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#86 Was ist “Fiscal Hosting” -

Alternative zum eigenen gemeinnützigen Verein?

Das Modell hat seinen Ursprung in den USA und geht auf gemeinwesenorientierte Initiativen der 1950er und 1960er Jahre zurück. Seitdem hat es sich weltweit verbreitet und ist besonders seit den 2000er-Jahren zu einer wichtigen Alternative zur Gründung eigener NGOs geworden.

Auch Bürgerstiftungen (Opens in a new window) können bürgerschaftliches Engagement finanziell unterstützen. 435 Bürgerstiftungen haben seit 1996 über eine Millarde EUROs für das Gemeinwohl investiert » Report 2025 (Opens in a new window). Sie sind jedoch lokal begrenzt und sie können nicht die “Infrastruktur” wie ein Host bereitstellen.

Mit der neu gegründeten WE AID gGmbH gibt es erstmals in Deutschland eine gemeinnützige Organisation, die sich auf die Abwicklung spontan bzw. temporär aufgelegter Krisennothilfe und ehrenamtlichen Engagements fokussiert.

https://www.we-aid.org/de/ (Opens in a new window)

WE AID bietet eine professionelle, gemeinnützige Organisationsstruktur auf Zeit und ermöglicht damit privaten Initiativen die Umsetzung ihres gemeinnützigen Engagements innerhalb weniger Tage. Die PHINEO gAG ist die einzige Gesellschafterin der WE AID gGmbH und unterstützt diese mit operativer Expertise sowie einem starken Netzwerk in Zivilgesellschaft, Wirtschaft und Politik.

Vorteile der Nutzung von WE AID

Es kann aus mehreren Gründen sehr sinnvoll sein, den Service von WE AID zu nutzen, anstatt einen eigenen gemeinnützigen Verein zu gründen, insbesondere im Hinblick auf Haftung und Geldfluss.

Die Gründung eines eigenen gemeinnützigen Vereins ist oft mit viel Bürokratie verbunden und kann lange dauern. WE AID bietet eine schnelle und unkomplizierte Alternative: Initiativen können innerhalb weniger Tage – oft sogar in wenigen Stunden – mit ihrem Engagement starten.

WE AID stellt eine anerkannte gemeinnützige Rechtsstruktur zur Verfügung, mit der Initiativen Spenden annehmen, Fördermittel beantragen und Projekte realisieren können. Auch ohne eigenen Freistellungsbescheid des Finanzamts können echte Spenden entgegengenommen und im Sinne des Einkommensteuergesetzes bescheinigt werden. Dies zählt zu den Kernleistungen von WE AID und verschafft Spendern steuerliche Vorteile.

WE AID übernimmt zahlreiche administrative und organisatorische Aufgaben, darunter:

  • Prüfung der Gemeinnützigkeit

  • Spendenabwicklung

  • Buchführung und Jahresabschlüsse

  • Vertragsmanagement

  • Versicherungen

  • Datenschutz

  • Rechtliche Absicherung

Durch die Übernahme dieser Aufgaben entlastet WE AID Engagierte von lästiger Bürokratie, sodass sie sich voll und ganz auf das Wesentliche konzentrieren können: ihre Projekte und deren gesellschaftliche Wirkung. Das Angebot eignet sich besonders für Einzelpersonen, Freundesgruppen, Unternehmen und Vor‑Vereine in der Gründungsphase. Zudem unterstützt WE AID beim Optimieren von Fundraising-Prozessen und beim Zugang zu relevanten Netzwerken, sodass Initiativen schnell handlungsfähig, rechtssicher und steuerlich transparent arbeiten können.

WE AID fungiert als sogenannter „Fiscal Host“ bzw. Projektträger. Das bedeutet, dass WE AID die steuerliche und häufig auch rechtliche Verantwortung für die Mittel und Aktivitäten im Namen der jeweiligen Initiative übernimmt.

WE AID übernimmt insbesondere:

✅️ Gemeinnützige Trägerschaft: Bereitstellung einer anerkannten gemeinnützigen Rechtsstruktur, unter der die Projekte agieren können.

✅️ Rechtliche Absicherung: Unterstützung bei der Beantragung und Verwaltung von Fördermitteln sowie bei der Öffentlichkeitsarbeit; WE AID kann Verträge abschließen und gegenüber Dritten offiziell als gemeinnützige Organisation auftreten.

✅️ Verwaltung und Compliance: Wahrnehmung formaler Pflichten sowie Abwicklung von Buchhaltung, Vertragsmanagement, Versicherungen und Datenschutz.

