Ausgabe vom Mittwoch, 15. Oktober 2025
Bürgerpatenschaften für Laternen
Eine Woche nach der legendären Beamer-Explosion roch das Rathaus immer noch nach verschmortem Kunststoff und gekränkter Eitelkeit. In der Kaffeeküche erzählte man, Baron Tollensius habe mit seinem Biss nicht nur das Kabel, sondern gleich die ganze Verwaltung gerettet. Nusseltrud meinte, er solle dafür den Tierschutzpreis bekommen. Fips Federkiel behauptete, er hätte ja fast auch eingegriffen, aber die Steckdose sei zu weit unten gewesen. Herr Lamprecht, der Held wider Willen, kam am Montag mit einer neuen Mappe. Darauf stand in Schönschrift: Projekt Ampelpatenschaft – Bürgerbeteiligung 2.0. Die Null verstand er nicht ironisch. Pusemuckel nickte bedeutungsvoll, Liane Glanzreich grinste in ihr Handy: „Ich hab da schon ’ne Kampagne vorbereitet: #DeineAmpelDeinLeben.“
„Zehn Euro im Jahr“, erklärte Lamprecht, „und der Bürger darf seine Ampel adoptieren. Bei Vollmond einschalten. So fördern wir Verantwortung.“ – „Und Bewegung“, sagte Fuchs trocken. „Zum Schalter läuft man ja zu Fuß.“ – „Und Bürokratie“, ergänzte Balduin, „Formulare halten fit.“ Liane war entzückt: „Das ist Citizen Engagement! Die Leute wollen Verantwortung – und Selfies mit Bedeutung.“ Sie zückte die Kamera: „Stellen Sie sich mal symbolisch vor die Wand.“ Pusemuckel tat es. Liane machte fünf Aufnahmen, wählte die dunkelste, schrieb drunter: #TeamTransparenz.
Das Formular A-117b
In den folgenden Tagen arbeitete Fips Federkiel fieberhaft an der Umsetzung. Das Formular A-117b Antrag auf Ampelpatenschaft mit Selbstbeteiligung wuchs auf fünfzig Seiten an. Seite 1: Name der Ampel. Seite 12: Eidesstattliche Erklärung, keine andere Ampel zu besitzen. Seite 38: Einwilligung zur Verarbeitung personenbezogener Daten bei Halbmond. Wer den Antrag abgab, bekam einen Zettel: Ihre Unterlagen wurden weitergeleitet. Niemand wusste wohin. Im Keller stapelten sich die Ordner, der Aktenaufzug quietschte unter der moralischen Last.
Doch Pusemuckel war begeistert. „Endlich Bürgernähe zum Anfassen!“ Sie wollte eine feierliche Übergabe der ersten Patenschaft. Liane Glanzreich organisierte den Fototermin: Bühne vor dem Rathaus, Blumenschmuck, Mikrofon, Hund. „Wir zeigen, dass wir handeln!“, rief Liane. „Das ist visuell stark und bürgernah!“ Meister Munter brachte Kaffee, Balduin polierte seinen Hut, Baron Tollensius trug eine Sicherheitsweste, die ihm zu groß war und aussah, als wäre er das Maskottchen eines gescheiterten Verkehrsprojekts.
Der Tag der großen Ideen
Pusemuckel eröffnete mit Pathos: „Altentreptow geht neue Wege! Wir haben verstanden, dass Sicherheit alle angeht – vor allem die Bürger selbst.“ Dann übergab sie an Lamprecht. Der begann, diesmal ohne Technik, und erklärte die Patenschaft. Er sprach von Verantwortung, Gemeinschaft, Vertrauen. Da meldete sich die Partei der Gekränkten. „Wir fordern Fahnen auf den Ampeln, damit man sie im Dunkeln sieht – national und stolz!“ Pusemuckel lächelte gezwungen. „Interessanter Vorschlag.“ Der Bauausschuss schlug vor, die Ampeln gleich zu vergraben. „Dann stört’s keinen, und Platz haben wir auf dem Friedhof genug, wenn die Linden erstmal weg sind.“ Der Finanzausschuss grinste: „Geld gibt’s keins. Aber ihr könnt ja Einnahmen generieren – vielleicht Werbung auf den Ampeln?“ – „Oder Sponsoring!“, rief Liane begeistert. „‚Diese Kreuzung wird Ihnen präsentiert von Altentreptow Clean Energy‘!“
Pusemuckel nickte bedächtig, als ginge es um Staatskunst. Fips kritzelte „Sponsoringrichtlinie“ in sein Notizbuch, Meister Munter schenkte Kaffee nach, und Baron Tollensius hob eine Augenbraue. Er schleppte den Ordner Haushalt 1987 an, legte ihn Pusemuckel vor die Füße und bellte dreimal in verschiedenen Tonlagen. Man verstand ihn sofort: Hier steht’s schwarz auf weiß – nur schwarz, kein Licht.
