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Handlungsunfähig im Krieg: ohne Hebel keine Macht

Foto von der riesigen Antikriegsdemo 15/2/2003 in London: Hyde Park voller Leute, ein Meer von Menschen. (Abre numa nova janela)
So viele Leute. So wenig Macht. Die legendär-gescheiterte Riesendemo gegen den Irakkrieg am 15/2/2003 in London.

21/05/2026

Liebe Leute,

auch dank Eurer tatkräftigen Hilfe flutscht es gerade beim Schreiben ziemlich gut, Einleitung steht, Kapitel 1 wird hoffentlich heute fertig, was bedeutet, dass ich besser im Zeitplan liege, als befürchtet :) Ein kleiner Wehmutstropfen: dieser äußerst produktive Hyperfokus auf’s Buchschreiben bedeutet auch, dass ich derzeit nur sehr wenig, eigentlich nur noch eine Sache hinkriege, und das ist die Arbeit am Mutual Aid HEAT (hier nochmal der Link: mutualaidHEAT.de (Abre numa nova janela)) - falls Ihr auf Antworten oder Reaktionen meinerseits auf Signal Nachrichten, Emails oder ähnliches erwartet, es tut mir wirklich leid, aber das kann noch ein bisschen dauern. ADHS-getriebener Hyperfokus kann meganützlich sein, aber er ist halt nicht besonders… der hat keinen guten Überblick. Falls ich Euch gerade hängen lasse: verzeiht mir. Ich freu mich so sehr, dass es endlich mit dem Schreiben klappt, dass ich das gerade ausnutzen muss.

Was mich zum heutigen Text bringt: es gäbe ne ganze Reihe spannender Themen zu besprechen, von den vielen Bestätigungen für meine These vom “kommenden fossilistischen Aufstand”; zur spektakulär kontraintuitiven Nachricht aus der Klimawissenschaft, die mitteilt, dass das “worst case emissions scenario” jetzt aus den kommenden Modellierungen rausgenommen würde, weil es durch reale Klimaschutzfortschritte unwahrscheinlich geworden wäre; oder vielleicht was zum Bericht des Klimaexpert*innenrats, der der Bundesregierung total überraschend bescheinigt, dass diese den Klimaschutz im Grunde einfach gekillt hat, davor aber noch gedemütigt und öffentlich zur Sau gemacht.

Aber für all das hab ich derzeit keine Zeit, wie gesagt, Hyperfokus, 2. Buch, etc.

Daher dachte ich mir: ihr schient ja auf den ersten Teil der Einleitung, den ich letzte Woche gepostet hatte, ganz positiv zu reagieren, vielleicht würde Euch also auch der zweite Teil interessieren. Nachdem es letzte Woche um gleißend helle Handlungsfähigkeit ging, um den krassesten aktivistischen Kick meines ganzen Lebens, soll es heute um das Gegenteil gehen. Um eine riesige, gut organisierte Bewegung, die gar nichts, zilch, zip, nada erreichte, weil sie nicht verstand, dass “einfach nur auf die Straße gehen” nicht genug ist, wenn die Addressatin der Proteste nicht hören will.

Letzte Woche ging es um Bewegungsmacht. Diese Woche geht es um Bewegungsmachtlosigkeit. Und da es sich auch hier um writing-in-progress handelt, freu ich mich über jedes Feedback von Euch.

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Ich finanziere meine politische Arbeit vor allem über diesen Blog, und wäre dankbar für Deine Unterstützung

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Handlungsunfähig im Krieg: keine Bewegung ohne Hebel

Seattle machte mich zu einem anderen Menschen: sah ich davor noch meinen wahrscheinlichen Karrierepfad in irgendeiner mehr oder minder progressiven UN-Institution – in irgendeinem Ökodepartment der Weltbank vielleicht, oder in einem dieser kleinen linken UN-Forschungsinstitute wie UNRISD – war mir danach klar, dass meine politische Zukunft im „Aktivismus“ lag, in sozialer Bewegung. Alles Andere erschien mir wie totaler Quatsch, was könnte denn toller sein, als die Erfahrung, die ich in Seattle gemacht hatte, was ein besseres Reaktionsmuster auf große politische Ängste, als darum herum und dagegen eine soziale Bewegung zu bauen, innerhalb deren man dann gemeinsam machtvoll die Angst und das sie auslösende Problem bearbeiten könnte?

