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Der Killer liebt zu oft die Künste

Was ein Netflix-Hit, ein AfD-Wahlprogramm und ein Karlsruher Urteil von 1957 mit dem IDAHOBIT zu tun haben ...

Der 17. Mai heißt IDAHOBIT, International Day Against Homophobia, Biphobia and Transphobia. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Katalog der Krankheiten. Davor galten Schwule, Lesben und alles dazwischen offiziell als erkrankt. Ich selbst hatte noch vor 1990 mein Coming Out und erinnere mich, wie in der schwul-lesbischen Schülergruppe darüber gewitzelt wurde, dass man sich dann ja aufgrund von Homosexualität immer mal krank schreiben lassen könne.

Der 17. Mai heißt IDAHOBIT, *International Day Against Homophobia, Biphobia and Transphobia*. Das Datum ist nicht zufällig gewählt. Am 17. Mai 1990 strich die Weltgesundheitsorganisation Homosexualität aus dem Katalog der Krankheiten. Davor galten Schwule, Lesben und alles dazwischen offiziell als erkrankt. Ich selbst hatte noch vor 1990 mein Coming Out und erinnere mich, wie in der schwul-lesbischen Schülergruppe darüber gewitzelt wurde, dass man sich dann ja aufgrund von Homosexualität immer mal krank schreiben lassen könne.

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Ein französischer Akademiker namens Louis-Georges Tin nutzte das Datum des zumindest offiziellen Endes der Pathologisierung 2004 für eine Kampagne. Ein Jahr später fand der erste IDAHO statt, später kamen die Buchstaben für Bi und Trans dazu. Heute wird der Tag in 155 Ländern begangen. In 35 davon ist gleichgeschlechtlicher Sex weiterhin strafbar.

Festzustellen ist: Die Annahme der „Krankheit“ kehrt allerorten zurück. Nicht in den Kriterien für psychische Diagnostik. Sondern indirekt, in Wahlprogrammen, Stammtischreden und - später dazu mehr - Netflix-Serien.

Zur Geschichte der Pathologisierung

Drei Stränge, alle aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert bereiteten die Unterstellung des Pathologischen vor.

Da ist die Psychoanalyse. Freud selbst operierte noch noch halbwegs gemäßigt: Konversionstherapien lehnte er ab, in den “Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie” von 1905 ordnete er Homosexualität zunächst nicht als pathologisch ein. Aber er lieferte das Werkzeugset, mit dem seine Schüler dann die ihre fatal wirksame Diagnostik erfanden. Homosexualität sei eine “Entwicklungsstörung”. Drei berühmte Motive aus Freuds Spätwerk prägten den Diskurs: zu starke Mutterbindung bei gleichzeitig abwesendem Vater, mit dem man hätte „konkurrieren“ können im Zuge der „gelingenden“ Auflösung des “Ödipus-Komplexes” (man verliebt sich in die Mutter, will den Vater umbringen und wird so zum „gesunden“, heterosexuellen Mann). Zudem Narzissmus: Man suche nur den eigenen Spiegel im Körper des gleichgeschlechtlichen Anderen, weil man es nie lernen konnte, sich selbst zu lieben - und baute darauf ein Spiel aus Missbrauch, Manipulation, „Gaslighting“ und Selbsterhöhung auf und betrachtet Andere nur noch als Verlängerung seiner selbst. Mal arg verkürzt Narzissmustheorien dargestellt - die Frechheit ja selbst narzisstisch-heterornormativer Diagnostiken besteht in der Projektion eigener Pathologien auf eine ganze Bevölkerungsgruppe, die in sich psychologisch so ausdifferenziert ist wie alle anderen auch, durch Queerfeindlichkeit aber zudem früh Traumatisierungen erfährt. Zuletzt: Verführung. EIGENTLICH sei ja niemand schwul, es sei denn, er würde dazu verführt - von „älteren Männern“, Medien, neuerdings „Regenbogenideologie“. Dass umgekehrt Queers in der Regel nicht zur „Normalität“ verführt werden können, das wird über die Konstruktion von „Entwicklungsphasen“ aufgelöst - dieses Phasenmodell hat mit der realen Entwicklung von Queers freilich nix zu tun. Sie erleben das in der Regel sehr früh, was sie wollen.

