Über eine WM-Halbzeitshow und Asymmetrien zwi-schen der Dominanzkultur und ihren Opponenten
Was spielt sich ab in dem mittlerweile berühmt-berüchtigten vorpolitischen Raum, den vor allem Rechtsextreme in ländlichen Lebenswelten so erfolgreich bespielen (und das nicht nur in Thüringen, Sachsen-Anhalt oder Sachsen, sondern auch in Rheinland Pfalz und Niedersachsen)? Welche Rollen spielen dabei Popkulturen, und wieso ist - mit Danger Dan als Symptom - in Deutschland alles so gnadenlos selbstreferentiell und provinziell?
Zunächst sei jedoch auf die Weltbühne geschaut - auf ein Event mit Milliarden Zuschauern. Es sei zurück zum Sonntag geblickt - auf das Finale der Fußball-Weltmeisterschaft im Stadion von East Rutherford bei New York. Das Gesicht von Donald Trump ist kurz nach dem der US-Nationalhymne, gesungen von Jennifer Hudson, auf der Videoleinwand erschienen. Prompt schwappte eine Welle von Buhrufen durchs Stadion (in dem mutmaßlich weit überdurchschnittlich viele „Latinos“ sich aufhielten, die vom US-Präsidenten aggressiv bekämpft werden, rhetorisch und mittels ICE). Er erfuhr so symbolisch seine Ent-Amerikanisierung. Nee, Du stehst eben nicht für „Make America great again“, sondern für ein rassistisches „Make America white again“ (MAWA), und das auch noch, um Dein eigenes Konto und das Deines Clans zu füllen und das von Infantinos Leuten gleich mit. So meine Interpretation. Die Regie schnitt hastig auf eine Luftaufnahme um.
Nach dem Sieg Spaniens über Argentinien wiederholte sich die Szene bei der Pokalübergabe: Buhrufe, während der Präsident sich winkend selbst gefiel und narzißtisch in die Kameras griente. Es folgte jener Moment, der viral ging - Trump blieb auf dem Siegerpodest zwischen den feiernden Spaniern wie eine Statue fest betoniert stehen, statt in angemessener Haltung zur Seite zu treten. FIFA-Präsident Infantino joggte flugs herbei, Kapitän Rodri legte ihm die Hand auf den Rücken - beide, um Trump schnellstmöglich aus dem aus dem Bild zu schieben. Der positionierte sich trotzig am Rande der Szenerie. Der neunzehnjährige Lamine Yamal, gerade Weltmeister geworden, sah Trump mit einem Blick hinterher, für den das Wort „bitterböse” untertrieben erscheint.
Dasselbe Finale bot die erste Halbzeitshow der WM-Geschichte, kuratiert von Coldplay-Sänger Chris Martin: elf Minuten mit kurzen Auftritten von Madonna, der südkoreanischen Gruppe BTS, Justin Bieber, dann Shakira; dazu ein „Earth Ball” in der Stadionmitte und ein Kinderchor, der das Wort LOVE in Regenbogenfarben in die Höhe hielt.
Keiner der Auftretenden sagte auch nur ein Wort gegen Trump. Und trotzdem - da waren sich die Kommentatoren einig - wirkte das Ganze mit dem leider gewählten Präsidenten auf der Tribüne unweigerlich wie ein politisches Fanal, wie eine ästhetische Opposition gegen MAGA: kosmopolitische Globalität, weibliche Selbstermächtigung, eine demonstrativ weiche, unmartialische Männlichkeit teilten sich die Show. Pete Hegseth dürfte beim Anblick von BTS und Justin Bieber gekotzt haben und hat vermutlich erst einmal einen Testosteron-Test veranlasst. Das Line-up selbst bildete eine Opposition zu MAWA, ohne offen den Widerstand zu proklamieren. Die politische Arbeit erledigte das buhende Publikum; die Künstler lieferten das Material, auf das sich diese Ablehnung projizieren ließ.
