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Satire, Schaufeln, Schreckensschuhe

Ausgabe vom Mittwoch, 1. Oktober 2025 – Als Dank an meine treue Leserschaft habe ich heute wieder ein paar Einblicke in Ernas Autorenalltag im Tollensetal. Viel Freude beim Lesen. Gern teilen und weitersagen. Danke.

Zaunphilosophie mit Thermoskanne

Altentreptow. Viele glauben ja, Satire entstünde zwischen Frühstück und Mittagsschlaf, wie andere Leute Kreuzworträtsel lösen. Ein kurzer Einfall, eine Pointe, und fertig ist die Kolumne. Wer so denkt, war noch nie in meiner Küche. Mein Küchentisch ist kein Arbeitsplatz, sondern eine Bühne, ein Sitzungssaal, ein Tollhaus. Ich schreibe nicht allein, ich schreibe in Gesellschaft – ungebeten, laut und meistens völlig unbrauchbar.

Gleich morgens sitzen schon die Zaungäste parat. Balduin hat sich mit Thermoskanne am Gartenzaun eingerichtet, und Alwin Anstand steht daneben, als sei er sein persönlicher Ethikrat. Sie diskutieren, ob Satire ein Grundrecht sei. Balduin meint, nur Butterbrot sei ein Grundrecht, Satire sei Luxus. Alwin hebt den Finger, räuspert sich und ruft sein berühmtes „Ordnung!“, in der Hoffnung, Kantig zu übertrumpfen. Es klingt eher nach Heiserkeit, aber egal.

Drinnen liegt Baron Tollensius. Er ist kein Chefredakteur, kein Clown, kein Redenschreiber – er ist der Wächter. Eine Pfote auf den Dielen, die Augen zur Tür, die Ohren hellwach. Er bellt nicht, er kommentiert nicht, er beobachtet. Und das reicht, um jedem, der die Schwelle überschreitet, sofort klarzumachen: Hier wacht jemand.

Frau Pusemuckel, Königin der Ordnung

Und überschritten wird die Schwelle ständig. Frau Pusemuckel ist die Erste, die hereinrauscht, wie immer ohne anzuklopfen. Sie trägt einen Aktenordner wie ein Schwert und schneidet mit ihrer Stimme durch die Luft: „Erna, du musst über Ordnung schreiben.“ Ordnung – ihr Lieblingswort. Ordnung im Rathaus heißt: Anträge verschwinden geordnet, Bürger warten geordnet, und Sitzungen enden geordnet mit nichts. Ich denke an den verschollenen Antrag, den ich in meinen Kolumnen schon zu einer Legende gemacht habe. Angeblich hat ihn der Bausausschuss als Mahnmal in Beton gegossen, vielleicht liegt er auch unter der Pflasterung vorm Rathaus.

Da ertönt Kantigs Stimme, kaum lauter als ein Flüstern: „Ordnung.“ Er muss nicht mehr sagen. Frau Pusemuckel zuckt zusammen, als hätte jemand das Licht ausgeknipst. Kantig ist das Gegenteil eines Schreihalses. Leise, rhetorisch so geschliffen, dass seine Sätze schärfer schneiden als jedes Amtssiegel. Baron Tollensius hebt nur kurz den Kopf, lässt ihn wieder sinken. Für ihn ist das Routine, für uns alle anderen ist es eine Zäsur.

Der Bausausschuss schaufelt sich durch

Noch bevor ich Luft holen kann, trampelt der Bauausschuss herein. Jeder trägt eine Schaufel, keiner eine Idee. „Erna, du musst wieder über den Straßenbau schreiben!“ rufen sie, als hätten sie mir gerade die Sensation des Jahres geliefert. Ich erinnere mich an meinen Heckenkrieg-Text, in dem die Bürger mehr im Stau als in der Sonne standen. „Wir haben neue Pläne“, tönt einer stolz. „Noch mehr Schilder, noch weniger Bäume.“ Kantig lächelt dünn: „Mehr Schilder heißt mehr Wege, um sich zu verlaufen.“ Alle lachen, Baron Tollensius knurrt leise. Vielleicht hat er ein Schild mit „Kein Zutritt“ erwartet.

