📍Milano & Napoli
Liebe Leserinnen, liebe Leser,
ich bin mir ziemlich sicher, dass ihr es schon mitbekommen habt: Italien stimmt ab. Heute, am 22. und morgen, am 23. März, müssen sich Italiener und Italienerinnen im Zuge des Verfassungsreferendums entscheiden: Sì oder No?
Dieses Mal geht es um die mögliche Reform des Justizsystems in Italien. Es würde vorsehen, Titel II und Titel IV des zweiten Teils der Verfassung der Italienischen Republik zu überarbeiten.
Es ist das fünfte Verfassungsreferendum in der Geschichte der Italienischen Republik.
Dieser Newsletter erreicht euch heute außerdem aus Mailand.
Auch hier bleibt keine Straßenecke verschont: Die Stadt ist mit Sì- und No-Wahlplakaten zugekleistert.

In der Innenstadt werden Flyer verteilt, das Referendum ist zum Kampf zwischen den Parteien geworden. Im Zentrum: Giorgia Meloni und ihre Partei Fratelli d’Italia. Sie zählen zu den Befürwortern der Reform.
Ja oder Nein? Klingt einfach. Um zu verstehen, was bei der Reform auf dem Spiel steht, und warum in Italien jetzt alle über das Rechtssystem sprechen, lohnt es sich einmal genauer hinzuschauen. Deshalb widme ich dem Thema weiter unten noch mehr Platz, in der Hoffnung, dass ich es verständlich erklären kann. 🗳️
Pasquale De Stefano:
Der letzte numeraio Neapels 🎨
Vorher aber noch ein kleiner Abstecher nach Neapel: Letztes Jahr habe ich dort Pasquale De Stefano besucht. Er ist der letzte Schriftenmaler der Stadt, l’ultimo numeraio. Für den stern habe ich ihm bei seiner Arbeit über die Schulter geschaut und mit ihm und seiner Tochter Marcella über den Beruf des Schriftenmalers gesprochen, der eng mit der Stadtgeschichte verbunden ist. Schon De Stefanos Vater, seine Brüder und sein Großvater waren Schriftenmaler.
https://www.stern.de/politik/ausland/in-neapel-malte-er-einst-nur-schilder--heute-ist-er-der-star-der-stadt-36095796.html (Abre numa nova janela)Dank Social Media ist Pasquale De Stefano mit seinem Handwerk weit über Neapel hinaus bekannt. Das sorgt einerseits für Aufträge für De Stefano, aber es führt auch dazu, dass Touristen unangekündigt in seine kleine Werkstatt stolpern.
Auch Promis besuchen ihn. Darunter der US-amerikanische Schauspieler James Franco. “Pasquale you are a great artist” hat er auf einen Zettel geschrieben, der nun in De Stefanos Werkstatt gerahmt hängt. Ein Tag, an den er sich gerne zurückerinnert. Aufträge aus den USA habe er regelmäßig, hat Pasquale De Stefano mir im Herbst erzählt.


Italien stimmt ab: Sì oder No? 🗳️
Das Referendum costituzionale
am 22. und 23. März
Vergangene Woche habe ich mein Kreuz gesetzt und von München aus schon per Briefwahl abgestimmt. In Italien wird heute und morgen gewählt.

Worum geht es bei diesem Referendum?
Erstmal zu den Basics: Es handelt sich um ein Referendum, bei dem die Bürger:innen darüber entscheiden, ob ein Verfassungsgesetz angenommen oder abgelehnt wird.
Wichtig: Es gibt kein Quorum. Das Ergebnis ist also unabhängig von der Wahlbeteiligung gültig. Entscheidend ist allein, welche Seite (also Ja oder Nein) mehr Stimmen erhält.
Zur Abstimmung steht das Gesetz Nr. 253 von 2025, das mehrere Verfassungsartikel zur Organisation der Justiz ändert. Im Mittelpunkt steht die Trennung der Laufbahnen von Richtern und Staatsanwälten.
Derzeit gehören beide demselben Berufsstand an, Richter und Staatsanwälte haben denselben Auswahlprozess durchlaufen und können im Laufe ihrer Karriere die Rolle wechseln (auch wenn das eher selten der Fall ist).
Die Reform würde das ändern: Gewinnen die „Ja“-Stimmen, würde es künftig es zwei getrennte Auswahlverfahren geben. Ein späterer Wechsel wäre dann nicht mehr möglich.
Die Befürworter des „Ja“ sehen darin eine Stärkung der Unparteilichkeit der Richter, da diese vom anklagenden Staatsanwalt getrennt wären.
Die Gegner dieser Verfassungsreform, die für ein „Nein“ stimmen wollen, kritisieren hingegen mit Sorge, dass Staatsanwälte stärker unter politischen Einfluss geraten könnten und dadurch an Unabhängigkeit verlieren.

