Rechtskonservative Grausamkeit, kulturelle Persistenz und die Legitimationsmythen der Radikalen Rechten
Die MAGA-Maschine: Kernthesen des amerikanischen Befundes
Der Essay “The MAGA Machine: A Post-Mortem of the American Conscience (Abre numa nova janela)” im Substack “The Rational League” rekonstruiert treffsicher und reich an Quellen aus der psychologischen Forschung zentrale Mechanismen der Politik Donald Trumps.
Implizit bewegen die Analysen im Rahmen von Modernisierungstheorien von Marx über Max Weber hin zu Horkheimer und Adorno oder auch Jürgen Habermas - ohne auf diese Bezug zu nehmen. Thema ist: wie ist es möglich, dass sich für sittsam und anständig haltende Konservative durch das Triggern ihre affektiven Disposition, um sie herum lauernde Gefahren zu fürchten, mit auf Identität, Loyalität und nationalistischen Narzissmus zielende Propaganda gelockt noch Grausamkeiten richtig finden? Indem man also so agiert wie Donald Trump und dessen MAGA-Maschine. Klar. Mit dem Effekt, dass noch extreme Maßnahmen als gerechtfertigt wahrgenommen werden; ja, deren offene Inszenierung bejubelt wird.
Die zentrale Beobachtung in dem Essay: MAGA-Anhänger feiern nicht Grausamkeit als solche, sondern das, was ihnen als Gerechtigkeit, Sicherheit und Ordnung präsentiert wird. Das ist der Schlüssel zur gesamten Architektur,
Die Maschine läuft auf vier ineinandergreifenden Elementen:
- Erstens “motivated reasoning”. Man könnte das wohl mit “präfigurierten Begründungen” übersetzen. Menschen denken nicht von Evidenz zur Schlussfolgerung, sondern umgekehrt — sie suchen nach Belegen für das, was sie vorher bereits dachten. Das fühlt sich wie Denken an - obgleich nur Erinnerungen aktiviert werden.
- Zweitens Identitätsfusion: Je stärker die eigene Identität mit der Führerfigur verschmilzt, desto resistenter wird man gegen Widersprüche. Desinformation erscheint nicht in einer solche Maschine nicht als Lügen, sondern als loyale Überzeugung.
Was diese Befunde besonders beunruhigend macht: Widersprüche erzeugen keine Risse. Wer verspricht, ‘nur Kriminelle’ abzuschieben, und dann 73,6 Prozent der ICE-Häftlinge ohne Verurteilung inhaftiert, wird von seiner Basis nicht als Lügner entlarvt. Die Erzählung schützt den Erzähler, weil die Anhänger ihre Identität mit ihm verschmolzen haben. Inkonsistenz wird zu Loyalität umdefiniert.
- Drittens Legitimationsmythen (Sidanius & Pratto 2001): Diskriminierung wird als Leistungsprinzip verkleidet (’DEI-Einstellung’), Hierarchieverstärkung als Natürlichkeit (’biologische Realität’), Willkür als Rechtsstaatlichkeit. Hier attackiert der rechte Diskurs DEI-Politiken, also Maßnahmen gegen institutionelle Diskriminierung. Diese bedienen sich des Legitimationsmythos, dass Minderheiten incl. Frauen ungeachtet geringerer Qualifikation in Positionen befördert würden, die im Rahmen “natürlicher Ordnungen” weißen, heterosexuellen Männern zustünden. Das kann auch durch tatsächliche Studien über Ungerechtigkeiten nicht erschüttert werden - weil der Mythos um jeden Preis verteidigt werden muss als Form des Sozialen, die als einzige Privilegien legitimiert. Notfalls generieren sie pseudowissenschaftliche Belege - recht klar im Falle von Transmenschen. Eine sich aus traditionalistischen Mythen speisende Annahme tritt auf als “Tatsache”:
Sie kleiden eine Machtkonstellation
Maßnahmen, die der Hierarchieabsicherung dienen, gelten so in der Rechten als grundsätzlich legitim. Das bestätigt klar unter “Critical Whiteness” etc. subsummierte Theorien, die z.B. das “White Privilege” als zu kritisierendes in den Mittelpunkt rückten - und dafür in Deutschland auch harsch von der Linken attackiert wurden - wie auch die Annahme einer “Dominanzkultur” durch Birgit Rommelspacher.
