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schreiben gegen ohnmacht, dezember / write against, december

ein see im winter, eingerahmt von kahlen büschen und bäumen, der tiefblaue himmel spiegelt sich im wasser, über den baumkronen fliegt ein reiher / a lake during wintertime, lined by leafless shrubbery and trees, the deep blue sky reflected in the water, above the treetops a heron is flying

(english below)

auf meinem schreibtisch liegen die muscheln des letzten sommers, vor dem fenster die dunkelheit. ich habe versucht, farben zu sammeln, um den grauen stadtwinter zu überstehen. wärme, um gegen kaltland anzukommen.

habe ich genug wörter?

“es gibt lange, dunkle wintertage und dann wissen wir nicht mehr, worüber wir sprechen sollen.”, sagt frederick im gleichnamigen buch.

manchmal fühle ich mich sprachlos, wie eingefroren angesichts der fortschreitenden unmenschlichkeit, die politisch gewollt und gefördert wird. dabei waren wörter immer das wichtigste in meinem leben. das erschaffen von etwas größerem, nur mittels kleiner krakel, auf deren bedeutung wir uns irgendwann mal geeinigt haben. ich hatte gehofft, dass es anderen helfen könnte, meine wörter zu lesen, sich nicht allein zu fühlen. austausch, siehe schreiben gegen ohnmacht im november. aber vielleicht hilft das viel mehr mir selbst. ich suche nach sätzen, die ich per flaschenpost versenden kann. dadurch: immer wieder aufstehen, wenn ich mich von der verzweiflung niedergedrückt fühle, immer wieder weitermachen. und ich untersuche einen gedanken mehrmals, anstatt ihn einfach beiseite zu legen. beispielsweise, dass die unmenschlichkeit dieses jahr so zugenommen hat, dass ich nicht weiß, wie ich dem neuen jahr entgegenblicken soll. wenn ich diesen gedanken etwas drehe und wende, fällt mir auf, dass ich letztes jahr um diese zeit dachte, unser demokratisches system werde das jahr 2025 nicht überstehen. aber noch ist es da.

auf einer meiner stadtwanderungen überquere ich das tempelhofer feld. jemand hat mit bunter kreide auf den beton geschrieben: “there is still time”.

ich beziehe es sofort auf den klimawandel. dass sich eben sehr wohl noch etwas tun lässt, dass “eh alles zu spät” die absolut falsche haltung ist. aber beim hin- und herwenden dieses gedankens geht mir auf, dass ich es auf alles beziehen kann. auf den roman, an dem ich schreibe. auf ein afd-verbot. auf mitmenschlichkeit. auf demokratie. wir haben noch zeit, wir können weitermachen. und wir können es uns absolut nicht leisten, die hoffnung aufzugeben.

vor einem jahr schrieb ich von fruchtfliegenplagen. und von syrien.

vor einem jahr wurde assad gestürzt. vor einem jahr war das ein wichtiges thema in den nachrichten. seitdem ignorieren wir es wieder, vergessen es wieder. allenfalls, wenn unsere politiker_innen menschen dorthin zwangsumsiedeln möchten, in ein zerrissenes, in ein zerstörtes land, begegnet uns wieder dieses wort: syrien.

ich lese die winter-ausgabe der zeitung von “adopt a revolution”. es geht darin um hoffnung wie auch um große unsicherheit. um netzwerken und dialog. seit über zehn jahren verfolge ich das tun dieser organisation, die versucht, die zivilgesellschaft in syrien zu unterstützen. verfolge ich, was die menschen vor ort aufbauen. wie es von assad und verbündeten wieder zerbombt wird. wie sie es wieder aufbauen. wie sie nach den verheerenden erdbeben nothilfe leisten. wie sie seit 2011 versuchen, an der errichtung einer demokratie mitzuarbeiten. wie es ihnen nach dem regimesturz geht.

danach fragt auch ronya othmann, die kurz nach dem fall der diktatur das land bereist und mit den menschen gesprochen hat. “erzählungen”, schreibt sie, “gesäumt von toten”.

gemeinsam mit ihrem vater, der vor jahrzehnten vor der assadfamilie fliehen musste, besucht sie den palast (”eine größere villa”) eben dieser familie. ein ort, den noch vor kurzem niemand hätte betreten können.