Ein weiterer zentraler Punkt ist die Neuorganisation der Selbstverwaltung der Justiz. Statt eines gemeinsamen Gremiums (CSM) für Richter und Staatsanwälte sollen zwei getrennte entstehen. Zudem würden deren Aufgaben reduziert: Für Disziplinarfragen wäre künftig ein eigenes Gericht zuständig.
Politisch unterstützt die Regierung unter Giorgia Meloni das „Ja“, während Opposition und Magistratenvereinigung zum „Nein“ aufrufen.
Viele Beobachter bezweifeln, dass die Reform die größten Probleme der italienischen Justiz lösen könnte, wie etwa lange Verfahrensdauern, Personalmangel, überlastete Gerichte und schlechte Digitalisierung.
Beim Gang zur Wahlurne an diesem Sonntag und Montag übernehmen Wählerinnen und Wähler eine unmittelbare Verantwortung für die Zukunft des verfassungsrechtlichen Gleichgewichts in Italien.
Müssen Politik und Justiz konform miteinander sein?
Erinnert man sich an den Grundgedanken der italienischen Verfassung und wie er entstand, nämlich nach dem Faschismus unter Mussolini, war es genau das, was in der Verfassung verankert werden sollte: Dass Richter der Regierung widersprechen können, wenn es sein muss. Denn Gesetze gelten für alle.
In Italien passiert es häufiger, dass die aktuelle rechte Regierung Richter und Urteile kritisiert, oder ihnen politische Motive unterstellt.
Prominentes Beispiel: Ein Gericht in Palermo sprach im Februar der Seenotrettungsorganisation Sea-Watch 76 000 Euro Entschädigung für die Festsetzung ihres Schiffs 2019 (Carola Rackete, ihr erinnert euch sicher) zu. Das fanden Premierministerin Giorgia Meloni und Innenminister Matteo Salvini gar nicht gut.
Unter Berufung auf europäisches Recht untersagen italienische Richter außerdem mehrmals, Migranten in das von Italien gebaute Abschiebezentrum in Albanien zu bringen.
Was würde mit solchen oder ähnlichen Fällen in Zukunft passieren, wenn die Justiz an Unabhängigkeit verliert?
Zur weiteren Vertiefung und Einordnung kann ich zudem diesen Text aus der Süddeutschen Zeitung (Abre numa nova janela) von Rom-Korrespondentin Elisa Britzelmeier sehr empfehlen.
📚 Buchempfehlung: Tangerinn 🍊
Zum Schluss habe ich noch einen Lektüre-Tipp, dieses Mal ist es der Debütroman von Emanuela Anechoum, im Februar in deutscher Übersetzung im nonsolo Verlag (Abre numa nova janela) erschienen.
Mina, 30 Jahre alt, ist gerade in London, wo sie versucht, sich ein neues Leben aufzubauen, als sie einen Anruf aus Italien erhält: Ihr Vater Omar ist plötzlich verstorben. Daraufhin fliegt Mina nach Hause, um Abschied zu nehmen von ihrem Vater.
Mit dem Flug von London nach Süditalien beginnt für Mina auch eine Reise zu all den Fragen, die sie lange verdrängt hat: Wer war mein Vater eigentlich? Wie viel hat das mit mir zu tun? Wo gehöre ich hin?
„Zuhause“, das ist für Mina ein kleiner Küstenort in Kalabrien, in dem ihr Vater eine Strandbar mit dem Namen Tangerinn betrieb, die vor allem von Migranten besucht wurde. Mit dieser Bar hatte Omar versucht, einen Ort der Gemeinschaft für all jene zu schaffen, die sich in diesem neuen Land nicht willkommen fühlten.
Mina, das wird immer mehr klar, je besser man die junge Frau durch ihre Erinnerungen kennenlernt, ist auf der Suche nach ihrem Platz in der Welt. Sie möchte sich endlich „richtig“ fühlen.
„Tangerinn“ ist eine italienisch-marokkanische Familiengeschichte. Der Roman stellt Themen wie Migration, die Suche nach Zugehörigkeit und Auswanderung in den Mittelpunkt.