Die naheliegende Deutung einer solchen Mischung aus Marketing und abstrakter „Love“-Botschaft, während zugleich ICE Kinder deportiert, stammt von der Politiktheoretikerin Chantal Mouffe: Eine solche Show sei postpolitisch. Sie feiere Werte - „Liebe”, „Zusammenhalt”, „Bildung für Kinder” -, gegen die niemand ernsthaft sein könne, und ersetze so ernstzunehmenden politischen Streit durch harmlosen Konsens. Das amerikanische Radio NPR nannte die Botschaft der Show treffend „anodyne”, also zahnlos-harmlos.
Aber: Ist das so? Dass niemand gegen „Liebe” sein könne, ist nur aus der Innenperspektive eines bestimmten Milieus heraus wahr. Man denke an die Agitation von Rechtsradikalen nicht nur im deutschen Osten, auf die Neokonföderierten der amerikanischen Südstaaten, die am liebsten ihre „Rassen“trennung wieder einführen oder alle Schwarzen und Latinos per Einwanderungsbehörde deportieren lassen würden, auf evangelikale Akteure in Südkorea, auf die Kulturpolitik Erdoğans in der Türkei. So groß unterscheiden die sich alle nicht voneinander, und auch Netanyahu sei erwähnt. Von diesen Positionen aus betrachtet ist der Regenbogen-Chor der Halbzeitshow eben kein Konsens, sondern eine Provokation - die sichtbare Behauptung des Vorrangs einer rivalisierenden Lebensform, eine den Ethnonationalismus transzendierende Zukunftsmöglichkeit.
Wie ist das einzuordnen?
In Deutschland kursiert für die neu- und altrechte Agitation der Begriff der rechter Metapolitik: die von Alain de Benoist gramscianisch auf rechts gedrehte Idee, man müsse nicht zuerst die Parlamente, sondern den vorpolitischen Raum erobern - das, was als selbstverständlich gelte, das kulturelle Klima, die Frage, welche Lebensweisen als normal, wertvoll, wünschenswert gelten. Es gebe keinen neutralen Wertehimmel, über den man postpolitisch Einigkeit herstellen könnte. Es existieren nur konkurrierende Lebensformen, von denen im Moment der Show die eine im Bild war und die andere aufgrund von Buhrufen herausgeschnitten wurde.
Wenn es kein Postpolitisches gibt, sondern vor allem umkämpftes Vorpolitisches - dann hilft der Rückgriff auf eine hegelianische Denkfigur, die, lange bevor die Rechte den Begriff der Metapolitik popularisierte, Axel Honneth ausarbeitete, um Ausschnitte aus Historie zu begreifen.
In seinem Buch Kampf um Anerkennung (1992) beschreibt Honneth drei Sphären, in denen Menschen Anerkennung suchen: die Liebe (emotionale Zuwendung, die Selbstvertrauen ermöglicht), das Recht (die Achtung als gleiche, autonome Rechtsperson, die zugleich Selbstachtung ermöglicht) und die soziale Wertschätzung (die Anerkennung der eigenen, besonderen Lebensweise durch eine Wertgemeinschaft, die ermöglicht, sich selbst schätzen zu lernen). Den Motor der Historie setzt Honneth zufolge nicht die Artikulation von Interessen in Gang, sondern erlittene Missachtung: Wer in seiner Lebensform herabgesetzt wird (oder sich so fühlt), erfährt Scham, Wut und Empörung - und diese Affekte können sich in kollektive Kämpfe übersetzen.