“wir gehen über marmorscherben zum eingang. uns kommt eine gruppe männer entgegen, die nach kabeln in den wänden suchen und fliesen herausschlagen, um sie weiterzuverkaufen. viel mehr ist nicht da, nicht einmal mehr türen oder glühbirnen.

ich fotografiere meinen vater in einem saal, der vermutlich ein wohnzimmer gewesen war.

ich hätte niemals gedacht, dass ich einmal hier stehen würde, sagt mein vater.

an den decken über ihm cremeweißer, goldgeränderter stuck”

es ist ein bild, das mir tagelang im kopf haftet.

zeitgleich lese ich sigrid nunez, einen roman über student_innen ende der 1960er jahre in den usa. es geht um black panthers, um vietnam, vor allem aber um junge weiße menschen aus reichem elternhaus, die das system verändern wollen, und denen ihre eigenen privilegien im weg stehen. beobachtet werden sie von nunez’ erzählerin, die selbst aus bescheidenen verhältnissen und einer dysfunktionalen familie stammt, anhand des beispiels ihrer freundin ann, die sie am college kennenlernt. “virtually every political activist and radical she knew came from a privileged background.”

ein dilemma, zu dem nunez 17 jahre später in “the vulnerables” zurückkehrt. darin wohnt ihre protagonistin mit einem jungen arroganten dude zusammen. unfreiwillig, denn sie hüten während des lockdowns die wohnung einer gemeinsamen freundin. sie ärgert sich über diesen mitbewohner, der die privilegien und den wohlstand seiner eltern anprangert, aber weiterhin nutznießer bleibt. eine komplizinnenschaft der erzählerin: haben wir diese jungs nicht alle schon erlebt? zugleich stieß mir beim lesen des romans immer wieder auf, wie privilegiert die protagonistin selbst ist. sie scheint exakt null geldsorgen zu haben. verbringt ihre zeit mit spazieren gehen und nachdenken, unter anderem über menschen, die sich während des lockdowns nicht zurückziehen können, deren lebensunterhalt “da draußen” erarbeitet wird.

wer sind die titelgebenden verletzlichen?

die auseinandersetzung mit den eigenen privilegien scheint angesichts der täglichen horrormeldungen, mit denen wir beschossen werden, immer wieder brach zu liegen. auch das ein mittel des faschismus: in panik versetzen, katastrophenstimmung, nicht zum nachdenken kommen lassen.

im gemüsebau ist der winter eine ruhepause. ein kräftesammeln, nach vielen arbeitstagen mit vollem körpereinsatz bei jedem wetter. es ist die zeit, die aussaaten zu planen für das nächste frühjahr. es ist nicht die zeit, in panik zu geraten. stattdessen: über fehler und misserfolge nachdenken, genauso wie über das, was funktioniert hat. und die strategien fürs neue jahr anpassen. das gilt fürs gärtnern wie fürs schreiben. für newsletter. fürs miteinander und für aktivismus.

wie nunez’ erzählerin kann ich mir das nachdenken leisten. ich muss nicht um einen platz zum schlafen kämpfen, um die nächste mahlzeit oder um mein leben. sich das bewusst zu machen, scheint mir wichtig. nicht die hände in den schoß zu legen, auch.

“demokratie ist kein selbstläufer. sie muss erstritten und gelebt werden.”

(adopt a revolution)

was kleines tun:

nimm dir ein bisschen zeit zum nachdenken. und seien es fünf minuten.

wie geht es dir gerade?

was möchtest du kommendes jahr anders machen als dieses? und warum?

literatur:

leo lionni: frederick, übersetzt von günter bruno fuchs

adopt a revolution: zeitung winter 2025

https://adoptrevolution.org/wp-content/uploads/2025/11/AaR_zeitung202511_315x470_final_web.pdf (Abre numa nova janela)

ronya othmann: rückkehr nach syrien. eine reise durch ein ungewisses land

sigrid nunez: the last of her kind

sigrid nunez: the vulnerables

there are last summer’s shells sitting on my desk and the darkness in front of my window. i have tried to collect colours in order to survive the grey city winter. and some warmth to withstand my cold country.

do i have enough words?

“for the winter days are long and many and we’ll run out of things to say”, frederick tells us in the book of the same name.

sometimes i feel speechless, as if frozen in the face of the progressing cruelty which is wanted and nurtured by politicians. still, words have always been the most important thing to me. the creation of something big via tiny scribbles the meaning of which we some day somehow all agreed upon. i had hoped it might help others to read my words, to feel less alone. exchange of ideas, see write against - november. but maybe the whole thing is more of a self help. i am looking for sentences to send via my message in a bottle. therefore i keep rising again and again even though i feel weight down by despair. i rise and continue once more. and i will examine a thought of mine several times instead of throwing it aside after a quick glance. for example, that inhumanity has increased so much these last 12 months that i don’t know how to face the new year. if, however, i start to turn this thought around, i realise that last year during this time i have been quite sure that our democracy wouldn’t survive 2025. it’s still there though.

