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Frau Frau Pusemuckel und das Windwinkel-Hof-Theater

Sonderausgabe vom Sonntag, 7. September 2025
Einmal im Monat frei – als Dankeschön an meine großartigen Leser:innen.

Erstmal ein riesengroßes Dankeschön an meine wunderbaren Leser:innen und Tippgeber! Ohne euch wäre es hier halb so laut, halb so bunt und nur ein Viertel so lustig

Frau Pusemuckel und das Windwinkel-Hof-Theater

Tollensekapitän klatscht, die Fischkisten-Philosophen nicken — und wir zahlen den Ausblick.

Der Nordmumpitz ruft an, wie immer, wenn irgendwo eine Meinung entstanden ist, die nicht zuerst im Rathaus gesalbt wurde. „Frau Schippel, wie schätzen Sie die Lage ein?“ — „Windig“, sage ich. „Mit Böen in Richtung Ausschuss.“ — „Können Sie das genauer fassen?“ — „Ja. Es zieht so sehr, dass man die alten Ausreden wiederfindet, wie Wollmäuse unterm Schrank.“

Sie lächeln neutral, schreiben höflich und drucken vorsichtig. Ehrlicher Wind passt nicht in Spalten; er passt in Ohren, die noch nicht gelernt haben, sich auf Knopfdruck zu schließen. Die Menschen im Windwinkel-Hof haben diese Ohren nicht. Die Anwohner aber schon.

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Frau Pusemuckel und das Windwinkel-Hof-Theater - Mehr Insider Kolumnen im Erna Club

Windwinkel-Hof: Flipchart, Kaffee und milchglasige Heuchelei

Man rollte das Flipchart herein wie ein Versprechen in Karton: „Transparenz“ drauf, „Abwägung“ daneben — fertig ist die beschwichtigende Kulisse. Es roch nach Filterkaffee, nach zu süßem Keks, nach dem leisen Geruch von Selbstzufriedenheit. Die Transparenz hat die Konsistenz von Milchglas: man kann hindurchblicken, sieht aber nichts, was weh tut.

Draußen standen Menschen mit Taschenlampen, zusammen gekrümmte Schultern und müde Augen. Sie warteten nicht auf Popcorn; sie warteten auf Schutz. Doch in solchen Veranstaltungen gilt meist die Regel: zuerst die Powerpoint, dann der höfliche Applaus, dann der Gang nach Hause. Wenn man Glück hat, bleibt ein Entschluss — normalerweise bleibt ein Protokoll mit schönen Überschriften.

Die Auseinandersetzung hier ist kein akademisches Spiel, sondern eine leisere Form von Gewalt: die schleichende Erosion dessen, was Zuhause heißt. Es sind die kleinen Dinge, die verloren gehen — die halb gelesenen Bücher, die abgebrochenen Gespräche, die Nächte, in denen man die Decke anstarrt. Während man im Saal Diagramme studiert, sitzen draußen Menschen und zählen nicht mehr Schafe, sondern Turbinenumdrehungen.

Es gibt Lösungen, praktische und handfeste: Nachtmodulationen, reduzierte Drehzahlen zu sensiblen Zeiten, temporäre Schallschutzmaßnahmen, klare Messprotokolle. Es gibt Platz für Pragmatik, ohne die Energiewende zu sabotieren. Es gibt auch Platz für Menschlichkeit. Beides gehört zusammen, nicht gegeneinander.

Fischkisten-Philosophen: Vorträge statt Antworten

Die Fischkisten-Philosophen kamen in Reih und Glied, mit Ordnern schwer wie Ausreden. Drinnen redete man über „Netzstabilität“ und „Standortnutzen“; draußen harrten Menschen, die nichts als Ruhe verlangten. Es war ein Vortragstheater: glatte Folien, glänzende Zahlen, höfliche Fragen aus dem Publikum. Draußen blieben Fragen unbeantwortet: Wie viele Dezibel sind zuviel? Wie viel Schatten darf man einem Schlafzimmer antun?

Das Bild bleibt haften: Drinnen das Scheinwerferlicht, draußen die Taschenlampen. Drinnen vorgetragene Expertise, draußen das gebrochene Alltagswissen. Genau dort zeigt sich, wie dünn das Band ist, das Verwaltung und Lebenswirklichkeit verbindet.

Alwin Anstand und Bürgerfreund Balduin - sichtbar, aber ohnmächtig

Dann traten Alwin Anstand und Bürgerfreund Balduin an das Mikrofon. Zwei Nachbarn, schlicht und ruhig, mit Händen, die Beete geharkt und Kinder getragen haben. Sie bekamen die Erlaubnis zu reden — nicht die Erlaubnis zu streiten. Feste Redezeiten, keine Einsicht in die Gutachten, keine Möglichkeit, nachzuhaken; die Bühne ja, der Hebel nein.

Alwin sprach von Kindern, die beim leisesten Ton aufschrecken; Balduin von Gärten, in denen die Aussicht langsam verblauscht. Es waren einfache, ehrliche Berichte. Die Verwaltung schrieb höflich mit, klatschte und machte weiter. Sichtbar waren sie — wir sahen sie, wir hörten sie — gewichtig wurden sie nicht. Es bleibt der bittere Nachgeschmack: Bürgerbeteiligung als Fensterdekoration.