Kurzfassung des Pathologisierungsschemas: Der Schwule liebe sich selbst im anderen, weil er sich nicht von der Mama lösen könne, und sei verführt worden, als er noch zu jung gewesen sei, sich zu wehren. Lesben nahm eh keiner ernst, weil nur phallischer Sex als solcher anerkannt wurde, und all diese Schemata und noch ein paar mehr bügelte man auch Transmenschen über.

Im Karlsruher Urteil vom 10. Mai 1957 lud das Bundesverfassungsgericht den von den Nazis verschärften § 175 StGB noch christlich auf: “homosexuelle Betätigung verstößt gegen das Sittengesetz”; explizit berief es sicj auf Kirchen. Der Gesetzgeber dürfe zudem ein “Bedürfnis nach einem Schutz gegen homosexuelle Verführung” anerkennen. Dass es so was wie angeborene Homosexulität geben können wurde verneint.

Da haben wir sie wieder, die Verführungsthese, direkt von Freuds Couch in die roten Roben geschlüpft. Zwischen 1950 und 1969 wurden in der Bundesrepublik rund 53.700 Männer verurteilt. Die Urteile hob man 2002 auf und rehabilitietre die Männer 2017.

Letztlich gibt es noch das große, alte Argument: “wider die Natur”. Hier wird’s logisch unsauber. Wer biologistisch denkt und Sex als fortpflanzungsdienlichen Trieb begreift, der kann so was wie “unnatürlich” schlecht vertreten. Entweder die Natur produziert auch das Abweichende - dann ist es Natur. Oder der Mensch hat Willensfreiheit - dann gilt diese auch für Heteros, die dann nicht mehr “natürlich” hetero sind, sondern sich dafür entscheiden. Die ganze Argumentationsfigur “Natur vs. Devianz” funktioniert nur, wenn man es schafft, Logik zweimal hintereinander zu vergessen. Gilt übrigens auch für „Gott hat uns so erschaffen“. Warum sollte er dann so etwas mit erschaffen? Es braucht viele abstruse spirituelle und m.E. auch gottlose Verrenkungen, um einen von Menschen kanonisierten und verfassten Text als „göttlich inspiriert“ zu behaupten, nur weil man herrschen will, indem man Andere herabwürdigt, um sich selbst aufzuwerten.

Aktuelle Anwendungen alter, westlicher Riten der Diskreditierung von Queers

Das AfD-Regierungsprogramm für Sachsen-Anhalt, vorgelegt Anfang 2026, nennt Transgeschlechtlichkeit mal wieder eine “seelische Störung”, gefördert durch eine “Translobby”. So was wie eine Geschlechtsangleichung will es nicht denken. Das könnte auch an illegitimer Machtausübung hindern. Imaginierte Lobbys injizierten in den wirren Köpfen der Rechten im Allgemeinen und weltweit dann schon im Kindesalter krude Annahmen - auf die Idee, dass ihr eigener Hass, ihre eigene rassistische Ideologie, ihr Familienfetisch, ihre Genitalfixierung und ihr aggressiver Konformatitätdruck erhebliche Folgeschäden in der Psyche von Kindern verursachen könnten, kommen Rechte und manche Konservative ja nicht. Sollten sie aber. In Kitas würden “pervers-linke Fanatiker die Seelen unserer Kinder ins Visier” nehmen (schon das „links“ ist grotesk; traditionell wirkte und wirkt Queerfeindlichkeit auch massiv in verschiedenen Strömungen der Linken). Hier ist sie wieder, die “"Verführungsthese”, eins zu eins von 1957 nach 2026 transferiert, heute nur mit Drag Queens als Akteuren statt älteren Künstlern, die junge Männer „umdrehen“ würden.