Durch diese Leistungen entlastet WE AID die Initiativen von direkter rechtlicher und finanzieller Haftung und bietet einen verlässlichen und sicheren organisatorischen Rahmen.

Wichtig: WE AID übernimmt nicht die tägliche operative Arbeit der Initiativen, etwa Kommunikationsaufgaben oder die direkte Umsetzung von Hilfsmaßnahmen.

Die unter dem Dach von WE AID geführten Initiativen sind verpflichtet, mindestens einmal jährlich über ihre Tätigkeiten in Form eines kurzen Sachberichts zu informieren. WE AID veröffentlicht darüber hinaus einen konsolidierten Jahresbericht.

Geldfluss

Der Geldfluss über WE AID ist klar geregelt und stellt die korrekte Verwendung sowie die rechtssichere Bescheinigung von Spenden sicher:

Spendenannahme

Spenden, die für eine konkrete Initiative gesammelt werden, werden auf das Bankkonto von WE AID überwiesen. Im Überweisungszweck ist die jeweilige Initiative anzugeben, damit die Mittel zugeordnet werden können.

Spendenbescheinigungen

WE AID stellt rechtsgültige Spendenbescheinigungen aus – eine Leistung, die Initiativen ohne eigene Gemeinnützigkeit nicht erbringen können. Derzeit sind Spendenbescheinigungen für Zuwendungen aus den USA und in Deutschland möglich.

Mittelverwaltung und -verwendung

WE AID verwaltet die eingegangenen Mittel. Initiativen haben keinen direkten Zugriff auf ein separates Bankkonto mit den eingeworbenen Spenden. Stattdessen begleicht WE AID die Rechnungen für Projektausgaben direkt aus den jeweiligen Spendengeldern. Beispiel: Kauft eine Initiative wie BerlinOdessaExpress Medikamente, erhält WE AID die Rechnung vom Lieferanten (z. B. „Apotheker ohne Grenzen“) und begleicht diese aus den Mitteln der Initiative.

Transparenz und Dokumentation

WE AID dokumentiert die Übergabe von Hilfsgütern und kann diese Nachweise bei Bedarf gegenüber dem Finanzamt erbringen. Zudem wird die Wirkung der Spenden transparent dokumentiert.

Kostenbeitrag

Es fallen nur dann Kosten an, wenn Spenden eingehen. WE AID behält je nach Aufwand 5 bis 10 % der Spendensumme ein, um laufende Kosten teilweise zu decken. Ab einem Spendenvolumen von über 500.000 Euro reduziert sich der Kostenbeitrag auf 6 %. Spenden, die direkt an WE AID gehen, werden für den Erhalt und die Weiterentwicklung der Strukturen verwendet. Spenden von Privatpersonen, die einer konkreten Initiative zugeordnet sind, stehen dieser vollständig für Projektaktivitäten zur Verfügung; bei PayPal-Spenden können Privatspender freiwillig die Gebühren übernehmen.

Ablauf

Interessierte erhalten zunächst einen Erfassungsbogen » LINK zum PDF (Opens in a new window)
 “Damit möchten wir besser verstehen, wie euer Projekt aufgebaut ist und wo konkret Unterstützungsbedarf besteht und wie wir euch am besten begleiten könnten.“

Der Zweck der Initiative, ihre konkrete Tätigkeit und die Verwendung der Mittel müssen auch beim „Fiscal Hosting“ dem deutschen Gemeinnützigkeitsrecht entsprechen.

WE AID hat derzeit folgende Zwecke unter seinem Dach: 

Grundsätzlich stellt sich für jede Gruppe oder Initiative die Frage, ob ein eigener gemeinnütziger Verein gegründet und unterhalten werden soll oder ob Fiscal Hosting die einfachere Alternative ist.

Nachteile aller Host-Modelle sind:

  1. Hosts verlangen Gebühren (prozentual oder als Pauschale), wodurch die verfügbaren Mittel reduziert werden;

  2. Da der Host die rechtliche Verantwortung trägt, gibt das Projekt ein Stück Autonomie ab, weshalb die vertraglichen Pflichten sorgfältig geprüft werden müssen;

  3. Außerdem sind Host und Projekt reputationsmäßig miteinander verknüpft — es gilt zu prüfen, ob beide gut zusammenpassen und wie die Kooperation nach außen wirkt.

Zudem sollten die verschiedenen Anbieter verglichen werden. Neben WE AID gibt es zahlreiche weitere Anbieter, die sich im Geschäftsmodelle unterscheiden. Dabei können auch Reichweite der jeweiligen Tools oder die Präsentation der Projekte / Initiativen unter dem Dach des Hosts entscheidungserheblich sein.

