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Was fehlt: ORF-Inhalte in der Wikipedia

Foto der Kandidat:innen für die ORF-Generaldirektion am 08.06.2026
Die Kandidat:innen für die ORF-Generaldirektion bei der öffentlichen Diskussion auf ORF III am 08.06.2026 (Foto: Leonhard Dobusch, CC BY 4.0)

Alle Kandidat:innen für die ORF-Generaldirektion kritisieren in ihren inzwischen größtenteils öffentlich zugänglichen Konzepten (Opens in a new window) die Dominanz von Big-Tech-Plattformen wie YouTube, Instagram und TikTok. Und das zu Recht: Es ist ein Problem, wenn demokratische Öffentlichkeit fast nur noch von zentralistischen, profit-orientierten und datenkapitalistischen Plattformen und deren Algorithmen strukturiert wird. Trotzdem führt kein Weg daran vorbei, auf diesen Plattformen auch mit öffentlich-rechtlichen Inhalten präsent zu sein - viele, vor allem junge Zielgruppen lassen sich anders überhaupt nicht mehr erreichen.

Umso erstaunlicher ist es aber, dass in keinem einzigen Konzept jene reichweitenstarke Digitalplattform auch nur erwähnt wird, die das erfolgreiche Gegenmodell zu Big-Tech darstellt: Die Wikipedia ist nicht nur seit über zwanzig Jahren unter den reichweitenstärksten Webseiten der Welt, sie ist auch gemeinnützig, werbefrei und wird dezentral entlang von sprachbasierten Freiwilligen-Communities befüllt. 

Hinzu kommt, dass Wikipedia so wie öffentlich-rechtliche Medien einem neutralen Standpunkt verpflichtet (Opens in a new window) ist und, auch das eine Parallele zu öffentlich-rechtlichen Angeboten, strukturell auf Kompromiss ausgelegt ist: zu jedem Thema gibt es nur einen Artikel, unterschiedliche Perspektiven müssen ausdiskutiert oder als strittig dargestellt werden. Gleichzeitig ergänzen sich die textlastige Wikipedia und die Audio- und Bewegbildinhalte von öffentlich-rechtlichen Medien. All das macht öffentlich-rechtliche Medien und Wikipedia zu einem Traumpaar (Opens in a new window)

Frage an die Kandidat:innen: Wie halten Sie es mit ORF und Wikipedia?

Vor diesem Hintergrund habe ich deshalb auch bei der öffentlichen Diskussion der Kandidat:innen auf ORF III (Opens in a new window) (bei 1:45:25) die Frage formuliert, ob diese dafür sorgen würden, dass diese Chance endlich auch vom ORF genutzt wird. Denn in Deutschland veröffentlichen ARD (z.B. Erklärvideos der Tagesschau (Opens in a new window)) oder ZDF (z.B. Schulvideos von Terra X (Opens in a new window)) Videos unter freien Lizenzen, die mittlerweile jeden Monat Millionen Aufrufe in der Wikipedia erzielen. 

Erfreulicherweise haben alle Kandidat:innen das Schild mit “Ja” hochgehalten. Egal, wer also am Ende als Generaldirektor:in bestellt wird, ich werde im Stiftungsrat an dieses Versprechen erinnern. Vor allem, weil danach vor allem wieder altbekannte und oft widerlegte Einwände gegen Wikipedia-kompatible Inhalte vorgebracht wurden:

  • Erstens, es gäbe (lizenz-)rechtliche Probleme. In der Tat eignen sich nicht alle öffentlich-rechtlichen Inhalte für freie Lizenzierung, sondern primär neu produzierte Inhalte ohne Agenturmaterial und GEMA/AKM-Musik. Aber wie die Beispiele von ARD und ZDF zeigen, gibt es da immer noch mehr als genug passende Inhalte, die sich für Wikipedia-kompatible Lizenzen eignen.

  • Zweitens wäre es eine Frage von Prioritäten. Dem kann ich nur absolut zustimmen. Das Problem sind die aktuellen Prioritäten, bei denen sämtliche Mittel für Veröffentlichung auf Drittplattformen in den Bereich proprietärer Big-Tech-Plattformen und keine Mittel in die Präsenz öffentlich-rechtlicher Inhalte auf Wikipedia investiert werden. Das sind in der Tat falsche Prioritäten, die schleunigst korrigiert werden sollten.

  • Drittens sei die Wikipedia im Zeitalter von KI immer weniger relevant. Doch dieser Einwand verkennt, dass selbst wer nicht direkt in der Wikipedia unterwegs ist, an ihr nicht vorbei kommt: die Reihung der Suchergebnisse bei Google, der mit Abstand meistbesuchten Webseite der Welt, wird ganz maßgeblich von Verlinkungen in der Wikipedia mitbestimmt. Und wenn KI-Chatbots nicht halluzinieren, dann ganz wesentlich deshalb, weil Wikipedia-Inhalte zu den wichtigsten Quellen und Trainingsdaten für KI-Anwendungen zählen.

Im März dieses Jahres hat die deutschsprachige Wikipedia ihren 25. Geburtstag gefeiert. (Opens in a new window) Ich hatte die Ehre, bei der Feier von Wikimedia Österreich einen Toast auf die Wikipedia und ihre Freiwilligen (Opens in a new window) zu halten und habe dabei betont, dass Wikipedia zwar keine Demokratie, aber überaus demokratisch ist: Demokratie ist und war immer schon mehr als Wahlen. Demokratie ist immer auch demokratischer Diskurs, demokratische Öffentlichkeit, demokratische Meinungsbildung im zivilisierten Austausch miteinander. 

Vielleicht ist ja 2026 auch das Jahr, in dem der ORF diesen Umstand anerkennt und damit beginnt, Bildungs- und Informationsinhalte, soweit rechtlich möglich, unter Wikipedia-kompatibler Lizenz zu veröffentlichen. Seinem demokratischen Auftrag würde das entsprechen.

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