seinen Kurtz nicht ausfüllt, dass er ihn eher als Kontur erscheinen lässt. Man erfährt nur wenig von Kurtz selbst oder aus dem Zusammentreffen der beiden Protagonisten, aber dafür sehr viel aus der Reaktion aller anderen Seitenfiguren. Ihre zwiegespaltene Verehrung eines außergewöhnlichen Mannes ist die einzige Form, die Kurtz bei Conrad erhält. Es entsteht eine Betonung durch Auslassung. In der Folge sind nicht alle Begebenheiten dieser Begegnung nachvollziehbar. Und doch ist das Buch auf seine Weise genauso ikonisch wie der Film.</p><p>Wie ein Maler bestimmt Conrad, was Hintergrund und Vordergrund ist. Beim Lesen erschien es mir erst etwas verstörend, wie oft die unerträgliche Stille auf der Reise erwähnt wird – dabei weiß doch jedes Kind, dass ein tropischer Dschungel förmlich schrillt vor tierischen Geräuschen. Doch Conrad legt offenbar Wert darauf, dass „Geräusch“ per se menschengemacht ist, alles andere ist Hintergrundflirren – und damit Stille. Die auf diese Weise herbeigeführte Isolierung des Menschlichen wirkt wie eine Hervorhebung, als würde man die handelnden Personen mit einem dicken Filzstift umranden. Wo menschliche Geräusche auftauchen, ein Schrei etwa oder ein belauschter Dialog, bekommen sie dadurch übergroße Bedeutung. Sie werden aus der natürlichen, pflanzlichen, tierischen Umgebung herausgehoben, so dass sie – hallo! – ikonisch werden.</p><p>Und hier kehren wir zurück zu dem Film. Wikipedia sagt, der Film basiere nur „lose“ auf Conrads Geschichte, aber ich glaube, der Film konnte nur werden, was er ist, weil die Novelle ist, was sie ist. Beide sind unvergleichbar auf ihre Art und deshalb sollte man sie nicht aneinander messen. Vielmehr bereitete Conrad mit seiner Erzählung das Substrat, auf dem der Film überhaupt erst wachsen konnte. Ich maße mir nicht an zu wissen, was Francis Ford Coppola fühlte, nachdem er „Herz der Finsternis“ gelesen hatte. Ich kann nur sagen, was ich fühlte. Als ich das Buch am Ende zuklappte, war ich wie erschlagen von den Möglichkeiten, die Conrads Auslassungen hinterließen. Der forcierte Fokus hinterließ einen Hunger, nein, eine Gier danach, besagte Auslassungen zu füllen. Ein beinahe überforderndes Freiheitsgefühl war bei mir die Folge. Joseph Conrad präsentiert hier einen Umriss, der mit allem gefüllt werden kann, was die eigene Kreativität hergibt. Und Coppolas Kreativität gibt eine Menge her.</p><p>Er dehnt die überschaubare Handlung nicht einfach nur auf zweieinhalb Stunden, er füllt sie. Bietet seinem Publikum Antworten auf die Fragen, die das Buch hinterlässt. Warum entwickelt Marlow plötzlich den Wunsch, Kurtz zu töten? Welcher Art sind die emotionalen und intellektuellen Zwischenstationen auf dem Weg von einem zynisch-gleichgültigen Abenteurer zu einem Mann, der zwischen Faszination für Kurtz und Ekel vor diesem moralisch völlig verkommenen Monster schwankt? Welcher Art ist die abgrundtiefe Verzweiflung, die Marlow in Kurtz spürt? Wie verändert die rohe, ungestüme Wildnis die Gedanken eines zivilisierten Mannes?</p><p>Und an der Stelle passiert etwas, das ich noch niemals zuvor bei der filmischen Adaption eines literarischen Stoffen empfunden habe: beide Erzählformen ergänzen und befruchten einander. Eine Art Symphonie entsteht, in der Buch und Film wie unterschiedliche Instrumente wirken. Jetzt, da ich das Buch kenne, kann ich sagen, dass die Erfahrung dieser Geschichte unvollständig ist, wenn man den Film ohne Kenntnis des Buches schaut, das Buch ohne Kenntnis des Films liest.