
Sich zeigen oder hinter Berufsrollen verstecken? Für mich eine zentrale Frage in diesem Leben. Ich habe es nun gewagt und die erste Variante ausprobiert. Wobei das "sich" eine Romanfigur namens Falk Fischer ist, die in vielerlei Hinsicht so viel nun auch nicht mit mir zu tun hat. In anderer schon.
Ich habe meinen ersten Roman "Das Erbe" veröffentlicht! (Abre numa nova janela) Lange schon lag er auf meiner Festplatte herum, geschrieben habe ich ihn vor über einem Jahr und dann immer wieder neu Korrektur gelesen. Er durchlief kein Lektorat – das kann gut für das Werk sein oder auch nicht. Ich weiß es nicht.
Seitdem ich die erste Version verfasst habe, hat sich politisch sehr viel verändert. Es zeichnete sich zwar ab, dass Merz Kanzler werden würde, Trump war schon gewählt. Ich wusste um das "Project 2025 (Abre numa nova janela)" – dennoch habe ich nicht mit der Geschwindigkeit gerechnet, in der Attacken auf Queers einsetzen würden. Auch nicht mit damit, wie rasend die Renaissance eines christlichen Nationalismus und Fundamentalismus sich durchsetzen würde, der auch in Deutschland unter dem Banner der "Meinungsfreiheit" vehement verteidigt wird.
Er spielt in "Das Erbe" eine Rolle.
Es kam mir beim Schreiben beinahe schon wie ein Klischee vor, den Helden mit Leviticus 18,22 und 20,13 zu konfrontieren (Abre numa nova janela). Erstmals zitierten mir die Zeugen Jehovas an der Haustür unseres Reihenhauses diese Passagen zur sogenannten "Homosexualität" – die Zeilen zu Gräuel und Todesstrafe für Schwule. Eine solche Szene mit den Zeugen Jehovas findet sich auch in "Hundesohn" von Ozan Zakariya Keskinkılıç (Abre numa nova janela). Er kontert originell mit Suren aus dem Koran. Ich war zur Zeit meiner Begegnung mit den Zeugen Jehovas selbst kurz zuvor noch in der Jugendarbeit einer evangelischen Kirche aktiv und doch einigermaßen verstört, als ich mit den Leviticus-Passagen konfrontiert wurde. Nun haben genau diese “göttlichen Gesetze” aus der Bibel auf einmal die große politische Bühne betreten – nach der Ermordung Charlie Kirks.
Was ich aus dem Engagement in der Elisabethkirche in Langenhagen mitnahm als tatsächlich gut, das waren weniger Bibel-Zitate als der Gemeinde-Gedanke. Ein Ansatz, der in dieser zumindest in Teilen auch gelebt wurde. Englisch: Community.
Eine zentrale Rolle spielt so in "Das Erbe" das Queer Nation Manifesto (Abre numa nova janela). Der Roman spielt in den frühen 90er Jahren, als dieses in New York erschien. Das nährte eine der Prämissen des Romans, inspiriert unter anderem durch Geoffroy de Lagasnerie: eine Kritik des Familianismus (Abre numa nova janela). Nicht, weil meine eigene Herkunftsfamilie nun doof wäre oder mich nie unterstützt hätte, ganz im Gegenteil. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken. Ich bin somit auch nicht der Versuchung erlegen, sie nun – wie Édouard Louis oder Didier Eribon das in jedem neuen Buch tun – in den Mittelpunkt zu rücken. Der familiäre Hintergrund der Hauptfigur in "Das Erbe", Falk Fischer, unterscheidet sich in jeder Hinsicht von dem meinen. Sein Leben als Philosophie-Student allerdings nicht.

