
(english below)
fünf uhr am morgen. in der wohnung sind es “nur” 26 grad, und ich bin erleichtert darüber.
mir fällt auf, dass ich mein haar viel seltener schneiden muss. meine haare haben scheinbar zu wachsen aufgehört, und was eigentlich auf eine hormonverschiebung zurückgehen wird, will etwas in mir als zeichen des umbruchs deuten. in einem roman wäre es eine interessante metapher.
ich gehöre neuerdings zu den leuten, die reisen, um über ihr buch zu sprechen, und morgens in einer fremden stadt aufwachen. eindrücke ohne ende. ich habe in den letzten wochen viel über meine figuren und damit zwangsläufig über abusive beziehungen gesprochen. ein wichtiger faktor, um das opfer in solchen beziehungen bei der stange zu halten, ist die unregelmäßige belohnung, in der psychologie auch intermittierende verstärkung genannt. die motivation, etwas zu tun, ist viel höher, wenn das entsprechende verhalten nur ab und zu belohnt wird. dadurch bleibt es interessant (weil unvorhersehbar), ohne zu frustrieren (was eintreten würde, wenn die belohnung konsequent ausbliebe).
viele von uns kennen es von social media: nie zu wissen, wann eine benachrichtigung oder ein like kommen, ist viel spannender (lies: wirksamer), schüttet mehr dopamin aus, als eine regelmäßige, vorhersagbare belohnung. dadurch bleiben wir länger in der entsprechenden app.
abuser*innen wissen oft sehr genau, wann und wie viel aufmerksamkeit sie an ihre opfer verteilen wollen. wann gehässigkeiten und wann den “zucker”. manchmal ignorieren sie die andere person tagelang, bis sie sich nach nur einem wort sehnt, nach nur einem blick. bis sie selbst glaubt, es nicht besser verdient zu haben. durch diese abwechslung wiegen jene seltenen momente, in denen etwas positives kommt, so viel schwerer, als sie es in einer gesunden beziehung täten. jedes entgegenkommen oder zurückrudern (auch wenn es um dinge geht, die eigentlich selbstverständlich wären), jedes freundliche wort, jede ermutigung und jede nachvollziehbare entscheidung wirken jetzt so viel stärker. lösen dankbarkeit aus, das gefühl: siehst du, so schlimm ist es gar nicht.
was zwischen zwei menschen funktioniert, funktioniert auch gesellschaftlich. je mehr unser alltag eingeschränkt und unsere bedürfnisse mit füßen getreten werden, desto süßer schmeckt uns der zucker, wenn wir doch einmal eine entscheidung als positiv wahrnehmen. und wenn uns jemand lang genug einredet, dass wir nutzlos und minderwertig sind, glauben wir es irgendwann selbst. wenn unsere proteste lang genug verspottet und ignoriert werden, glauben wir irgendwann selbst, dass sie ins leere führen. das ist sehr bequem für diejenigen, die sich von protesten ansonsten getroffen fühlen müssten.
dieses jahr verbringe ich noch mehr zeit als sonst mit lesen. unter anderem, weil sie mir jetzt zur verfügung steht. weil ich momentan das immer noch nicht ganz fassbare privileg habe, mich ganz dem schreiben widmen und meinen alltag komplett selbst bestimmen zu können.
seit längerer zeit bringt mich wieder ein buch zum weinen.
in seinem brief an katarina poladjan schreibt abdalrahman alqalaq:
"was dem menschen durch den verlust der heimat zustößt, kennt keine grenzen und kein maß. es gibt keinen raum, der dieses fremdsein überwinden kann.”
er schreibt:
"bevor du deine heimat verlässt, leg das verlangen ab, das denken und die erinnerung an den duft der haut der menschen, die du liebst. wenn du kannst, zerreiße die inneren bilder. wenn du kannst, versuche deinen fuß von der erde zu heben. wenn du kannst, nimm deine hände von den blättern der bäume und wende deine augen ab von dem himmel über der stadt. wenn du dich je wieder heimisch fühlen willst, vergiss die liebe zum meer, bevor du segelst".
und das mir, die ich den begriff heimat verachte, weil ich ihn mit schützenvereinen, trad wives und auschluss des “fremden” verbinde. aber auch das ein privileg: den begriff verachten.
einige briefe in diesem buch stammen von afghanischen autorinnen, sie wurden innerhalb der letzten jahre verfasst und lesen sich noch einmal ganz anders mit der abschiebepolitik der deutschen regierung im kopf, der die aufrechterhaltung ihres rassismus weit wichtiger ist als menschenleben.
