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Zum Pride Month, Teil 2

... wie sich das, was Pride Month werden sollte, in meinem Debut-Roman "Das Erbe" zeigt

“Das Erbe”, mein Debut-Roman, spielt rund um den Jahreswechsel 1992/1993.

In meiner persönlichen Biografie bildete dieses Silvester den Zeitpunkt kurz vor einem fundamentalen Umbruch, Aufbruch und zugleich auch Weg in eine Welt, in der ich vieles erfahren sollte, was ich gar nicht erfahren wollte, und auch viel Gutes, Produktives, auf das ich stolz bin.

Im späten Frühjahr 1993 begann ich ein Praktikum bei BRAVO TV. Der TV-Produktionsfirma Me, Myself & Eye TV-Sendung gelang es über Deals mit dem Bauer-Verlag wie auch mit RTL 2, das TVMagazin zum legendären Teenager-Zentralorgan ins Fernsehen zu bringen. Die Moderationen mit Kristiane Backer wurden in London aufgezeichnet, die kleine Redaktion saß in Hamburg Wandsbek, Holzmühlenstraße. Sie erhielt ungefähr zu dem Zeitpunkt, als ich dort begann, den ersten Apple LC II für die gesamte Redaktion. Man setzte ergänzend früh auf digitale Schnittsysteme, AVID. Ich sollte bis 2008 bei der MME arbeiten und ahnte zu diesem Zeitpunkt noch nichts davon, dass es auf so einen langen Zeitraum hinauslaufen sollte.

Ich absolvierte das Praktium neben einem Studium mit Philosphie im Hauptfach, Soziologie und Sozial- und Wirtschaftgeschichte im Nebenfach, und jobbte bis zum Wechsel zur MME in einem Behindertenwohnhaus. Dort putzte ich, half Menschen dabei, abends ins Bett sich zu legen, Einkäufe zu erledigen und auch bei Schulaufgaben in einem Fall, da eine der Bewohnerinnen ihr Abitur nachholte.

In dem Roman ist Silvester 1992/93 ein Höhepunkt- und Plotpoint inmitten Hamburgs, den ich hier nicht vorweg nehmen will. Im wahren Leben verbrachte ich es mit einem Freund in Paris. Wir schliefen in einem Hotelzimmer oberhalb des Viertels rund um die gigantische Metro-Station “Les Halles”. Es verfügte über keine Fenster zur Straße oder auf einen Hinterhof hinaus - lediglich solche mit Milchglas zu der Waschküche des Hotels. Wir hörten die Maschine laustark schleudern und tauften sie “Madame Lavage”. Am Silvester-Abend aßen wir erst in einem chinesischen Reaturant, gingen anschließend zu dem Square du Vert-Galant, ein kleiner Park an der Spitze der Île de la Cité. Auf dieser befindet sich auch Notre-Dame. Dort stießen wir mit Sekt an auf das neue Jahr und standen anschließend, etwas desorientiert, am Quai de Conti, unweit der Brücke Pont Neuf, wussten nicht so recht, wohin wir nun gehen sollten.

Direkt auf mich zu kam ein durchaus attraktiver Franzose, verwickelte mich in ein Gespräch - und wir zogen mit einer Gruppe Queers von nun an durch Paris, waren zu Gast bei einem Essen mit vielen Menschen in einer winzigen Wohnung mit Blick auf Les Halles, zogen noch durch die Szene-Kneipen im Marais und hatten die nächsten Tage zwei Stadtführer namens Christian und Jean-Claude an unserer Seite.

So ungefähr die “Community-Erfahrung” jener Tage. In Europa gab es durchaus “Stonewall-Demos” anlässlich der Erinnerung an die Riots in New York 1969. Sie waren noch lange nicht zu der Größe angewachsen, die sie in den frühen Nullerjahren erreichen sollten. Es gab noch kein Internet, und wer etwas von den politischen Aktionen in den USA erfahren wollte, musste sich Mühe geben, es zu erfahren. Es existierten politische Gruppen. Bei AIDS-Benfiz-Veranstaltungen kamen diese und die “Party Crowd” rund um Clubs, Bars und Kneipen auch zusammen; ansonsten scheint es mir im Nachhinein so, als sei auch eine treibende Kraft der Emanziption der Dancefloor gewesen und all das, was sich im Nachtleben sonst noch so entfaltete. Es lag gerade mal 2 Jahre zurück, dass es aufgrund des ersten “schwulen Kusses” in der Lindenstraße Morddrohungen hagelte - zugleich konnte man zumindest im NDR die Schmidt-Show, live aus dem Tivoli am Spielbudenplatz, sehen, die so selbstbewusst queer sich präsentierte, dass heute die AfD auf die Barrikaden gehen würde und Teile der CDU/CSU vermutlich ebenso.