</p><p>Die ganze filmische Meisterschaft Francis Ford Coppolas offenbart sich erst, wenn man das Substrat kennt, auf dem er gearbeitet hat. Die einmalige Befreiung durch das Buch stellt sich nur ein, wenn man weiß, wie Coppola diese Freiheit genutzt hat.</p><p>Er gibt der Figur des Kurtz Raum und Bühne, die eines so großen Geistes gebühren – und nach der man im Buch vergeblich hungert. Als Captain Willard und Colonel Kurtz einander schließlich begegnen, ist das nicht weniger als ein filmisches Elysium. In einer kongenialen Mischung aus Drehbuch, Kamera, Szenenkomposition und Licht macht „Apocalypse Now“ den hochintelligenten, gleichzeitig aber auch gebrochenen Verstand des Colonels in Bildern sichtbar. Schlaglichter beleuchten immer nur Teile von Marlon Brandos Gesicht, setzen isolierte Akzente auf sein Spiel und seine geistige Fragmentierung. Der endlos scheinende Monolog dieses Wahnsinnigen – in der besten aller verfügbaren Synchronisationen von dem unvergleichlichen Gottfried Kramer gesprochen -, die bruchstückhaften Bilder, Captain Willard, der wegen einer erlittenen Verletzung in den Hintergrund verbannt ist und nur zuhören kann, weg von einem Akteur hin zu einem Zeugen – all das erzeugt eine szenische Intensität, die man beinahe mit Händen greifen kann.</p><p>Ich bin fest überzeugt davon, dass es für jeden Schauspieler und jede Schauspielerin eine Rolle gibt, in der er oder sie sich auflöst, in der Magie passiert. Und die Figuren von Kurtz und Willard sind nach meiner bescheidenen Meinung für beide – Marlon Brando und Martin Sheen – die Rollen ihrer beider Leben.</p><p>Sheens Figur bekommt auf der zehrend langen Flussfahrt Gelegenheit, sich dem Publikum als Kurtz in seiner Intelligenz ebenbürtig zu zeigen. Captain Willard weiß genug über die Verbrechen des Colonels, um von der Richtigkeit seines Liquidierungsauftrags überzeugt zu sein. Aber weil Intelligenz Intelligenz anzieht, spürt er widerstrebend eine zehrende Sehnsucht, Kurtz zu begegnen. Und über diese inneren Zwiespälte begegnet Willard auch sich selbst. Während der gesamten quälend langsamen Annäherung an das Phantom Kurtz dreht Captain Willard sich gewissermaßen selbst durch den Fleischwolf.</p><p>Marlon Brando dagegen zeigt in keinem anderen (mir bekannten) Film, wie wenig er braucht, um auf der Leinwand eine überlebensgroße Präsenz zu zeigen. Nicht einmal „Der letzte Tango in Paris“, der eine ähnliche Intensität hat, kann diese Magie aus Brando herausholen – gerade in der Begegnungsszene, in der er durch die Lichtakzente wie – hallo! – ein Umriss wirkt. Dieses Mal allerdings wie ein ausgefüllter.</p><p>Coppolas Genie macht aus jener ikonischen Szene, in der Captain Willard in Tarnbemalung aus dem Wasser steigt, so viel mehr als Ästhetik. Mit Haaren, die klatschnass am Schädel kleben, dem wüsten Blick des Mannes, der ist, wo er ist, um das Böse auszumerzen, um Gerechtigkeit zu schaffen, ähnelt Willard dem glatzköpfigen Colonel Kurtz nie mehr als in diesem Augenblick. Die beiden Männer spiegeln sich ineinander.