Gestern war ich mit einem deutschen Fernsehteam zum Thema “Overtourism” unterwegs - die natürlich etwas über das famose Eintrittsgeld wissen wollten. Deshalb haben wir uns am Bahnhof Santa Lucia getroffen, wo die Touristen aufgegriffen - und von dazu eigens angeheuerten “Stewards” - genötigt werden, das Eintrittsgeld zu entrichten.
Ich bin so gut wie nie am Samstagmorgen in Venedig am Bahnhof - es hat mich regelrecht umgehauen zu sehen, wie sich diese Stewards Heuschreckenschwärmen gleich auf die ankommenden Touristen stürzten. Und wie man sehen kann, nützt das Eintrittsgeld als Arbeitsbeschaffungsmaßnahme vor allem denjenigen, die es erfunden haben. Etwa, indem sie Zeitarbeiter vermitteln.

Leser von Reskis Republik wissen natürlich alles über den Fake mit dem Eintrittsgeld (Opens in a new window). Mal abgesehen davon, dass ich jedem von einem Tagesausflug nach Venedig nur abraten kann, möchte ich an dieser Stelle noch mal zu zivilem Ungehorsam aufrufen, dieses Eintrittsgeld eben NICHT zu bezahlen. Bislang wurden noch keine Strafen verhängt - auch weil der Bürgermeister weiß, dass das Eintrittsgeld gegen die italienische Verfassung verstößt und ein Rechtsstreit nicht zu seinen Gunsten ausginge.

Links und rechts auf dem Bahnhofsvorplatz zwei Totems, die die Menschheit in “Turisti” (rot) und “Residenti, studenti e lavoratori” (grün) einteilt, in “Bewohner, Studenten und Werktätige” und Touristen, einer dieser Definition nach seltsame, mehr oder weniger sinnbefreite Menschengruppe, die weder studiert, noch arbeitet und hier auch nicht ansässig ist.
Das hat mich an Jean- Paul Sartres sehr empfehlenswertes Buch “Königin Albemarle oder Der letzte Tourist” erinnert - Fragmente, die er nach seiner Italienreise im Jahr 1951 verfasste. Da schrieb er: “Der Tod in Venedig. Ein ausgezeichneter Schlüssel, den Barrès und Thomas Mann für Sie geschmiedet haben. Vorausgesetzt, Sie beseitigen beiläufig die 390 000 Venezianer, Sie bleiben taub für den Lärm des Straßenlebens, eines der fröhlichsten, eines der ganz wenigen fröhlichen in Italien, und Sie ignorieren den Festkalender der Fremden. In dem Moment wird Venedig unfehlbar ganz tot sein. Nur, so gesehen gibt es keine Stadt auf der Welt, die sich nicht mit Leichen bevölkern würde, wenn Sie eine Handvoll Touristeninsektizid über ihr verstreuen. Wenn der Tourist die Toledaner oder die Einwohner von Sevilla getötet hat, kehrt das Leben nachts zurück und rächt sich mit Wanzenstichen. Wie auch immer: der Tourist ist ein Mensch mit heimlichen Groll. Er tötet. Er spürt die Venezianer nicht, mit denen er in Berührung kommt, er sieht sie nicht. Oder er stellt keine Beziehung zwischen ihnen und Venedig her, außer er findet vielleicht, dass ein Bettler das Profil irgendeines Dogen habe (…)”
Heute gibt es nur noch etwas mehr als 48 000 Venezianer - und ich habe mich dabei ertappt, dass meine Wahrnehmung der “turisti” nicht die von normalen Passanten ist - Menschen, die man wahrnimmt, wenn man sich auf der Straße begegnet, wenn man einen hinkenden Gang, eine fluoreszierende Krawatte, oder mürrische Mundwinkel bemerkt: Ich sehe nur noch Körper - deren Bewegung ich vorausberechnen muss, um zwischen ihnen voranzukommen. Und wie sehr es mir fehlt, in dieser anonymen, gesichtslosen Masse Individuen wahrzunehmen, fiel mir auf, als ich mich gestern durch die Gassen nach Cannaregio kämpfte und einen Hund bemerkte, der sich geschickt durch die Menge durchschlängelte, ein kurzbeiniger Mischling, der vor Freude Luftsprünge vollführte, wenn er auf einen anderen Hund traf, der sich ab und zu umdrehte, um zu sehen, ob sein Besitzer noch in der Nähe war, dann wieder vorlief, eine Taube aufscheuchte und sich auch daran toll ergötzte, kurz: Lebensfreude pur. Ein Lichtblick.