Kann dies für Wohnprojekte interessant sein?

Die Schaffung oder Verwaltung von (preiswerten, barrierefreien, nachbarschaftlichen) Wohnraum ist grundsätzlich kein gemeinnütziger Zweck. Damit sind Investition “in Steine” nicht förderfähig.
Die “Neue Wohngemeinnützigkeit” hat keine Veränderung für Wohnprojekte gebracht. Es soll ein neues Marktsegment entstehen, in dem gemeinnützige Wohnungsunternehmen eine dauerhafte Sozialbindung garantieren und dauerhaft vergünstigte Mieten anbieten.

Einzelmaßnahmen wie Ortsverschönerung oder Förderung des Naturschutzes und des Umweltschutzes oder offene Aktivitäten in den Gemeinschaftsräumen wie Bildungsangebote, Mittagstisch für Senioren können gemeinnützig im Sinne der AO sein. Somit sind Honorarkosten und Auslagen förderfähig. Oder es können Spenden bei Dritten eingeworben werden.

Bislang habe ich stets empfohlen, zur Einwerbung von Spenden oder Fördermitteln einen zusätzlichen gemeinnützigen Verein zu nutzen. Bei unsicherer Dauerhaftigkeit der Aktivitäten oder wenn die Gruppenmitglieder vom Papierkram überfordert sind, ist die Nutzung von Fiscal Hosting eine sinnvolle und unproblematische Lösung. Die spätere Gründung eines eigenen gemeinnützigen Vereins bleibt jederzeit möglich.

Kann dies für lokale Netzwerke interessant sein?

Für mein eigenes ehrenamtliche Engagement in Schwabach hatte ich überlegt, ob eine Kooperation hilfreich wäre.

Der "Runde Tisch Inklusion" bei öffentliche Veranstaltungen, damit Menschen mit Behinderung einfach dazugehören.

Als offenes Netzwerk “Runder Tisch Inklusion” (Opens in a new window) in Schwabach haben wir uns bewusst gegen die Gründung eines eingetragenen Vereins entschieden und möchten auch keine städtische Kommission werden.

Gleichzeitig benötigen wir jedoch finanzielle Mittel für Veranstaltungen und Aktionen. Bisher werden Aufwendungen wie Raummiete, Gästehonorare und die Kosten für Gebärdensprachdolmetscher:innen aus dem kleinen Etat der städtischen Inklusionsbeauftragten oder vom Förderverein für Integration „Gemeinsam leben in Schwabach e.V.” getragen.

Letztlich habe ich mich gegen die Kooperation entschieden, da sich die öffentliche Wahrnehmung ändern würde. Unsere bisherigen Fördermittelgeber könnten die Kooperation missverstehen. Das unkomplizierte Miteinander mit Stadt und Stiftung wäre gefährdert.

Es kommt also immer auf die individuelle Situation an, ob Fiscal Hosting hilfreich ist.

Mit Geld Gutes tun - die andere Seite

Neben denen, die für ein Engagement Geld und Unterstützung brauchen, gibt es auch Menschen, die mit ihrem Geld etwas Gutes bewirken wollen.

Die bereits oben erwähnten Bürgerstiftungen freuen sich über Zustiftungen, Spenden und ehrenamtlich Engagierte » LINK zu weiteren Infos (Opens in a new window).

Als weitere Alternative zur Gründung einer eigenen Stiftung möchte ich auf bcause (Opens in a new window) hinweisen.

Dort kann jeder sein eigenes digitales Stiftungskonto eröffnen, das Guthaben auf dem Stiftungskonto selbst verwalten und über dessen Einsatz entscheiden. Die bcause Treuhandstiftung ist das juristische Dach. Laut dem Gründer Felix Oldenburg ist “Spenden, Stiften oder in Impact investieren - mit bcause so einfach wie Online Banking”.

In seinem Wirtschaftspodcast “Das Neue Geben” spricht er mit vielen Gäst:innen über deren Verhältnis zu Geld » LINK zum Reinhören (Opens in a new window).

Fazit

Dieser Beitrag gehört in einen deutlich größeren Kontext. Wenn der Staat sparen muss, trifft dies primär zivilgesellschaftliches gemeinwohlorientiertes Engagement und Kulturschaffende.

Vielleicht sind nachfolgende Denkanstöße hilfreich.

(Opens in a new window)
Denkanstöße zur Finanzierung der Zivilgesellschaft

Angelika Majchrzak-Rummel
Rechtsanwältin, (Wohn)Projektberaterin

https://wonderl.ink/@angelika.maj_rml (Opens in a new window)



 

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