Die Schule müsse “die normale Familie bestehend aus Mann und Frau, aus der Kinder hervorgehen”, als Vorbild vermitteln. Aber warum eigentlich? Wenn man sich mal ernsthaft mit Psychopathologie, Pädophilie und all dem, was Kinder zerstören kann, beschäftigt, dann sind in der Regel Familien und deren Umfelder der Ort, an dem genau das entsteht, was lebenslanges, psychisches Leid verursachen kann. Schon fiktionale Literatur ist voll von Hetero-Familiengeschichten, die solche Stories erzählen, und vieles von dem, was zu ächten ist, findet in traditionell queerfeindlichen Institutionen wie z.B. Kirchen statt. Höcke hatte schon 2014 das Gender Mainstreaming als “Sonntagskind der Dekadenz”, klar, Dekadenz, auch so ein queerfeindliches Klischee toxischer Männlichkeit, beschimpft, das auf die “Auflösung der natürlichen Geschlechterordnung” abziele - mit anderen Worten: alle haben sich notfalls per Zwang in das einzufügen, wogegen der Feminismus, Zweige der späteren Psychoanalyse wie auch unzählige Lebensberichte anrannten. Das läuft auf ein Plädoyer für möglichst viel Leid hinaus meines Erachtens, ist es doch gerade die klassische Vorstellung von Männlichkeit, die über die Jahrhunderte eben solches systematisch produzierte.

Sogar der Verfassungsschutz hat sich 2025 dazu - in meinem Sinne - geäußert. Auf der eigenen Hintergrundseite “Queerfeindlichkeit im Rechtsextremismus” steht der bemerkenswerte Satz: Rechtsextremisten sähen “Heterosexualität und die damit verbundene traditionelle Kernfamilie als alternativlos und biologisch ‘natürlich’ an. Für sich genommen ist dies zunächst keine genuin rechtsextremistische Position, jedoch versuchen rassistische Ideologen das Thema das Thema folgendermaßen für sich zu nutzen: die Mitte teilt das Vorurteil, wir machen Politik daraus. Klar, auch gegen den „Volkstod“ glauben sie zu agitieren. Weiße Frauen haben sich gefälligst schwängern zu lassen, ob sie wollen oder nicht, vermutlich, von weißen Männern, klar, damit der Arier Arier bleibt - und diese ganzen „Abartigen“ spielen dabei einfach nicht mit. So explizit sagen sie es nicht in Parteiprogrammen. Aber beinahe - genauer ausgeführt im folgenden Abschnitt.

Zahlen, die Folgen betreffend? Queerfeindlich motivierte Angriffe stiegen 2024 laut Bundesverband der Beratungsstellen um über 40 Prozent. CeMAS zählte für 2024 in 27 deutschen Städten neonazistische Anti-CSD-Proteste. Beim CSD Bautzen 2025 dokumentierte das Kulturbüro Sachsen allein 275 Beleidigungen und Bedrohungen sowie 24 Fälle körperlicher Gewalt. Das sind nicht ein paar verirrte Glatzen. Das ist Strategie.

Was hat eigentlich Sexualität mit „Gender“ zu tun?

Bei Trans-Themen lässt sich der allgegenwärtige “Anti-Gender”-Frame leicht erzählen, klar. Aber cis-schwule Männer sind genderkonform, lesbische Butches und Femmes arbeiten und spielen mit Stereotypen, und in manchen schwulen Szenen wird ein Männlichkeitskult betrieben, der jedes Hetero-Workout ziemlich lasch aussehen lässt. Warum hassen die Rechten trotzdem alle queeren Existenzweisen?

Zwei Gründe. Erstens die Reproduktionsverweigerung, siehe oben. Das AfD-Programm in Sachsen-Anhalt sagt es offen: Es soll einen “Familienbeauftragten” geben, dessen Job die “Bewertung der Auswirkungen allen staatlichen Handelns auf die Geburtenrate” ist. Die Geburtenrate, die “1,31 Kindern je Frau” beträgt, “einen neuerlichen Tiefstand”. Wer - als Arier - keine Kinder bekommt, schädigt halt im Frame der Volksgemeinschaft den Datensatz.