So in etwa der historische Rahmen, in dem der Roman situiert ist. In der Philosophie und noch stärker in den Literaturwissenschaften diskutierten studierende Queers zu jener Zeit vor allem die “postmodernen Philosophen”, immer noch bei Susan Neiman und ostdeutschen AfDlern gleichermaßen verhasst - Lyotard, Deleuze-Guattari, Derrida. Ich bildete mit meiner gleichzeitigen Orientierung an Habermas und Arendt eher die Ausnahme, rezipierte jedoch außerordentlich intensiv Michel Foucault und bastelte mir daraus meine schwule Philosophie auf Basis der Grundrechtskonzeptionen von Habermas, zugleich die “Urteilskraft des Paria” im Werk Arendts ernstnehmend. Diese Erfahrung floss direkt in den Roman ein, als ich ihn schrub.

Texte aus den USA waren zu jener Zeit nicht ohne weiteres, soll heißen: ohne einen gewissen Aufwand, zugänglich. Das bahnbrechende Queer Nation Manifesto (Abre numa nova janela) kannte ich zu jenem Zeitpunkt noch nicht. Selbst die Judith Butler-Diskussion setzte gerade erst ein. Im Roman nehme ich eine “Was wäre wenn”-Rückprojektion vor: was wäre eine dem Christian Bettges von einst in mancherlei Hinsicht ähnliche, in anderer auch gar nicht, Hauptfigur auf einmal sehr viel Geld zur Verfügung hätte und ihm das Queer Nation Manifesto vor die Füße fiele? Dieser Moment ist ein “Plot-Point” im Roman.

Wie das so ist, lesen zuerst Familienmitglieder die eigenen Werke. Meine Schwester zeigte sich etwas irritiert, angesichts dessen, dass in meinem Roman zum Teil “die Heterowelt” ziemlich auf die Nase bekommt und auch das Modell der heteronormativen Kleinfamilie von den Figuren attackiert wird.

Das lag jedoch damals auch bei nicht-queeren Freund*innen durchaus im Trend - fast alle waren damit beschäftigt, das, was sie in ihren Herkunftsfamilien an Prägungen erfahren hatten, zu verarbeiten und zu transformieren. Hinzu kam die Kritik von Geoffroy des Lagasnerie am Familianismus (Abre numa nova janela), mit der ich mich beschäftigte, als ich den Roman geschrieben habe. De Lagasnerie erhielt ausgesprochen harsche Reaktionen auf diesen Ansatz - umgekehrt braucht man nur AfD-Wahlprogramme lesen, um festzustellen, wie er darauf kam. Hier erscheint die weiße Familie der “Einheimischen” als Bastion gegen den - so schreien die AfD-Anhänger es auf Demos - “Volkstod”, in der Frauen brav gebären sollen und Kinder gefälligst frei von sonstigen Einflüssen das zu leben haben, was die Eltern ihnen befehlen. Auf dass sie durch und durch von ihren Eltern indoktriniert auch ja in den Korsetten “traditioneller” Lebensformen inhaftiert bleiben und zwar solcher, die erst im 19. Jahrhundert im Zuge der Verbürgerlichung von Arbeitern sich flächendeckend durchsetzten.

Das dann abzustreifen und stattdessen sich auf die Suche nach dem zu begeben, was das Leben an Freiheitsmöglichkeiten bietet - das sehe ich als Teil des Erbes queerer Bewegungen. Die nie auf die Idee kamen, nun Menschen ins Wohnzimmer ins zu laufen und ihnen zu erzählen: Ihr lebt aber falsch! Sondern die für sich Räume für soziale Konstellationen erkämpfen wollten, das auch wütend artikulierten, ja, artikulieren mussten, um umgeben von den Idealen der Heterowelt Autonomie gewinnnen zu können - mit anderen Worten: Selbstbestimmung.