Ein Bürger und seine Ampel
Am nächsten Tag kam der erste Antragsteller persönlich: Alwin Anstand. Pünktlich neun Uhr fünf. „Ich möchte die Ampel an der Südkreuzung übernehmen“, sagte er. „Ich zahle bar.“ Fips Federkiel reichte ihm das Formular. „Bitte in Druckschrift und vierfach.“ – „Das ist ja komplizierter als eine Ehe“, stöhnte Alwin. „Ist es auch“, sagte Fips. „Die Ampel muss leuchten und funktionieren.“ Zwei Stunden später ging Alwin mit zwei Blasen an den Fingern und einem Kassenbeleg nach Hause. Auf der Urkunde stand: Danke, dass Sie leuchten, während wir sparen.
Er rahmte sie ein und hängte sie über den Küchentisch. Nusseltrud sagte: „Ich zünd trotzdem ’ne Kerze an. Die hat mehr Reichweite.“ – „Und weniger Verwaltung“, grinste Fuchs. Am Abend sah man, wie Alwin das Schild „Patenschaft Nr. 001“ am Mast befestigte. Ein Moment stiller Stolz – bis ein Kind vorbeilief und fragte, ob die Ampel jetzt ihm gehöre. „Nein“, sagte Alwin, „ich darf sie nur liebhaben.“
Das Rathaus im Rausch
Im Rathaus herrschte Euphorie. Liane Glanzreich lief mit Kamera und Selfiestick durch die Flure. „Das Projekt geht viral! Wir machen einen Film: Altentreptow leuchtet gemeinsam! Mit Lamprecht als Gesicht der Verantwortung.“ – „Ich hab aber kein Schauspieltalent“, protestierte Lamprecht. „Das ist authentisch!“, rief Liane. „Menschen lieben Fehler.“ Der Dreh sollte am Freitag stattfinden. „Wir zeigen ein Symbol der Veränderung“, erklärte sie. „Der Bürger drückt den Schalter, das Licht geht an, die Zukunft beginnt!“ – „Und wenn nicht?“, fragte Fuchs. „Dann bearbeiten wir es in der Postproduktion.“ Tollensius lag im Eingangsbereich, den Kopf auf einer Steckdosenleiste, und dachte sehnsüchtig an Schattenplätze.
Die Stunde der Improvisation
Am Filmtag war der Himmel grau, die Stimmung optimistisch und der Strom weg. Liane rief: „Perfekt! Das nennt man Symbolik.“ Pusemuckel ließ sich nicht beirren. „Wir haben einen Plan B.“ – „B wie Batterie?“, fragte Fuchs. „B wie Begeisterung“, sagte sie streng. Die Bürger wurden zum Mitmachen aufgerufen. Jeder sollte seine eigene Taschenlampe mitbringen und in die Luft halten, wenn das Kommando „Leuchten für die Zukunft!“ fiel. Um 18 Uhr standen sie da: dreißig Menschen mit Handys, Leuchtstäben, Fahrradlampen. Liane zischte „Lächeln!“, Fips zählte bis drei, und dann ging das erste Licht aus, weil jemand den Powerknopf verfehlte.