</p><p>Und das wiederum führt uns, die wir dieser Symbiose atemlos, fassungslos zuschauen, zu der Frage, was eine solche Reise, ein solcher Auftrag mit uns machen würde. Konfrontiert uns mit der Frage, was Richtig und Falsch eigentlich bedeutet. Ist es richtig, einen bösen, einen wahnsinnigen Mann, der die Köpfe seiner Feinde auf Pfählen rund um seine Behausung wie Wahrzeichen präsentiert, ohne Zögern zu liquidieren? Oder ist es richtig, einem Geist, der mehr denkt, mehr wahrnimmt und weit komplexere Schlussfolgerungen zieht, zuzuhören? Ihn zu untersuchen, bis man eine Antwort findet, die weiter reicht als die Verurteilung seiner Verbrechen? Jemanden, der mit einer so außergewöhnlichen Intelligenz und Tiefe gesegnet ist, vor einer so berauschenden wie erdrückenden Kulisse töten zu müssen – würde es nicht auch uns selbst einen Zwiespalt eröffnen, in dem uns Pflicht, Moral, Instinkt und Sehnsucht zu zerreißen drohen?</p><p>Wie die beiden Männer spiegeln auch Buch und Film einander. Das Buch offenbart sich nicht ohne den Film und der Film offenbart sich nicht ohne das Buch. In einer besseren Welt würde mir jemand 5000 Euro geben, damit ich mich drei Monate lang mit Film und Buch einsperren kann, um alle Subtexte, alle Implikationen, um alle Symbolik dieser Geschichte zu entschlüsseln. In unserer klickökonomischen Zeit tut das leider niemand, weshalb mir nur dieser Text bleibt, in dem ich alle bitte, nein, anflehe, den Film zu schauen <em>und</em> das Buch zu lesen. Wer beides mit der gebotenen Offenheit aufnimmt, wird einer Geschichte begegnen, an der man wachsen kann.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Und wer jetzt immer noch nicht genug hat von mir, kann mir bei <a href="https://www.instagram.com/meikestoverock/">Instagram</a> oder <a href="https://bsky.app/profile/meikestoverock.bsky.social">Bluesky</a> folgen.</p><p></p>]]></content:encoded>
      <category><![CDATA[Film]]></category>
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      <pubDate>Sun, 22 Mar 2026 13:00:18 +0000</pubDate>
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      <title><![CDATA[Irgendwann werden wir uns alles erzählen]]></title>
      <description><![CDATA[Über Scham, Begehren und die Unmöglichkeit, Begierde in die reale Welt zu holen. Eine etwas andere Rezension. © Pandora Film / Row Pictures Dieser Text sollte eigentlich…]]></description>
      <content:encoded><![CDATA[<p><em>Über Scham, Begehren und die Unmöglichkeit, Begierde in die reale Welt zu holen. Eine etwas andere Rezension.</em></p><figure><img src="https://assets.steadyhq.com/production/post/ec74b80f-638a-4778-87bd-a9512aa8ac71/uploads/images/bjw47v43c4/irgendwann-wwuae_stills_01_2_copyright_pandora_film_row_pictures.jpg?auto=compress&amp;w=800&amp;fit=max&amp;dpr=2&amp;fm=webp" alt=""/><figcaption>© Pandora Film / Row Pictures</figcaption></figure><p>Dieser Text sollte eigentlich ganz anders werden. In einer früheren Version habe ich versucht, eine normale Rezension über &quot;Irgendwann werden wir uns alles erzählen&quot; von Emily Atef zu schreiben. Die Besonderheiten des Films herauszuarbeiten, stilistische Kniffe, Dialoge, so etwas eben. Aber je tiefer ich in meine Erinnerung an den Film eintauchte, je länger ich schrieb, desto mehr wurde mein Schreiben ein einziger Versuch, die Gefühle, die die Geschichte in mir hinterlassen hat, zu bewältigen.