Die Bedeutung von Hardcore

Ox-Interview von Joachim Hiller
Beifang vom Punk Rock Holiday: BATTERY begeisterten auf der sonnigen Strandbühne, also fragte ich Brian McTernan und Ken Olden spontan nach einem Interview. Und so saßen wir uns kurz darauf im Backstagebereich gegenüber und dröselten die Geschichte einer Band auf, von der Wikipedia in der Vergangenheitsform spricht („Battery was an American straight edge youth crew hardcore punk band from Washington, D.C. that was active from 1990 until 1998 and re-formed for a brief reunion in 2012.“), die aber tatsächlich seit ein paar Jahren wieder Konzerte spielt, auch in Europa. Zeit ist dabei das entscheidende Kriterium, denn Brian McTernan (voc) ist seit Jahren einer der gefragtesten Produzenten im Hardcore-Bereich mit seinem Salad Days-Studio und zuletzt mit BE WELL aktiv. Auch Ken Olden (gt) hat sich als Produzent auf vielen Hardcore-Platten verewigt wie auch als Musiker, etwa bei BETTER THAN A THOUSAND, DAMNATION A.D. und WORLDS COLLIDE, außerdem ist er als Tourgitarrist unterwegs.
1996 schrieb ich in Ox #23 über eure „Until The End“-CD folgende Sätze: „Bitte, ich gebe gerne zu, daß BATTERY ganz ordentlichen Straight Edge-Hardcore zustandebringen, aber der Tanz, den die Essener Kidcore-Fraktion im örtlichen Plattenladen veranstaltete, war doch etwas übertrieben: Wochenlang nervten die Blagen täglich, ob die neue BATTERY denn schon da sei, und als WOM das Teil dann einen Tag früher bekam, rannte die ganze Mannschaft in den Scheißladen, um sich das Teil dort zu holen. Hey, Jungs, das ist nur eine Band! Cool bleiben! Ihr habt noch genug Zeit, bei Kerzenlicht unter der Bettdecke die Texte auswendig zu lernen. Die sind wie gehabt ganz gut, ziemlich angepisst und gar nicht predigend. Schon längste musste zum Beispiel mal was gegen Bodybuilder-Idioten gesagt werden (‚Go back to the gym‘), und auch die Anti-Kommerz-Position, die in ‚That’ll never be me‘ ausgebreitet wird, kann ich so unterschreiben. Musikalisch gibt’s [...] bissig rockenden SE-Core, der sich diesmal in Form einer Coverversion von 7 SECONDS ‚Young till I die‘ klar zu seinen Wurzeln bekennt.“ Wie geht es euch, wenn ihr eure alten Songtexte lest?
Brian: Eine der schönsten Erkenntnisse ist festzustellen, dass sie so viel mit meinem heutigen Leben zu tun haben. Es ist nur eine andere Perspektive. Nimm den ersten Song auf dem Album: Die Mode, die Flaggen, die wir schwenken, sie trennen uns noch heute, und wir haben darüber gesungen. Und wenn wir über junge Frauen und Essstörungen singen, bricht es mir das Herz, dass es heute für Frauen genauso schlimm oder sogar noch schlimmer ist als damals. Und die Sache mit den Leuten, denen ich sagte, sie sollten lieber ins Fitnessstudio gehen als auf Konzerte: Heute tanzen die Leute sogar noch schlimmer bei manchen Gigs. Ich bin froh, dass diese Songs immer noch so relevant für mein Leben sind und eine Bedeutung haben. Wir waren damals Straight-Edge-Kids, aber für mich war die Basis immer Hardcore. Straight Edge ist Teil eines viel größeren, wichtigeren Wertesystems. Als wir in D.C. aufgewachsen sind, war es uns nie wichtig, ob jemand straight war oder nicht, sondern dass er da war, cool war und andere unterstützt hat. Es war also erfrischend, diese Songs wieder zu singen.
Ken: Ich war über die Jahre in einer ganzen Reihe von Hardcore-Bands. Und was immer wirklich cool war, waren Brians Texte. Brian hat die meisten Songs geschrieben, die meisten Texte. Ich schreibe einen Song pro Album, er schreibt alle anderen. Seine Texte sind viel persönlicher und introspektiver als die von vielen unserer Vorbilder. Das war vor 25 Jahren so und ist heute noch so. Und ich denke, das ist der Grund, warum die Songs immer noch Leute ansprechen, wenn wir auf der Bühne stehen. Wenn wir uns unsere alten Platten anhören und überlegen, welche Songs wir ins Set nehmen, gibt es keine, die vom Konzept her nicht mehr passen würden. Sie sind alle auch heute noch relevant. Ich glaube nicht, dass es einen einzigen Song gibt, den wir wegen des Textes und der Bedeutung nicht spielen könnten.
Ist das nicht eine schöne Erkenntnis festzustellen, dass man in so jungen Jahren schon so smart war?