
TEIL 49: VOM GLÜCKLICHSEIN
Glücklich allein
ist die Seele, die liebt.Johann Wolfgang von Goethe
Im Mai war ich für zwei Tage für einen Workshop an der Berchenschule in Konstanz, um mit Schülerinnen und Schülern aus drei verschiedenen Klassen (aus den Jahrgangsstufen 7 und 8) Texte zum Thema Glück und der Frage Was macht mich glücklich zu erarbeiten. Dabei sind etliche zauberhafte und berührende Formulierungen, Textminiaturen und Haikus entstanden. Über die Schönheit und Wichtigkeit von Freunden und Familie, über Haustiere, Sport, Gott und Glaube bis zu Sicherheit und Frieden.
Das Schreiben war aber nur der erste Step in diesem besonderen Glückskind-Projekt. Der Fotograf, Designer und Künstler Bert Binnig (Öffnet in neuem Fenster), der mit seiner Agentur und der Homebase einen ganz besonderen und spannenden Ort in Konstanz geschaffen hat, hat mit den entstandenen Texten und Statements für jede Schülerin und jeden Schüler ein individuelles T-Shirt gestaltet und bedrucken lassen. Alle unterschiedlich, jedes ein Unikat, so wie wir es als Menschen eben auch sind und so verschieden, wie unsere Antworten auf die Frage nach dem Glück ausfallen.
In der vergangenen Woche war ich dann gemeinsam mit Bert und seinem Team noch einmal für drei Tage an der Schule. Die Shirts wurden übergeben und übergezogen. In Glück gekleidet durften die Schülerinnen und Schüler dann für ein Foto-Porträt vor die Kamera treten. Und nicht nur das - zuvor wurde nämlich noch fleißig und äußerst kreativ gebastelt. Und zwar Motive, die die Aussage des eigenen Glücks-Textes oder Statements symbolisieren sollen. Diese wurden auf riesige Brillen geklebt und als eine Art Kopfschmuck-Glücksmaskierung während der Foto-Aufnahmen getragen.
Parallel habe ich im Musikraum der Schule ein kleines Tonstudio aufgebaut und mit den Schülerinnen und Schülern kleine Audio-Sequenzen aufgenommen, in denen sie entweder ihre zuvor entstandenen Texte einsprechen oder einfach erzählen konnten, was sie glücklich macht und wie und warum sie zu den Statements gekommen sind, die auf ihren Shirts verewigt sind. Die Aufnahmen werden dann über einen QR-Code mit den Fotos verknüpft, sodass die Statements nicht nur sichtbar und lesbar, sondern auch in der Stimme ihrer Verfasser*innen zu hören sein werden. Hier ein paar ganz kleine Impressionen aus der Projekt-Woche:

Einige ausgewählte Motive aus der Foto-Session werden in den nächsten Tagen in Überlebensgröße in Konstanz im öffentlichen Raum zu bestaunen sein. Außerdem werden Fotos, Texte und Audioaufnahmen am 26.06. in einer Vernissage im Foyer der Berchenschule der Öffentlichkeit präsentiert. Und es wird in Kürze auch einen kleinen Begleit-Film geben, der das Projekt, das Thema Glück und den Entstehungsprozess dokumentiert. Den werde ich an dieser Stelle natürlich verlinken, sobald er veröffentlicht ist.
Aus all den Statements und Textfragmenten der Schülerinnen und Schülern habe ich noch den folgenden Collage-Text gebastelt, den ich gerne mit Dir teilen möchte (unter dem Text findest du auch die Audio-Version, die ich eingesprochen habe):
Da ist etwas entstanden
als wir die bekannten
Trampelpfade der Alltagssprache
verlassen haben, um gemeinsam
Antwortversuche auf eine Frage zu wagen,
die sich vermutlich alle Menschen jeder Zeit
gestellt haben:
Weißt du, was Glück ist?
Oder was macht mich eigentlich glücklich?