Popkultur ist ein Kampf in der dritten Sphäre dessen, was Honneth rekonstruierte. Rock’n’Roll, Beat-Music, der Summer of Love, Soul, Disco, Hip-Hop, House - das war allesamt keine Ringen um gleiche Rechte im engeren Sinne (auch wenn sie mit den Bürgerrechtsbewegungen verwoben waren), sondern Auseinandersetzungen um die Wertschätzung ausgegrenzter Lebensweisen: schwarze expressive Kultur, queere Sozialität, jugendliche Gegenkultur. Der geniale Zug dieser Bewegungen war, dass sie den Wert ihrer Lebensform nicht argumentativ vertraten, sondern performativ vollzogen. Disco führte keinen Beweis, dass die schwarz-queer-latina Clubkultur wertvoll sei. Sie zelebrierte sie auf dem Dancefloor euphorisch, glamourös, unwiderstehlich, und ließ den Anerkennungsanspruch von der Attraktivität der Form selbst tragen - durch Sexyness, nicht durch politische Forderungen.
Ein Beispiel aus jüngerer Vergangenheit: Im Mai 2024 spielte Madonna, die seit den Achtzigern wirkungsmächtigste Pop-Queen der westlichen Welt, zugleich Queer-Icon und, in einem bestimmten Sinne, Feministin, ein kostenloses Konzert an der Copacabana. Madonna hat immer schon Motive und Sounds aus den queeren und BPoC-Clubkulturen vor allem Manhattans aufgegriffen und für den Mainstream übersetzt. Das radikalisiert sie beinahe schon auf ihrem aktuellen Album, von dem ein Ausschnitt beim WM-Finale zu hören war, wenn der Moderator gerade mal nicht dazwischen quatschte - und mit Ronaldo und Ronaldhino saßen zwei Menschen mit auf einem seltsamen Gefährt, mit dem sie auf das Fußballfeld fuhren, die im ICE-Targeting dann, wenn sie normale Bürger wären, schnell in einem Lager landen könnten.
Zurück zum Konzert 2024 in Rio: Rund 1,6 Millionen Menschen kamen an den Strand im Schatten des Zuckerhuts - es handelte sich um das größte Konzert ihrer Laufbahn. Als sie im Verlauf der Performance an die AIDS-Toten erinnerte, Keith Haring, Freddy Mercury, viele Menschen auch, an die sich niemand mehr denkt, alle als schwarz/weiß-Fotos zu „Live to tell“ auf einer Videoleinwand animiert und montiert, sah man im Publikum weinende, schwule Männer - zu jung, als dass sie die AIDS-Katastrophe selbst noch erlebt hätten. Doch Madonna schenkte in diesem Moment jenen Anerkennung, derer selten gedacht wird, rückte einen Moment der Gay-History ins Rampenlicht. Alte Missachtungserfahrungen stiegen auf und erfuhren für einen kurzen Moment Erlösung - ein kollektiver Akt der Anerkennung für Menschen, denen eine Gesellschaft jahrzehntelang sogar die Trauer verweigerte.
Genau das meint Honneth, wenn er von der Möglichkeit der Wertschätzung eigener Historie spricht durch geteilte Erfahrungen. Das ist ein Strang der Popmusik, der auf jeder CSD-Demo zu hören ist.
Wertschätzung ist ein positionales Gut - sie wird zumeist jenen zuteil, die als Akteure der Dominanzkultur agieren können. Wenn die Achtung, die einer bisher verachteten Lebensform zuwächst, steigt, erleben Teile der vormals hegemonialen Gruppe das oft als eigene Herabsetzung - als Statusverlust, als Kränkung. Affektiv erfährt sie das häufig als eine Missachtung, weil sie ihren Status doch aus Abgrenzung zu den „Perversen“, den Rassifizierten, den Migrantisierten und Marginalisierten erreichte. So wie die sind wir nicht, und wenn überhaupt, dann allenfalls Allys. Wir gestehen uns Vereinnahmung zu, Missbrauch, Stereotypisierung - aber wollen dabei das Ruder in der Hand behalten. Ein eigenständiges, autonomes, Wertschätzung für sich selbst ausagierenden Verhalten derer, gegen die man sich abgrenzte, um eigene Identität zu gewinnen, wird sanktioniert. All das speist denselben Honnethschen Motor: Scham (bei den GRÜNEN sprechen manche mittlerweile auch von „Beschämung durch woke“, wenn Dominanzkulturen kritisiert werden), Wut, Empörung, auch Hass - nur reaktiv gewendet. Manchmal auch gegen die „Undankbaren“. Jetzt habt ihr schon die Gleichstellung und huldigt uns immer noch nicht.