</p><p>So übervoll hat mich die filmische Umsetzung des gleichnamigen Romans von Daniela Krien zurückgelassen, dass ich eine Woche lang nicht dazu in der Lage war, auch nur einen klaren Satz über das, was ich gesehen hatte, zu denken. Ich konnte nur fühlen. Normalerweise, wenn ein Film so vielschichtig ist, dass ich von meinen Gefühlen so überwältigt werde, schaue ich ihn einfach nach kurzer Zeit noch einmal. Danach sehe ich klarer und kann meine Eindrücke in meinem inneren Archiv einsortieren.</p><p>Hier geht das nicht. Der Gedanke, den Film noch einmal zu schauen, löst in mir einen Fluchtreflex aus, das Bedürfnis, mich zu schützen vor den Gefühlen, die er auslöst. Aber dieser innere Sturm ist ja nun einmal da, und ich weiß, dass ich ihn durchleben muss, wenn ich da heil wieder rauskommen will. Und deshalb ist dies keine normale Rezension.</p><p>Sommer 1990, ein kleines Dorf in Thüringen. Die Mauer ist gerade erst gefallen, Leben und Menschen befinden sich in diesem verwaschenen Niemandsland, das man immer dann betritt, wenn etwas Altes noch nicht ganz weg und etwas Neues noch nicht ganz da ist. Für die Älteren ist die Wende eher eine schmerzhafte Zäsur, sie verlieren Jobs, ihr Land seinen Wert. Für die Jungen dagegen bedeutet die kleinen Anarchie eine Chance auf Selbstfindung.</p><p>Johannes etwa entdeckt seine Liebe zur Fotografie und beschließt, in Leipzig Kunst zu studieren. Maria, seine Freundin, die auch bei ihm und seinen Eltern wohnt, nutzt den Zusammenbruch schulischer Disziplin - viele Lehrkräfte kommen gar nicht mehr zum Unterricht -, um sich mit dem zu beschäftigen, wofür sie im Inneren brennt. Dostojevski zum Beispiel. Sie schwänzt die Schule, verliert sich in Literatur.</p><p>Eines Tages trifft sie in den endlosen Agrarlandschaften auf den Nachbarn Henner, gespielt von Felix Kramer. Er ist doppelt so alt wie sie, geschiedener Alkoholiker und ein Außenseiter im Dorf. Umständehalber kommt es zu einer einzigen Berührung, die für beide alles verändert. Etwas geht dabei vom einen auf den anderen über und verbreitet sich wie ein schnell wirkendes Gift in den Körpern. Maria, die von Marlene Burow dargestellt wird, durchbricht den Moment zwar schnell und läuft weg, aber schon kurze Zeit später besucht sie den heruntergekommenen Hof von Henner wieder.</p><p>Ohne zu sprechen ist beiden klar, warum Marie bei ihm ist. Zwischen behutsamer Zartheit und unnachgiebiger Zielstrebigkeit zieht der erwachsene Mann die sehr junge Frau aus. Die Quintessenz von Intimität entsteht hier und es ist ungeheuer aufregend, dabei zuzusehen. Die Spannung steigert sich so sehr, dass ich es körperlich fühlen kann, doch als sie sich schließlich entlädt und Henner wie im Kampf über Maria herfällt, mischen sich in meine Erregung dunkle Schlieren. Jemand, der so begehrt, wie Henner es tut, trägt eine Dunkelheit in sich, von der ein junger Mensch wie Maria noch nichts wissen kann.</p><p>Doch diese Geschichte bedient nicht das Klischee vom älteren Mann, der eine junge Frau in eine toxische Beziehung hineinmanipuliert. Dazu ist Henner selbst viel zu zerbrechlich. Immer wieder wechselt er zwischen rücksichtsloser Brutalität und verletzlicher Offenheit. Erst nach einer Weile verstand ich, dass dieser Mann ein seltenes Sowohlalsauch ist, ein Einerseitsandererseits.</p><p>Irgendwo in diesen dialogarmen, aber unglaublich intensiven und sprechenden Begegnungen habe ich mich an diesen Film verloren. Das Gift, das durch Marias und Henners Adern pumpt, hat auch mich vergiftet. Ich verliere die sichere Distanz, Maria wird zu meiner Verbündeten und meinem Werkzeug, sie verbringt statt meiner Zeit mit Henners Ambivalenz, setzt sich statt meiner der Gefahr aus. Sie ist eine Verlängerung all meiner Sehnsüchte.