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niemand spricht hier

mein blick ruht auf der roten ampel, warte, warte. 3,2,1 peng! habe ich früher immer gespielt, dabei das licht der ampel fixiert und gehofft, dass sie auf peng! auf grün springt. 3,2,1 - peng! denke ich, und die ampel springt auf grün. ein kurzes gefühl des triumphs, ich kann meine umgebung steuern. dann, bevor ich losgehe, blicke ich kurz auf meine füße unter mir, so als müsste ich mich vergewissern, dass ich noch da bin. die leute um mich herum machen es fast alle auch. dann laufen beide seiten der wartenden geradewegs aufeinander zu. wie jedes mal sieht es so aus, als würden wir alle in wenigen augenblicken schonungslos aufeinanderkrachen, doch es passiert nie. wir finden die lücken. niemand spricht hier, man tauscht nur blicke.

den ersten blick, den ich bewusst wahrnahm, war der eines jungen. ich weiß nicht mehr, ob er eher gierig oder neugierig war, ich weiß nur, dass er mit sicherheit mir galt und dass das reichte. in gewisser weise fühlte ich mich zum leben erweckt. blicke sagen mehr als tausend worte, sagt man, doch ich verstand nicht, wie 1000 worte mir zu verstehen geben sollten, was dieser einzige blick vermochte. seitdem wurde mir immer und immer wieder gezeigt, dass ich existiere.

als ich dann mit 15 die lange wendeltreppe meiner freundin runterlief, mein gesamtes dekolleté zuvor mit braunen strichen bemalt und verblendet hatte, bigger chest make up hieß das youtube video und unten ein junge stand und sein blick von oben bis unten an meinem körper entlangwanderte, schließlich an meinen brüsten hängen blieb. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe auch einen körper. oder als ich mit anfang 20 in dieser bar jobbte und sich der mann direkt zu mir an den tresen setzte. er starrte, ich bediente ihn. er starrte, ich polierte gläser. ich spürte seinen blick wie einen fordernden kleber an mir und fragte mich, woraus seine forderung bestand. das war, bis ich ihn anschaute und sein blick sich entspannte. ah, so ist das, dabei hätte ich es ahnen können, kannte ich diesen blick doch schon, hatte ihn schon bei lehrern, vätern oder großvätern gesehen. „schau mir in die augen, wenn ich mit dir rede“, hieß es dann, und wieso die jungs nie aufgefordert wurde, dasselbe zu tun, wenn wir zusammen ärger bekamen, oder wieso ich nie angeschaut wurde, wenn ich sprach, erschloss sich mir nie. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe einen körper und eine pflicht. oder als ich neulich wieder bahn fuhr, was an sich nichts sonderbares ist, obwohl ein paar drängende und zwinkernde blicke mir anderes suggerierten. dabei ist es nicht so, dass diese blicke einer irritation folgen, dass ich einfach auffalle, weil ich nicht in den öffentlichen raum gehöre. viel eher möchten diese blicke mich in diesem raum haben. nur, wenn ich im öffentlichen raum stattfinde, können sie mich angucken. nur, wenn ich im öffentlichen raum stattfinde, kann ich daraus verdrängt werden. es ist eine einladung, ohne mich funktioniert es nicht. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe einen körper, eine pflicht und eine funktion. oder als ich irgendwann therapie machte, nicht zuletzt auch aus dem grund, dass einige vorausgegangene blicke schlicht ihr eigentliches ziel verfehlten und nur der beginn von etwas waren. mein therapeut sprach nie von sich aus, nicht mal begrüßend, ich musste ihn bitten. manchmal antwortete er auf meine erzählungen gar nicht oder spät. ich verstand irgendwann, dass wir spielen, „ich-sehe-was-was-du-nicht-siehst“, und das ist, wer hier mächtiger ist. und dass ihm das auch bewusst war, erkannte ich daran, dass mein blick hilfesuchend im raum umher wanderte, während seiner nur ruhig auf mir lag. dabei hätte ich den blick früher deuten können, hatte ich ihn doch schon mal gesehen, als ich dem pfarrer bei der kommunion sagte, ich wollte nicht beichten, und als ich meinem großvater sagte, dass er mich verletzt hat. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe einen körper, eine pflicht, eine funktion und eine position. oder als ich ein bisschen zu naiv war, als ich bei der arbeit einmal einfach davon ausging, dass ich auch zu dem team-strategie-meeting gehörte. ein missverständnis, was die blicke aufklärten, als ich reinplatzte, hier geht es heute eher um finanzielles. aber ob ich mir vorstellen könnte, im team die rolle der vertrauensperson zu übernehmen? ich komme doch mit allen so gut klar. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe einen körper, eine pflicht, eine funktion, eine position und einen raum. oder als wir neulich feiern waren, ich vielleicht etwas zu angetrunken war, aber glücklich, glücklich und frei. mit freundinnen habe ich gesungen und getanzt, vielleicht habe ich etwas zu laut mitgegrölt, keine sorge, auch mir ist es peinlich. gut, dass du mich darauf hingewiesen hast, blick von der theke, indem du mir gezeigt hast, wie unattraktiv ich in drei sekunden für dich geworden bin. und dann noch der blick zu deinem kumpel, augenrollend, das war einfach lässig. jetzt existiere ich nicht nur, ich habe einen körper, eine pflicht, eine funktion, eine position, einen raum und … keine begriffe mehr. wie soll ich denn all die anderen blicke fassen, wenn mir die worte ausgehen? was ist zum beispiel mit diesem blick, der dann kommt, wenn man widerspricht? oder der unsichere blick, wenn man berührt wird und das gegenüber erstmal überlegt, ob das okay war und sich in zweifel dann dafür entscheidet? was ist mit dem blick, wenn man anzeige erstattet, und der eine schnell einen blick mit dem anderen tauscht? und was ist mit dem blick, der mich gar nicht erst trifft, sondern an mir vorbei geht, ins leere

3,2,1 - peng! sage ich, aber nichts passiert und ich frage mich, wie es sein müsste, könnten auch meine augen realitäten erschaffen, statt sie nur zu beschreiben

denn niemand spricht hier, man tauscht nur blicke.

Topic #What I hated this week

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