Gott gab uns das „common good“ Eigentumsverständnis?
Locks „natural state“ Skizze als Freibrief für die Zerstörung planetarer Lebensgrundlagen – einige ungezwungene Einlassungen dazu
Was haben der Neoliberalismus, John Locke und die Lebensmittelproduktion mit einem epochalem Vertragsbruch zu tun?
In diesem Spontan-Essay aus 2021 zeige ich auf, inwieweit sich der Neoliberalismus - bzw. der Kapitalismus generell - von den Ursprüngen des Lockschen Liberalismus entfernt haben. Am Beispiel der Lebensmittelproduktion wird deutlich, wie verkommen die Logik des Massenbesitzes durch wenige Mächtige und Reich geworden ist. Bezugnehmend auf Eva von Redecker wird dies verdeutlicht.
(Opens in a new window)Inhalt
1 Fraglicher Ausgangspunkt
2 Der Freiheit Grenzen ist die Freiheit der Freiheit – oder lieber grenzenlos?
3 Arbeit und Zustimmung
3.1Â Eigentum durch Arbeit
3.2Â Zustimmen und Aneignen
4 Vertragsbruch in der Endlosschleife – Am aktuellen Beispiel der Lebensmittelverwertung
5 „Common good“ – Gott als Ausgangspunkt
 1 Fraglicher Ausgangspunkt
Das Versprechen des Liberalismus ist die Freiheit der Einzelnen. Gewährleisten soll dies eine Einschränkung des Zugriffes durch den Staat auf verschiedenste Lebensbereiche und Subsystem der Gesellschaft. Ganz oben auf der Liste der „Freiheiten“, steht die Freiheit des individuellen Besitzes und des Massenbesitzes von Produktionsmittel.
Während Locke – ein Verfechter von Eigentum – als Grundbedingung gesellschaftlicher Interaktion, Struktur und Kulturwerdung, das Besitzen selbst eingrenzt und damit impliziert, es sei geregelt, das fortlaufende Mensch-Natur-Interaktionen zum Vorteil aller vonstattengehen, gibt es zuhauf Überlieferungen und historische Interpretationen, die ein ganz anderes Bild zeichnen. Die Entstehung und das Vollziehen von Eigentum bekommen, mittels eines Blickes in die Jahrhunderte alte Geschichte von Eingrenzung und Abspaltung, ein ganz anderes Gesicht. Eine Übersicht darüber gibt Eva von Redecker in ihrem Buch „Revolution für das Leben – Philosophie der neuen Protestformen“1. Von Redecker skizziert die Fatalität des Eigentums, als Vorgang der Entfremdung vom Gemeinsamen und als Motor der kapitalistischen Produktionsweise.
Locke schreibt von der Notwendigkeit des Eingrenzens, die Wohlstand fĂĽr alle Menschen zu sichern vermag. Umrahmt von der Klausel der GenĂĽgsamkeit im vorausgesetzten zustimmungsfreien Vertrag zwischen allen Menschen.
Ohne weitläufig in der langen Historie des Eigentums zu forschen, werfen insbesondere die junge Vergangenheit und die Gegenwart Fragen auf. Spätestens mit dem Aufkommen des Neoliberalismus hat die Eigentumslogik eine neue revolutionäre Phase erlebt. Wobei die Revolutionsführenden nicht das Volk, das Souveräne, zu sein schien und scheint.
Die Neoliberalisierung seit den 1980er/90er Jahren, erscheinend als ein mutierter Freiheitsfetischismus – gewiss nicht unerheblich angetrieben durch die kapitalistische Antwort auf die Individualisierungs-Forderungen der 68er-Bewegung – und war schnell zu einem spürbaren Schreckgespenst geworden.
Der Siegeszug der Individualisierung des Lebens, von der Eigenverantwortung für Erfolg und Niedergang des eigenen Lebensentwurfs bis hin zum Abgreifen und Einhegen aller, dem Neoliberalismus über den Weg laufenden Formen gesellschaftlicher Organisierung. Zuletzt schließlich auch die den Menschen grundlegend anhaftenden (Überlebens)Bedürfnisse: Wohnen, Mobilität und Gesundheit.
