Vegetarier, jetzt bitte schnell weiterscrollen …

Denn ich möchte Sie teilhaben lassen an unserem Weihnachtsessen, einem dreieinhalb Kilo schweren branzino, also Wolfsbarsch (Opens in a new window) oder loup de mer, geangelt in der Lagune. (Wir haben mehrere Angler in der Familie). Die handelsüblichen branzini sind meist gezüchtet, weshalb ihr Fleisch weicher ist, weil sie sich in den Netzgehegen, in denen sie gehalten werden, nicht so bewegen können, wie in freier Wildbahn. Der branzino ist ein Raubfisch, er frisst Krebse und jagt andere Fische und ist in der Lagune relativ weit verbreitet, weshalb sich unser Delfin (Opens in a new window), zu dessen Speiseplan der branzino gehört, hier auch so wohl fühlt. Ein Gewicht von dreieinhalb Kilo erlangt ein branzino in durchschnittlich sechs Jahren, lernte ich, und da habe ich mich schon wieder ganz schlecht gefühlt, obwohl, er hätte ja auch dem Delfin zum Opfer fallen können. Auf jeden Fall haben wir ihn al forno zubereiten lassen, er war köstlich, wir haben ihn gepriesen - er hat sein Leben nicht umsonst verloren.

Venedig und das Feuer (Opens in a new window) - so lautet der Titel dieses wunderbaren Buches, das ich an Weihnachten verschenkt habe: eine Kulturgeschichte venezianischer Feuersbrünste. Denn anders als viele annehmen, stellt nicht das Wasser, sondern das Feuer die größte Gefahr für Venedig dar: Es reicht ein Funken, und ein ganzes Stadtviertel brennt nieder. Aber Venedig wäre nicht Venedig, wenn die Stadt nicht schon zu Beginn des 18. Jahrhunderts ihre Botschafter in Madrid, London, Paris und Wien beauftragt hätte, Informationen über Löschgeräte zu beschaffen, die ganze Stadtviertel vor Feuer schützen könnten. Bald danach wurde der Feuerschutz aber leider etwas vernachlässigt, weshalb die Fenice nicht einmal, sondern zwei Mal niederbrannte: 1836 und 1996. Wir wohnen praktisch nebenan, deshalb konnte ich die Bauarbeiten aus nächster Nähe verfolgen (Opens in a new window), Bauarbeiten, die sich acht Jahre lang hinzogen - auch weil es bei der Ausschreibung des Wiederaufbaus um sehr, sehr viel Geld ging, ähem. Auf jeden Fall haben zwei Bauarbeiter den Brand gelegt, um einer Konventionalstrafe zu entgehen. Erst Jahre später wurden sie festgenommen.
Und im Jahr 2003 brannte die Stucky-Mühle: Unter Bürgermeister Cacciari war sehr öffentlichkeitswirksam der Beschluss gefasst worden, die leerstehende Industrieruine der Stuckymühle auf der Giudecca wieder aufzubauen. Tatsächlich kaufte dann der Baulöwe und Medienzar Francesco Caltagirone (Opens in a new window) das Gebäude – und es war keine Rede mehr von den Wohnungen für Venezianer, stattdessen entstand hier, unterbrochen von einer kleinen Brandstiftung („Wenige Wochen später wurde mit der äußeren Rekonstruktion der beschädigten Gebäudeteile begonnen, wobei man jedoch von den ehemals strengen Auflagen der Denkmalpflege im Inneren befreit war (Opens in a new window)„), ein Hilton mit 400 Zimmern, ein Kongresszentrum für 2000 Personen und 138 Luxusferienappartements. Ein Brand kann eben manchen sehr nützlich sein.
Venezia e il fuoco (Opens in a new window) ist ein sehr gut recherchiertes und auch sehr schönes Buch - vielleicht findet es ja auch einen Verlag in Deutschland?
Ich habe ja öfter in Reskis Republik über den für mich kuriosen Dogmatismus der sogenannten “progressiven Linken” in Italien geschrieben, die nicht in Trump und auch nicht in Putin ein Problem sehen, sondern in der EU. Ein Dogmatismus, der seine Wurzeln in der Haltung der italienischen Kommunistischen Partei hat - diesem Festa-Dell’Unità-Kommunismus, den man sich vom real existierenden Kommunismus nicht kaputtmachen lassen wollte. Was natürlich leicht fiel, wenn man in der Toskana oder sonstwie weit weg vom Osten und von der Mauer lebte. Deshalb fand ich diesen Beitrag von Clara Mavellia (Opens in a new window) wichtig, dieser in Berlin lebenden italienischen Philosophin, die hier über eine einstige Freundschaft spricht. Eine Freundschaft, die über diesem linken Dogmatismus zerbricht, der die Wirklichkeit der Gulags, der Deportationen, Todesstrafen für politische Gegner und fehlenden Freizügigkeit im Osten nicht zur Kenntnis nehmen will: “In keinem anderen Land der Welt war der Kommunismus eine so angenehme Erfahrung wie in Italien.”
https://www.youtube.com/watch?v=To3uQM1Eims&t=4s (Opens in a new window)Und an dieser Einschätzung konnte auch Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine nichts ändern.
Zwei Tage vor Heiligabend starb der Lieblingsvenezianer der deutschen Fernsehzuschauer, “unser Mann in Venedig” (Opens in a new window), wie ihn die Süddeutsche nannte: Uwe Kockisch (Opens in a new window), der in Donna Leons Verfilmungen jahrzehntelang den Commissario Brunetti darstellte. Ich habe ihn 2003 für den STERN portraitiert (Opens in a new window), da sagte er den schönen Satz “Venedig ist die Hauptdarstellerin. Widersetzen darf man sich ihr nicht. Man muss sich ihr fügen.”
Ich habe ihn in den folgenden Jahren immer wieder in Venedig getroffen - auch weil er seit Berliner Tagen mit meinem Freund und Bühnenbildner Ezio Toffolutti (Opens in a new window) befreundet war. Uwe Kockisch habe den Truffaldino in Carlo Gozzi (Opens in a new window)s Stück “König Hirsch”, mit einer absolut glaubwürdigen mediterranen Ausstrahlung gespielt, stellte Ezio in diesem Nachruf fest (Opens in a new window). Eine Ausstrahlung, die auch Commissario Brunetti die nötige Glaubwürdigkeit verlieh.

