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Meer-Montag #30 - Naturschutzarbeit an der Ostsee

Heute habe ich wieder einen kleinen Bericht für euch von einer meiner Recherchereisen der letzten Monate. Es fühlt sich für mich gut und richtig an, die Naturschtzgebiete hier in unserer Region besser kennen zu lernen und Geschichten zu sammeln, die ich euch erzählen kann. Ich hoffe, euch damit inspirieren zu können auch in eurer Nähe genauer hinzuschauen und mehr über die schützenswerte Natur, die es auch bei euch gibt, zu erfahren. Es ist wieder ein längerer Artikel und ich würde mich sehr freuen, wenn ihr euch ein paar Minuten Zeit nehmt, ihn zu lesen.

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Juni 2025

Erneut zieht es mich in die Wismarer Bucht, wo ich vor einigen Wochen gemeinsam mit Lena Hohls vom BUND Mecklenburg-Vorpommern Kegelrobben für die Identifikation einzelner Tiere fotografiert habe. Heute werden wir leider keine Robben auf der Sandbank finden, aber zurück an Land widmen wir uns dem zweiten Teil unseres Tagesplans: Lena ist Schutzgebietsbetreuung für den Strandabschnitt zwischen Travemünde und Boltenhagen und nimmt mich heute mit zu einem für sie typischen Arbeitstag. Um im Gebiet mobil zu sein, radeln wir mit Fahrrädern los und sind schon bald an der Naturstation Fischerkaten in Groß Schwansee. Das 2020 erbaute Haus ist zentraler Ort des Vereins Naturraum Klützer Winkel e.V. , um hier Umweltbildung und Naturschutz anderen Menschen zugänglich zu machen. Für uns wird es heute ein Ort sein, an dem wir uns bei zu viel Regen unterstellen können. Doch zuerst machen wir uns auf den Weg in Richtung Brooker Wald. 

Wir sind im sogenannten Grünen Band unterwegs. Früher verlief hier die innerdeutsche Grenze, genauer gesagt der abgesperrte Grenzstreifen, der Todesstreifen der DDR. Eine unbebaute Zone, die streng bewacht dafür sorgen sollte, dass keine Bürger*innen in den Westen fliehen. Auch außerhalb Deutschlands zog sich dieser Streifen von Norden nach Süden durch Europa und wird als Eiserner Vorhang bezeichnet. Mit all dem Schrecken, der diesem Gebiet anhaftet, wurde gleichzeitig ein wertvoller Lebensraum geschaffen. Ohne Besiedlung entstand eine einzigartige Landschaft, in der Pflanzen und Tiere ungestört leben und wandern konnten. Kurz nach dem Fall der Mauer 1989 wurde der gesamte deutsche Teil des Grünen Bands auf Initiative des BUND Naturschutz Bayern e.V. als Naturschutzgebiet erhalten. Heute ist es der größte Biotopverbund Deutschlands und wird durch die Vernetzung mit weiteren geschützten Landschaften mehr und mehr von einer Linie zu einem Netzwerk wachsen. Die Küste am Klützer Winkel, wie dieser Teil der Ostsee genannt wird, ist nicht nur Teil des Grünen Bands Deutschlands, sondern auch Teil von Natura 2000, einem zusammenhängenden Netzwerk aus Schutzgebieten innerhalb der Europäischen Union. Genauer gesagt ist es das größte grenzüberschreitende Schutzgebietsnetz der Welt und trägt somit dazu bei, die Biodiversität in den verschiedenen Landschaften zu erhalten. Ich finde, es ist eine hoffnungsvolle Vorstellung, dass in der gesamten EU Menschen dafür sorgen, seltene Lebensräume, Pflanzen und Tiere vor dem Aussterben zu bewahren, über Ländergrenzen hinaus und mit einer gemeinsamen Vision. Viele kleine Maßnahmen für viele verschiedene Lebewesen ergeben somit ein großes Ganzes.

An mehreren Stellen des etwa 20km langen Strandabschnitts des Natura 2000 Schutzgebietes, in dem wir uns nun befinden, brüten Sandregenpfeifer. Diese kleinen Vögel mit den langen orangenen Beinen haben eine  interessante Art des Nestbaus: sie suchen sich eine Kuhle im Sand. Tja, und das wars. Fertig. Inmitten der vielen Steine und Muscheln legen sie ihre 3-5 perfekt getarnten Eier ab und wechseln sich beim Brüten und Bewachen ab. Das Problem: die Nester und Gelege sind so gut getarnt, dass man als Spazierende keine Chance hat, sie rechtzeitig zu entdecken. Hier zeigt sich, wie wichtig die Arbeit der Schutzgebietsbetreuenden ist. Sie kontrollieren regelmäßig den Strand und schauen nach bestehenden oder neuen Brutrevieren und stellen rund herum einen aus einzelnen Glasfaserstangen bestehenden Schutzzaun und Hinweisschilder auf. Dadurch ist gut erkennbar, welche Bereiche man nicht zum Sonnenbaden oder für die Gassirunde mit dem Hund nutzen sollte. Ein solch abgesperrtes Gebiet besuchen wir als erstes und überprüfen, ob dort noch gebrütet wird. Direkt beim Eintreffen am Strand sehen wir einen Sandregenpfeifer flitzen: Am Spülsaum sucht er nach Nahrung und pickt sich hier und dort kleine Insekten oder Würmer zwischen den Steinen heraus.