Und auch wenn die Frage für alle die gleiche bleibt,
sind die Antworten darauf so unterschiedlich
wie unsere Persönlichkeiten
Für viele ist es die Familie
und setzen ein Gleichheitszeichen
zwischen das Glück und dem Gefühl daheim zu sein
Annahme und Geborgenheit,
und die Augen stolzer Eltern,
deren Kinder für sie alles auf der Welt sind
Und es sind die fantastischen Freundschaften,
die engsten Menschen, die einen noch nie enttäuscht haben,
die für dich da sind und nie allein lassen,
die sich mitfreuen und mitlachen aber bei denen du auch weinen darfst
Aber Glück ist auch abstrakt
und rinnt durch die Hand,
wie Wasser oder Wind,
den ich nicht festhalten kann,
Glück lässt sich nicht konservieren oder befehlen oder beschaffen,
es lässt sich nur erleben und liegt oft in einem Lachen,
und geteiltes Glücksmomente sind ohnehin die beste Sache,
und gemeinsames erleben und gemeinsames erzählen,
weil ich dich und deine Welt nur dann ein bisschen mehr verstehe,
wenn du mir erzählst, was dich begeistert und wofür du dich fürchtest
und was dir wichtig ist und was du kritisch siehst und wann du glücklich bist
und warum.
Vielleicht ist das Glück am Ende
auch die Summe vieler kleiner Glücksmomente
von denen ich dir so viele Wünsche,
dass du einen Taschenrechner brauchst,
um sie in Zahlen auszudrücken.
Und dann die Glücksgefühle in Sport und Bewegung,
Tanzen zum Beat auf dem Pulsschlag des Lebens
oder rund und prall wie ein Basketball,
der den Spieltrieb weckt und zumindest für einen Moment,
allen Alltag in seinem Orange-braun überdeckt
Beim Fußballspiel auf dem Platz,
wo du das erste Tor erzielt hast
und es trotzdem am schönsten findest,
dass du das mit Freunden machst
Glück geht auch durch den Magen,
das wissen vor allem die zu sagen,
die Lust auf süße Sachen haben
Und auch wenn Geld allein nicht glücklich macht,
gibt es jede Menge Gutes, das schon wer damit ermöglicht hat.
Und vielleicht ist Glück ja auch wirklich wie eine Cap,
unter der man sich versteckt,
vor den Augen einer Welt,
an den Tagen, an denen man sich ohne unwohl fühlt.
Gott teilt sich mit Glück den Anfangsbuchstaben
und einige sagen, nach eigenen Angaben,
in ihm selbiges gefunden zu haben,
im Glauben an wen, der hilft das Schwere zu tragen
und bei uns ist in allen Lebenslagen
Für Glückskinder ist Glück findbar,
in den großen Fragen und scheinbar kleinen Dingen,
für die sie dankbar sind
und die sie nicht für selbstverständlich nehmen.
Weißt du, was Glück ist?
Oder was macht mich eigentlich glücklich?
Hier kannst Du Dir das Spoken Word-Stück auch von mir vorlesen lassen und anhören:
Solche Projekte und Ideen lassen mich immer sehr glücklich nach Hause fahren. Die Texte der Schülerinnen und Schüler zu lesen, zu sehen, was für spannende und überraschende Bilder und Formulierungen sie gefunden haben, zu merken, dass es ihnen zuerst schwer gefallen ist sich zu öffnen und zu erzählen, was sie wirklich bewegt und dann festzustellen, dass sie sich trotzdem getraut haben und was für ein Geschenk das ist, in solchen Momenten dabei sein zu dürfen. Zu sehen, wie stolz sie auf ihre Texte und Fotos und alles sind, was sie durch ihre Kreativität geschaffen haben. Einzeln und als Gruppe. Und besonders schön, wenn genau die, die am Anfang behaupten etwas nicht zu können, am Ende die sind, deren Beiträge besonders gelungen sind. Ich glaube wir brauchen solche Räume für Kreativität und die wichtigen Fragen, für das Teilen von Leben und Erlebtem. Für Freude, für Frust und für Projekte, die am Ende hauptsächlich deshalb so sehr hachhallen, weil sie nur gemeinsam umgesetzt und ins Dasein gesprochen werden konnten. Ich freue mich schon auf das näachste.
Liebe Grüße aus dem gerade sehr heißen Wien

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