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Warum die Stigmatisierung nicht die Seite wechselt

Redaktion free.fem.minds MAGAZIN | Tina Steiger



Die Scham muss die Seite wechseln. Seit Monaten ruhen wir uns darauf aus, dass nun damit bald alles gut sein wird. Endlich werden Gewalt, Netzwerke und Täter transparent gemacht. Jetzt, ja jetzt, muss sich also etwas ändern. Die erlebte Realität von Betroffenen jedoch, sieht anders aus.

Viele Frauen, darunter Collien Fernandes gegenüber dem Stern, sagen heute, sie würden Frauen nicht uneingeschränkt zur Anzeige raten. Ob Blake Lively, Amber Heard oder all die unprominenten Betroffenen rund um den Globus, sie alle erleben vor allem Hass und Häme, teilweise von völlig Fremden, wenn sie Gewalt öffentlich benennen. Was ist es, dass das Stigma bei den Frauen und nicht den Tätern hält?

Ob nach Vergewaltigungen, Bedrohungen oder Cybergewalt im Netz – Sprechen Frauen über Gewalttaten erleben sie Anfeindungen und regelrechten Hass, teils von völlig Fremden. Es könnte so einfach sein. Sie geht zur Polizei, zeigt Gewalt an und erhält Schutz. In Wahrheit birgt schon die Zeit bis zur Anzeige Hürden, die Opfer in acht von zehn Fällen an einer Strafanzeige hindern. Es fängt an mit dem Umfeld, das von einer Anzeige abrät. Freunde, die sagen, das hätte er sicher so nicht gemeint. Nur ein Ausrutscher. Familienmitglieder, die erklären, man müsse ja nicht gleich die Familie kaputt machen. Und da ist natürlich noch der Täter selbst, der seinem Opfer einzureden versucht, dass sie selbst schuld sei. Am Ende quasi der Auslöser, wenn nicht sogar die eigentliche Täterin.

Man sagt, in sieben bis acht von zehn Fällen werden Anzeigen bereits im engsten Umfeld verhindert. Hinzu kommt dann, dass gewaltbetroffene Frauen bis zu sieben Anläufe brauchen, bis sie überhaupt in der Lage sind, sich wirklich zu befreien. Frauen verharren in Gewalt nicht, weil sie wollen, sondern weil es sicherer ist, als zu gehen. Und während sie warten und abwägen, erleben sie Scham und Stigmatisierung. Bis sie selbst immer wieder glauben, vielleicht sei alles gar nicht so schlimm.

Opfern wird misstraut

Wenden sich Frauen am Ende an die Polizei erfolgt meist die nächste Ernüchterung. Kein Auffangen als Opfer, kein großes Mitgefühl. Stattdessen nüchtern-formale Aufnahmen der Anzeige, kritische Fragen und Belehrungen darüber, was die Staatsanwaltschaft daraus machen könnte. Selbst Opferanwält:innen raten an dieser Stelle Frauen manchmal von Anzeigen ab. Etwa wenn sie sich bei Gewalt gewehrt haben, lange beim Partner geblieben sind oder gemeinsame Kinder haben. Zu belastend sei ein Verfahren, in der das Opfer sich fühlen darf, als säße es selbst auf der Anklagebank. Unter Familienrechtsanwält:innen gilt die weit verbreitete Meinung, Gewalt zeige Frau besser nicht an, wenn sie nicht direkt im Verfahren die Kinder verlieren wolle. Eine Wahrheit, die viele Frauen schon leidvoll in den Gerichten erleben mussten.

Das Stigma hinter all’ diesen Sätzen trifft Frauen nach Gewalt. Nicht die Täter. Sie, die mit ihrer Aussage eine Zukunft, eine Familie, eine Vaterschaft beschädigt, gilt hinter vorgehaltener Hand zwischen den Zeilen als die Täterin. Der Rechtsbegriff der Unschuldsvermutung gilt für sie nicht. Er könne unschuldig sein und zu unrecht angezeigt. Sie jedoch sei jedoch grundsätzlich kritisch zu hinterfragen, denn wer zeigt schon den Vater der eigenen Kinder oder den Lebenspartner an?

Gewalterleben ist ein Stigma

Frauen berichten, dass sie ihre Gewalterfahrungen oder auch Trennungen wegen Gewaltvorfällen im Beruf verheimlichen, weil sie Angst davor haben, was passiert, wenn sie als Opfer stigmatisiert werden. Denn – und da machen wir uns bitte nichts vor – Opfer zu sein, ist ein Image-Schaden in Deutschland. Neben der Unterstellung, sie könnte eine Lügnerin sein, kommt ein Makel hinzu, den ein Opferstatus unausgesprochen mit sich bringt. Victim mindset gilt als Schimpfwort und ein Zustand aus dem sich Gewaltbetroffene bitte augenblicklich aus eigener Kraft herauszuschnipsen haben.

Studien zeigen, dass kein gesellschaftliches Milieu einen Opferstatus als auf Augenhöhe respektiert. Opfer werden als schwach, naiv, ungebildet und selbst schuld eingeordnet. Ein Status, den es um jeden Preis zu vermeiden gilt. Die einzige Gruppe, so zeigt eine Studie aus Bayern1, die Gewalt für sich als Thema anerkennt und in die Vita integriert, sind die sogenannten Performer. Die Selfmade-Macher (Männer wie Frauen), die ihre Geschichte jedoch erst dann erzählen, wenn ein heldenhaftes Element, des Widerstände-Überwindens hinzugekommen ist. Das Vorher ist das schlechte Beispiel, das Nachher das glorreiche Ziel, das nun auch gleich anderen verkauft werden will. Das kommt an.

