Skip to main content

Metamoderne Feiertags-Lesart

10 Min. Lesezeit für eine metamoderne Weihnachtsdeutung? Und los!

Ups. Heute ist schon das Weihnachtsfiber runtergekühlt. Wie spannend, dass eine gesellschaftliche „Stimmung” mit ihren zig tausend Symbolen (von der Werbung, Filmauswahl bis zum Gottesdienst) und Mini-/Makro-Ritualen eine solche gemeinsame Trance (Opens in a new window) auslöst.

Und genau wie nach der Tranceeinführung die Tranceauflösung ebenso problemlos funktioniert, als wäre nichts gewesen, schalten wir pünktlich nach dem 2. Feiertag auf Normalbetrieb zurück. Gehst du Samstag shoppen? Haben wir schon die Silvestereinkäufe geplant?

Was wäre wenn wir das bisherige Christentum und dessen Narrativ mit einer anderen Trance1 als der bisher üblichen (ich zitiere mal aus dem Kopf als Exempel: „Der menschenfreundliche Gott hat sich in Jesus uns/der Welt genähert und das sei zum Zeichen seiner grundlosen Liebe, die alles erlöst hat. Jetzt gilt es das gläubig anzunehmen” – ein klassischer überzeitlicher Erlösermythos (Opens in a new window), der als Narrativ wirkt und wirkt und wirkt, sogar unabhängig von der Existenz eines historischen Jesus. Doch, ich glaube schon, dass es ihn gegeben hat! Nur vielleicht anders als gedacht?).

Ich schlage ja mit Andrew Perriman (Opens in a new window)2 vor, die christliche Botschaft als historisch begrenzte und vor allem politische Ansage für eine ganz bestimmte Zeit zu begreifen (damals, im Widerstand gegen das römische Imperium, wird ein neuer politisch-wirksamer Herrscher/Führer proklamiert).

Ein politischer Jesus ist ja nicht wirklich der „neue heiße Schaiß” (vgl. Befreiungstheologie (Opens in a new window) oder der Jesus von Franz Alt (Opens in a new window)). Aber weder der Christentums-Jesus, noch ein gnostische (Opens in a new window)r Jesus (= alle New Age (Opens in a new window)-/neureligiösen Jesus-Varianten), noch ein befreiender/liberaler Modell-Jesus, transportieren uns in ein Trans-Christentum, sondern nur die Version des apokalypisch-prophetischen Ankündiger einer transformierten, neuen Weltepoche. Denn jedes Evangelium hat seine Zeitbezüge. Und was gerade so abgeht und die Köpfe und Herzen bewegt wird zur entscheidenden Rahmenstory für eine gute Nachricht (Evanglium), die wirklich die Notlagen von heute trifft. Zum Beispiel: Was macht die Metakrise mit uns und wie werden wir metafit, um nicht unterzugehen? Welche neue geopolitische Weltordnung entwickelt sich gerade nach dem Überfall und Krieg Russlands gegen die Ukraine? (Buchtipp: Marcus M. Keupp, Spurwechsel, die neue Weltordnung nach Russlands Krieg, 2025 (Opens in a new window)).3

Ich wiederhole hiermit gern, warum ich die historisch-narrative Perspektive so wertvoll finde:

Du bekommst dadurch Zugang zum echten jüdisch-apokalyptischen Jesus,

• der von einer jungen Frau geboren wurde,

• als Prophet zu Israel (nicht zu uns heute!) sprach,

• sich selbst als der entscheidende Agent der kommenden „eschatologischen“ Revolution ansah, dessen Welt unterging und

• der von seinen Feinden in Jerusalem getötet wurde,

• vom Tod erweckt, zur „rechten Hand“ Gottes erhöht und mit Vollmacht ausgestattet wurde,

• zu richten und über beide zu regieren: Israel und die Völker der 
 Oikumene (des damaligen römischen Imperiums),

• und so als Anfang des Endes eines vorhandenen politisch-gesellschaftlichen Normals im 4. Jahrhundert wurde.