Erleuchtung auf Raten
Am Abend fiel die Hälfte der Ampeln aus. Der Praktikant hatte beim Testen die Zeitschaltuhr auf „Vollmondbetrieb“ gestellt. Tollensius bellte auf, als hätte er die Apokalypse gerufen. Pusemuckel ordnete eine Krisensitzung an. Thema: Kommunikation bei Dunkelheit. Liane präsentierte ein Notfall-Hashtag: #BleibHellAltentreptow. – „Das läuft auf allen Kanälen!“, rief sie. – „Und was, wenn’s keiner sieht?“, fragte Balduin. – „Dann war’s wenigstens gut gemeint.“ Währenddessen fummelte Lamprecht im Keller an den Sicherungen. Fips notierte im Protokoll: Haushaltsplan 2026 – Position: Taschenlampen. Im Ort sprach man von „kreativem Lichtmanagement“. Gisela Grabowski sagte, sie fühle sich wie in Paris. „Da flackern die Ampeln auch immer.“
Das Protokoll der Finsternis
Am Freitag kam das Protokoll der Sitzung – 73 Seiten, davon 69 geschwärzt. Begründung: Datenschutz. Auf Seite 4 stand lesbar: Die Ampel soll als Symbol bürgerlicher Selbstwirksamkeit dienen. – „Heißt das, sie bleibt aus?“, fragte Balduin. – „Nein“, sagte Fips. „Sie wirkt nur im Bewusstsein.“ Pusemuckel ließ das Zitat auf Plexiglas drucken und am Rathauseingang montieren. Daneben ein QR-Code – der führte zu einem Fehler 404.
Und dann war da das Licht
Am Samstagabend, als niemand mehr an Wunder glaubte, leuchtete plötzlich die Südkreuzung. Erst zaghaft, dann stolz. Die Leute kamen aus den Häusern, filmten, applaudierten. „Sie funktioniert!“, rief Alwin. – „Nein“, sagte Fuchs. „Sie hat nur gezuckt.“ Nach sieben Sekunden war alles wieder dunkel. Liane twitterte: #MagischerMoment – das Licht lebt! Pusemuckel nickte selig. „Sehen Sie? Bürgerbeteiligung wirkt.“ Balduin schrieb ins Protokoll: Projekt erfolgreich abgeschlossen. Phase 2 – Laternenpatenschaften – in Vorbereitung.
Die Nachwehen der Erleuchtung
Am Sonntagmorgen meldete der Nordmumpitz: „Altentreptow leuchtet auf – kurz.“ Das Foto zeigte Pusemuckel im Halbprofil, während im Hintergrund Lamprecht den Stecker hielt wie ein Heiligtum. Liane postete darunter: So sieht Zukunft aus. Tollensius drehte sich im Schlaf auf den Rücken und schnarchte in Morsesignalen. Wenn man genau hinsah, stand da: „Licht ist eine Frage der Geduld.“
Am Montag lagen neue Vorschläge auf dem Tisch: Solarbetriebene Ampeln, Windrad-Signale, Leuchtwesten für Fußgänger. Balduin notierte trocken: „Bürger als Energiequelle.“
Epilog: Das ewige Blinken
Zwei Wochen später bekam Alwin Anstand Post: eine Nachprüfung seiner Ampelpatenschaft. Begründung: verdächtige Helligkeit. Er musste nachweisen, dass die Lampe nicht privat betrieben wird. Er antwortete handschriftlich: „Sie leuchtet aus reiner Überzeugung.“ Im Rathaus ging der Aktenaufzug in Dauerbetrieb. Man sprach von „neuen Impulsen der Transparenz“. Nur Tollensius gähnte und legte die Pfote aufs Verlängerungskabel. Wenn jemand das Licht verdiente, dann er.
Dank und Ausblick
Danke fürs Lesen – und fürs Nicht-Weckgucken, wenn’s wieder flackert. Werden Sie Clubmitglied, damit diese Lichtspiel-Satiren weitergeschrieben werden können – denn in Altenreptow funktioniert wenigstens der Humor noch auf Dauerbetrieb.
Und am Sonntag 19:00 Uhr geht’s weiter im Club (Opens in a new window)mit:
Operation Aktenzeichen – Der geheime Bericht über Altentreptow – Teil 1
Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.
Altentreptow, Mittwoch, 15. Oktober 2025 © Erna Schippel 2025 – Alle Texte und Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.