Das Queer Nation Manifesto ist ein Dokument aus jener Ära - und mein Roman heißt nicht nur “Das Erbe”, weil in ihm jemand viel Geld erbt. Sondern auch, weil er Elemente queeren Erbes enthält.

Ich las damals die Interviews mit Michel Foucault in dem Merve-Bändchen “Von der Freundschaft als Lebensweise”. Auch dieses spielt eine Rolle in dem Roman. Der Roman lag relativ lange auf meiner Festplatte herum, weil ich mir nicht mehr sicher war, worin seine Aktualität bestand. Nach der Wahl Donald Trumps in den USA wie auch einer allgemeinen Anpassung an AfD-Doktrinen bis in die CDU hinein erschien es mir angemessen, diese Wut von einst, im Roman Thema, nun als eBook zu veröffentlichen.

Kontrahent der Hauptfigur Falk ist sein Stiefbruder Christoph, der auf St. Pauli eine kleine evangelikale Gemeindes betreibt. Auch das erschien zum Zeitpunkt des Verfassens beinahe schon platt. Als jedoch ein weißer, christlicher Nationalismus in den USA immer mehr Oberhand gewann und hierzulande schon Fussballprofis als Influencer für evangelikale Sekten auftreten, hatte ich nicht mehr den Eindruck, an der Gegenwart vorbei zu schreiben.

Von daher hier ein sehr kurzer, programmatischer Auszug aus meinem Roman “Das Erbe (Abre numa nova janela)” - Falk trifft auf das Queer Nation Manifesto (das ich im Roman aus Versehen ins Plural transformierte, Nations statt nur einer). “Paris is burning (Abre numa nova janela)” ist der berühmte Film von Jenny Livingston. Wie auch andere Filme des New Queer Cinema habe ich ihn explizit zum Thema in dem Roman gemacht - andere der Werke aus jener “Bewegung” wanderten in Figurenkonzeptionen ein.

How can I tell you. How can I convince you, brother, sister that your life is in danger: That everyday you wake up alive, relatively happy, and a functioning human being, you are committing a rebellious act. You as an alive and functioning queer are a revolutionary. There is nothing on this planet that validates, protects or encourages your existence. It is a miracle you are standing here reading these words. You should by all rights be dead. Don’t“ „be fooled, straight people own the world and the only reason you have been spared is you’re smart, lucky or a fighter. Straight people have a privilege that allows them to do whatever they please and fuck without fear. But not only do they live a life free of fear; they flaunt their freedom in my face.

Die Sätze aus dem “Queer Nations Manifesto” gingen Falk durch und durch. Nachdem er nun auch noch „Paris is burning“ gesehen hatte, endlich, erst recht. Dieses Manifest formulierte die Vision der „Army of Lovers“, die gar nicht falsch liegen könne und sich aggressiv gegen die Heterowelt zu behaupten habe. „Army of Lovers“, hieß so nicht sogar dieser Dance-Act, zu dessen „Cruzified“ er so gerne tanzte?

Er musste, schon aus Rache an Christoph, diesem Hetzer, die „Community-Idee“ vielleicht wirklich mit der Gemeinde-Idee der Christen verbinden und dann einen queeren Gegenentwurf für sein Referat entwerfen. Und in der realen Welt ebenso. Einen, der dieses abgestandene, völkische, das im deutschen Begriff der „Gemeinschaft“ immer schon enthalten war, gegen den Strich bürstete. Das zu erdenken, das würde schon kompliziert, aber wenn man es einfach rückbezog auf gemeinsame politische Kämpfe als Gegenmodell zu vermeintlich „organischen“ Gemeinschaften, dann könnte er damit punkten. Falk fühlte Nervosität in sich aufsteigen. Das war immer ein gutes Zeichen, dass der erdachte Inhalt auch kickte. “

Und hoffentlich aktuell inspiriert …

Tópico Gesellschaft

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