</p><p>Ich würde sterben, um nur eine Nacht mit einem so vielschichtigen Charakter wie Henner zu verbringen, stundenlang in diese Brüche einzutauchen, bis ich verstehen kann, warum dieser Mann liebt wie er liebt und fickt wie er fickt. Vielleicht würde ich auch töten dafür. Denn nichts kickt mich so sehr wie Persönlichkeiten, die durch ihre Komplexität Gier nach Verstehen in mir auslösen. Henner ist so eine Persönlichkeit. Er ist so vieles gleichzeitig, und zwar ohne dabei durchzudrehen, dass ich jede Facette der Figur kennen möchte, jede Erhebung und jedes Tal seiner Innenwelt.</p><p>Das klingt cringeworthy, wie man so schön sagt, aber es kommt noch besser. Ich war so gefangen von dem Wunsch, Henner zu begreifen, dass ich Felix Kramer bei Instagram gefragt habe, ob er mir einige Fragen zu der Rolle beantworten würde. Er hat wenig überraschend auf die Anfrage nicht reagiert und gestern Nacht wurde mir schließlich klar, dass ich mich auch deshalb nicht von diesem Film befreien kann, weil ich mich für meine Empfindungen schäme.</p><p>Sich an einen fiktiven Charakter zu verlieren, ist weder neu noch ungewöhnlich. Auf Social Media gibt es ganze Blasen, in denen Frauen selbstbewusst zu ihrem Begehren eines <em>fictional lover</em> bekennen, Frauen, deren Sexualität einzig um einen <em>book boyfriend</em> kreist. Aber ich bin so nicht. Ich bin ein Mensch, der in der Realität lebt, der seine eigenen Projektionen durchschaut und schnellstmöglich zu überwinden versucht. Und deshalb war es mir peinlich zu fühlen, was ich fühle. Und ich habe alles versucht, das alles abzulegen, ohne mich diesen uncoolen Empfindungen zu stellen.</p><p>Der Weg ins Unheil beginnt in dieser Liebes- und Lustgeschichte, als Maria, die in Johannes Familie bereits als künftige Schwiegertochter gesetzt ist, versucht, die Essenz von Liebe und Lust zwischen ihr und Henner in einen formalen Rahmen zu gießen. Sie will sich von Johannes trennen und zu Henner ziehen. In diesem Augenblick wird überdeutlich, dass Henner im Gegensatz zu Maria die Lust zwischen ihnen immer mit einem Realitätsbewusstsein gelebt hat. Er weiß um die Eigenheiten des Begehrens und nirgendwo wird der Erfahrungsunterschied zwischen beiden so deutlich wie darin.</p><p>Liebe, Begierde, Lust, diese ganz großen Gefühle eint alle, dass sie in der stofflichen Welt nicht überlebensfähig sind. Sie können nur im Moment existieren, ohne Zeit und Raum, oder im eigenen Kopf. Jeder Versuch, sie aus dem Jetzt oder der eigenen Fantasie zu heben, kann nur scheitern, denn alles, was außerhalb ist, beschränkt die Grenzenlosigkeit der Empfindung und verformt sie. Sie kann nur im eigenen Kopf frei sein, wo man im Moment verharren kann, ohne dass Zeit vergeht, ohne dass sich die Frage nach einem Wiedersehen an einem vollen Terminkalender abstößt.</p><p>Jedes Treffen von Maria und Henner ist die Quintessenz einer unsterblichen Begierde, nicht nur wegen der beinahe brutalen Körperlichkeit. Doch sobald das Bild nur ein kleines bisschen herauszoomt, sobald man das Dorf, die Zeit, den Altersunterschied, den betrogenen Freund mit einbezieht, verformen sich die Gefühle. Maria und Henner wollen und brauchen voneinander mehr als das Leben in einem kleinen thüringischen Dorf kurz nach der Wende hergibt. Die Welt ist zu klein für das, was sie teilen.