Zum in Venedig allgegenwärtigen Overtourism auch noch eine interessante Analyse eines italienischen Wirtschaftsexperten, der in diesem Interview (Opens in a new window)darauf hinweist, dass Airbnb eine Aktiengesellschaft ist, deren Einnahmen innerhalb von zehn Jahren von 200 Millionen Dollar auf 11 Milliarden Dollar gestiegen sind - Heute ist Airbnb zu einer Holding angewachsen, die ihren Sitz im amerikanischen Steuerparadies Delaware hat und die vor allem Investmentfonds gehört. Die Hälfte des Gewinns von Airbnb wird in Europa erzielt. Und das Ganze, ohne etwas zu investieren: Airbnb gehören weder die Häuser, noch die Städte, mit denen das Unternehmen verdient. Airbnb macht sein Geschäft mit unseren Häuser und unseren Städten - mit den Sehenswürdigkeiten, die mit den Steuergeldern der Europäer erhalten werden.
Vor ein paar Tagen habe ich mal wieder einen Bootsausflug in die Lagune gemacht und bin mit Freunden nach San Servolo und San Lazzaro degli Armeni gefahren. Auf San Servolo befand sich einst eine geschlossene psychiatrische Anstalt, heute ist hier ein Kongresszentrum und der Sitz der Venice International University (Opens in a new window) untergebracht.
Vor kurzem hatte ich hier das Privileg, einen Vortrag des Architekturhistorikers Winfried Nerdinger (Opens in a new window) zu hören, der über ein nicht ausgeführtes Projekt Le Corbusiers in Venedig (ein Krankenhaus) und über Le Corbusiers Verhältnis zum italienischen Faschismus sprach. Hochspannend für mich (als Laie), war Le Corbusiers Begeisterung für den Faschismus, als er verkündete: „Nach und nach geht die Welt ihrer Bestimmung entgegen. In Moskau, in Rom, in Berlin und in den USA versammeln sich gewaltige Massen um eine starke Idee”. Sein Entwurf für Addis Abeba als faschistische Kapitale mit Segregation der Einwohner (Opens in a new window) von 1936, hätte eine der am rücksichtslosesten geplanten Städte des 20. Jahrhunderts geschaffen.
Als Le Corbusier 1925 seinen utopischen städtebaulichen Entwurf Le Voisin (Opens in a new window)vorstellte, bezeichnete er historische Innenstädte als - zu beseitigende - Leichenhallen der Geschichte, von der nur noch “Traditionsinseln” zu erhalten seien (was beim Wiederaufbau Deutschlands übrigens nahezu konsequent durchgesetzt wurde). Mich hat das an Marinettis berühmte Rede gegen Venedig erinnert: Für jene glücklich in ihrem Wasser faulenden Dummköpfe, beschied der Futurist Marinetti, sei es besser, Venedig zu zerstören, als zuzusehen, wie es zu einer mumifizierten Museumsstadt verkommt, zum ausschließlichen Gebrauch durch Touristen bestimmt.
Le Corbusier Nähe zum Faschismus und seine Verachtung für die “Leichenhallen der Geschichte”, für die Venedig ja das Vorbild par excellence darstellt, erinnerte sich nach dem Ende des Faschismus allerdings niemand mehr, vor allem nicht Le Corbusier, als er 1965 seinen Plan für das Krankenhaus vorstellte und an den Bürgermeister von Venedig schrieb: “Ihr habt nicht das Recht, die Silhouette Venedigs zu verunstalten." Er selbst habe zwar Wolkenkratzer geplant, aber die habe er „so gesetzt, wie es sein sollte". "Venedig darf nicht in einen grässlichen Sumpf verwandelt werden, wie die Städte in Amerika und auch in Europa."„Man kann nicht in die Höhe bauen, man sollte bauen, ohne zu bauen. Und man muss den Maßstab finden."
Selten so viel gelernt bei einem Vortrag.
Die geneigten Leser von “Als ich einmal in den Canal Grande fiel” (Opens in a new window) wissen, dass sich auf San Servolo in einem Seitenflügel des einstigen Benediktinerklosters das »Museum des Wahnsinns« befindet, wo zusammen mit einem »Institut zur Erforschung sozialer und kultureller Ausgrenzungen« der Leistung des venezianischen Psychiaters Franco Basaglia (Opens in a new window) gedacht werden soll. Basaglia machte die katastrophalen Zustände in den italienischen „Irrenanstalten“ bekannt und erreichte 1978 deren Schließung.