Man kann angesichts dieser Entwicklungen Locke eine ausgemachte Naivität zuschreiben. Zu glauben, ungeschriebene Gesetzmäßigkeiten in Verbindung mit einer angeblichen Existenzberechtigung der uns umgebenden und uns am Leben haltenden Natur, nur daher rührend, dass sie uns zu dienen hat, erweist sich dann wohl doch als Konzept des Niedergangs.
Mag man Locke diesbezüglich ein respektabel positives Menschenbild zuschreiben, zumindest wenn es um den weißen Mann geht, so ist der Faktor Mensch eine Komponente, die er unterschätzt hat.
Dieser Faktor, als Sinnbild für die Geschichte des weißen Mannes, denn er kann – wie die Geschichte unzählige Male bewiesen hat – eines ganz gewiss nicht: Eigentum so zelebrieren, dass dabei für alle ein gutes Leben das Ergebnis ist.
Aber vielleicht gehört Locke auch mehr oder weniger dazu. So bleibt für diese Einlassung offen, welches Menschenbild er grundsätzlich vertrat: Wer ist für Locke eigentumsberechtigt? Sind mit „Jeder“ auch Frauen*, Queere* und BIPoCs* gemeint?
Bleiben wir fĂĽr diese vorliegende Schrift jedoch bei Lockes Einlassung zu Eigentum, Freiheit, Arbeit und Gottgegebenheit.
Textbezüge sind im Folgenden Lockes Kapitel über Eigentum2 in „Über die Regierung“ und das Kapitel Beherrschen (Eigentum)3 im genannten Buch von Eva von Redecker.
(Opens in a new window)2 Der Freiheit Grenzen ist die Freiheit der Freiheit – oder lieber grenzenlos?
Bis heute ist die Frage, nach der Freiheit Grenzen, eine viel diskutierte. Ganz besonders im gesellschaftlichen Zusammenleben, insofern wir mit anderen Individuen interagieren. Und das tun wir, wenn es um Gesellschaft geht, dauerhaft: Gesellschaft ist kein Gerüst; Gesellschaft sind die Verknüpfungen unzähliger Interaktionen, die zugleich den Rahmen bilden); Gesellschaft ist eine unbestreitbar handlungs(ver)leitende und sinnstiftende Angelegenheit.
Wo hört die eigene Freiheit auf und wo fängt jene der anderen an? Wie kann Freiheit gemeinsam erlebt und praktiziert werden? Wo hört die Freiheit eines Staates auf und fängt die Freiheit eines anderen Staates an? Wer darf die Gartentür öffnen und über die Schwelle treten? Wem gehört der am Ast hängende Apfel am Wegesrand? Wo hört die Freiheit des Staates auf und fängt die Freiheit des freien Marktes an? Wo hört die Freiheit des Marktes auf und wie kann man sich vor dem völligen Ausverkauf des Privaten, des Seins, schützen? Letztere beiden Fragen gehören zu den wohl dringendsten unserer Zeit.
Im Heute geht es um das Sozial- oder Gesundheitssystem, um individuelle Konsumentscheidungen oder um die Fragen der menschengemachten Klimaerhitzung und Ökosystemzerstörung. Ihnen allen ist gemein, dass sie durchdrungen von neoliberaler Ideologie4, als “Premiumsversion” des ausbeuterischen Kapitalismus, sind. Durchdrungen, weil sie die Folge der kapitalistischen Produktionsweise sind und zugleich ihre Bearbeitung nur im Rahmen kapitalistsicher Logik stattfindet.
Aus der Wirtschaft und Politik wird immer wieder das Mantra propagiert, dass nur so ein wohlständiges Fortbestehen gelänge.
Andere hingegen stellen klar, dass Wohlstand nur für wenige gilt und das von den einzelnen Subsystemen einer Gesellschaft bis hin zur essenziellen Bedrohung durch die klimatisch und ökologisch bedingte Problemkonglomerate, die Strukturen zerborsten werden und zu zerfallen im Begriff sind.