Das nächste politische Problem ließ dann auch nicht lang auf sich warten: im Verlauf des Jahres 2002, ich lebte zu dem Zeitpunkt in England, um an der Sussex University meine Dissertation über antikapitalistischen Aktivismus zu schreiben, wurde klar, dass das US-amerikanische Imperium unter der Führung von Dick Cheney und seiner glorified sock puppet George W Bush ohne rechtliche und moralische Grundlage den Irak angreifen würde, und darin vom britischen poodle Tony Blair unterstützt würde. Ich weiß, dass es mittlerweile wieder vollkommen normal geworden ist, auch in den privilegierten Ländern der Welt ständig Kampfjets und andere Militärflugzeuge über unseren Köpfen zu sehen, aber Anfang der Nuller, nach guten zehn Jahren „Friedensdividende“ - der im Nachhinein ziemlich albernen und hyperprivilegierten Annahme, dass nach dem Ende des Kalten Krieges eine Art permanenter globaler Frieden einziehen, die Pax Americana sich auf ewig über die ganze Welt erstrecken würde – war es zutiefst erschreckend, in einem Land zu leben, das zusammen mit dem globalen Bullyhegemon gerade einen illegalen Angriffskrieg plant, der dazu führen würde, dass Bomber von britischen Airforce-Stützpunkten abheben, „to murder Iraqi children“, wie wir es damals etwas polemisch formulierten. Aber es ging bei den Protesten natürlich nicht nur um die humanistische Sorge um Menschen im Irak, so präsent diese auch war: viele von uns in der britischen Antikriegsbewegung trieb die Angst vor einer Welt um, in der Kriege wieder eine ganz normale Form der Durchsetzung imperialer oder auch “nationaler“ Interessen würde – eine Welt, von der uns versprochen worden war, sie wäre seit 1989 vorbei.



Anti-War Movement 2002-2003

Da ich seit Seattle nun unter die „Aktivist*innen“ gegangen war, und die Erfahrung „grenzenloser Handlungsfähigkeit“ in der gemeinsamen radikalen (ungehorsamen, regelbrüchigen, auch konfrontativen) Bewegungsaktion auf der Straße gemacht hatte, war die Reaktion auf den aufziehenden Krieg, der gleichzeitig eine Art moralischer Bankrotterklärung der siegreichen Seite im Kalten Krieg war – die „neue Weltordnung“ unterschied sich anscheinend gar nicht so sehr von der alten, in der die reichen spätimperialen Gesellschaften des globalen Nordens sich halt nehmen, was sie wollen, und dafür irgendeine Bullshitbegründung nachliefern (so wie damals im Irak, so heute in Venezuela) – fast schon vorprogrammiert: let's build an anti-war movement.

And so we did. Aber nicht aller Aktivismus ist erfolgreich, nicht alle Bewegung vermittelt heroische Handlungsfähigkeit – im Schnitt ist leider eher das Gegenteil der Fall. „Aktivismus“ ist eine sehr besondere Art von Magie, die nur unter ganz bestimmten, und in den meisten Fällen nicht wirklich vorhersagbaren Bedingungen ihre volle Wirkung entfalten kann, und meistens sind diese Bedingungen nicht gegeben. Eine zentrale Erfolgsbedingung, die in der britischen Antikriegsbewegung nicht gegeben war, ist die Existenz von Hebeln.