Ein historisches Datum für solche Gegenschläge ist der 12. Juli 1979, die Disco Demolition Night im Comiskey Park in Chicago (für deutsche Leser, denen der Vorgang wenig sagt: Zwischen zwei Baseballspielen eines Doppelprogramms sprengte der Rockradio-Moderator Steve Dahl eine Kiste voller Discoschallplatten in die Luft; Zehntausende stürmten das Feld, es kam zum Aufruhr, das zweite Spiel musste abgesagt werden. Man kann dazu derzeit einiges im „Summer of Disco“ bei ARTE schauen). „Disco Sucks” wurde zum Schlachtruf. Historiker lesen die Veranstaltung heute weitgehend übereinstimmend als das, was sie war: ein Backlash mit rassistischen und homophoben Untertönen, die trotzige Verteidigung einer weißen, heterosexuellen Rock-Männlichkeit gegen den Aufstieg schwarz-schwul-latina Discokultur. Was dabei gleich mit überschrieben wurde war, dass auch Rockmusik im Blues, also schwarzen Kulturen gründete.
In Honneths Begriffen ist das ebenfalls ein Kampf um Anerkennung - aber von beunruhigender Struktur. Die rechte Metapolitik will ihre Lebensform nicht bloß anerkannt, sondern als vorrangige anerkannt wissen, und erlebt die egalitäre Anerkennung der anderen als eigene Entwürdigung. Eine Regenbogenflagge feiert nicht etwa die eigene Wertschätzung von Queers in deren Augen - sie stelle das infrage und greife an, was an „traditionellen Lebensformen“ doch a priori richtiger sein. Das führt weltweit zu „Homopropaganda-Gesetzen“. Diese „traditionellen Lebensformen“ scheinen arg fragil zu sein, wenn schon eine Fahne und gleichgeschlechtliches Knutschen eine derart brutale Gegenreaktion bis hin zur Todesstrafe nach sich ziehen können. Auch die reaktive Seite arbeitet meist performativ und positiv: Sie zelebriert ihre eigene Lebensform (Heartland-Authentizität, traditionelle Familie, nationaler Stolz, Rock-Männlichkeit) und lässt den Ausschluss des anderen leise in der Huldigung eigener Riten mitlaufen. Die Trump-Rallye ist, ästhetisch betrachtet, näher an einem Konzert situiert als an einer Parteitagsrede.
Doch auch MAWA bekommt nicht weg ästhetisiert, was doch in der Unsichtbarkeit verschwinden soll. BTS - für deutsche Leser: die kommerziell erfolgreichste Boyband der Welt, sieben junge Südkoreaner, die 2020 eine Million Dollar an “Black Lives Matter“ spendeten, woraufhin ihre Fangemeinde, die „ARMY”, binnen eines Tages dieselbe Summe auch noch mal zusammen kratzte - traten auf. Sie verkörpern eine Männlichkeit, die für europäische wie amerikanische Augen betont weich, ja im positiven Sinne feminin wirkt. Justin Bieber, das einstige kanadische Teen-Idol, hat sich in den letzten Jahren als Sänger einer geradezu programmatisch verletzlichen Männlichkeit neu erfunden - Therapie, Tränen, emotionale Blöße als Bühnenprogramm. Selbst im deutschen Bluesky hieß es daraufhin „Schlaftablette“. Dabei bringt Bieber schlicht Widerstand gegen die grausam-toxische MAWA-Männlichkeit auf die Bühne. Kann man als „Schmerzensmann“ verhöhnen, muss man aber nicht. Verglichen mit Hegseth und Co ist das allemal die bessere Variante.
Auch das ist Anerkennungskampf: der Versuch, Weichheit, Fragilität, Androgynität bei Männern schätzenswert zu machen, statt sie als Makel zu begreifen. Und exakt darum liest es sich als Anti-Trump, ohne dass ein Wort fällt.
