Wenn es etwas gibt, das dem ORF am meisten und dringendsten fehlt, dann ist das ein Pendant zum Jugendangebot ‘Funk’ von ARD und ZDF (Abre numa nova janela) in Deutschland. Im Jahr 2016 gestartet, richtet sich Funk mit primär über sogenannte Drittplattformen wie Instagram, YouTube oder TikTok ausgespielten Formaten an junge Zielgruppen zwischen 14 und 29 Jahren, die kaum noch lineares TV konsumieren. Das ist auch in Österreich so: Selbst zur besten Sendezeit liegt der Anteil der TV-Nutzung bei 12 bis 29-jährigen unter 10 Prozent.

In Deutschland hat Funk seit seinem Start durchaus herzeigbare Erfolge vorzuweisen, wie der alle zwei Jahre gesetzlich zur Veröffentlichung vorgeschriebene Bericht zu Stand und Entwicklung des Jugendangebots (Abre numa nova janela) belegt. Stand Dezember 2024 kennen 88 Prozent der Zielgruppe Funk oder ein Funk-Format, 78 Prozent haben es auch gesehen.
Doch die Bedeutung von Funk für die (Erneuerung und digitale Transformation von) öffentlich-rechtlichen Medien in Deutschland reicht weit über die Reichweite in der Zielgruppe hinaus:
Funk ist kein Sender, sondern ein loses Bündel von zwischen 60 und 80 Formaten, die in der Regel jeweils auf eine Ausspielplattform und Zielgruppe zugeschnitten sind. Diese Formatvielfalt und die Herausforderung, an der jungen Zielgruppe dranzubleiben, macht Funk zu einem ständigen Experimentier- und Innovationsfeld. Alleine seit 2023 hat Funk die Hälfte seiner Formate eingestellt (Abre numa nova janela) und durch neue Formate ersetzt.
Durch diesen kontinuierlichen Wandel ist Funk längst zu dem wichtigsten Talente-Inkubator für Nachwuchs auch in den traditionellen öffentlich-rechtlichen Anstalten geworden - und zwar sowohl vor der Kamera mit Jungstars wie der Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim (Abre numa nova janela) als auch in den Anstalten: der aktuelle ARD-Vorsitzende und Intendant des Hessischen Rundfunks Florian Hager (Abre numa nova janela) hat sich seine Sporen mit dem Aufbau von Funk verdient.
Hinzu kommt, dass es für Funk völlig selbstverständlich ist und sein muss, mit dem Publikum in einen Dialog zu treten. Die Bandbreite reicht von Millionen von Kommentaren unter den Beiträgen bis hin zu Reaction-Videos. Dieser Dialog liefert nicht nur wertvolle Rückmeldungen für die redaktionelle Arbeit, sondern ist natürlich auch eine Herausforderung, der Funk beispielsweise mit Eigenentwicklungen zum Kommentar-Handling begegnet ist (Abre numa nova janela).
Zusammengefasst fehlt dem ORF ein Angebot wie Funk nicht nur, um jüngere Zielgruppen mit öffentlich-rechtlichen Inhalten zu erreichen. Funk fehlt dem ORF auch darüber hinaus als Innovationsinkubator sowie zur Personal- und Programmentwicklung. Gleichzeitig ist es kurzfristig unrealistisch, Funk nach deutschem Vorbild auf die grüne Wiese zu stellen.
Trotzdem ist der ORF noch nicht verloren. Denn erfreulicherweise verfügt der ORF mit FM4 über einen Sender, der prädestiniert dafür ist, zu einem österreichischen Funk-Pendant um- und ausgebaut zu werden.
Warum verfügt FM4 über gute Voraussetzungen, um zum österreichischen Funk zu werden?
Mitentscheidend für den Erfolg von Funk ist dessen organisatorische Eigenständigkeit. Als Gemeinschaftsangebot von ARD und ZDF verfügt es über eine eigene Geschäftsführung und ein eigenes Budget, das vergleichsweise flexibel verausgabt werden kann. Bei FM4 ist das ähnlich, es gibt mit Doroteja Gradištanac (Abre numa nova janela) eine Senderchefin, die für die vergleichsweise große Vielzahl an unterschiedlichen Programmformaten verantwortlich zeichnet.