Klar, gemeinsame Masse auf der Straße ist wichtig und ermutigend, und ne riesige Demo zu organisieren, oder ne Aktion, die erfolgreich ihr Ziel erreicht und (zum Beispiel) blockiert oder friedlich sabotiert, kickt auf jeden Fall ziemlich. Aber wenn diese Demos oder Aktionen immer wieder ins Leere laufen, wenn daraus keine expandierende Dynamik im Sinne einer ständig wachsenden Mobilisierungswelle entsteht, vor allem wenn das, wogegen gekämpft wird, irgendwann tatsächlich unwiderruflich eintritt: dann produziert Bewegung genau das Gegenteil der Ermächtigungserfahrung, die Menschen erst dazu bringt, sich als „Aktivist*innen“ (oder auch „Organizer*innen“, falls der Begriff „Aktivist*in“ mittlerweile allzu negativ konnotiert ist) zu betätigen, sich in soziale Bewegung einzubringen. Dann fühlt Bewegung sich genau so lahm an, wie in der schrumpfenden lokalen Basisorganisation irgendeiner Partei herumzusitzen, und abends um kurz nach zehn noch darauf zu warten, dass das Protokoll vom Treffen letzte Woche von der Schriftführerin korrekt vorgelegt wird. Schlimmer noch, da das Versprechen von Aktivismus eben das einer fast schon explosiven Handlungsfähigkeit ist, unabhängig davon, wie lang es bis zum politischen Erfolg in Wahrheit dann braucht, wird genau dieses Versprechen dann zum Problem, denn während Parteiarbeit ganz bewusst auf die lange Sicht angelegt ist, ist es für Bewegungen eine große Herausforderung, die Mühen der politischen Ebene zu überstehen, und zwischen Mobilisierungshochphasen ihre interne Stabilität und Resilienz zu sichern: wenn Bewegungsarbeit erlahmt, droht der Bewegung oft sofort der Exitus.

Genau das geschah mit der britischen Antikriegsbewegung. Während wir 2002, dem Jahr der Kriegsvorbereitung, unglaubliche Mobilisierungserfolge erzielten, sich praktisch im ganzen Land aktive lokale Antikriegsgruppen organisierten, und sich sehr, sehr klare Mehrheiten gegen einen illegalen Angriffskrieg positionierten, schienen wir als Bewegung der Meinung zu sein, dass das schon ausreichen würde. Klar, es gab nen radikalen Flügel, auf dem auch unsere Sussex Action for Peace-Gruppe verortet war, der mit ungehorsamen Aktionen, Straßen- und anderen Blockaden immer wieder für Aufsehen sorgte, aber im Kern war die Strategie die selbe, auf die sich später auch die deutsche Klimabewegung verlassen würde: große Demos und Aufsehen erregende Aktionen sollten klare gesellschaftliche Mehrheiten für oder gegen etwas produzieren, dann würde die Regierung schon einknicken, weil gesellschaftliche Mehrheiten verprellen sollte für eine demokratisch gewählte Regierung ein Problem sein.



Hebelwirkung

But is it? Die Aussage klingt erstmal nachvollziehbar, aber denkt Euch mal in das (damalige) britische Zweiparteiensystem rein: wenn es realistischerweise nur die Wahl zwischen Labour und Tories gibt, die Tories grundsätzlich für Kriege sind, und Labour diesen konkreten Krieg vorantreibt, dann ist „öffentliche Meinung verschieben“ eben gerade kein Hebel, weil es keine effektiven elektoralen Strafmöglichkeiten für den Fall gab, dass Labour in den Krieg ziehen würde. „Whatcha gonna do – vote for the effin' Tories, ey?“