Zweitens, und das ist der eigentlich interessante Punkt: die offene Sichtbarkeit von Sex als Spiel. Drag. Kink. Fetisch. Camp. Sexualität, die nicht funktional legitimiert ist, sondern kreativ. Wenn eine Drag Queen Kindern vorliest (in den meisten Fällen kein Kink, wohl gemerkt, das Beispiel wird nur so oft angeführt), ist die Provokation nicht das Kind in der Nähe, sondern das Erwachsene auf der Bühne, der demonstriert: Geschlecht ist Material, kein Schicksal. Ein AfD-Abgeordneter im sachsen-anhaltinischen Landtag sagte: “Wir wollen auch nicht, dass unsere Kinder von irgendwelchen überschminkten Typen in Frauenkleidern erzählt bekommen, dass ihr Treiben normal wäre.” “Normal” ist hier das Codewort für “funktional, fortpflanzungsorientiert, ganz ernsthaft und verbissen”. Alle sollen normalisiert, also gleichgeschaltet werden - wie einst in der DDR. Ja, ein Verwandter von mir bot in seinem Friseursalon in Ost-Berlin jenen Schwulen Schutz, die sich vor der Stasi verstecken mussten. Einer von denen wurde später in TV-Erotik-Magazinen bekannt, weil er Intimfrisuren schuf.

Genau das ist die Pointe queerer Lebensweisen: Sie nehmen Sex und Geschlecht ernst, indem sie sie nicht ernst nehmen. Sie behandeln das, was die Rechte als heilige Natur verkauft, als Spielwiese voller Spaß und Möglichkeit der selbstbestimmten Erfüllung. Das ist der Affront.

Jetzt zu Netflix

Achtung, Spoiler!!!

Jo Nesbø’s Detective Hole ist im März 2026 angelaufen und avancierte binnen Tagen zur meistgesehene Serie auf der Plattform. Nesbø, Norwegens Krimi-Maschine mit über 50 Millionen verkauften Büchern, hat das Drehbuch selbst geschrieben und sich für die Serie ein paar Extras ausgedacht, die so im Roman nicht standen.

Antagonist Nummer eins: Tom Waaler. Korrupter Polizist, gespielt von Joel Kinnaman. Die Figur zeigt sich in der Serie deutlich queerer angelegt als im Buch. In einer Schlüsselszene trifft er einen männlichen, sehr sympathisch gezeichneten Sexarbeiter. Ein kurzer Moment der Zärtlichkeit, der Serien-Bösewicht verlangt nach Knutschen und genießt es. Triggerwarnung, das Folgende ist krass: Die beiden gehen auf eine öffentliche Toilette, der Sexarbeiter steckt seinen Penis durch ein „Glory Hole“ in der Clowand - und Waaler sägt ihn ab. Dann ersticht er den Mann durch das Loch. Slate, AOL, TechRadar, alle haben sich darüber zur Recht ereifert, und TV Tropes hat den Charakter unter “Depraved Homosexual” einsortiert. Die Szene ist im Buch nicht enthalten. Nesbø hat sie eigens für die Serie hinzugefügt. Sie ist multipel krass: ein tradierter Ort schwulen Sexes mutiert zur Gefahr, fast, als müsse bestraft und kastriert werden, wer es dort treibt. Intimität zwischen Männern zieht die Rache des Plots nach sich, der solche Momente wohl mit Gewalt ahnden muss. Man kann offene Homophobie so inszenieren, klar. Hier jedoch bestraft der Autor zwischenmännliche Zärtlichkeit.

Es gibt einen Vorläufer aus den Achtzigern: In Tony Fennellys “The Glory Hole Murders” (1985) wird ebenfalls ein Penis in der Clowand malträtiert. Das jedoch in einer durch und durch schwulen Geschichte, die auch Rassismus und Schwulenfeindlichkeit in New Orleans zum Thema macht. Nesbø - noch mal Triggerwarnung! - verfüttert den Penis zudem noch an den Hund des abgeschlachteten Schwulen. Kurzer Schockeffekt und haha. Die Idee, dass dem Schwulen das genommen werden muss, was ihn zum Schwulen macht, hat eine Tradition. So konnte man bei den Nationalsozialisten härteren Strafen als „175er“ entgehen, ließ man sich kastrieren. Spoiler: Waaler bekommt auch noch den Arm abgerissen, an deren Ende die Hand ist, mit der er masturbierte.