during one of my strolls through the city i cross the tempelhofer feld. someone has written onto the concrete, using chalks in bright colours: “there is still time”.

promptly i take this as a reference to climate change. that there is indeed still a chance to act, that “too late anyway” is the absolutely worst approach. but while examining this thought i realise that i can apply it to everything. to the novel i am writing. to a ban of the afd party. to empathy. democracy. we do have still time, we can go on. and we absolutely cannot afford to give up hope.

a year ago, i wrote about fruit fly plague. and about syria.

a year ago, assad was overthrown. a year ago this was quite an important topic in the news. since then, we are ignoring it, again. we keep forgetting about it. only when our politicians would like to deport people into this torn, destroyed country, the word comes across again: syria.

i am reading the winter issue of the “adopt a revolution”s newspaper. it’s about hope as well as huge insecurities. about networking and dialogue. for over ten years now i have been following the actions of this organisation who tries to support syria’s civil society. i follow the news about the people in syria, i learn how they build up their community and infrastructure. how assad and his allies bomb everything into the ground. how the people build it up again. how they give aid after the devastating earthquakes. how they are aiming to establish democracy since 2011. and how they are doing after the overthrow of the regime.

a question also asked by ronya othmann who has traveled syria and talked to the locals shortly after the fall of the dictatorship. “stories”, she writes, “lined with dead bodies.” (translation by me)

accompanied by her father, who had to flee from the assad family decades ago, she visits the palace (”a largish villa” (translation by me)) of said family. a place nobody would have been able to set foot in just a few weeks ago.

“we walk to the entrance across shards of marble. a group of men approaches, they are looking for cables within the walls and knocking out tiles to sell them later. there isn’t much more left, not even doors or light bulbs.

i take a picture of my father in a hall which has probably been a living room.

i never would have thought i’d be standing here one day, my father says.

on the ceiling above him cream-coloured, golden rimmed plasterwork.” (translation by me)

it is an image that will be stuck in my head for days.

at the same time, i am reading a sigrid nunez novel about students during the late 1960s in the usa. the book adresses the black panthers, vietnam, too, but most of all it is about young white rich kids who’d like to change the system and whose own privilege stands in their way all the time. nunez’ narrator, herself coming from a low-income, dysfunctional family, watches those students, taking her college friend ann as example. “virtually every political activist and radical she knew came from a privileged background.”

a dilemma nunez returns to 17 years later in “the vulnerables” where her protagonist is sharing an apartment with a young arrogant guy. involuntarily, as they are housesitting for a mutual friend during lockdown. the protagonist is vexed at her flat mate who opposes the privilege and wealth of his parents but keeps benefitting from it. a complicity of the narrator: haven’t we all encountered dudes like this one? however, while reading this novel i couldn’t help noticing how privileged the protagonist is herself. her worries about income seem to amount to zero while she spends her time taking walks and contemplating. about, among other topics, people who can’t afford to retreat during lockdown, who have to work for a living “out there”.

who are the vulnerables here?

the examination of our own privileges seems to lie dormant in the light of daily horror news fired at us. this happens to be an instrument of fascism, too: to fuel fears, to create a catastrophic athmosphere, to not allow people to pause and think.

in vegetable farming winter means a period of rest. a time to muster one’s strength after many days of exhausting physical work in all weathers. it is the time to plan for seeding in the upcoming spring. it is not the time to panic. instead: to reflect mistakes and failures, but also to notice what worked. to adjust strategies for next year. this applies to gardening as well as to writing. to newsletters. to community and to activism.

like nunez’ narrator, i can afford to contemplate. i’m not forced to fight for a place to sleep or the next meal or for my life. to realise this is important, i think. to never sit back and do nothing is important as well.

“democracy doesn’t happen by itself. we have to fight for and live it.”

(adopt a revolution, translation by me)

tiny call to action:

take some time to reflect, even if you only have five minutes.

how are you right now?

what would you like to do differently next year compared to this one? why?

books etc.:

leo lionni: frederick

adopt a revolution: newspaper winter issue 2025 (german)

https://adoptrevolution.org/wp-content/uploads/2025/11/AaR_zeitung202511_315x470_final_web.pdf (Abre numa nova janela)

ronya othmann: rückkehr nach syrien. eine reise durch ein ungewisses land

sigrid nunez: the last of her kind

sigrid nunez: the vulnerables

Tópico schreiben gegen ohnmacht