ich denke an hannah arendts “we refugees”. sie beschreibt geflüchtete als “those of us who have been so unfortunate as to arrive in a new country without means”.
sie schreibt: “… once we were somebodies about whom people cared, we were loved by friends, and even known by landlords as paying our rent regularly. once we could buy our food and ride in the subway without being told we were undesirable. we have become a little hysterical since newspapermen started detecting us and telling us publicly to stop being disagreeable when shopping for milk and bread. we wonder how it can be done; we already are so damnably careful in every moment of our daily lives”.
diejenigen von uns, die sich davon unbetroffen wähnen, sind nur eine flutkatastrophe, ein paar weitere grad im sommer oder einige drohnen davon entfernt, selbst zu geflüchteten zu werden.
“unsere erfahrungen sind unterschiedliche teile einer schrecklichen summe.” (heike geißler)
wenn ich rosen sehe, denke ich an die gärten in meiner kindheit. aber ich denke auch an die proteste der syrischen revolution. an die menschen, die mit rosen in händen erschossen wurden.
ich schreibe diese zeilen während der tage, in denen in deutschland über 40°c gemessen werden. von rekordhitze ist die rede, als wäre das keine lebensgefährliche folge unseres lebensstils und unserer regierungen, sondern eine errungenschaft. menschen sterben. die infrastruktur reißt, in kliniken herrscht notstand, weil die geräte ausfallen. die regierung äußert sich tagelang nicht. wenn sie es tut, werden wir dann für das bisschen aufmerksamkeit dankbar sein?
seit wochen und monaten lese ich viel eskapistischer als sonst, flüchte mich in young adult fiction. ich lese bücher über kleine mädchen, die bücher lesen, um sich von der welt abzulenken. die selbstermächtigung in fantasy-/dystopischer jugendliteratur fasziniert mich. es geht um konkrete probleme mit konkreten lösungen. geister verschwinden und müssen gerettet, die böse königin bekämpft und so eine zukunft ermöglicht werden. beste freundinnen verschwinden und müssen gefunden werden. die gefahren haben augen und zähne und können mit zauberformeln oder gewehrkugeln abgewehrt werden.
über einen meiner liebsten newsletter, und ich werde nicht müde, auf dieses projekt hinzuweisen, the marginalian, stoße ich auf baldwin und auf einen satz, den ich mir immer wieder ins gedächtnis rufen möchte:
“i am aware that we do not save each other very often. but i am also aware that we save each other some of the time.”
es ist wichtiger denn je, sich das nicht ausreden zu lassen. resignation dient nur den abuser*innen.
was kleines tun:
suche dir einen satz aus einem buch oder auch film, der dich daran erinnert, nicht aufzugeben
literatur:
abdalrahman alqalaq an katerina poladjan, 02.06.2020
in: wenn ich deine worte lese, finde ich den weg zurück nach hause. briefe von autor:innen im exil
hannah arendt: we refugees
abrufbar hier: https://www.documenta14.de/de/south/35_we_refugees (Abre numa nova janela)
heike geißler an masoma k., 09.08.2023
in: wenn ich deine worte lese, finde ich den weg zurück nach hause. briefe von autor:innen im exil
seanon mcguire: in an absent dream
seanon mcguire: beneath the sugar sky
rosie talbot: sixteen souls, übersetzt von ann lecker
rory power: wilder girls, übersetzt von andrea bottlinger
richard avedon, james baldwin: nothing personal
five a.m., “only” 26 degrees celsius in the apartment, and i am relieved.
i find that i have to cut my hair less often. my hair seems to have stopped growing. probably the effect of some hormone shift, but something inside me insists to interprete it as a sign of turmoil. in a novel, this would make a nice metaphor.
as of late, i’m one of those people who travel in order to speak about their book, who wake up every morning in an unknown city. countless impressions. during the last weeks i have talked a lot about my characters and, inevitably, about abusive relationsships. there is an important factor at play to keep the victim in line: the irregular reward, called intermittent reinforcement in psychology. the motivation is so much higher if the behaviour is rewarded only now and then. that way, the situation keeps being interesting (because unpredictable) without causing frustration (which would occur if there was no reward at all).
many of us know this phenomenon from social media: never knowing when exactly the notification or the like will arrive is so much more enthralling (that is: effective) and will release more dopamine than a regular, predictable reward ever could. that way, we will spend more time on the app.