Man könnte das noch als Tat eines selbsthassenden Schwulen abtun. Dafür spricht jedoch nichts sonst in der Serie. Vielmehr trauert Waaler um seinen - Spoiler - von Hole zu Tode gefahrenen Geliebten. Und er bewundert sich in einer aufdringlichen Tanz-Sequenz mit freiem und tatsächlich sexy Oberkörper vor dem Spiegel, tanzt sich an, erregt von sich selbst. Narzissmus, frei nach Freud, siehe oben, eingebaut in einen schwulen Killer. Der zudem auch noch als misogyner Akteur in Erscheinung tritt, was bei einer Serie eines Autors, der offenkundig Freude daran hat, möglichst brutal Frauen umbringen zu lassen, schon bemerkens wert ist, dass er die schwule Figur die Hand auf eine weibliche Leiche legen lässt, dabei genießend, wie das Leben langsam aus dem Körper weicht. Misogynie und Schwulenfeindlichkeit tauchen oft gemeinsam auf. Nesbø zeigt uns genau, wie er das verbindet. Spoiler: Die einzige männliche Leiche neben dem Stricher wird freilich nur vakuumverpackt gezeigt, die Frauen ganzkörperlich und nackt.

Spoiler: Antagonist Nummer zwei ist Willy Barli. Theaterregisseur. Der Schauspieler Frank Kjosås, der ihn spielt, ist bekannt für sein androgynes Auftreten und hat in Interviews oft gesagt, wie sehr es ihm Rollen erschwert habe. Ich hielt ihn zunächst für einen Transmann, und die deutsche Synchronisation verstärkt die queere Lesart. Barki lässt sich anal von seiner Frau mit dem Finger stimulieren - formal hetero, markiert ihn die Serie doch als “passiv” und damit, in der homophoben Logik der Erzähl-Tropen, als doppelt unmännlich, doppelt bedrohlich. Spoiler: Barli lebt mit der vakuumverpackten Leiche seiner Frau in einem Wasserbett zusammen - er hat sie umgebracht, weil sie ihn verlassen wollte, und sie schwimmt da herum wie ein Kunstwerk. Er ist der eigentliche Serienkiller, inszeniert seine Morde theatralisch mit Pentagrammen. Die Grundidee des Killer-Plots ist zudem noch bei „Die Morde des Herrn ABC“ von Agatha Christie geklaut.

Theater. Künstlichkeit. Androgynität. Mord: Eine der ältesten Tropen-Verbindungen des homophoben Films. Elemente davon, ganz ohne Mord, reichen in der deutschen Filmgeschichte zurück bis “Anders als du und ich” (1957) - ausgerechnet das Jahr des §175-Urteils –, in dem Künstlerkreise, moderne Kunst!, als Brutstätten der Verführung inszeniert wurden. Das semantische Feld “Moderne Kunst / Queerness / Gefahr / entartet” ist im 20. Jahrhundert nicht zufällig zusammen aufgekommen. Es hat eine Geschichte. Die Nazis nannten es “entartete Kunst”. 2026 sitzt es, abgeschwächt und wohl unbewusst in solchen Sphären wühlend, als Plot-Element in einer Netflix-Serie und niemand zuckt.

Die Kontrastfolie? Harry Hole und seine mögliche Patchwork-Familie mit Rakel und ihrem Sohn Oleg, der dringend, schon, damit der „Ödipus-Komplex gelingt“, einen Vater braucht. Hole hilft ihm dabei, vom 10-Meter-Brett zu springen. Mütter können so was ja nicht. Bedroht ist die Konstellation durch Alkohol, ein “männliches” Laster, das aber als heilbar gerahmt wird. Die queeren Pathologien dagegen: unheilbar, todbringend.