Doch als wir ein paar Schritte näher an den Zaun herangehen, wird er nervös: sein Kopf ruckt immer wieder nach oben und dann stößt er einen lauten Pfiff aus, der keinen Zweifel mehr übrig lässt, woher der Vogel seinen Namen hat. Das sind für uns deutliche Zeichen, dass wir zu nah sind und wir vergrößern den Abstand. Aber es ist auch ein gutes Indiz dafür, dass hier ein Revier und wahrscheinlich ein Nest verteidigt wird. Der kleine Pfeifer macht alles richtig und hat hoffentlich Bruterfolg mit seiner forschen Art. Wir gehen weiter und suchen nach einer von Spazierenden beschriebenen Stelle, an der ein bisher unbekanntes Gelege gemeldet wurde. Schon von Weitem sehen wir ein aus Stöcken gelegtes Quadrat mit einer kleinen Fahne in der Mitte. Es ist klar, dass dort etwas markiert wurde und wir nähern uns vorsichtig. Erst sehen wir einen, dann zwei Sandregenpfeifer, die ähnliches Verhalten zeigen wie unsere erste Begegnung. Doch um sicher zu sein, müssen wir hier einmal kurz dichter heran. Lena entdeckt das Gelege sofort, aber ich muss wirklich lange suchen, bis ich in dem kleinen von Stöcken eingerahmten Bereich etwas erkenne, das ich nicht als Stein identifiziere. Die drei kleinen Eier liegen dort wirklich nur in einer kleinen Kuhle. Wenn man nicht weiß, wonach man sucht, gibt es kaum eine Chance, es zu entdecken. Schnell entfernen wir uns wieder vom Nest und lassen die Vogeleltern in Ruhe. Lena meldet den Standort sofort anderen Helfenden, die kurz danach das Revier absperren und Schilder aufstellen, um Passierende über die Sandregenpfeifer aufzuklären. Hoffentlich können hier bald drei Küken schlüpfen und groß werden. Die Gefahren, von Beutegreifern wie Krähen und Füchsen gefressen zu werden, sind sehr hoch, weshalb manche Sandregenpfeifer mehrmals im Jahr anfangen zu brüten.

Mit den Fahrrädern fahren wir von Brutrevier zu Brutrevier. In einem, das noch vor Kurzem von einem Paar Sandregenpfeifer besetzt war, können wir keine flitzenden Vögel entdecken. Eventuell wurde es aufgegeben, um an anderer Stelle das Glück von Neuem zu versuchen. Hier gibt es jedoch noch eine andere Möglichkeit, Naturschutz ganz direkt und begreifbar zu erfahren. Mit kleinen Zäunen schützen die Mitglieder des Vereins die Dünen entlang des Strandes und somit die vielseitige Pflanzenwelt, die sich auf diesen besonderen Lebensraum spezialisiert hat. An diesem verregneten Tag sind kaum Menschen am Strand unterwegs aber häufig gehört es zu den Aufgaben der Gebietsbetreuung, Menschen über all diese schützenswerten Tiere und Pflanzen aufzuklären, sie unter Umständen aufzufordern, an einem anderen Platz den Strand zu genießen und dafür zu sorgen, dass sich dieser sensible Lebensraum weiter entwickeln kann. Natur- und Umweltschutz sind häufig große Worte, hinter denen sich jede Menge unsichtbarer Arbeit versteckt. “Ich will etwas für den Naturschutz machen” ist ein Gedanke, auf den meist unmittelbar ein “Aber wo soll ich anfangen?” folgt. Deshalb bin ich sehr dankbar, an diesem Tag konkrete Maßnahmen kennengelernt zu haben, die für mich viel nachvollziehbarer machen, was Umweltschutzvereine konkret machen. Und dabei habe ich heute nur einen Bruchteil des Aufgabenspektrums begleitet. Diese Arbeit sichtbar zu machen, mit Medien und Behörden zu kommunizieren, Fördermittel zu akquirieren und wissenschaftliche Erkenntnisse niederschwellig zugänglich zu machen, gehören ebenfalls dazu. Deshalb können sich eigentlich alle Menschen an solchen Stellen einbringen: unser gemeinsames Potpourri an Fähigkeiten ermöglicht es, die Natur um uns herum zu bewahren und jede*r kann irgendetwas dazu beitragen.


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HIER (Opens in a new window) könnt ihr euch auf der Website des Vereins Naturraum Klützer Winkel e.V. umschauen.

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Wenn ihr mich bei solchen Recherchen unterstützen möchtet, könnt ihr das am Besten mit einer Steady-Mitgliedschaft ab 4€ pro Monat. Somit kann ich Fahrt- und andere Kosten ein bisschen auffangen. Danke an alle Mitglieder, eure Unterstützung und Vertrauen weiß ich sehr zu schätzen!




Topic Meer-Montag

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