Die Mechanismen können getarnt auftreten, so auch in progressiven Milieus, oder so offensiv sich artikulieren wie im Falle der MAGA-Bewegung. Sie verbannt zudem alles Wissen über solche Mechanismen wie z.B. der Privilegienabsicherung gerade aus Bibliotheken und Universitäten und sanktioniert deren Verbreitung aggressiv, z.B. in Förderprogrammen. Es handelt sich um eine tradierte Sozialstruktur, die verteidigt wird - indem auch Umkehroperationen strategischen Einsatz finden. So z.B., wenn von “Diskriminierung Weißer” oder der Privilegierung queerer Lebensformen fabuliert wird. Sie mögen Quatsch sein - solange es funktioniert, wird es behauptet.
Rechter Autoritarismus benötigt dazu noch nicht einmal explizite Feindseligkeit oder Vorurteile. Es muss kein aggressiver Rassismus oder offene Queerfeindlichkeit vorliegen oder offen artikulierter Hass. Es geht einfach um den Wunsch nach kollektiver Sicherheit und Stabilität.
Wenn zudem die Fremdgruppe als Gefahr beschworen wird - zerstört die westliche Zivilisation durch Aufweichen der Geschlechterordnung, Destruktion der bürgerlichen Kleinfamilie, “Umvolkung” und “Landnahme” oder noch härterer Tobak wie angeblich chronische Kriminalität, „Massenvergewaltigungen” oder “bedrohen UNSERE Frauen”, dann ist der Weg zum Lynchmord nicht mehr weit. Die gegen diese “Gefahren” Agierenden glauben dabei, rationale und angemessene Reaktion auf echte Gefahren zu zeigen - etwas zu verteidigen, nicht etwa ihrerseits anzugreifen. Ähnlich die an Dominanz Orientierten: In ihren Augen ist das “Realismus”.
Die Conclusio:
So legitimiert sich auch offene Gewalt wie deren Befürwortung dann, wenn sie an den Staat delegiert wird.
- Viertens strukturelles Ressentiment (Kelly 2020): Der Feind muss ständig neu erfunden werden, weil das System Feinde braucht — nicht zur Problemlösung, sondern als emotionaler Kitt der Bewegung.
Es ist die alte Schmittsche Unterscheidung des Wesens des Politischen als Unterscheidung zwischen Freund und Feind. Diese permanente Feindproduktion - im Inneren, im Äußeren - verbindet die drei bisher genannten Mechanismen und fügt sie zusammen zu einer Maschine, die fortwährend die Bedrohung außerhalb der Eigengruppe als Annahme generieren muss, um stabil zu bleiben.
Aber wir verhält es sich in Deutschland? Über einen Umweg kann man sich dem annähern.
Sich tradierender Rechtskonservatismus
Cantoni, Hagemeister und Westcott (2020) liefern eine komplementäre, empirisch dichte Perspektive auf den deutschen Kontext (Abre numa nova janela). Ihre Kernthese: Rechte Ideologie in Deutschland ist nicht verschwunden — sie war latent immer vorhanden. Das Aufkommen der AfD als sozial akzeptablere Alternative zur NPD hat eine bestehende, über Generationen tradierte Nachfrage nach rechten Politikangeboten aktiviert, ohne jedoch diese Nachfrage selbst erzeugt zu haben.
Die Studie zeigt: Gemeinden mit starker NSDAP-Unterstützung 1933 tendieren heute signifikant stärker zur AfD — und dieser Effekt besteht unabhängig von anderen Einflüssen wie Arbeitslosigkeit, Handelskonkurrenz oder Flüchtlingspräsenz. Die Studie unterscheidet zwischen Persistenz, also einer Jahrzehnte bestehenden Konstanz rechtskonservativer bis rechtradikaler Grundorientierungen, und Aktivierung von Rassismus, Autoritarismus, soziale Hierarchievorstellungen. Sie können stabil vorhanden sein, ohne zu politischen Handlungen oder Forderungen zu führen — weil entweder das soziale Stigma zu hoch ist oder kein passendes politisches Angebot existiert.
Die AfD hat beides verändert: Sie senkte die Stigmatisierungsschwelle und bot einen vermeintlich “legitimen Kanal “zur Artikulation von Haltungen und Annahmen, die vorher auch schon den Alltag strukturierten.
Analogien zu den Mechanismen in den USA
Die Übertragung des amerikanischen Modells auf Deutschland ist keine einfache Analogie — strukturelle Unterschiede sind real. Dennoch legen beide Quellen nahe, dass wesentliche Elemente der ‘psychologischen Maschine’ auch im deutschen Kontext greifen. Dies sei ausdrücklich als Hypothese formuliert, nicht als Diagnose.
