Ich bin ja ein Kind des Ruhrgebiets, insofern kann mich eine urbane Wüste nicht wirklich schrecken. Aber: Mestre ist schon eine andere Spielklasse. Dagegen ist das Ruhrgebiet schon fast ein Feriengebiet (Dortmund: grünste Stadt Deutschlands. Und gehört zu den vier grünsten Städten der Welt! (Opens in a new window)). Das Trauerspiel von Mestre ist der Verdienst der Politiker, die Mestre in den vergangenen fünf Jahrzehnten regiert haben (bis 2015 Linksdemokraten, danach Brugnaro&C). So gelang es, Mestre zu einer Stadt zu machen, die sich vor allem des Primats rühmen kann, die Stadt mit den meisten Drogentoten und Einkaufszentren zu sein. Und als gelte es dieses Desaster noch mal zu bestätigen, hat die venezianische Universität Ca’ Foscari jetzt bei einer Untersuchung der Luftqualität (Opens in a new window)nicht nur Feinstaub, sondern auch Kokain, D9-THC (der Wirkstoff von Cannabis) und Ketamin in der Luft von Mestre nachgewiesen. Keine große Überraschung. Die Werte seien überdies auch noch niedriger als die in anderen italienischen Städten.
Aber glauben Sie jetzt nicht, dass der Drogenkonsum in Venedig niedriger wäre: Hier sind vor allem Touristen die Kunden. In den entsprechenden Restaurants und Bars. Und: Essensboten bringen nicht nur die Lasagne ins Airbnb. Vielleicht sorgt ein leichtes Lüftchen von der Lagune dafür, dass sich die Drogen in der Luft verwehen - oder, dass es in Venedig nicht so viele Kontrollstationen gibt.
“Unesco rettet Venedig” (Opens in a new window) titelten die venezianischen Tageszeitungen in dieser Woche. Hurra! Die Unesco liebt Venedig so sehr, dass sie auch dieses Jahr, Überraschung, angekündigt hat, ungeachtet aller von renommierten Fachleuten verfassten alarmierenden Berichte, Venedig nicht auf die rote Liste des bedrohten Weltkulturerbes zu setzen. Denn da sei: die Eintrittsgebühr, „ein anderer Ansatz für die Schiffbarkeit der Kanäle“ (was auch immer das sein mag), das Mose-Projekt, „die Fortschritte im Tourismusmanagement“ sowie „der Ansatz, die Touristenströme mit der Lebensqualität der Anwohner in Einklang zu bringen“, ja, all diese „greifbaren Fortschritte” hätten dazu geführt, dass Venedig nicht auf die Danger List (Opens in a new window) gesetzt werden müsse. Gefahr erkannt, Gefahr gebannt. Hurra!
Was sich dahinter verbirgt: Der Kulturschutzbund Italia Nostra Venezia stellt klar (Opens in a new window): Die UNESCO rettet nicht Venedig, sie rettet sich selbst. Sie rettet die üppigen Gehälter ihrer Beamten, sie rettet ihren Haushalt, der, wie wir letztes Jahr in Paris von allen Vertretern des WH-Komitees deutlich zu hören bekamen, auf der Kippe steht. Die USA werden im Dezember 2026 endgültig aus der Organisation austreten und dabei 8 % des Budgets mitnehmen, Italien gehört zu den größten freiwilligen Beitragszahlern … die UNESCO ist eine Menge Geld wert.
So viel zum Weltkulturerbe.
Falls Sie gerade in Venedig sind, möchte ich Ihnen den Besuch der (schön kühlen) Ca’ Pesaro empfehlen, nicht nur wegen der dort stattfindenden Ausstellung (Opens in a new window) von Jenny Saville (Opens in a new window), sondern auch wegen der Ausstellung (Opens in a new window) der Werkreihe des amerikanischen Malers Hernan Bas (Opens in a new window), der während seines Künstleraufenthalts in Venedig seine Inspiration - wie auch anders - aus dem Overtourism bezog. Die dreißig Bilder tragen den bezeichnenden Titel “The Visitors” (Opens in a new window), was nicht zufällig auf den gleichnamigen Film anspielt - und, wie ich finde, eine sehr treffende Bezeichnung ist - für die Entfremdung zwischen den besuchten Orten und seinen Besuchern.

Und weil es überall von Buchtipps für den Urlaub nur so wimmelt, wollte ich auch nicht zurückstehen. Im Salento habe ich endlich mal wieder einen Roman gelesen, den ich nicht lesen musste. Also der nichts mit dem zu tun hat, womit ich mich derzeit vor allem beschäftige. “Schwarzer September” von Sandro Veronesi (Opens in a new window) ist ein Roman über das Erwachsenwerden und die damit verbundenen Komplikationen. »Schwarzer September« - (Opens in a new window) so nannte sich auch die Terrorgruppe, die 1972 den Anschlag auf die israelische Olympiamannschaft verübte, was im Roman aber mehr eine Metapher dafür ist, wenn ein Moment sommerlichen Glücks plötzlich überschattet wird.
Ich mochte den Roman sehr.

Aus Venedig grüßt Sie herzlich, Ihre Petra Reski
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