Die reaktive Ordnung des Strongman-Habitus erlebt die steigende Wertschätzung dieser Männlichkeitsformen als Kränkung, klar. Und auf Bieber stehen dann auch noch die jungen Mädchen, wie auch auf BTS (und „Heated Rivalry“). Das kann in Lebenswelten in offene Aggression und Gewalt umschlagen.
Der rassistisch grundierte Spott zudem, BTS könnten „ja gar nicht singen”, der nach dem Auftritt prompt durch die sozialen Netze lief, ist die Missachtungsreaktion einer bedrohten Geschlechterordnung. Es ist „Disco Sucks”, transponiert auf die Achse der Männlichkeit. Der Blick nach Südkorea schärft das noch: Dass ausgerechnet aus einer Gesellschaft mit mächtiger evangelikaler Lobby und ohne „Ehe für alle“ die global sichtbarste weiche Männlichkeit kommt, zeigt, dass dieser Kampf grenzüberschreitend derselbe ist.
In Deutschland bekommt man so etwas wie üblich gar nicht erst mit. Hier streitet man dieser Tage über den Rapper Danger Dan, der am 17. Juli seinen Song „Keine Angst” veröffentlichte, eine Art Anleitung zum Widerstand gegen rechte Strukturen, wie er seit den 90ern erprobt wurde, lokal von aufopferungsvollen punktuell Erfolge zeigte, dem ist Anerkennung zu zollen, die AfD-Erfolge letztlich aber auch nicht aufhalten konnte - eher das Gegenteil ist der Fall.
Das ZDF hatte ihm und dem Pianisten Igor Levit einen geplanten Auftritt in der Jubiläumsausgabe der Satiresendung “Die Anstalt” kurzfristig untersagt, ausgerechnet Jan Fleischhauer wurde in einer ASPEKTE-„Einordnung“ dazu befragt, als hätte nun ausgerechnet der etwas dazu zu sagen, hatte er wie üblich nicht - weil die ZDF-Geschäftsführung im Lied einen möglichen „Aufruf zur Gewalt” vermutete. Woraus prompt eine Debatte über Kunstfreiheit und Zensur wurde. Der Song benennt konkrete Namen aus dem Umfeld militanter linker und antifaschistischer Politik; Kritiker wie Daniel Bax warfen ihm in der taz vor, damit zu Anprangern und Doxing aufzurufen, also eine Taktik zu übernehmen, die sonst Rechtsextreme nutzen. Ästhetisch, spottet Bax, sei das ein vertontes Antifa-Flugblatt.
Was Danger Dan wirklich will, wird in der Ankündigung zu seinem Album explizit: kein „Plädoyer für die Liebe”, kein „Gesülze über Gemeinschaft”, sondern Antifaschismus, radikale Kunst, schonungslose Auseinandersetzung.
Das ist eine direkte Absage an genau jene Register, in dem die WM-Halbzeitshow mit ihrem LOVE-Chor operierte. Und hier zeigt sich das Problem: Danger Dan sucht Anerkennung für eine ganz bestimmte linke Politik - die in Teilen militante, subkulturell verankerte Antifa der neunziger Jahre. Diese Politik ist historisch weitgehend gescheitert, und zwar aus einem strukturellen Grund: Sie kennt als Referenz immer nur sich selbst, linke Subkulturen, und deren Opponenten, Nazis. Sie bezieht queere und postmigrantische Akteure oft nicht explizit ein. Sie ist, bei aller Radikalitätsgeste, provinziell. Es existiert keine Öffnung hin zu Protesten gegen ICE, so etwas wie ostasiatische Popkultur gibt es nicht in dieser Welt und eine Persönlichkeit wie Madonna schon mal gar nicht, und das eigene pathetische Mackern am Piano kann sich mit der Sprengkraft von BTS nicht messen. Man bezieht sich auf das, was man aus der linken Kneipe immer schon kannte und verweigert sich allen Ästhetiken, die über das „politische Lied“ hinaus gehen, nachdem man die kulturelle Aneignung des Hip Hop in der Antilopengang zugunsten des „erwachsenen Liedermachers“ hinter sich ließ.