Und dies wirft schließlich die Frage nach der Freiheit von Konzern und ihre Akkumulationslogik auf. Woher kommt dieses Selbstbewusstsein, dass nur Wachstum und Effizienzstrukturen Wohlstand und ein gutes Leben bereithalten? Warum werden fortlaufend ökologische und gesellschaftliche Leitplanken überwunden, als seien sie Hürden auf einer Rennbahn, eigens dafür gemacht, sie mit aller Entschiedenheit zu bewältigen. Und sollten sie sich als wirkliches Hindernis beweisen, dann werden sie einfach umgerannt.
Ein eigenartiges Verständnis von Freiheit: Der Freiheit zu zerstören!
3 Arbeit und Zustimmung
3.1 Eigentum durch Arbeit
„Meine Arbeit, die sie dem gemeinen Zustand, in dem sie sich befanden, enthoben hat, hat mein Eigentum an ihnen bestimmt.“5 Lockes Einlassung kann durchaus als ein Plädoyer gegen das Lohnarbeitssystem verstanden werden. Definiert er vor allem das Eigentum einer Person durch die Bearbeitung dessen. Durch die Bearbeitung mit den eigenen Händen, der eigenen Kraft, verändert der Mensch die Natur und erhebt zugleich den Anspruch auf das Bearbeitete.6
Am Beispiel einer auf dem Boden liegenden Eichel, bzw. eines Apfels, veranschaulicht Locke sein Verständnis von Eigentumsgewinnung. So ist es nach ihm der Akt des sich Aneignens, der die Frucht zum Eigentum macht. So wird sie zum Eigentum, nicht etwa durch das Verzehren oder Zubereiten, sondern durch den Akt des Aufhebens, den er als Arbeit betrachtet.7
Die Arbeit macht also den Unterschied. Und bringt den Wert, der sich deutlich vom Zustand des Gemeinguts abhebt. Während mit Gemeingut nicht etwa ein gemeinschaftlich bewirtschaftetes Areal gemeint ist, sondern von Menschen unberührte/unkultivierte Natur.
Bei Betrachtung der aktuellen Beschaffenheit von Arbeit ist von der Begründung dieser, als Formung und Legitimierung des Eigentums, nicht mehr viel zu finden. Ebenso besteht keine unendliche Weite mehr, die als unberührt gilt. Während sich nahezu die ganze Welt in menschlichem “Besitz” befindet und nur etwa 3 Prozent8 der Landfläche auf der Erde als noch vom Menschen unberührt gelten, ist das Zusammenspiel von Arbeit und Eigentum längst ein anderes.
So gilt aktuell weder, dass genug für alle da ist (obwohl es das physisch definitiv ist), noch dass, wenn dem so wäre, Arbeit möglich ist, die direkt auf die Einhegung Bezug nimmt. So müssen die Menschen, wollen sie Eigentum erlangen, erst über lange Zeit hinweg, das Eigentum anderer bearbeiten, um eine entsprechende Menge Geld zu akkumulieren, bis sie schließlich ein kleines Stück Fläche ihr Eigen nennen können. Meist in Reih und Glied mit hunderten anderen, in einer verkünstlichten Kulturlandschaft. Und, wohl bemerkt, zu einer schindend geringen Wahrscheinlichkeit.
Dieses Eigentum, bietet dann jedoch lediglich die Möglichkeit zu leben/wohnen. Die Arbeit findet weiter am Eigentum anderer statt. Sollte man auf die Idee kommen, dieser den Rücken zu kehren, wird es auch für den Erhalt des Eigentums eng. Denn meist ist die Besitzurkunde in einem Bankschließfach verstaut, bis das monströse Darlehen an die Bank abbezahlt ist. Eigentum auf Leihbasis, mit der unbedingten monatlich fälligen Beweispflicht dessen würdig zu sein. Ein Eigentum, das wohl mehr Unsicherheit erzeugt als das bloße zur Miete Wohnen. Ein Eigentum, das kein Eigentum ist. Lediglich ein Eigentumsversprechen unter schwerlichen Bedingungen.