Besonders schön ist dabei, finde ich, dass man Italien von einer anderen Seite kennenlernt: Als Einwanderungsland, und als Land, das es den in Italien geborenen Kindern von Migrant:innen nicht immer leicht macht.
Der Roman stellt außerdem mal eine ganz andere Frage in den Raum: Bedeutet Migration immer automatisch auch eine Verbesserung der Lebensumstände?
In der New York Times schreibt Joumana Kathib über den Roman (Abre numa nova janela), dass dort fast jede Figur ein Migrant sei und dadurch der Wechsel von Ländern zu einer Selbstverständlichkeit wird. Diese Analyse fand ich so treffend, dass ich sie an dieser Stelle im Original zitieren möchte:
„In a novel where almost every character is a migrant, changing countries is practically a fact of life. It sounds like being human.“
Die Autorin Emanuela Anechoum, 1991 in Reggio Calabria geboren, lebt in Rom und hat selbst marrokanische Wurzeln. Ihr Debütroman wurde in Italien mit dem Premio Mastercard Esordienti und dem Premio Selezione Bancarella ausgezeichnet.

Im März und April kommt Emanuela Anechoum außerdem für ein paar Lesetermine nach Deutschland. Hier ist eine kleine Auswahl:
25. März: Freiburg (Abre numa nova janela)
26. März: Mannheim (Abre numa nova janela)
27. März: Stuttgart (Abre numa nova janela)
26. April: München - Il fest (Abre numa nova janela)
Vielen Dank für’s Mitlesen und für die vielen Mails, die mich in den vergangenen Wochen erreicht haben mit Feedback und Unterstützung.
Wer die Arbeit an meinem Newsletter durch einen freiwilligen Beitrag unterstützen möchte: Über diesen Link ist es möglich (Abre numa nova janela).
Gerade denke ich auch über eine Alternative zu Paypal nach. Ich halte euch dazu auf dem Laufenden.
Grazie di cuore! 💌 Wir lesen uns im April wieder.
PS: Gibt es Themen zu Italien, die euch interessieren, oder zu denen ihr gerne mehr erfahren wollt? Schreibt mir gerne, dann werde ich versuchen, das hier aufzunehmen.
Ciao, ich bin Ornella und die Autorin hinter Autostrada del sole.
Mit diesem Newsletter möchte ich ein vielschichtiges Bild von Italien zeigen. Abseits von vino, dolce vita und amore. Tipps für Reisen wird es bei mir also nicht, oder, wenn überhaupt, nur in Ausnahmefällen geben.
Stattdessen möchte ich Themen aus Italien aufgreifen, die in Deutschland in dieser Form weniger sichtbar sind. Ich möchte in die Tiefe gehen, euch mitnehmen nach Italien zu Menschen, Geschichten, Orten und Dingen, die ich erzählenswert finde, und euch dazu einladen, auf dieses Land ohne romantisierende Sonnenbrille zu schauen. Und wer weiß, vielleicht entdeckt ihr Italien dann von einer anderen, neuen Seite (und könnt mit dem Wissen beim nächsten Urlaub punkten)?

Ich bin Tochter und Enkelin italienischer (Gast)arbeiter aus Sizilien, arbeite als Journalistin für verschiedene Medien (u.a SZ, fluter, The Weekender, etc.) und bin zweisprachig aufgewachsen. Studiert habe ich Italienische und Romanische Philologie. Schon immer bewege ich mich viel, bedingt durch meine Familiengeschichte, zwischen Deutschland und Italien. Ich kenne beide Länder sehr gut, bin in München und Süditalien Zuhause. Aus dieser Perspektive heraus möchte euch mitnehmen nach Italien. Schön, dass ihr dabei seid. 💙
Anmerkungen, Wünsche, Kritik, Liebesbriefe 💌 gern an: kontakt@ornellacosenza.com (Abre numa nova janela) oder via Instagram @ornella.cosenza (Abre numa nova janela)
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