“motivated reasoning”und Identitätsfusion
Dass “motivated reasoning” eine universale kognitive Grundoperation ist (Kunda 1990), dürfte unbestritten sein. Die Frage ist, an welche Figur oder Erzählung die Identitätsfusion andockt.
In Deutschland fehlt bislang eine einzelne charismatische Führerfigur vom Typ Trump — was die Fusion jedoch nicht verhindert: Sie kann an Partei, Bewegung oder kollektive Opfererzählungen (’das Volk wird nicht gehört’) anknüpfen; letzteres verstärkt in den Gemeinden der ehemaligen DDR. Die AfD-Rhetorik vom ‘Volksverrat’, von ‘Lügenpresse’ und ‘Altparteien’ funktioniert als Fusionsangebot: Wer sich als abgehängt erlebt, kann seine Identität mit der Bewegung verschmelzen, die verspricht, genau das zu benennen.
Legitimierende Mythen im deutschen Kontext
‘Wir sind nicht rechts, wir sind das Volk.’ ‘Wir sagen, was alle denken.’ ‘Das ist doch keine Meinung, das sind Fakten.’ Diese Rhetorik funktioniert strukturanalog zu den amerikanischen legitimierenden Mythen: Sie kleidet Hierarchiepräferenzen und Ausgrenzungswünsche in das Vokabular von Vernunft, Normalität und Evidenz. Auch der deutsche Diskurs über Migration und ‘Leitkultur’ folgt diesem Muster — die Forderung nach Ausgrenzung erklingt Ruf nach Ordnung und Sicherheit, nie als das, was sie strukturell ist: Hierarchieabsicherung.
Bedrohungswahrnehmung und Ordnungssehnsucht
Jost und Kollegen (2003) belegen über 88 Stichproben, dass konservative Ideologie primär Angst- und Unsicherheitsbewältigung leistet. Dieser Befund ist kulturunabhängig.
Die spezifisch deutschen Formen, in denen sich diese Unsicherheit artikuliert — Deindustrialisierung und Entvölkerung von Regionen, die Produktion ökonomischer Verlierer, somit soziale Deklassierung, Verlust von Deutungshoheit, plötzlich werden Queers und Nicht-Weiße in Medien und vereinzelt sogar im eigenen Dorf sichtbar — treffen auf eine über Generationen tradierte Disposition zur Ordnungssehnsucht und Hierarchieakzeptanz. Hinzu treten die Nutznießer der bisherigen Ordnung in Politik, Wirtschaft und auch Universitäten oder Verwaltungen.
Cantoni et al. zeigen, dass diese Disposition in bestimmten Regionen besonders stark tradiert wird. Weil gerade in kleineren, ländlichen Gesellschaften die Übertragung von politischen Ansichten auf die Nachfolgegenerationen, Kinder und Enkel, besonders stark wirkt.
Die AfD hat gelernt, Bedrohungsnarrative analog zu denen in den USA so zu konstruieren, dass sie diese Disposition aktivieren. Es sind die gleichen Feindbilder wie in den USA: “Südländer”, Araber, Inder, schwarze Menschen, Queers - und Linke, “The Lunatic Left”.
Sie fügt zudem eine auch in den USA wirksame Annahme hinzu: Medien würden gezielt alles verschweigen, was nicht in deren wahlweise “politisch korrekte”, “woke”, “linke”, ”regierungstreue” Weltsicht passt. So dass jedes Nicht-Erwähnen von etwas - z.B. der Staatsbürgerschaft eines Täters - zum Beleg wird, dass es bestimmt ein Araber war. Diese Lücken füllenden Lektüren, die fortwährend ein großes Verschweigen voraussetzen, wo höchstwahrscheinlich gar nichts ist, sind eine auf Hochtouren laufende Maschine zur Produktion von Legitimationsmythen.
Widerspruchsimmunität
Auch in Deutschland gilt: Je stärker die Identitätsfusion aktuell mit der vermeintlich unterdrückten AfD wirkt, desto geringer die Störung der Annahmen durch Widersprüche. Die Anhängerschaft stabilisiert sich, indem sie sich kontrafaktisch selbst als verfolgte Minderheit imaginiert, die paradoxerweise trotzdem den “wahren Volkswillen” gegen “die da oben” in Anschlag bringen will und sich von “linksgrünen Eliten” bevormundet wähnt. Eine Erzählung, die von Mainstreammedien oft noch gestützt wird.