Dass FM4 ähnlich wie Ö1 und anders als Ö3 ein Programmradio ist, weist auf eine weitere Parallele zu Funk hin: bei FM4 ist ein Nebeneinander verschiedener Sendungsformate mit teilweise völlig unterschiedlichen Subzielgruppen und -logiken inzwischen jahrzehntelang geübte Praxis. Genau so einen Ansatz verfolgt auch Funk mit seiner Vielfalt und Vielzahl an ausdifferenzierten Formaten.
Hinzu kommt, dass FM4 schon heute prinzipiell jüngere Zielgruppen adressieren und erreichen soll. Der starke Fokus auf traditionelles Radio ist gerade bei diesen Zielgruppen aber ein Problem: wie in obiger Abbildung ersichtlich, wird selbst bei steigenden Marktanteilen nur ein Bruchteil erreicht.
Wenn also der ORF junge Zielgruppen erreichen möchte, dann wird es dafür einen Online-First-Ansatz mit Fokus auf Drittplattformen brauchen. Ironischerweise ist es die im Vergleich mit den übrigen ORF-Angeboten niedrige lineare Reichweite, die eine entsprechende Refokussierung erleichtern sollte. Selbst die Altersstruktur der FM4-Beschäftigten eröffnet hier in den nächsten Jahren Chancen: die für einen Strategiewechsel notwendigen neuen Kompetenzen können zumindest teilweise im Rahmen ohnehin notwendiger Nachbesetzungen aufgebaut werden.
Was würde FM4-wird-Funk ganz konkret bedeuten?
Um FM4 in ein Austro-Funk zu transformieren, braucht es in einem ersten Schritt eine Potenzial- und Machbarkeitsstudie, in der bestehende Formate evaluiert und ein Stufen- und Zeitplan für den Umbau skizziert werden - idealerweise schon unter Berücksichtigung ohnehin anstehender personeller Erneuerungen.
Der Vorteil für den ORF ist dabei, auf den reichen Erfahrungsschatz der öffentlich-rechtlichen Kolleg:innen bei Funk zurückgreifen zu können. Die sind übrigens gesetzlich dazu verpflichtet, alle zwei Jahre einen detaillierten Bericht zur Lage von Funk zu veröffentlichen - der letzte wurde 2024 publiziert (Abre numa nova janela). Zusätzlich würde sich jedenfalls eine ORF-Exkursion nach Mainz zum Funk-Headquarter in den Bonafazius-Türmen (Abre numa nova janela) direkt am dortigen Hauptbahnhof anbieten.
Gleichzeitig kann von Funk lernen auch bedeuten, in manchen Bereichen ganz bewusst andere Wege zu gehen. Beispielsweise gibt es bei Funk kaum Live-Formate, weder auf TikTok noch auf Instagram oder YouTube. Hier könnte FM4 mit einem linearen Radiosender im Hintergrund gezielt Stärken im Event-Sendungsbereich (Stichwort: Protestsongcontest (Abre numa nova janela)) ausbauen. Ähnliches gilt für neue Formate, wie z.B. auf YouTube oder Instagram live aufgezeichnete Podcasts, die neue Möglichkeiten der Interaktion und des Community-Building erlauben und über das Portfolio von Funk hinausgehen.
Spätestens mit der Wahl der neuen ORF-Führung 2026 - das wäre dann ziemlich genau zehn Jahre nach dem Start von Funk in Deutschland - sollte FM4Neo dann ganz offiziell loslegen können. Die Zeit drängt jedenfalls, wenn der ORF im Digitalen und bei Jungen nicht bald völlig abgehängt sein will. Denn um im harten Wettbewerb auf Online-Plattformen bestehen zu können, braucht es Kompetenzaufbau und Lernkurven, die selbst der ORF nicht von heute auf morgen aus dem Hut zaubern kann.
Dieser Beitrag ist ebenfalls als Gastbeitrag bei Horizont (Abre numa nova janela) erschienen.