Doch auch in die Zeit Lockes zurückgeschaut, kommen Fragen auf. Wer war nach Locke zur Freiheit des Besitzens befähigt? Im 17. Jahrhundert geboren und aufgewachsen im Vereinigten Königreich, hatte er den Frühkapitalismus – die Übergangszeit vom Feudalismus in den Kapitalismus – selbst gelebt.
So müsste Locke doch klar gewesen sein, dass seine Skizzierung von Eigentum durch Arbeit kein Abbild der Realität ist. Außer er ging davon aus, dass Frauen*, BIPoC*-Personen, Leibeigene und Sklav*innen nicht zu jenen zählen, die die Freiheit besitzen, sich Eigentum durch Arbeit anzueignen; Also per Definition keine Menschen sind.
3.2 Zustimmen und Aneignen
Wie bereits erwähnt: Das sich Aneignen ist bei Locke von Fairness umrahmt. “ Lässt nämlich jemand dem anderen, so viel dieser nutzen kann, übrig, so ist es, als nehme er ihm überhaupt nichts.“ Ebenso gewährt er den Einzelnen sich so viel anzueignen, wie sie selbst durch ihre Bearbeitung erhalten können. Maßgeblich für ihn ist, dass das Land unendliche Weiten habe und selbst wenn alle auf der Welt besitzen, noch genug existieren würde, das nicht besessen wäre.9
Die ĂśberfĂĽhrung aus dem Gemeineigentum in das individuelle Eigentum braucht nach Locke nicht die Zustimmung aller, schlieĂźlich sei es Gemeineigentum und jede kann von diesem zehren bzw. gibt es so dem Gemeineigentum erst den eigentlichen Sinn, da es von Gott gegeben sei.10 FĂĽr Locke gilt dies gar als Naturgesetz.11
Locke unterzieht dem sich Aneignen drei Rahmenbedingungen. Zuvorderst, indem er das zum Eigentum machen mit der Quantität in zweierlei Hinsicht in Verbindung bringt, ergänzt durch eine qualitative Komponente.
Quantitative FĂĽlle
So zeigt Locke, am Beispiel der Entnahme einer Frucht aus der Natur, dass es ausschlaggebend sei, wie viel vorhanden ist. Die Fülle solcher Früchte ist schier endlos von „Gott gegeben“.12 Es ist für alle genug da.
Quantitative Anhäufung
Zweitens erteilt er dem maßlosen Anhäufen eine klare Absage. „Dasselbe Naturgesetz, welches uns auf diesem Weg Eigentum gibt, begrenzt dieses Eigentum auch.“13,14 Gleiches gilt für den Anbau. Gar spricht Locke derjenigen das weitere Recht auf den Besitz dieses Landes ab, die es nicht zu pflegen weiß. Jede andere hat von da an das Recht, sich diesem anzunehmen, da es nicht mehr als Eigentum gilt. Die Besitzende hat ihren Anspruch verwirkt.
Qualitative Komponente
Die qualitative Dimension seiner Argumentation definiert Locke durch die Verderblichkeit. So kann die Einzelne sich nur so viel aneignen, wie es nicht verdirbt, bevor sie es verzehrt, verbraucht, verarbeitet hat.15 Die Anhäufung ist daher nur insoweit möglich/rechtens, solange der Aspekt des Verderbens und folglich das ungenutzt bleiben vermieden wird.
Es ist also die Arbeit, die zu Eigentum verhilft. Nicht aber Arbeit im ökonomischen Sinne bzw. mit einer bestimmten Wertvorstellung. Es scheint lediglich ein Akt des bloßen Handelns, der von der Interaktion mit dem verdinglichten Gegenüber geprägt ist.
Lockes Einlassungen erwecken den Anschein, mit dem bloßen Willen und dessen Umsetzung sowie der Ausrichtung am eigenen Verwertungspotential sei alles Nötige gegeben.