Diese Sichtweise bleibt auch dann stabil, wenn die Bundesregierung Schritt für Schritt AfD-Forderungen übernimmt. In den Worten von Peter Hahne, zitiert in der SZ: Lehrlinge bekämen bereits
„eingedrillt, man muss Merz verehren und Weidel möglichst erschießen“. (Abre numa nova janela)
Während der Bundeskanzler tatsächlich eher dadurch auffiel, linke Spinner zu beschimpfen, die nicht alle Tassen im Schrank hätten - nachdem diese gegen rechts auf die Straße gingen. Und der Innenminister manchmal den Eindruck erweckt, er würde Schritt für Schritt das AfD-Programm abarbeiten.
Trotzdem wähnen sich die AfD-Anhänger als “Retter der Demokratie” auch gegen die Unionsparteien, behaupten sich als “wahre Opposition” und nehmen dafür “wohltemperierte Grausamkeiten” gegen Nicht-Weiße, politische Gegner und Queers wohl allzu gerne in Kauf.
Es ist die gleiche Struktur, die in den USA auch verteidigt wird und im angloamerikanischen Raum - siehe oben - als “Social Dominace Orientation” bezeichnet wird. Sie erfinden fortwährend Gewalt gegen sich selbst, schweigen aber zu Gewalt, die gegen von ihnen Gehasste verübt wird.
Aus der Dominanzorientierung heraus verwandeln sie die “goldene Regel” in ihr Gegenteil: “was Du nicht willst, dass man Dir tu, das füge möglichst anderen zu”.
Ein Widerspruch höherer Ordnung. Sie neigen zu Attacken auf die Freizügigkeit, Meinungsfreiheit, Diskriminierungsschutz und die Gleichheit vor dem Recht anderer, nehmen all das aber für sich selbst in Anspruch und wähnen sich dabei on top auch noch als chronisch unterdrückt. Während sie zugleich Talkshows und Theaterbühnen bevölkern und selbst die WDR-Intendantin mehr AfD in Programmen fordert.
Sie starten gegen alles Kampagnen, was sich nicht in die von ihnen präferierte Ordnung fügt - wenn z.B. auf einer Käsesorte BPoC abgebildet sind - und fordern offen in Wahlprogrammen das Verschwindenlassen gleichgeschlechtlicher Liebe aus Medien.
Sie betrachten das wie in den USA als legitim, weil alles andere die hierarchisch gegliederte, soziale Ordnung gefährde - während sie zugleich behaupten, gegen “Unterdrückung” anzukämpfen. Aber Widersprüche interessieren ja nicht weiter.
Die narrative Infrastruktur: Regio-Krimis und Bergdoktor als Legutimationsmythen
An dieser Stelle noch ein paar spekulative, aber nicht beliebige Annahmen. Ich bin der festen Überzeugung, dass populäre Erzählformen in Massenmedien mindestens ebenso auf Politik wirken wie politische Berichterstattung. Gerade, wenn sie im Fiktionalen oder auch in Infotainment Legitimationsmythen und Dominanzkulturen generieren.
Das öffentlich-rechtliche Fernsehen in Deutschland produziert seit Jahrzehnten ein spezifisches Genre: Regio-Krimis (Tatort, SOKO-Reihen, Hubert ohne Staller, Usedom-Krimi etc.) und Heimat-Melodramen (Der Bergdoktor, Sturm der Liebe, etwas abgewandelt Inga Lindström). Diese Formate erreichen Millionenpublikum, besonders in ländlichen Regionen — also dort, wo die AfD überdurchschnittlich stark ist. Sie sind eine Traummaschine - und bewegt sich nicht außerhalb der eingangs beschrieben Mechanismen.
Was diese Formate erzählen, ist strukturell das: Sie handeln von Ordnungswiederherstellung. Eine Gemeinschaft gerät aus dem Gleichgewicht — durch Mord, Betrug, Krankheit, Eindringlinge. Am Ende wird Ordnung wiederhergestellt, meist durch eine charismatische Einzelperson (den Kommissar, den Arzt) oder ein der Dominanzkultur zugehöriges Ideal (die wahre, heterosexuelle Liebe, die Familie). Oft Menschen, die “das Richtige tun”, auch wenn Bürokratie und Institutionen versagen.
Die Botschaft ist konsistent: Es gibt eine natürliche Ordnung der Dinge; sie ist verletzlich; sie bedarf des entschlossenen Handelns; und das entschlossene Handeln Einzelner ist wirksamer als institutionelle Komplexität.
Diese narrative Grammatik ist nicht identisch mit MAGA-Rhetorik — sie ist jedoch kompatibel damit. Sie sedimentiert über Jahrzehnte eine Vorstellungswelt, in der Ordnung das höchste Gut ist, Bedrohungen durch Außenseiter real und gefährlich sind, und der starke Einzelne legitimer handelt als das träge System, auch wenn er selbst sich nicht an die Regeln hält.