Im Honnethschen Raster wird: Der performative Modus marginalisierter Kulturen – Disco, der CSD, übersetzt ins massenkompatible, somit auch wirkungsmächtiger Madonna, BTS (die abgesehen davon auch durch in Europa als „links“ gelesene emanzipatorische Forderungen in Verteilungsfragen im feudal durchsetzten Turbo-Kapitalismus Südkoreas bekannt wurden) – gewinnt Anerkennung durch die Attraktivität der eigenen Lebensform und ist deshalb universalisierbar und anschlussfähig. Danger Dans Modus dagegen importiert die Freund-Feind-Unterscheidung in ein Register, das eher sterbenden linken Subkulturen in Deutschland Anerkennung verschaffen will, dabei aber noch nicht mal den Schulterschluss mit dem sucht, was Merz im Falle von „Gillamoos ist Deutschland, nicht Kreuzberg“ attackierte: postmigrantische Kulturen in Metropolen. Danger Dan klebt am Gegner und thematisiert nicht, wer potenziell deportiert werden soll. Und weil er an sich selbst und Nazis fest hält, ist er weder universalisierbar noch koalitionsfähig - nicht einmal unter potenziellen Verbündeten, weshalb ihn ausgerechnet linke Kritiker zerpflücken. Der Preis der Unanschließbarkeit ist die Reichweite. Man kann keine Halbzeitshow für 1,6 Milliarden Zuschauer aus reinem Anprangern bauen. Man kann daraus nicht einmal eine breite Bewegung bauen.
Während sich die Linke an der Frage abarbeitet, ob ein vertontes Flugblatt zu viel oder zu wenig ist, vollzieht die andere Seite den Rollback ganz entspannt aus der Regierung heraus. Bundesbildungs- und -familienministerin Karin Prien (CDU) sagte im März in einem Interview mit der taz den Satz, der seither oft zitiert wird: „Vielfalt sehe ich nicht als staatliches Förderziel.” Im Zuge des Umbaus des Programms „Demokratie leben!” wurde rund zweihundert Projekten die Förderung entzogen, darunter zahlreiche queere Initiativen; der Begriff „Queerpolitik” verschwand aus dem Titel des zuständigen Referats. Prien verteidigt das als Umsteuerung hin zur „Mitte der Gesellschaft” und zu jenen, „die auf der Kippe stehen” - Vielfalt sei „grundsätzlich positiv”, nur eben keine Aufgabe des Staates. Flankiert wird sie von Kulturstaatsminister Wolfram Weimer, der schon vor seinem Amtsantritt von den „masochistischen Zügen des Multikulturalismus” schrieb und den Verfassungsschutz in Förderentscheidungen einbezieht. Jetzt soll Anerkennung wieder der Dominanzkultur gelten. Das ist MAWA Light.
Man kann über die Zielgenauigkeit staatlicher Programme streiten, und Prien beansprucht genau das für sich. Aber strukturell ist die Bewegung dieselbe wie 1979 in Chicago: Da wird der wachsenden Wertschätzung einer bisher subordinierten Lebensform der staatliche Boden entzogen, mit der Begründung, man kehre nur zur „Mitte”, zum „Normalen” zurück. „Vielfalt ist kein Förderziel” ist die bürokratische, in Ausschusssprache übersetzte Version von „Disco Sucks”. Kein Feuerwerk über einem Baseballfeld, sondern ein gestrichener Haushaltsposten. Die Kränkung, die sich hier die Bahn bricht, ist dieselbe: dass jene jetzt sichtbar, gefördert, selbstverständlich sein dürfen, eben die “Normalen”, “Deutschland, aber normal” nennt das die AfD, und die anderen sollen sehen, wo sie bleiben. Nicht einmal vor dem Kappen der Finanzierung von Suizidprävention im Falle queerer Menschen macht die Regierung halt. Was daraus für Schlüsse zu ziehen sind, das können sich ja alle selbst überlegen.