Von Redecker zeichnet da ein ganz anderes Bild. Eingrenzung/Einhegung ging und geht stets mit Macht und (Nicht-)Dazugehörigkeit einher. Es wird unterschieden zwischen mächtigen Besitzenden und deren Eigentum und den nicht Dazugehörigen, sowie den Besitzenden gehörenden Nichtbesitzenden.16
Kurzum hat Von Redecker die Besitzverhältnisse des Feudalismus und des darauffolgenden kapitalistischen Systems beschrieben. Wie eine Formel, die stets Gültigkeit hat. Waren es im Feudalismus regulärer Besitzanspruch eines Herren an seine Leibeigenen, so ist es im Kapitalismus der Besitzanspruch des Produktionsmittelbesitzenden an der Arbeitskraft der Lohnarbeitenden oder der irreguläre und doch von Politik geduldete illegitime Besitzanspruch des Fabrikbesitzers an der Arbeitskraft und gar den Seelen seiner ausgebeuteten Arbeiter*innen, ja Sklav*innen, meist aus den östlichen Regionen Europas.
Von gleichberechtigtem und maĂźvollem Eigentum keine Spur.
(Opens in a new window)4 Vertragsbruch in der Endlosschleife – Am aktuellen Beispiel der Lebensmittelverwertung
Die kapitalistische Produktionsweise und heute noch intensiver die alles durchdringende Neoliberalisierung, befähigen, im Windschatten von angeblich nützlichen Innovationen und angeblichen allumfassend existierendem Wohlstand, Konzerne dazu Millionen Tonnen an eigentlichem Gemeingut zu konservieren. Sie stapeln und horten Produkte in schier unendlichem Ausmaß. Lockes qualitativer Komponente wird dabei jeglicher Dimension genommen.
Mag dies in einem ersten Anschein so wirken, als hielten sie sich an das durch Locke formulierte Gesetz – das aus der Natur Entnommenen und zur Ware gefertigte, vor der Verderblichkeit zu bewahren – zeichnen die Millionen Tonnen von verdorbenen und unverdorbenen Lebensmitteln eine andere Realität. Als Maßstab dient das Nicht-Verderben nur noch mangelhaft.
Sehr eindringlich – sofern man hinschaut, denn die Tonnen hinter den Märkten sind Woche für Woche bis zum Anschlage gefüllt – ist dieser Aspekt am Umgang mit Lebensmittel zu erfassen. Völlereigüter, die so unendlich scheinend in den Lebensmitteldiscountern verweilen, als kämen sie geradewegs aus einer Unendlichkeitsschleife.
Nach Locke begehen die Konzerne einen massenhaften Bruch der vorausgesetzten Abmachung bezüglich des Gemeineigentums, die die Menschen eigentlich davor bewahren soll, die Endlosigkeit des potenziellen Sich-Aneignens aufrechtzuerhalten. Die Nahrungsmittel, welche nicht der optischen Norm entsprechen, einen Fleck haben, das Mindesthaltbarkeitsdatum überschritten haben oder schlichtweg kurzfristig die Nachfrage nicht mehr bedienen bzw. keinen angemessenen Ertrag bringen, werden keiner weiteren Verwendung zugeführt. Es wird auf den Äckern belassen oder landet in den Mülltonnen. Zurückgegeben an die Allgemeinheit wird es jedoch nicht.
Nach Locke begehen die Konzerne Vertragsbruch und sind nicht länger dazu bestimmt, diese Nahrungsmittel ihr Eigen zu nennen. Während bspw. in Frankreich ein solcher Bruch geahndet wird – da das Wegwerfen von Verwertbarem unter Strafe steht – wird in Deutschland das Retten von Lebensmitteln strafrechtlich geahndet. Als sei das Gesetz ein Gesetz der Zerstörung.