Sozialausschuss mit Fahnenfieber

Kaum sind die Schaufeln verstaut, marschiert der Sozialausschuss herein, Fahnen in den Händen wie eine Armee im Miniaturformat. Sie schwenken so enthusiastisch, dass die Kaffeedose wackelt. „Erna, wir brauchen positive Berichterstattung!“ rufen sie. Ich blinzle. Positive Berichterstattung? Sie meinen wohl die nächste Flaggenhissung, bei der mehr Stoff bewegt wird als Hirnzellen. Balduin ruft vom Zaun: „Wisst ihr, wie viele Butterbrote ihr für diese Fahnen kaufen könntet?“ Alwin insistiert: „Nur mit Quittung!“ Kantig kommentiert trocken: „Wer Fahnen schwenkt, hat wenigstens keine Hand frei für Inhalte.“ Ich verschlucke mich fast an meinem Kaffee. Frau Pusemuckel klatscht pflichtbewusst, als hätte Kantig gerade ihren Punkt bestätigt, ohne zu merken, dass er ihn zerstört hat.

Zwischen all dem Getöse denke ich zurück an meine bisherigen Kolumnen. Das Naturbad, das angeblich nach Wellness roch, in Wahrheit aber nach Chlor und Verwaltungsmüdigkeit. Die Bürgerbank, die so oft ihren Standort wechselte, dass man sie bald als Wanderausstellung anmelden könnte. Die Amtliche Offenbarung, bei der ein Lächeln zur Dienstwaffe erklärt wurde. Nusseltrud, die mit Kastanien Entscheidungen herbeiwürfelte. Alles schon geschrieben, alles schon veröffentlicht – und doch stehen die Figuren in meiner Küche, als hätte ich gar nichts gesagt. Sie liefern ständig Nachschub, und wenn sie mal nichts haben, erfinden sie ihn.

Der neue Nachbar glänzt zu hell

Der neue Nachbar stolpert über die Türschwelle, als käme er aus einem Paralleluniversum. Schuhe so glänzend, dass sie den halben Raum erleuchten. „Ist das hier immer so?“ fragt er, während er unbeholfen versucht, Platz zwischen den Fahnen zu finden. „Arbeiten Sie wirklich?“ Alle starren ihn an, als hätte er gerade gefragt, ob in der Kirche gebetet wird. Kantig räuspert sich: „Erna arbeitet nicht. Erna dokumentiert nur die Realität.“ Frau Pusemuckel nickt heftig: „Und das ist gefährlich, weil Bürger dann anfangen zu denken.“ Der Nachbar runzelt die Stirn, Baron Tollensius erhebt sich langsam und stellt sich vor die Tür. Ein Blick reicht – der Neue verstummt. Der Wächter hat gesprochen, ohne ein Wort.

Mein Autorenalltag ist kein stilles Tippen. Es ist eine Dauerbühne. Das Rathaus spielt Theater, die Ausschüsse führen Zirkusnummern auf, Frau Pusemuckel hält sich für eine Kanzlerin, Kantig für den Schiedsrichter, Balduin für den Schatzmeister und Alwin für die Ethikkommission. Der neue Nachbar versucht vergeblich, mitzuhalten. Und mittendrin sitze ich, schreibe, streiche, lache.

Baron Tollensius wacht. Er wacht, während Frau Pusemuckel ihre Ordnung predigt, während der Bauausschuss seine Schaufeln sortiert, während der Sozialausschuss Fahnen schwenkt, während Kantig mit einem Satz die ganze Vorstellung zusammenfaltet. Er wacht, wenn der neue Nachbar glänzt, und er wacht, wenn ich denke, ich sei allein.

Und so entsteht Satire nicht zwischen Frühstück und Mittagsschlaf, sondern zwischen Pfoten und Fahnen, zwischen Zaungesprächen und Rathauspossen, zwischen verschollenen Anträgen und Bürgerbänken auf Wanderschaft. Sie entsteht, weil Altentreptow keine Ruhe gibt, weil meine Figuren nicht schweigen, weil mein Wächter nicht schläft.

Altentreptow liefert keine Moral. Altentreptow liefert Stoff. Und wenn der Stoff alle ist, bringt Baron Tollensius ihn zurück – still, mit Blicken, wie ein Wächter, der weiß, dass die nächste Szene schon vor der Tür steht.

Ankündigung für Sonntag

Die Tür zum Freizeitsarkophag knarrt nur für Clubmitglieder. Schlüssel gefällig? (Opens in a new window)

Mit Amtswitz und Aufpassblick
Ihre Erna Schippel
Norddeutsch, nüchtern – aber nie ganz ohne Hoffnung.

Altentreptow, Mittwoch, 1. Oktober 2025  © Erna Schippel 2025 – Alle Texte/Personen sind frei erfunden und urheberrechtlich geschützt.


Topic Satire aus Altentreptow

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