Mit anderen Worten: du bekommst den Jesus des ganzen neuen Testamentes, nicht einfach nur den coolen missionalen Typen, der mit Prostituierten und Sündern abhängt oder nur „Krippe, Kreuz und Versöhnung“ des traditionellen Christentums.

Wir brauchen also unseren Messias für die kommende Metamoderne oder wenigstens die gut begründete Zuversicht für eine kommende Transformation der verlustreichen Moderne in eine gelingene Metamoderne. Und jetzt finde dein Evangelium, deine Version und deine Formulierungen für diese spirituell unterfütterte Sehnsucht für unsere Zeit (Nein, es wird nicht alles schlimmer, aber vieles wird sicher anders…).

Weihnachtspredigt


Hoffnung und Verantwortung in einer fragmentierten Welt – Eine trans-christentümliche Perspektive

Ja, der Pastor (ich) kann es nicht lassen. Darum eine alternative Weihnachtspredigt :-)

Liebe Gemeinschaft, liebe Freundinnen und Freunde,

wir feiern das Fest der Hoffnung in einer Zeit, die von Unsicherheit, Konflikten und tiefgreifenden Veränderungen geprägt ist (trief, schneuz)… Unsere Weltordnung, wie wir sie kannten, ist seit dem Überfall der Ukraine durch ein imperiales Russland ins Wanken geraten. (P.S. Russland hatte nie seine imperiale Logik verloren – und dies seit mindestens der Zarenzeit!). So fordern uralte Prinzipien (der Mächtige kann einfach rauben, was ihm gefällt) „unsere” mühsam erlittene und als Lösung aus dem 30jährigen Krieg erfundene „westfälische Friedensordnung (Opens in a new window)” heraus (jeder Staat hat sein Territorium und darf nicht überfallen oder annektiert werden), und die Frage, wie wir in Frieden miteinander leben können, ist aktueller denn je.

Das Fest mit seinen angeflanschten Sehnsüchten erinnert uns daran, dass Hoffnung und Erneuerung selbst in dunklen Zeiten entstehen können. Die Geburt des jüdischen Königs, den wir als Jesus von Nazareth kennen, geschah ja auch nicht in einer Welt des Friedens, sondern inmitten von Unrecht, Unterdrückung und imperialer Gewalt. Seit über 5000 Jahren Menschheitsgeschichte nix Neues.

Neu ist: Seine Rolle war nicht die eines göttlichen Wesens in menschlicher Gestalt, sondern die eines für seine Zeit berufenen An-Führers, der als „Sohn Gottes“ für Recht und Schutz der Gemeinschaft verantwortlich war. Aber unter dem Einfluss imperialer Besetzung war das nur als „ziviler Ungehorsam” (gewaltfreier Widerstand) zu organisieren. Später in christlicher Staatsform seit dem Kaiser Konstantin ist alles wieder anders.

1. Das Fest als Gegenbild zur Machtlogik

Damals wie heute erleben wir, wie Machtpolitik, Gewalt und das Recht des Stärkeren anscheinend das letzte Wort haben. Doch die Erzählung von Jesus stellt dem etwas entgegen:

  • Der jüdische König kommt nicht als der „übliche” Herrscher in einem Palast, sondern als scheinbar machtloser Anstifter zum gewaltfreien Widerstand, als Mensch unter Menschen, als Jude unter Juden solidarisch mit den (bisher noch) Schwachen, die er neu zu ihrer eigentlichen Stärke führt: Ihr könnt euch und etwas bewegen!

  • Frieden beginnt nicht mit Waffen, sondern mit dem Einsatz für Gerechtigkeit, dann der Schutz der Grenzen auch mit Waffen (jaha) und vor allem aber eure Bereitschaft, Verantwortung für das Gemeinwohl mit zu übernehmen.