Die neoliberale Ideologie entgrenzt den Umgang mit dem, was wir uns aneignen können. Sie lässt uns glauben, alles, was wir ergreifen und horten können, sei unser, solange bis wir uns selbst wollend davon zu trennen gedenken. Diese Ideologie lässt uns behaupten, wir können von da an über den gesamten Werdegang bestimmen, bis die Existenz des Besitzgutes dahingeht. Doch nicht mal dort machen wir halt: Selbst die Erde, selbst der Humus, was einst (potentielles) Nahrungsmittel war, bleibt in unserem Besitz und wird der effizienten Verwertung unterworfen.
Und wie bei allem anderen, wird es mit jedem Mal, so es die Verwertungsmaschinerie durchläuft, unbrauch- und ungenießbarer. Ebenso wie wir mit dem uns Nährendem umgehen, verfahren wir mit den Dingen, die wir schaffen, um unser Leben zu erleichtern oder einfach nur zu bereichern. Wird etwas nicht mehr benötigt/gebraucht/gewollt, entledigen wir uns von diesem. Bis es schlussendlich in die Erde eingetragen wird.
So ist diese nur noch eine bedingte Erde im eigentlichen Sinne, ein bedingt neues Wachstum befördernder Humus. Da voll von Unrat und Giften, die uns in unserer Gesundheit mehr schaden, als dass sie neue Sprossen nähren.
Locke würden wohl die Nackenhaare wie Dornen aufgehen, wüsste er von diesen Vorgängen und Auslegungen, von diesen Brüchen und vorsätzlichen Misshandlung dem uns „Gegebenen“.
„Das Eigentum ist der Welt gewissermaßen eingewachsen.“17
Die Kultur der Zäune ist unnatürlich und sie entzweit den Menschen und die Natur.
Letztlich trifft es von Redeckers wohl auf den Punkt, wenn sie feststellt, dass Eingrenzung Gewalt nach sich zieht, um die Herrschaft zu sichern.18
Diese Herrschaft ist jedoch keine der Güte und Nächstenliebe. Sie ist nicht die Herrschaft, wie sie Locke beschreibt, die gottgegeben dazu dient, sich die Natur zur Untertanin zu machen und so Ertragreiches und Lebensbejahendes aus ihr heraus zu produzieren: Stets in Maßen und durchdrungen von Fairness.
Diese Herrschaft ist eine schreckliche. Sie unterdrückt und schafft Ungleichheit. Die kapitalistische Herrschaft lebt davon, diese Ungleichheit immer weiter anwachsen zu lassen. Wäre dem nicht so, wäre es wohl kein Kapitalismus mehr.
Diese Herrschaft - einen weiteren Zenit mit der Neoliberalisierung erreicht - ist fortlaufend nicht mal mehr eine Herrschaft, die aus den BedĂĽrfnissen der Menschen Profit zu schlagen motiviert ist.
Diese neoliberale Herrschaft existiert des Profits und der Einsparung wegen. Sie heischt nach Effizienz, als sei dies naturgegeben und der einzige existenzielle Grund fĂĽr das Fortlaufen der Maschinen.
Diese neoliberale Herrschaft hat sich die Menschen Untertan*innen gemacht. Sie funktionieren und konsumieren des Profits wegen.
Möglich macht dies die entgrenzte Akkumulation von Eigentum. Sodass wir im Heute fragen können, ob der Kapitalismus nicht längst von einem Neofeudalismus abgelöst wurde.
Wenige besitzen immer mehr und sehr sehr sehr viele immer weniger. Wollen sie nicht gänzlich besitzlos werden, so sind sie angehalten, das Eigentum der wenigen unaufhörlich zu bearbeiten. Wie die Leibeigenen einst die Felder der Lehnsherren.
Ist das rechtmäßig? Darf das sein?
Wir sollten fragen, wann in diesem Zerstörungs- und Vergiftungsprozessen den Konzernen die eigentliche Rechtmäßigkeit des Besitzens abhandengekommen ist. Zu beantworten ist dies jedoch nur mit der Frage: Wie kann es sein, dass dies geschieht? Worauf wird sich dabei berufen?