Opfer sind nur dann akzeptiert, wenn sie sich selbst befreit haben und dann zeigen, dass sie es wirklich geschafft haben. Der Revenge body, die Traumfamilie, das Happy go lucky life, die Ausnahmekarriere. Down sein und unten bleiben – in Wahrheit will das in unserer Gesellschaft niemand sehen, glaubt man den Befragungen. Und so ist es auch wenig verwunderlich, dass Frauen, die es nach Gewalt geschafft haben und sich glücklich und heldinnenhaft präsentieren, unzählige Follower:innen haben, während Opfer, die noch mit Folgen kämpfen, als eine Art unangenehme Erscheinung ignoriert werden. Das ist bitter, denn Folgen von Gewalterleben lassen sich nicht so einfach wegschnipsen. Sie lassen sich vielleicht für den perfekten Social Media Moment beiseitelegen, doch die Verletzung und Narbe an der Seele bleibt ein Leben lang.

Ausgrenzung für Betroffene

Alle Welt setzt ständig Zeichen gegen Gewalt an Frauen, aber werden Frauen Opfer, erfahren sie die volle Bandbreite gesellschaftlicher Stigmatisierung. Beschämung und Ausgrenzung ist für Betroffene Alltag, ob in Freundeskreisen, unter Eltern oder im Job. Reale Opfer kennen, wollen – so scheint es – genauso wenige, wie echte Täter in ihrem Umfeld. Das Beschämen, Infragestellen, Ausgrenzen, ist manchmal subtil, manchmal degradierend, manchmal nur etwas, für das Betroffene feine Antennen haben. Sie haben es so oft erlebt. In den Behörden, im Umfeld, in der Justiz. Das Misstrauen oder auch das Ausweichen bei der Intensität ihrer Erzählung.

Den Raum für Betroffene halten, können nur Wenige und so sind die Räume, in denen Frauen nach Gewalt wirklich aufgefangen werden, sehr selten. Viele Betroffene reagieren auf diese Erfahrungen, indem sie sich und ihre Erlebnisse ins Internet verlagern. Hier fällt es vielen Frauen deutlich leichter, Personen und eine Community mit gleichen Erfahrungen, mit weniger Bias und weit weniger Stigmatisierung zu finden.

Doch die Erleichterung währt nur kurz. Bis völlig Fremde die Anonymität im Netz nutzen und sie offen angreifen. Dafür, dass sie es wagen, eine Geschichte zu erzählen, in der mitlesende Männer sich mit dem Täter identifizieren. Dafür, dass Erlebnisse wie ihre einen Generalverdacht implizieren. Sogar Frauen finden sich erstaunlich oft unter den Mobberinnen. Frauen, die das Patriarchat normalisieren und Frauen anfeinden, die sich dem betont konservativen Konstrukt widersetzen.

Abgrenzung als Selbsterhalt

Diese Abneigung gegen Opfer ist ein tiefgreifendes psychisches Muster, dessen sich die meisten Menschen gar nicht erst bewusst sind. Diese Ausgrenzung von Betroffenen ist eigentlich eine Abgrenzung des Selbst. Eine Art Selbstschutz, der das eigene Verständnis von Sicherheit und die Zugehörigkeit zur sozialen Gruppe erhalten will. Opfer als solche wahrzunehmen, erschüttert das soziale Gefüge bis ins Mark. Menschen verteidigen ihre sozialen Räume mit Klauen und Zähnen, weil es zu belastend für sie wäre, sich mit der Tatsache von Gewaltopfern in ihrem Nahumfeld auseinanderzusetzen.

Und so können wir nur begrenzt erwarten, dass eine Gesellschaft empathischer und bereitwilliger Betroffene auffängt. Das werden nur diejenigen können, die sich ihrer Selbst sicher genug sind. Wer seinen Status als fragil wahrnimmt, wird Opfer dafür verurteilen, am komfortablen, ignoranten Status quo zu rütteln. Die Stigmatisierung wird nur langsam die Seite wechseln. Bildung wird helfen, immer mehr Menschen über Gewaltperspektiven aufzuklären.

Die Scham dagegen,
ist wirklich dabei,
die Seite zu wechseln.

Denn immer mehr Frauen hören auf, sich zu schämen. Beschämt werden funktioniert immer weniger. Weil Betroffene verstehen, dass Gewalt nicht ihre Schuld ist. Nicht sie sind es, die sich schämen müssen. Jetzt gilt es, die Täter zu beschämen, infragezustellen und auszugrenzen. Nicht Frauen sollten sich im Beruf scheuen, über die Taten an ihnen zu sprechen, sondern Täter sollten um ihre Jobs bangen, wenn Arbeitgeber erfahren, dass sie Gewaltausübende sind.

Frauen legen die Scham nach jahrelangen Aufklärungskampagnen ab. Jetzt ist es an allen anderen, die Vorurteile über Gewaltopfer in den Köpfen zu bekämpfen.


  1. Gewalt und Milieus Einstellungen zu Gewalt und Gewalterfahrungen in sozialen Milieus in Bayern im Auftrag des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales. Abschlussbericht von Prof. Dr. Carsten Wippermann. DELTA-Institut für Sozial- und Ökologieforschung. Penzberg 2022

Tópico Stimme gegen Gewalt

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