Unsere Utopie damals, in den frühen Neunzigern, war die "Ersatzfamilie", die eher durch gemeinsame Ausflüge in das Nachtleben Verbundenheit erlebte. Das erwies sich zwar als instabil. In "Das Erbe" habe ich dennoch versucht, es weiterzuspinnen. Ein vereinsamter Philosophiestudent erbt viel Geld, sehr viel Geld, und muss es irgendwie ausgeben. Im Zuge dessen formt sich so etwas wie ein familiärer Freundeskreis um ihn herum – inmitten einer von House Music, aber auch der Knef und Georgette Dee geprägten Szenerie. Doch die antagonistischen Kräfte formieren sich und bringen das Leben der “Gang” in Gefahr …
Es ist ein Hamburg-Roman, der allerdings vor allem auf St. Pauli, in der Neustadt und im Schanzenviertel spielt. Reine Fiction, doch wenn es mir gelungen sein sollte, ein wenig vom "Hamburg-Feeling" kurz nach der "Wieder"vereinigung einzufangen, dann freut mich das. Er enthält viele Anspielungen auf Queer History, auch auf Popkultur im Allgemeinen, vor allem Eurodance – und scheut sich nicht, Philosophien und Philosophen, mit denen ich mich damals beschäftigt habe, so, wie ich sie damals wahrgenommen habe, in Ansätzen zu referieren.
Kerngedanke war, einen Roman zu schreiben, in dem Queers nicht einfach nur Opfer sind - gleich am Anfang zusammengeschlagen werden und dann ihr Leben so rekonstruieren, dass sie erzählen, was die erlittenen Wunden so alles aus ihnen gemacht haben. Sondern dass sie sich wehren. Auch mit Mitteln, die ich im realen Leben nie gutheißen würde, falsch finde und verurteile. Ist aber Fiction, und Fantasie kann emotional empowern. Es ist auch kein Tarantino dabei rausgekommen. Prisen von Lisbeth Salander sind enthalten. Anspielungen auf das New Queer Cinema ebenso. Dieses verfolgte das Konzept, die Repräsentation von Queers nicht dadurch legitimieren zu wollen, dass nur Vorbilder in Zusammenhängen bürgerlicher Wertesysteme auf die Leinwand gebannt werden. Mein Roman ist weniger radikal, aber die Idee finde ich auch weiterhin gut.
Der Plot – der Roman ist in seiner Gesamtheit geplottet und versteckt auch nicht manche Inspiration durch populäre Serien und Armistead Maupins "Stadtgeschichten", und ob er nun "Literatur" im bürgerlich-wertenden Sinne ist, das weiß ich nicht – kann dem Klappentext oder auch der Beschreibung bei Amazon entnommen werden. Er ist hier und da kinky; ich habe mich trotzdem gewundert, wieso ich ihm vorsichtshalber eine Warnung voranstelle, dass in ihm auch schwuler Sex vorkommt. Kein Hetero-Autor warnt in seinem Roman explizit vor Heterosex. Vor Sex im Allgemeinen, ja, aber die konkrete Orientierung wird in solchen Fällen nicht markiert.
Solche Fragestellungen diskutiert der Roman immanent. Nachhaltige Inspiration verdanke ich auch "Out of the Shadows (Abre numa nova janela)" von Walt Odets. Nur die eigenen Erfahrungen zu generalisieren kann ja auch in narzisstische Selbstbespiegelung münden. Ich habe durchaus recherchiert für "Das Erbe" – obgleich einiges auftaucht, was ich zumindest ähnlich selbst erlebt habe.
Ich freue mich, wenn er Leser*innen findet. Nicht nur queere. Wir lesen ja auch Hetero-Literatur. Wenn das umgekehrt geschieht, auch bei Büchern, die nicht wie von Édouard Louis eh ein Hetero-Publikum adressieren und sich fortwährend beim eigenen Herkunftsmilieu entschuldigen, dann kann das ja auch gegen die MAGAisierung der Republik helfen.
Zumindest darf ich mich jetzt auch Schriftsteller nennen. Und das wollte ich seit meinem 14. Lebensjahr immer schon. Und es tut gut.