2. Verantwortung im post-theokratischen Zeitalter

Die Herausforderungen unserer Zeit – Kriege, Klimakrise, gesellschaftliche Spaltungen – erfordern, Verantwortung neu zu denken. Der Westfälische Frieden hatte in Münster/Osnabrück 1648 nach 30 Jahren „Konfessions”-Krieg eine neue Weltordnung etabliert, in der religiöse Macht und politische Ordnung erstmals voneinander getrennt wurden (wenigstens rudimentär, erst im 20. Jh. kommt es in unser Grundgesetz). Und: die Nationalgrenzen werden als unverrückbar anerkannt. Unsere Aufgabe 2026 ist es, als Bürgerinnen und Bürger, als Teil einer globalen Gemeinschaft, für Recht und Schutz aller Lebewesen einzutreten. Und das braucht Resilienz.

  • Gemeinsam durch Krisen zu gehen, füreinander einzustehen und Zuversicht zu bewahren, erzeugt Resilienz (Opens in a new window).

  • Resilienz mündet in Orten der Solidarität, des Trostes und der praktischen Hilfe – in unseren Gemeinschaften, Nachbarschaften und Familien.

Das Fest stiftet uns dazu an.

3. Der Prophet des Höchsten als Wegweiser

Jesus als Menschensohn (der Begriff stammt vom apokalyptischen Propheten Daniel) trat auf als Messias im Sinne der jüdischen Erwartungen, steht für die Hoffnung auf eine gerechte von JHWH angeregte und umsetzbare Ordnung. Seine Botschaft richtet sich gegen die damalig erfahrbare Alltagsgewalt und gegen die erlebte Unterdrückung des römischen Imperiums – und implizit auch gegen das Patriarchat. Hier nutzen Mächtige (Männer) weibliche und männliche Wesen für ihre Zwecke aus – unter Missbrauch ihrer Übermacht, die sie auch noch religiös untermauerten (Opens in a new window).

Seine Botschaft gilt auf für unsere „Patriarchen” (in Gestalt von Putin, Trump und Merz und vielen anderen).

  • Nicht wegsehen, wenn Unrecht geschieht. Speak loud out!

  • Die traumatisierten (Kriegs-)Opfer macht wieder zu handlungsfähigen selbstbewussten Menschen!

  • Gründe lebensstärkende Gemeinschaften, die durch Dialog und Annahme glänzen!

  • Fördert Vergebung und Versöhnung, wo Verletzungen noch so tief sind. Selbst Feinde können wieder zu (Mit-)Menschen transformiert werden.

Kurz: Frieden war nie ein Zustand, sondern ist immer ein Prozess. Er braucht anhaltenden Mut, Geduld und die Bereitschaft, auch in ausweglosen Situationen nicht aufzugeben. Zuversicht eben. Einfach fliegen eben. (Opens in a new window)

4. Hoffnung und Ambiguitätstoleranz

Dieses Fest lehrt uns auf jeden Fall, dass Hoffnung nicht die Abwesenheit von Problemen ist, sondern die Kraft, ihnen mit Kreativität zu begegnen. In einer Welt, die so widersprüchlich und unübersichtlich bleiben wird, brauchen wir Ambiguitätstoleranz (Opens in a new window) – die Fähigkeit, Spannungen auszuhalten, ja sogar wertzuschätzen, und trotzdem handlungsfähig zu bleiben. Verankert das (Opens in a new window).

Dieser Menschensohn steht seit Daniel für die Vision einer gerechten Weltordnung, die das Imperium der Gewalt überwindet – nicht durch Kriegs-Macht, sondern zuerst durch mutigen zivilgesellschaftlichen Widerstand, dann Ringen um Gerechtigkeit als Widerstandspraxis und Solidarität, Solidarität, Solidarität...

5. Ausblick und Einladung

Lasst uns feste Zuversicht feiern (Opens in a new window)! Nicht trotz, sondern gerade wegen der Herausforderungen der Metakrise.

  • Ich finde, Kirche sollte Orte der Zuflucht und der Solidarität schaffen.

