(Abre numa nova janela)09/04/2026
Liebe Leute,
ich hoffe, Ihr hattet ein schönes Osterwochenende. Meines war ein bisschen davon beeinträchtigt, dass ich mit nervigen Magenproblemen krank zu hause lag, und weder die schöne Sonne, noch die viele freie Zeit so richtig genießen konnte. Aber krank zu hause liegen heißt auch: maximal viel Hörbuch hören – tatsächlich meine absolute Lieblingsfreizeitbeschäftigung – was dann auch bedeutet, maximal viel Zeit in anderen Welten zu verbringen (ich höre meist Fantasy-, Horror- oder SciFi-Romane), Welten, die nicht so scheiße, so dumm und so gefährlich (leider halt auch nicht so real) sind, wie die, die ich sehe, wenn ich aus dem Fenster schaue.
Project Hail Mary (contains spoilers)
Na gut, gefährlich sind diese Welten auch, zum Beispiel die Welt, in der die zur Zeit hoch gehypte Geschichte Project Hail Mary (PHM) spielt: gerade als Film mit Ryan Gosling in den Kinos, erzählt PHM die Geschichte einer Welt, unserer Welt, dem dritten Planeten des Sol-Systems, deren Sonne von interstellaren Mikroorganismen befallen wird. Diese Organismen (astrophage) fressen auf einer exponentiell steigenden Kurve die Energie der Sonne auf, was auf der Erde natürlich zu extremem Klimawandel führen würde: schon zehn Jahre nach der Entdeckung des astrophage-Befalls, der ungefähr im “Jetzt” stattfindet, würde eine dunklere Sonne die Erde mit so viel weniger Energie bestrahlen, dass erhebliches “global cooling” stattfinden würde, das mit gigantischen Ernteausfällen, globalen Hungersnöten und dem Beginn endloser globaler Konflikte um einen schrumpfenden Ressourcenpool einhergehen würde. Gute zwanzig Jahre nach der Entdeckung würde schon die Hälfte der Weltbevölkerung sterben...
Da liege ich also, leise leidend auf dem Sofa, will mich in andere Welten beamen... und plötzlich horche ich auf, weil mir exzellente Vorleser von PHM gerade ziemlich detailliert und faktisch korrekt erklärt hat, wie die wahrscheinliche Zukunft unserer Welt aussieht: in dieser, unserer Realität gehe ich davon aus, dass schon in zehn Jahren – 2036 – erhebliche Ernteausfälle (nicht nur Ernte-, auch Fisch- und Fleischausfäll drohen natürlich) und andere Ressourcenknappheiten zu massiven globalen Konflikten führen, und existierende Konflikte massiv anheizen werden. Ich glaube ebenfalls, dass in 20-25 Jahren (also an dem Punkt, wo in PHM die Hälfte der Weltbevölkerung gestorben wäre, wenn nicht... aber das wären dann zu viele Spoiler) eine Kombination aus globalem ökologischen Kollaps, globaler Faschisierung und globaler “Thukydides-Falle” (schon ein paar Mal erwähnt: wenn ein absteigender internationaler Hegemon auf einen aussichtsreichen “Challenger” trifft, ergibt das notwendigerweise mehr Krieg) die Welt für die allermeisten von uns zu einem ziemlich unangenehmen Ort gemacht haben wird.
Danach wird's natürlich wieder unrealistisch, denn die Welt reißt sich zusammen, schmeißt alle Ressourcen in einen Topf, und macht jenen letzten Spielzug, der im american football gemacht wird, wenn alles andere nicht mehr funktioniert, den hail mary pass (lang nach vorne werfen, und hoffen, dass der wide receiver irgendwie den Ball aus der Luft fischen, und einen touchdown machen kann): eine Raumfahrtmission in das Heimatsystem der Mikroorganismen, um dort die Rettung der Welt zu finden. Na gut, es handelt sich eben um ScienceFiction, nicht um klimapolitischen Journalismus, aber... wait a second: was in diesem SciFi-Roman über Kollaps steht, über globalen ökologischen Kollaps, ausgelöst von einer Variation in der Menge Sonnenenergie, die in der Erdatmosphäre bleibt, also genau über das Szenario, das in unserer, in der realen Welt stattfindet, ist tatsächlich erheblich realistischer, als so ziemlich alles – nein, als alles, was ich in unseren Zeitungen lese und in Nachrichtensendungen oder Podcasts höre und sehe. Und das ist irgendwie weird. Das sollte so nicht sein. Es ist aber so. WTF is happening?