Und zum Schluss noch eine gute Nachricht: Die staatliche Immobilienagentur, die über das Schicksal staatseigener Güter bestimmt, hat die venezianische Festungsinsel “Forte Sant’Andrea” für dreißig Jahre in die Hände des Forschungsprojekts “Microclima (Opens in a new window)” gelegt, einer gemeinnützigen Organisation, die ihren Sitz im Gewächshaus der Giardini an der Via Garibaldi hat. In der Nuova di Venezia war zu lesen (Opens in a new window): “Im Forte Sant'Andrea, dieser außergewöhnlichen Renaissancefestung auf der Insel, soll ein Ort des Wissens, der Meditation und des Austauschs für die Gemeinschaft und das tägliche Leben entstehen, sowie eine Werkstatt, um durch Kunst und wissenschaftliche Forschung mehr über Nachhaltigkeit zu lernen. Und nicht nur das: „Unter Einbeziehung der lokalen Gemeinschaft”, erinnert die Agentur del Demanio in ihrer Mitteilung, „zielt das Projekt darauf ab, die gesamte Insel Sant'Andrea für die öffentliche Nutzung zurückzugewinnen und sie schrittweise zugänglich, sicher und einladend zu gestalten. Nach Abschluss der Sanierungs- und Renovierungsarbeiten werde die Festung zu einem Ort für künstlerisch-kulturelle Veranstaltungen und Forschungsprojekte: nicht zu einem Ausstellungsraum, sondern zu einem echten offenen Ökosystem für Forschung und Reflexion.”
Ja, die Hoffnung stirbt zuletzt.
In diesem Sinne wünsche ich Ihnen ein glückliches neues Jahr, und ein schlechtes, schreckliches, ja verheerendes für den orangenen Mann im Weißen Haus, seinem russischen Buddy, dem KGB-Agenten im Kreml und all ihren Handlangern.
Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
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