  • Lasst uns als politische Subjekte für Gerechtigkeit eintreten, wo Unrecht herrscht.

  • Lasst uns in jeder Beziehung Zuversicht säen, wo Resignation angesichts unserer Metakrise droht.

  • Und: Unterstützt politisch in Europa Aufrüstung als notwendigen Schutz (Opens in a new window)4 gegen den imperialen Unterdrücker Russland. Ja, ich nehme die Gefahren des möglichen Machtmissbrauchs (selbst der demokratisch legitimierten!) Mächtigen wahr. Die USA könnten sich vom „guten Imperium” (bisher noch Rechtsverteidigerin) blitzschnell zum Bösewicht wandeln.5

Denn eins überlebt die Zeit: die Vision des Menschensohns, ist stärker als trübe Dunkelheit. Möge ein Stern in der Nacht den Himmel erleuchten wie Greta Thunberg es 2018 für die Jugend der Welt war. Jede Phase braucht ihren Stern. Wünschen wir uns einen vollen Sternenhimmel.

Ich wünsche euch vor allem ein zuversichtliches Fest! (Opens in a new window)

Willst du meine Lesart vertiefen, diese historisch-narrative Lesart der biblischen Schriften, dann bestelle mein Buch hier im Shop (Opens in a new window) oder lies dich ins E-Book rein. (Opens in a new window)

Jesusgeschichte neu gelesen: historisch-narrativ (Opens in a new window)
Die Einführung in die historisch-narrative Exegese des Andrew Perriman

  1. Der Begriff Trance wird hier als “steuernde Bildwelt der Seele für den Aufmerksamkeits-Fokus” verstanden (siehe Hypnosystemische Seelsorge (Opens in a new window))

  2. Lies seinen Weihnachtsbeitrag 2025 hier. (Opens in a new window) „Ein in Großbritannien ansässiges Netzwerk von Kirchen besagt (Opens in a new window): "Christus ist selbstaufernde Liebe. Weihnachten ist eine Feier des Moments, in dem die Liebe als verletzliches menschliches Kind in die Welt kam.“

    Dies ist eine Sentimentalisierung der Geschichten in Matthäus und Lukas. Die Geburt Jesu wurde zweifellos von der harten Rechten als Teil einer Strategie des Widerstands gegen das, was die Trump-Regierung als (Opens in a new window)"zivilisationelle Auslöschung" bezeichnet hat, (Opens in a new window)kooptiert. Aber es wurde auch von der weichen religiösen Linken kooptiert, um eine moralische Agenda zu unterstützen, die die Komplexität und Ernsthaftigkeit der Krise nicht begreifen kann.”… „Es muss kein Nichtjude sein, der einem von Jüngern Jesu ins Gesicht schlägt, um eine Tunika klagt, ihn oder sie zwingt, Waren zu tragen, bettelt und leiht (Matt. 5:39-42) (Opens in a new window). Die Feinde von Jesus in den Evangelien sind immer Juden, niemals Römer.” Und hier die vollständige “Weihnachtsauslegung (Opens in a new window)” des Andrew Perriman.

  3. Ich habe sein Buch gelesen und hier die Inhalte aufbereitet (Opens in a new window)und mit KI verarbeitet, gebündelt, verglichen mit Münklers Imperiumsbegriff, sowie Metmoderne-Konzepten. Für die ganz gründlichen Forscher:innen :-)

  4. die  „…Unmenschlichkeit der Prinzipien lässt sich gesinnungsethisch ebenso wie verantwortungsethisch ausleben. Jenseits solcher abgegriffenen Alternativen versucht Artur eine narrative Ethik der Personalität anzubieten.” Siehe Artikel hier. (Opens in a new window)

  5. Zur Imperiums-Definition und unterschiedlichen Einschätzung, ob und wie USA ein “gutes” Imperium ist, vgl. Münkler hier. (Opens in a new window)

0 comments

Would you like to be the first to write a comment?
Become a member of Metafit zur Metamoderne and start the conversation.
Become a member