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Tag der deutschen Einheit – Erna Spezial

Ausgabe vom Freitag, 3. Oktober 2025

Pfeffi, Soljanka und die große Einheit

Wenn ich den 3. Oktober auf der Zunge habe, dann nicht als Feiertag, sondern als Bonbon. Ein grüner Pfeffi aus dem Konsum, hart wie Kiesel, süß wie ein Geheimnis. Ich habe ihn im Mund, während ich durch den grauen Flur meiner Schule stapfe, Wände in diesem unverwechselbaren Senfgelb gestrichen, das nur in der DDR Heimat hieß.

Im Klassenzimmer klappert die Kreide, draußen im Gang hängt der Geruch von Bohnerwachs und Kohleöfen. In der Pause rennen wir zum Speisesaal: Soljanka im Blechkessel, Klöße mit brauner Soße, manchmal Jägerschnitzel mit Nudeln. Wer Glück hat, ergattert zwei Löffel Zucker extra für den Malzkaffee. Wer Pech hat, tauscht. Immer wurde getauscht.

Auf alten Fotos sehe ich uns mit Pionierhalstüchern, frisch gebügelt, der Stoff kratzig am Hals. Wir pflanzten Bäume, harkten Laub, zogen Fahnen. Wir wussten nicht, dass man das „Einsatz“ nannte – für uns war’s ein Schultag mit Gummistiefeln und kalten Fingern. Und wenn jemand Pfeffi dabeihatte, wurden die Bonbons wie Schätze geteilt: bröckelig, scharf, grün – ein Stück Kindheit im Papier gewickelt.

Dann, plötzlich, war alles anders. Die Einheit kam nicht als Fest, sie kam als Regal. Mars, Snickers, Duplo – glänzende Verpackungen, fremde Namen, ein ganzes Paradies hinter Glas. Unsere Konsum-Pfeffis lagen plötzlich da wie Fossilien. Süßigkeiten einer Welt, die niemand mehr wollte, außer wir, die Kinder von damals.

Heute, 35 Jahre später, stehe ich manchmal mit einem alten Pfeffi-Bonbon in der Hand und lächle. Ich höre das Klirren der Milchflaschen mit Aludeckel, sehe die Papiertüten mit Konsum-Aufdruck, erinnere mich an Bohnerwachs, Malzkaffee und das ewige Tauschen am Schultisch. Es war knapp, es war eng – und doch war es unser Leben.

Und genau da liegt die Wahrheit: Einheit ist nicht nur Geschichte. Einheit ist das Gefühl, dass wir diese Erinnerungen teilen – und daraus etwas machen. Dass wir uns nicht spalten lassen, auch wenn wir aus verschiedenen Zeiten, Orten oder Geschichten kommen. Dass wir zusammenhalten, diskutieren, widersprechen, weiterschreiben.

Sie lesen mich, ich schreibe für Sie. Das ist unsere Einheit: süß und unvergänglich, wie ein Pfeffi-Bonbon im Mund.

Wie haben Sie den Tag vor 35 Jahren erlebt? Schreiben Sie gern in die Kommentare.

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Mittwoch, 3. Oktober 2025  © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.

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Topic Satire aus Altentreptow

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