Wenn die AfD dann verspricht, ‘Ordnung wiederherzustellen’ und das Land ‘zurückzugewinnen’, trifft diese Rhetorik auf einen Resonanzraum, der durch Jahrzehnte populärkultureller Narration vorbereitet wurde.
Es wäre falsch, daraus eine direkte Kausalität abzuleiten. Ebenso falsch wäre es, die Frage nicht zu stellen. Die Forschung zur Medienwirkung zeigt, dass wiederholte narrative Muster kognitive Schemata etablieren, die spätere politische Deutungen prägen (Cultivation Theory, Gerbner et al.).
Ob und in welchem Ausmaß das öffentlich-rechtliche Programm durch seinen Ordnungsrestaurierungsbias politische Dispositionen verstärkt, die der AfD nutzen — das ist eine offene, dringliche Frage.
Zusammenfassung in Thesen
1. Die psychologische Maschine ist universell, der Brennstoff ist lokal. Motiviertes Denken, Identitätsfusion, legitimierende Mythen und strukturelles Ressentiment sind keine amerikanische Spezialität — sie sind menschliche Grundoperationen. Was sich unterscheidet, das sind die historischen Narrative, Feindbild-Generatoren und politische wie auch institutionelle Angebote, durch die diese Mechanismen kanalisiert werden.
2. Kulturelle Persistenz ist nicht dasselbe wie manifest rechte Gesinnung. Rechte Haltungen können über Generationen tradiert werden, ohne sich in Wahlergebnissen zu materialisieren — wenn das soziale Stigma zu hoch oder das politische Angebot zu radioaktiv ist. Die AfD hat beides verändert und damit eine latente Nachfrage sichtbar gemacht, die vorher unsichtbar, aber vorhanden war. Analog hat FOX News in den USA, später verstärkt durch rechte “Alternative Medien” das Latente aktiviert und so MAGA vorbereitet.
3. Widersprüche erzeugen keine Risse, wenn die Identitätsfusion stark genug ist. Dies gilt für MAGA wie für AfD-Kernwähler. Informationen allein können diese Fusion nicht auflösen — sie werden durch die “Argumentationsarchitektur” so verarbeitet, dass das vorherige Ergebnis gestützt wird.
4. Legitimierende Mythen verwandeln Ausgrenzung in Gerechtigkeit. ‘Wir schützen nur unser Land’ — ‘Wir sagen, was alle denken’ — ‘Das sind Fakten, keine Meinung’: Diese Formulierungen sind nicht lediglich Rhetorik; sie sind funktionale Mechanismen, die Hierarchieverstärkung als Ordnungspflege erscheinen lassen.
5. (Hypothese) Das öffentlich-rechtliche Fernsehen produziert möglicherweise eine narrative Infrastruktur der Ordnungssehnsucht, die rechten Aktivierungsangeboten Resonanzräume erschließt. Regio-Krimis und Heimatmelodrame erzählen über Jahrzehnte dieselbe tiefenstrukturelle Geschichte: Ordnung existiert, ist bedroht, und wird durch entschlossenes Handeln des Richtigen wiederhergestellt. Diese Grammatik ist kompatibel mit dem Aktivierungsangebot der AfD — auch wenn sie kein politisches Programm formuliert und keine Intention verfolgt.
6. Das Zusammenspiel von kultureller Persistenz, psychologischer Maschine und populärkultureller Sedimentierung erklärt, warum ökonomische Krisen, Faktencheck-Journalismus und appellative Aufklärung allein scheitern. Die Nachfrage nach Ordnung, Feindklarheit und Hierarchiestabilisierung ist keine Frage falscher Information — sie ist eine Frage von Bedürfnissen, die durch Information nicht befriedigt werden können.
Aber wie dann? Fraglich ist, ob in den politischen Machtzentren diese Frage Akteure überhaupt noch interessiert - oder ob sie sich nicht vielmehr das Geschilderte zusammen mit jenen ökonomischen Akteuren, für die sie Politik machen, zunutze machen wollen.
Auch weiterhin.
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Quellen: Cantoni/Hagemeister/Westcott (2020); Jost et al. (2003); Kunda (1990); Kelly (2020); Moniz & Swann (2025); Sidanius & Pratto (2001); Duckitt & Sibley (2010); Gerbner et al. (Cultivation Theory) - und der oben verlinkte, hier zusammen gefasste Substack-Text wie auch die SZ.