Das ganze traurige Spektakel einer riesigen, gut organisierten Bewegung ohne jede reale Handlungsmöglichkeit wurde am 15. Februar 2003 auf die Spitze getrieben, als 1,5 Millionen Menschen bei der größten politischen Demonstration der britischen Geschichte sich mühsam und zäh durch Londons Straßen wanden: der Kriegsbeginn stand wenige Wochen bevor, und das erklärte Ziel der Bewegung war, diesen zu verhindern. Gleichzeitig hatte die Regierung Blair laut und deutlich signalisiert, dass ihr die Mehrheitsmeinung wumpe sein würde, sie würde auf jeden Fall die USA in diesem für die Menschenrechte und die Demokratie ach so wichtigen Waffengang unterstützen. Das wiederum bedeutete, dass es eigentlich überhaupt keinen Grund gab, mit 1,5 Millionen Menschen auf der Straße zu sein, außer gegenseitiger Selbstvergewisserung. Würden wir mit dieser langweiligen Demo, die sich zu keinem Punkt entschied, sich zum Beispiel mal auf die Straße zu setzen und London zu blockieren, oder vielleicht eine kleine Party vor 10 Downing Street feiern könnte, in deren Rahmen man, and I'm just spitballing here, ja durchaus die Fassade des Hauses hätte verschönern können, in dem gerade ein illegaler imperialistischer Angriffskrieg geplant wurde, dann wäre da durchaus was gegangen.

Aber niemand setzte sich, niemand feierte ausgelassen mit Pyros in der Downing Street, niemand entschied sich, zu einem anderen Hebel als der freundlichen Überzeugung zu greifen. Und so kam es, wie es kommen musste: wir fuhren nach London, die Demo war riesig (und schrecklich still: England hat ja nicht so ne richtige Slogan-Ruf-Kultur, aber mit 1,5 Millionen Menschen quasi wortlos durch die Stadt zu ziehen, hatte was ziemlich bedrückendes), dann fuhren wir wieder nach hause, und nichts, wirklich gar nichts hatte sich an den Kriegsplänen geändert. Der 15.2.2003 war der Tag, an dem ich meinen letzten Respekt vor dem verlor, was wir Linksradikalen gerne despektierlich als „Latschdemos“ bezeichnen, und mich endgültig komplett dem massenhaften zivilen Ungehorsam verschrieb, dem gemeinsamen Regelbruch für die gute Sache. (Bewegungsgeschichtliche side-note: auch Roger Hallam, späterer Mitbegründer von Extinction Rebellion und Just Stop Oil/Letzte Generation war auf dieser Demo, und seine völlig richtige Einsicht, dass eine Regierung und/oder Gesellschaft, die nicht hören will, eventuell fühlen muss, wurde dort geformt.)

Wenige Wochen später, am Donnerstag den 20.3.2003, begann der Krieg tatsächlich. Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, wie wir, eine Gruppe linksradikaler Aktivist*innen, zu einer last ditch-Aktion an der Luftwaffenbasis in Fairford fuhren, wie wir zusammen mit anderen aus dem radikalen Flügel versuchten, die Basis zu stürmen (crazy idea: im Nachhinein hab ich mich oft gefragt, was passiert wäre, hätten wir damit Erfolg gehabt), um den Start von Bombern o.ä. zu verhindern. Am besten erinnern kann ich mich aber an das Gefühl absoluter Ohnmacht, als ich in einem kleinen Graben vor einem Zaun lag, nachdem mich ein Polizist zurückgeschubst hatte, und ich die abhebenden Bomber über mich hinweg-, Richtung Bagdad, Kirkuk und Mosul fliegen sah: ich heulte, schrie, zitterte vor Frustration und Machtlosigkeit. Dieser Moment ist ähnlich in meinen Körper eingebrannt, wie sein Gegenteil in Seattle: nie mehr so ohnmächtiger Aktivismus, schwor ich mir damals...

Nächste Woche geht’s dann weiter in der Einleitung: dann geht’s um die Klimabewegung, und unseren ewigen Kontrahenten - den Kapitalismus.

Bis dahin alles Gute, habt ein schönes Pfingstwochenende - ich werde es vor allem schreibend verbringen.

Mit produktiven Grüßen,

Euer Tadzio

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