Kollapsrealismus
Dass die “Popkultur” deutlich mehr Kollapsakzeptanz entwickelt hat, als unsere politischen Diskurse, sollte uns allen spätestens seit der ultimativen Verdrängungsgesellschaftssatire “Don't Look Up” (wo ein gigantischer Meteroit auf die Erde zurast, die zu zerstören droht, und fast die ganz Welt... naja, gemeinsam weg-, will sagen, nicht nach oben schaut) klar sein: während dieser Film überall gefeiert wurde, entwickelte ich gleichzeitig die These von der Verdrängungsgesellschaft (je mehr selbstverschuldete Gefahr, desto mehr Verdrängung und Idiotie), und lief damit so ziemlich überall auf, auch in meinen linken und Klimakontexten. Wir konnten uns also schon vor vier Jahren mit unserer eigenen gesellschaftlichen Realität nicht direkt, in der Form der analytischen Kritik auseinandersetzen, aber wir konnten kulturelle Produkte feiern, die genau diese Auseinandersetzung in einen anderen Bereich verschoben, in den Bereich der Unterhaltung, in der eh nix echtes passiert, und jede Katastrophe nur ein bisschen teures CGI ist. Die selben Menschen, die am Tag davor noch mit riesiger Freude, viel Gegacker und einigem betretenen Schweigen Don't Look Up geschaut und gefeiert hatten, waren am Tag drauf geschockt von der These, wenn jemand es wagte, sie im politischen Raum zu artikulieren.
Ein weiteres Beispiel aus der Filmwelt ist der Apokalypsethriller “Leave the World Behind” mit drei Stars meiner Filmjugend (Julia Roberts, Ethan Hawke und Kevin Bacon), in dem ein Cyberangriff zum Kollaps allerlei gesellschaftlichen System führt. In dieser Situation, in der Menschen auf sich selbst und ihr unmittelbares Umfeld zurückgeworfen sind, wo alle gesellschaftlichen Konflikte nochmal in schärferen Umrissen wahrgenommen werden, tauchen auch “racial” und Klassenkonflikte wieder auf, und einen dieser löst die Karen des Films, Julia Roberts, mit einem wunderschönen Monolog auf. Gefragt, warum sie ständig so ängstlich sei, so wütend, antwortet sie:
„Jeden Tag, den ganzen Tag, besteht meine Arbeit, meine ganze Arbeit darin, die Menschen gut genug zu verstehen, damit ich weiß, wie ich sie anlügen muss, um ihnen Dinge zu verkaufen, die sie eigentlich gar nicht wollen. Und wenn man Menschen so beobachtet, wenn man wirklich sieht, wie sie miteinander umgehen, nun ja … Du bist kein Dummkopf. Du siehst, was sie tun, und sie tun es, ohne darüber nachzudenken. Fuck. Ich habe es dir und deinem Vater angetan, und ich weiß nicht einmal wirklich, warum. Wir ficken uns gegenseitig ständig, ohne es überhaupt zu merken. Wir ficken jedes Lebewesen auf diesem Planeten und denken, es sei in Ordnung, weil wir Papierstrohhalme benutzen und Freilandhähnchen bestellen. Und das Kranke daran ist: Ich glaube, tief im Inneren wissen wir, dass wir niemanden täuschen. Ich glaube, wir wissen, dass wir eine Lüge leben. Eine Massenwahnvorstellung, die wir gemeinsam aufrechterhalten, die uns hilft, auch weiterhin zu ignorieren, wie schrecklich wir wirklich sind.“
Realitätsverfremdung
Yup. That's it, genau das. Das ist die privilegierte Verdrängungsgesellschaft in a nutshell. Besser oder zumindest konziser analysiert, als ich das in den meisten meiner Texte hinkriege, und auf jeden Fall eine präzisere Beschreibung der zentralen gesellschaftlichen Dynamiken unserer Zeit, als ich sie bisher in irgendeiner Nachrichtensendung, irgendeiner halbwegs respektablen Zeitung, oder bei den meisten meiner klugen linken und Klimagenoss*innen gelesen habe. Zu verstehen, dass der Großteil unserer (also auch der linken und ökologischen) politischen Diskurslandschaft eine “Wahnvorstellung” ist, “die wir gemeinsam aufrechterhalten”, um zu verdrängen, “wie schrecklich wir sind”, und dies auch wirklich anzuerkennen, scheint einen intellektuellen Mut zu brauchen, den wir im politischen meist nicht aufbringen können.
Gut, dass es dafür das Feld “Kultur” gibt, wo schon jeher schwierige Themen besser besprochen werden konnten, wo es zum Beispiel den ersten Kuss zwischen “weiß” und “schwarz” im amerikanischen Fernsehen gab, in Star Trek: The Original Series, zwischen Captain Kirk und Lieutenant Uhura – but to be fair, they were under alien influence. Und dieser “alien influence” ist hier wichtig, denn durch einfache Verfremdungsmechanismen wie eben “alien influence” o.ä. Lässt sich einiges erreichen. Zum Beispiel in Star Trek: The Next Generation (die mit Captain Picard und Data, für die Halbnerds unter Euch): in einer Episode trifft die Enterprise auf eine Spezies, in der es offiziell keine Geschlechter gibt, aber eine verfolgte Subkultur von Menschen, die sich zu binärer Geschlechtlichkeit bekennen – wie es kommen muss, verliebt sich einer der Starfleet-Offiziere in ein Person, die sich als Frau versteht, und plötzlich können Heten in heteronormativen Gesellschaften darüber nachdenken, wie es sich für Homos anfühlt, die sich vor gesellschaftlichen Sanktionen verstecken müssen, cis-Menschen, wie die Welt sich für trans Menschen anfühlt weil sie nicht direkt damit konfrontiert sind, weil es, 1. ein bisschen Verfremdung gibt (“Da geht's ja gar nicht um uns, das ist ja'n anderer Planet!”), und 2. das ganze im “Kulturbereich” stattfindet, also nicht Kultur, wie die Ethnographie sie versteht, sondern “Kultur” im Sinne von Popkultur, oder Kulturmanagerin.