Diese Inszenierung vermittelt das Gefühl: Man gibt Stimmen, um ruhig zu stellen — nicht um zu verändern. Es ist eine moderne Form der Beschwichtigung: man gibt Öffentlichkeit, aber keine Macht. Und wer beobachtet, sieht die Erschöpfung in den Gesichtern derer, die gehofft hatten, etwas zu bewegen.

Der Tollensekapitän — ein Mann, der anpackt

Der Tollensekapitän ist kein Mann der schönen Reden, sondern des Durchziehens. Seit Jahren kämpft er für einen verantwortungsvollen Umgang mit dem Ausbau — organisiert Treffen, telefoniert, vernetzt, stubst Behörden an, bis sie reagieren. Sein Einsatz ist bodenständig, manchmal ruppig, immer verlässlich. Er bringt Menschen zusammen, nimmt Ärmel hoch und bleibt dran. Solche Leute verdienen Anerkennung; ihre Arbeit hält die Debatte lebendig.

Doch selbst sein Eifer ist keine Garantie für schnelle Maßnahmen. Bühne kann man ihm geben; Lösungen muss man trotzdem liefern.

Die Frau mit dem Stift — Nord-Mumpitz berichtete

Dann war da diese Frau mit Thermoskanne und Laminierhüllen — klein, mühsam, unaufgeregt. Nord-Mumpitz erwähnte sie später lapidar; wer aber gesehen hat, wie sie von Tür zu Tür ging, weiß, dass es keine Lapalie war. Sie fragte: „Haben Sie fünf Minuten?“ und trug Antworten ein, Zettel mit Namen, Notizen, Sorgen. Sie war kein Showact — sie war Handarbeit.

Die Listen wurden in Umschläge gelegt und an Ministerien übergeben. Was in den Umschlägen steht, ist roh und persönlich: Nächte, die kaputtgegangen sind; Kinder, die erschrecken; Hunde, die zusammenzucken. Es sind keine PR-Sätze; es sind Lebensfäden, die man nicht unachtsam behandeln darf.

Petition: Zettel, Stift, menschliche Dringlichkeit

Petitionen sind keine politische Folklore. Sie sind das Rohmaterial einer demokratischen Beharrlichkeit: Menschen sammeln, schreiben, unterschreiben, und erwarten, dass das Gehörte Gewicht bekommt. Auf den Listen stehen konkrete Klagen: zu viel Lärm, zu tiefe Schatten, zu wenig Rücksicht. Im Protokoll der Verwaltung stehen Begriffe wie „Netznutzen“ und „Wirtschaftlichkeit“. Beide Sprachen müssen zusammenfinden, ohne dass die Menschen zur Fußnote degradiert werden.

Wer meint, Protest sei laut, hat nicht verstanden, wie leise und beständig die Sorge oft ist. Diese Zettel sind Stoßgebete an eine Verwaltung, die oft nur in Stempeln antwortet. Wir brauchen Antworten, keine beschönigenden Formulierungen.

Amtsdeutsch: die liebevolle Kunst der Verzögerung

„Wir prüfen“, „Wir wägen ab“, „Prüfzeitraum unbestimmt“ — das sind die sanften Sätze, mit denen man Zeit gewinnt. Amtsdeutsch ist ein wohlklingendes Fortgeschrittenenfach in Verzögerung. Es beruhigt die eigenen Protokollführenden und verwirrt die Wartenden.

Gute Verwaltung sagt hingegen: Messungen bis X, vorläufige Schutzmaßnahmen ab Y, Quartalsberichte Z. Konkretes Handeln statt wohlmeinender Vokabeln. Wer schnell leidet, braucht schnelle Hilfe. Und schnelle Hilfe kann man planen.

Satire als Pflaster — und ich stehe auf Ihrer Seite

Satire tut weh, damit Schmerz sichtbar wird. Ich nutze sie, weil höfliche Worte zu oft wie Watte klingen, wenn man mitten in der Nacht wachliegt. Ich spitze, um zu wecken, nicht um zu vernichten. Ich halte den Verantwortlichen einen Spiegel vor — nicht den Anwohnern: die brauchen Schutz, keine Spiegelübung.

Und ja: ein besonderer Dank gehört unserem Tippgeber, Meister Munter — schuldbewusst und beharrlich hat er geklopft, Hinweise gegeben und uns auf Dinge aufmerksam gemacht. Solche Hinweise sind Gold in einer Welt, die gern feine Wörter statt Taten vorzeigt. Danke an alle, die hinschauen und schreiben.

Wenn Sie das Surren nicht mehr ertragen: starten Sie die Petition, kommen Sie zur nächsten Versammlung, schreiben Sie mir. Schicken Sie Hinweise — anonym, verschlüsselt, per Nachricht oder per Zettel. Ich nenne keine Namen, wenn Sie das nicht wollen. Machen Sie Lärm: freundlich, bestimmt, hartnäckig.

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

✍️ Flyer: Erholung vom Windräder-Ärger (PDF) (Opens in a new window) - kostenlos

Altentreptow, Sonntag, 7. September 2025 - © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/ Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

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