</p><p>Und vielleicht ist das der Grund dafür, dass mir dieser Film so sehr den Boden unter den Füßen weggezogen hat. Henner existiert im grenzenlosen Raum meines Kopfes. Er macht mir Angst, ich begehre ihn über alle Grenzen der Vernunft hinweg, ich leide seinetwegen, bin gierig nach ihm. Doch so unmöglich wie es mir ist, dieser Figur in der Realität zu begegnen, so unmöglich ist Marias Versuch, diese Liebe in ihrem Leben zu verankern.</p><p>Ihr Wunsch treibt Henner in eine Sackgasse. Obwohl beide nie viel über ihre unterschiedlichen Lebensrealitäten gesprochen haben, wird deutlich, dass sie Henner die ganze Zeit vor Augen standen. Er weiß, dass eine herkömmliche Beziehung nur zerstören kann. Entweder wird Maria, die noch so jung ist, ihn zerstören, indem sie ihn irgendwann verlässt. Oder er wird sie zerstören, mit seinem Alkoholismus, der tiefen Dunkelheit in ihm, seinem emotionalen Unvermögen. Keines von beidem erscheint ihm ein gangbarer Weg. Verlassen kann er sie nicht, das hat er versucht. Und so trifft er eine Entscheidung.</p><p>Ich vermute, der Film hätte auch ohne das absolut niederschmetternde Ende genug Aufruhr in mir verursacht, dass ich einige Zeit gebraucht hätte, um mich zu erholen. Doch die furchterregende Präzision und die kalten Details, mit denen Henners Entscheidung einhergeht, wollten nichts übriglassen. Jede Szene dieses Films tut weh, weil sie wehtun <em>will</em>. Es ist als ob der Film die ganze Zeit mit meinem Mitgefühl, meiner Lust, meiner Erregung, meiner Angst und meinem Schmerz spielt, um mir am Ende ein doppelschneidiges Messer in meine Herzgegend zu treiben und es quälend langsam umzudrehen. Ein Film wie eine Übertötung.</p><p>Eine Woche habe ich eine Mischung aus Schmerz und Erregung gefühlt.<br/>Eine Woche habe ich Scham gefühlt.<br/>Und als mir gestern Nacht klar wurde, dass mich nur meine eigene Peinlichkeit davon abhält, zu fühlen, was gefühlt werden <em>muss</em>, konnte ich endlich trauern.</p><p>Ich habe geweint um einen Menschen, den es nicht gibt. Ich habe geweint, weil die Zeit meiner inneren Maria, die furchtlos in jeden Sumpf watet und dabei extreme Erfahrungen machen kann, unwiederbringlich vorbei ist. Ich habe geweint um einen Menschen, den ich so schön wie bedrohlich finde. Ich habe geweint um all meine unerfüllten Sehnsüchte und um die Tatsache, dass jede wahrhaftige Begierde unerfüllt bleiben muss, weil wir alle an eine physische Welt gebunden sind.</p><p>Obwohl ich gelitten habe und immer noch leide, bin ich dankbar für diese Erfahrung. Obwohl ich mich kein bisschen <em>besser</em> fühle, nachdem ich “Irgendwann werden wir uns alles erzählen” angeschaut habe, fühle ich mich <em>lebendiger</em>. Ich kann nicht sagen, ob der Film mir etwas genommen oder hinzugefügt hat. Aber ich weiß, dass er mich verändert hat. Dass ich nach dem Anschauen nicht mehr dieselbe Frau wie vorher bin. Das ist gleichzeitig das Beste und Schlimmste, was ein Film in mir anrichten kann.</p><p>Und vielleicht ist das dann doch wieder ein ganz passender Satz für eine Rezension.</p><hr aria-hidden="true"/><p>Wenn Euch meine Texte gefallen, freue ich mich, wenn Ihr sie in den sozialen Medien teilt. 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      <pubDate>Sun, 22 Mar 2026 12:59:00 +0000</pubDate>
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