5 „Common good“ – Gott als Ausgangspunkt
„Gott gab die Welt den Menschen gemeinsam. Da er sie ihnen jedoch zu ihrem Nutzen gab und zu den größtmöglichen Annehmlichkeiten des Lebens, die sie ihr abzugewinnen vermochten, kann man unmöglich annehmen, es sei sein Wille gewesen, dass sie immer Gemeingut und unkultiviert bleiben sollte.“19
Lockes Argumentation entspringt erstens der Annahme von etwas Ăśbergeordnetem, das die Welt fĂĽr die Menschen gemacht hat und erwartet/voraussetzt, dass sie sich dieser annehmen und sie sich unterwerfen.
Zweitens stellt er die Behauptung auf, dieses ĂĽbergeordnete Etwas habe die Welt nur geschaffen, damit das Individuum sich ihr annehmen kann. Lockes fortlaufende Einlassungen zur Relevanz von Eigentum bzw. zur Freiheit des Eigentums sollten stets in diesem Kontext betrachtet werden.
Ebenso interessant wie wohl notwendig gilt dies fĂĽr die Betrachtung neoliberaler Ideologie im Heute.
Schauen wir auf die Aneignungsvorgänge der neoliberal befeuerten kapitalistischen Ideologie, lässt sich unterstellen, dass diese sich noch immer auf die Gottgegebenheit beruft. So wird eine Praxis von Ressourcengewinnung vollzogen, als sei die Welt nur für den Menschen geschaffen und ihre unaufhörliche Bearbeitung, Umfunktionierung und Kultivierung Naturgesetz. Als gäbe es keine physischen, ökologischen oder quantitativen Grenzen. Als habe „der Stärkere“ das unbändige Recht sich anzueignen, wie es ihm beliebt.
Die einzige Grenze verläuft zwischen Herrschaft und 8Nicht-)Herrschaft, zwischen Besitz und (Nicht-)Besitz, zwischen Verwerten und Verderben.
Die Ausübung von Herrschaft und die Kultivierung der Natur laufen bei Locke untrennbar zusammen. „Eines gibt ein Recht auf das andere, daß Gott, als er befahl, sich die Erde zu unterwerfen, die Befugnis gab, sie sich anzueignen.“20
Mögen Lockes Einlassungen zu seiner Zeit „zeitgemäß“ gewesen sein, erscheinen sie im Heute als leere Begründungshüllen, für die vonstatten gehenden Verwertungen.
Was für Locke das Grundmuster von Mensch Natur-Interaktionen ist, ist für von Redecker Ursprung des Übels. In einer Anekdote beschreibt sie, wie ein Reiter seine Stute striezt, bis sie plötzlich kraftlos unter ihm zusammenfällt und stirbt. Grund dafür war ein übliches Prozedere im 15. Jahrhundert. So konnte ein Ritter für besondere Verdienste einen gewissen Teil von Land sein Eigen nennen. Dafür musste er mit seiner Stute innerhalb eines Tages eine Strecke bewältigen, die ihre Ende am Ausgangspunkt fand. Das durch diese Strecke eingerahmte Gebiet war von nun an sein eigen. Der Umgang mit der Stute ist dabei sinnbildlich für das Mensch-Naturverhältnis. Ist das umrittene Gebiet angeeignet, so ist es der Umfunktionierung und Auslöschung seiner eigentlichen Form ausgesetzt.21
Wer sich auf Locke beruft/bezieht und seine Einlassung zum gottgegebenen unterschlägt, läuft Gefahr, einstigen religiös konnotierten Annahmen eine tatsächliche Naturgegebenheit zu unterstellen.
Doch so scheint es längst geschehen.
Menschen, die in das neoliberal ideologisierten System hineingeboren sind, belassen sich selbst in dem Glauben, dies sei naturgegeben.
Wobei wir wieder beim Faktor Mensch wären. Diese Komponente, jeglichem Sein in der menschlichen Welt zu Grunde liegend, wurde vor Locke, von Locke und nach Locke zu keiner Zeit ein wirklicher Wert oder Unwert. Keine Kalkulation, geht dieser Komponente wirklich auf den Grund.