Wer opponiert derzeit dagegen am massivsten im Kampf um Anerkennung? Nicht Danger Dan. Auf den Christopher-Street-Day-Demonstrationen übernehmen Menschen den Job, performativ und lustvoll. Über die Boxen der Trucks ist mit Sicherheit Madonna zu hören, wahrscheinlich BTS, ziemlich sicher Bieber, zudem Charlie XCX (kennt Danger Dan sie?), Troye Sivan und viele House-Klassiker - und beim „Ally-“, also „Wir sind doch nicht schwul“-Truck des FC St. Pauli (Abre numa nova janela) vielleicht auch kurz zwischendurch Danger Dan.
Der CSD gewinnt Anerkennung so, wie Disco sie gewann: durch die begehrenswerte Selbstdarstellung der eigenen Lebensform, durch Freude als Argument, durch die schiere Masse der Leiber. Und genau das ist auch der empirische Befund - diese Umzüge ziehen nachweislich um Größenordnungen mehr Menschen an als die selbstbezüglichen linken Subkulturen, die eine Gewaltdebatte in Kauf nehmen und dann überrascht sind, wenn das ZDF absagt.
Der CSD ist Metapolitik im ursprünglichen, positiven wie auch progressiven Sinn: Eroberung des vorpolitischen Raums durch Attraktivität, nicht durch Anprangern. Dass gerade solche Veranstaltungen zunehmend von Neonazi-Gruppen gezielt angegriffen werden, ist kein Zufall, sondern die logische Antwort der Gegenseite - denn nichts fürchtet die reaktive Kränkung so sehr wie eine Lebensform, die man nicht widerlegen, sondern nur verbieten kann.
Darauf läuft es hinaus: Man beschreibt diese Auseinandersetzung gern als Dialektik, als These und Antithese, als zwei gleichrangige Lager im Kulturkampf. Das ist falsch. Die Struktur ist zutiefst asymmetrisch.
Die progressiven Bewegungen haben nie verlangt, dass andere so werden wie sie. Sie wollten Anerkennung für die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit - aber sie haben nie für die Abschaffung der Heterosexualität plädiert, nie gefordert, dass niemand mehr in einer traditionellen Familie leben dürfe, nie den Rock verbieten wollen, um Platz für die Disco zu schaffen. Ihr Anspruch war additiv: auch wir, auch dies, auch so. Es ist ein Kampf um das Recht, dazuzugehören, ohne sich verstellen zu müssen.
Die reaktive Seite dagegen bildet sich chronisch das Gegenteil ein. Sie unterstellt der anderen Lebensform genau jenen Verdrängungs- und Bekehrungswillen, den sie selbst ausagitiert. Sie glaubt allen Ernstes, das andere könne so verführerisch sein, dass es die eigene Ordnung auslöschen würde, wenn man es denn gewähren ließe - und reagiert deshalb nicht mit Konkurrenz, sondern mit Verbot, mit Streichung (Gruß an Frau Prien), mit Sprengung, mit Deportation.
In dieser Projektion artikuliert sich das Geständnis: Wer meint, er müsse die freie Entfaltung des anderen unterdrücken, gesteht damit, dass er der eigenen Lebensform diese Anziehungskraft gar nicht zutraut.
Darin liegt die Asymmetrie der Dialektik, die kein Danger-Dan-Song und keine Buhrufe im Stadion auflösen: Die einen wollen nur die freie Entfaltung ihrer Persönlichkeit. Die anderen wollen sie verhindern. Das ist kein Streit zwischen zwei Sehnsüchten nach Herrschaft. Es ist der Unterschied zwischen einem Tanz und brutaler Unterdrückung.
Yamals Blick auf Trump am Sonntag hat das ziemlich genau getroffen.