more often than not, abusers are very well aware of when and how much attention they want to hand out to their victims. when there is time for spite and when for the “sugar”. sometimes they will ignore the other person for days until that person yearns for only one word, only one look. until they themselves do believe they don’t deserve better. because of this alternation, the rare moments when something positive is distributed gain so much more importance than they ever would in a healthy relationship. the effect of every accommodation, every row back (even if it’s only about stuff that should be for granted), of every friendly word, every encouragement and every rational decision will now be so, so much bigger. will trigger gratefulness and the feeling: look, it’s not that bad, right?
what works just fine between two people also works for societies. the more our every day life is restricted and our needs are trampled on, the sweeter the sugar will taste to us in case a political decision appeals positive to us. and if someone tells us long enough that we are useless and inferior, we will one day start to believe it ourselves. if our protest is sneered at and ignored long enough, we ourselves will start to believe that it all comes to nothing. and isn’t this convenient for those who otherwise would have to feel affected by protests.
this year, i spend even more time reading than usual. among other reasons because for now, i have this time on my hands. because of my new, still mind-boggling privilege to be able to to completely devote myself to writing, to own my time entirely.
for the first time in a long while a book makes me cry again.
in his letter to katarina poladjan, abdalrahman alqalaq writes: "there are no limits and no measures to what befalls the human being by losing their homeland.” (translation from the german version by me)
he writes:
“before you leave your homeland, shed your desire, the reasoning and the memory of the scent of your loved ones’ skin. if you can, tear apart the inner pictures. if you can, try to raise your foot from the earth. if you can, take both your hands from the trees’ leaves and turn your eyes away from the sky above the city. if you ever want to feel home again, forget about the love for the sea before you sail”. (translation from the german version by me)
here i am, me, who despises the term homeland which i associate with schützenvereine (traditional german shooting clubs), trad wives and expulsion of everything “different”. but this is a privilege, too: to despise the term.
some letters in this book were written by afghan woman writers, written during the last few years, and they read hell differently if you bear in mind current german government’s deportation politics. whom keeping up their racism is so much more important to than human lives.
thinking about hannah arendts “we refugees”, where she describes refugees as “those of us who have been so unfortunate as to arrive in a new country without means”.
she writes: “… once we were somebodies about whom people cared, we were loved by friends, and even known by landlords as paying our rent regularly. once we could buy our food and ride in the subway without being told we were undesirable. we have become a little hysterical since newspapermen started detecting us and telling us publicly to stop being disagreeable when shopping for milk and bread. we wonder how it can be done; we already are so damnably careful in every moment of our daily lives”.
those of us who deem themselves unaffected by this are only one flood disaster, only some degrees in the summer or some drones apart from becoming refugees, too.
“our experiences are different parts of a terrible sum.” (heike geißler) (translation by me)
when i see roses, i am reminded of gardens from my childhood. but i am also reminded of the protests of the syrian revolution. of the people shot dead with roses in their hands.
i am writing this during the days when 40 degrees celsius are measured in germany. it is called record-breaking heat, as if this heat wasn’t a life threatening consequence of our lifestyle and our governments but some sort of accomplishment. people die. infrastructure tearing open (literally), state of emergency in hospitals because the medical equipment breaks down. the government doesn’t say a word, for days. when they eventually will talk to us, will we be thankful for a spot of attention?
since weeks and months my reading has become more escapist than usual, i seek refuge in young adult fiction. reading books about little girls who read books to distract themselves from the world. the self-empowerment in fantasy/dystopian YA is fascinating to me. everything is about specific problems and their specific solutions. ghosts vanish and have to be rescued, the evil queen has to be defeated and thus a future enabled. best friends are lost and have to be found. the dangers here have eyes and teeth and can be fended off with spells or rifle bullets.
via one of my favourite newsletters, and i don’t get tired to point it out to you, the marginalian, i stumble about a quote by baldwin. a sentence i’d like to put in my mind:
“i am aware that we do not save each other very often. but i am also aware that we save each other some of the time.”
more than ever it is important to not let ourselves be persuaded otherwise. because our resignation only feeds the abuser.
tiny call to action:
find a quote from a book or maybe a film that will remind you to never give up.
books:
letter from abdalrahman alqalaq to katerina poladjan, 02.06.2020
in: wenn ich deine worte lese, finde ich den weg zurück nach hause. briefe von autor:innen im exil
hannah arendt: we refugees
read online: https://www.documenta14.de/de/south/35_we_refugees (Abre numa nova janela)
letter from heike geißler to masoma k., 09.08.2023
in: wenn ich deine worte lese, finde ich den weg zurück nach hause. briefe von autor:innen im exil
seanon mcguire: in an absent dream
seanon mcguire: beneath the sugar sky
rosie talbot: sixteen souls
rory power: wilder girls
james baldwin, richard avedon: nothing personal