Deswegen sollte, wer ein vernünftiges Verständnis vom globalen ökologischen und sozialen Kollaps entwickeln möchte, dafür vielleicht lieber Netflix schauen, als die Nachrichten. Just a suggestion.
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Kollapsenergie
Die, oder zumindest: eine der wichtigen Funktionen des gesellschaftlichen Feldes oder Subsystem “Kultur” ist es also, der Ort zu sein, an den wir Dinge, die direkt zu konfrontieren zu schwierig, zu herausfordernd, zu destabilisierend wäre, die wir also verdrängen wollen/müssen, hinschieben können. Das bedeutet dann nicht, dass wir uns damit überhaupt nicht auseinandersetzen, sondern wir verschieben die Auseinandersetzung damit einfach in einen Raum, wo sie uns nicht wehtut. Zum Beispiel in einen Film, den wir hinterher kritisieren, den wir abschalten, den wir durch ein anderes Programm ersetzen könnten. Wo wir nicht unbedingt auf die wuchtigen inhaltlichen und politischen Aussagen achten müssen, sondern uns... I don't know, den hübschen Hauptdarsteller anschauen können, oder was auch immer.
Und dass der Kollaps ein Prozess mit erheblicher Wucht ist, das kann niemand verneinen, die sich derzeit regelmäßig mit der Welt auseinandersetzt. Ich würde so weit gehen, zu argumentieren, dass die Verschiebung der Auseinandersetzung mit Kollaps in den “Kultursektor” notwendig war, weil die emotionale Energie, die durch den real-existierenden Kollaps in uns produziert wird, die aber nicht explizit artikuliert werden kann (wo “artikuliert” nicht nur “geäußert”, sondern auch “organisiert” bedeutet), eine der zentralen gesellschaftlichen Produktivkräfte unserer Zeit ist. Dass wir eine kulturelle Produktion brauchen, die voller immer dunklerer Endzeitszenarien ist, weil das die reale Zukunft ist, auf die wir uns zubewegen, ohne dies anerkennen zu können. Im Grunde nutze ich hier eine Art psychologisches Druckkochtopfmodell, wo “die Kultur” das Sicherheitsventil ist. In diesem Druckkochtopf befindet sich immer mehr unartikulierte Kollapsenergie, und eine der Aufgaben einer solidarischen Kollapsbewegung wird es sein, diesen Energien einen produktiveren Ausweg aus dem Druckkochtopf der Verdrängungsgesellschaft zu geben, als nur “coole Filme und Serien auf Netflix”.
Schlussgedanken
Wenn Dir als Politikwissenschaftler und Aktivist auffällt, dass die meisten Deiner Kolleg*innen und Genoss*innen egal, wie cool und radikal Du sie mal fandest, Sachen erzählen, die dazu angelegt, die designed sind, unseren täglichen spätimperialen Normalwahnsinn zu sanewashen, wenn Du merkst, dass das meiste, was in dieser Gesellschaft erzählt wird, Teil einer “gemeinsam aufrechterhaltenen Massenwahnvorstellung” sind, kann das schon ein bisschen traurig machen. Also ja: es macht mich traurig, dass ich auf Netflix klügere Analyse serviert kriege, als von den Menschen, deren Aufgabe es ist, kluge Analysen zu produzieren. Manchmal glaube ich, dass es für die meisten Journalist*innen so schwer war und ist, Trump nicht zu “sanewashen” (also so zu tun, als hätte sein Wahnsinn eine andere Methode als das temper tantrum eines überprivilegierten fünfjährigen Soziopathen), weil ihr täglicher Job das Sanewashen einer durch und durch abgefuckten Normalität ist. Dann wird's tatsächlich schwierig, weil: welchen Teil des Normalwahnsinns sollst Du jetzt normalisieren, und noch schwieriger, welchen sollst Du für verrückt erklären?
Alles davon, liebe Kolleg*innen, alles. Unser politischer Diskurs ist im Kern die Normalisierung einer bizarren, einer unmoralischen und unmöglichen alltäglichen Realität, und zwar fast jeder Aspekt davon, auch die anscheinend “kritischen”. Julia Roberts brachte es auf den Punkt: “I think deep down we know we're not fooling anyone. I think we know we're living a lie. An agreed upon mass delusion to help us ignore and keep ignoring how awful we really are.”
Quite.
Mit freudomarxistisch-kulturwissenschaftlichen Grüßen,
Euer Tadzio