Als ich wieder an Handschellen und Zwangsjacken, Schädeln und plastinierten Gehirnen, Elektroschock-Apparaturen und den vergilbten Fotografien der Insassen von San Servolo vorbeilief – es sind Vorher- und Nachher-Bilder, vorher: irrer Blick, wilder Bart und lange, verfilzte Haare, nachher: ruhiger Blick, glatt rasiert und streng gescheitelt – fiel mir eine Tafel auf, die darauf hinwies, dass sehr viele der Insassen gar nicht unter einer psychischen Krankheit, sondern einfach nur unter einer Mangelernährung litten, der Pellagra (Opens in a new window), die durch hohen Konsum von Mais ausgelöst wurde, von dem sich vor allem in Norditalien die ärmsten Schichten ernährten. Erst seit 1937 weiß man, dass die Pellagra durch einen Mangel an Niacin, einer essenziellen Aminosäure, verursacht wird.
Von San Servolo ging es weiter nach San Lazzaro degli Armeni (Opens in a new window), wo sich seit dem 18. Jahrhundert das Kloster des armenischen Mechitaristenordens befindet, das sich zu einem der weltweit bedeutendsten Zentren der armenischen Kultur entwickelt hat - über die man während der Führung einiges erfahren kann, so auch über den Völkermord an den Armeniern (Opens in a new window). In Venedig gab es auch ein Internat für armenische Schüler, meist Nachkommen der Armenier, die nach dem Völkermord staatenlos geworden waren. Das Internat wurde von den Mechitaristen von San Lazzaro geleitet und zeichnete sich neben den religiösen und literarischen Fächern besonders durch den Unterricht in den Naturwissenschaften aus. Es wurde erst 1997 geschlossen.
Wenn wir etwas weiter gefahren wären, wären wir nach Poveglia gelangt, der Insel, um die die Venezianer so erbittert kämpfen wie um ein geliebtes Erbstück. Nachdem der italienische Staat die Privatisierung als Allheilmittel für klamme Kassen entdeckt hat, wurden die meisten Inseln der venezianischen Lagune verhökert - und zumeist von internationalen Hotelketten aufgekauft. Auch die Insel Poveglia sollte an den Meistbietenden versteigert werden - an keinen Geringeren als an den Unternehmer und späteren Bürgermeister von Venedig, Luigi Brugnaro. Der etwas mehr als eine halbe Million Euro bot, was dem Preis einer sehr bescheidenen Zweizimmerwohnung in Venedig entspricht. Kein schlechter Deal für eine sieben Hektar große Insel, deren Fundamente erst kurz zuvor vom italienischen Staat für zwanzig Millionen Euro neu befestigt wurden.
Einziger Konkurrent war die venezianische Bürgerinitiative »Poveglia per tutti« (Opens in a new window), die nur knapp unterlag – obwohl sie es dank einer aufsehenerregenden Crowdfunding-Aktion geschafft hatte, innerhalb von nur drei Wochen fast eine halbe Million Euro aufzutreiben
Jetzt, nach elf Jahren Kampf hat die Agenzia del Demanio, die staatliche Vermögensverwaltung, beschlossen, den nördlichen Teil der Insel dem Verein „Poveglia per tutti” zu überlassen, der seit elf Jahren dafür kämpft (Opens in a new window).
Das ist natürlich einerseits ein Sieg, der mich andererseits auch an den Pyrrhussieg der Bürgerinitiative “No Grandi Navi” erinnert - die feierten, als Kulturminister Franceschini verkündete, dass die großen Kreuzfahrtschiffe nicht mehr über das Markusbecken und den Giudecca-Kanal einfahren dürfen. Wohl wissend, dass damit keine Verbannung der Kreuzfahrtschiffe erreicht ist und die Zerstörung der Lagune weiter geht, egal, welche Route die Kreuzfahrtschiffe nehmen.
Ähnlich empfinde ich es für Poveglia: Die Bürgerinitiative war ein Stachel im Fleisch - und soll mit dieser milden Gabe befriedet werden - während der Rest von Poveglia an einen finanzkräftigen Interessenten verkauft werden kann. Ich hoffe natürlich, mich zu irren.

In diesem Sinne grüßt Sie aus Venedig, Ihre Petra Reski - die bei der Gelegenheit daran erinnert, dass Reskis Republik inzwischen von 199 Ehrenvenezianern unterstützt wird. Aber 200 wären doch eine schöne runde Zahl, finde ich. Sollte sich nicht noch noch ein Ehrenvenezianer finden?
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