Was Nesbø hier kreiert, ist nicht einfach “ein böser queerer Charakter”. Es ist die Wiederbelebung einer Erklärungsfigur. Queerness markiert Gefahr, weil Queerness das Falsche, das Künstliche, das Verführerische und dann Todbringende repräsentiert. Das ist nicht wie im “New Queer Cinema”, das mit ambivalenten queeren Figuren spielte und sie dem Publikum als komplexe Subjekte zumutete, gerade weil es nicht einsah, wieso nun queere Charatere, die viel zu schultern haben, als unfehlbare Vorbilder zu inszenieren seien. Was Nesbø treibt - und Netflix mit ihm - das ist Restauration.

Der Serienplot sei ausgeführt, weil sich an ihm zum IDAHOBIT aufzeigen lässt, wo das, was so alles Queerfeindlichkeit zum Ausdruck bringt, auftaucht - oft eben da, wo man es gar nicht vermutet.

Was setzen Queers dem entgegen?

Das beste, was es gibt: die Idee, dass das Leben nicht funktional sein muss.

Drag Queens, Bears, Twinks, Puppies, Butches, Femmes, asexuelle Menschen, polyamouröse Menschen, Genderfluide - sie alle haben in den letzten fünfzig Jahren etwas vorgemacht, das den meisten Heteros nicht eingefallen wäre: Identität als Material zu behandeln. Das, was Freud “Triebnatur” nannte, in eine eine kreative Praxis zu verwandeln. Sex als Spiel zu betreiben (manche betreiben ihn leider auch wie einen Sport). Begehren als Verhandlung, auf ganze Körper, Symbole, Fetische bezogen, zu betreiben - im wechselseitigen Einvernehmen und nicht von der AfD verordnet und erzwungen

Dasselbe gilt für Kink. Wer Sex als Spiel begreift, als Inszenierung, als Aushandlung mit Safe Word und Aftercare, der praktiziert das Gegenteil jeder “natürlichen Ordnung”. Kink ist bewusst und kreativ. Und - das ist die Pointe - das schließt sehr viele Cis-Heteros mit ein, die längst kinky leben, ohne es so zu nennen. Die queere Tradition liefert nur das Vokabular. Der Punkt ist universalisierbar: Sex muss nicht zu etwas dienen, um wertvoll zu sein. Begehren ist im besten Fall an Spaß orientierte Praxis, nicht Fortpflanzungspflicht.

Hier ist die eigentliche Pointe: Was die Rechten an Queers hassen, ist nicht ein bestimmter Körper. Es ist Freiheit.

Die Freiheit zu wählen, zu spielen, zu probieren, zu verwerfen, zu verändern, zu erfinden. Die Freiheit, die eigene Existenz nicht als Erfüllung einer biologisch-nationalistischen Aufgabe zu begreifen. Queere Menschen sind in diesem Frame für die Rechten, auch für die, die uns in den Zirkus hinein imaginieren, Stellvertreter*innen einer viel größeren Bedrohung. Sie verkörpern – manchmal mit Glitzer, manchmal sehr unspektakulär - das Versprechen, dass Menschen nicht determiniert sind. Dass es so etwas wie ein anderes Leben gibt. Und dass dieses andere Leben glücklich sein kann.

Genau deshalb wird der CSD in Bautzen angegriffen. Genau deshalb steht “Familienbeauftragter” im AfD-Programm. Genau deshalb findet Karin Prien „Vielfalt nicht förderungswürdig. Triggerwarnung und Spoiler: Genau deshalb sägt Tom Waaler einen Penis ab. Es geht um die Verhinderung freien Lebens. Gängelung, Unterdrückung, Macht.

Der 17. Mai erinnert daran, dass Queers nicht krank sind. Aber er erinnert an noch etwas: an die Gesellschaft, in der wir leben wollen. Eine, in der Menschen sich selbst und einander mit Neugier statt Pathologisierungsverdacht begegnen.

Wer das verteidigt, verteidigt nicht nur Queers. Sie oder er oder they verteidigen vielmehr die Möglichkeit, das eigene Leben als kreatives Projekt zu führen. Und das ist, wenn man genau hinhört, der Ton, der die Rechten am meisten aufbringt.

Sie haben gute Gründe, sich zu fürchten. Wir haben ein besseres Angebot, als sie es auch nur denken können.

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