Nun könnte ins Feld geführt werden, dass die Idee der Demokratie, mit dem Volk, als sinnstiftendes und existenzberechtigendes Souverän, diese Komponente enge an ihr Sein gebunden hat.
Doch mit Blick auf die doch eher postdemokratischen Gegebenheiten demokratischer Systeme weltweit, bleibt dies zweifelhaft bzw. ist dies ausgeschlossen.
Bspw. eine westliche Demokratie, deren Mark es ist, dem freien Markt zu frönen und ihm nahezu alle Zuständigkeiten bereitstellt und Lösungskompetenzen zuschreibt, während die Biosphäre des Planeten im rasanten Tempo zermahlen wird, hat mindestens einen Rechenfehler in ihre Faktor-Mensch-Gleichung.
Unter Einbezug zumindest vorgegebener Wissenschaftsaffinität einer solchen aufgeklärten Gesellschaft, scheint das Rechengerät ein Fall für die Müllhalde. Während die PR-Abteilung eine Auszeichnung zu verdienen scheint.
Der Faktor Mensch, so der Mensch glaubt, dass er – frei nach Locke – von Gott berufen sei, sich die Natur zur Untertanin zu machen und sie zu bearbeiten, bis sie nicht mehr zu erkennen ist und dies so lange und so weit wie es die Mittel, die Mann selbst besitzt, zulassen, ist auf dieser Grundlage die größte Bedrohung seiner Selbst.
Die Art des Eigentums, wie sie von „modernen“ Gesellschaften praktiziert wird, schafft nicht und erhält nicht.
Diese Art von Eigentum ist eine bedingungslose Eingrenzung.
Diese Eingrenzung löscht Vergangenes aus und schafft eine neue Geschichte, „die seiner triumphalen Usurpation“. “Im Aneignungsmythos haben weder lebendige Bezüge noch Spuren der Vergangenheit Platz.“22
Don’t look up, don’t look around and never look in the ground.
Verteidigt die Freiheit bis zum letzten Atemzug.
Bis es nichts mehr gibt, das Freiheit schenkt. AuĂźer Mann ist reich und besitzt.
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Solidarisch, Tino
Literatur
Crouch, Colin: Postdemokratie. Berlin, 2017.Â
Locke, John: Ăśber die Regierung. Dietzingen, 2021.
Plumptre, Andrew J.; et al.: Where Might We Find Ecologically Intact Communities?, 2021, in: https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/ffgc.2021.626635/full (Opens in a new window) (Zuletzt geprĂĽft am 04.01.2022.)
Von Redecker, Eva: Revolution fĂĽr das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt am Main, 2020.
Anmerkungen
[1] Eva Von Redecker: Revolution fĂĽr das Leben. Philosophie der neuen Protestformen. Frankfurt am Main, 2020.
[2] John Locke: Ăśber die Regierung. Dietzingen, 2021, 21-39.
[3] Von Redecker 2021, 19-41.
[4] Vgl.: Colin Crouch: Postdemokratie. Berlin, 2017, 138.Â
[5] Locke 2021, 23.
[6] Locke 2021, 22.
[7] Locke 2021, 23.
[8] Andrew J. Plumptre et al.: Where Might We Find Ecologically Intact Communities?, 2021, in:
https://www.frontiersin.org/articles/10.3389/ffgc.2021.626635/full (Opens in a new window) (Zuletzt geprĂĽft am 04.01.2022.)
[9] Locke 2021, 26.
[10] Locke 2021, 23/25/26.
[11] Locke 2021, 24.
[12] Locke 2021, 23/24-25.
[13] Locke 2021, 25.
[14] Locke 2021, 30.
[15] Locke 2021, 25.
[16] Von Redecker 2020, 20-21.
[17] Von Redecker 2021, 19.
[18] Von Redecker 2021, 20-23.
[19] Locke 2021, 26.
[20] Locke 2021, 27.
[21] Von Redecker 2020, 20-23.
[22] Von Redecker 2020, 22.