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#75 Wenn der Mythos Wirklichkeit wird

Gofigramm

Blick vom Hafen Thessaloniki zum Olymp, dem Berg, auf dem die ewigen Götter Zeus, Hera, Athene, Aphrodite oder Hephaistos leben, die Schicksale der Menschen lenken und gegeneinander intrigieren. Nicht.

Am Hafenbecken von Thessaloniki entlangzuschlendern und über das Wasser hinweg den Olymp zu sehen, das ist ein irgendwie unwirkliches Gefühl. Oder vor dem Löwen zu stehen, der die Stelle in der thessalischen Ebene markiert, an der der noch jugendliche Alexander der Große und sein Vater Philipp II. die Stadtstaaten in der Schlacht von Chaironeia besiegten und dabei die Heilige Schar fast völlig vernichteten, die Eliteeinheit Thebens, die aus lauter männlichen Liebespaaren bestand.

Der Löwe von Chaironeia, Von Philipp Pilhofer - Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, httpscommons.wikimedia.orgwindex.phpcurid=20987356

Oder an den Thermopylen zu stehen, den heißen Quellen, an denen 300 Spartaner unter ihrem König Leonidas die übermächtige persische Armee aufhielten.

Vielleicht kennst Du ein paar dieser Geschichten und Mythen aus dem antiken Griechenland, hast die Namen der Personen und Orte schon einmal gehört. Sie sind Teil unseres Allgemeinwissens. Wir wissen, dass es sie gibt, ohne dass wir ihnen einen besonderen Wert beimessen.

Dann aber die Orte tatsächlich zu sehen und zu erleben, das ist schon etwas anderes. Ich habe mich auf dieser Reise durch Griechenland manchmal gefühlt, als würde ich Mittelerde besuchen. Stell Dir vor, Du spazierst über die Brandyweinbrücke oder besuchst die Gräber der Könige von Rohan, oder ein Guide führt Dich durch die verlassenen Ruinen von Bruchtal: „An dieser Stelle wurde beschlossen, dass Frodo den Ring nach Mordor tragen sollte.“ So etwa.

Es ist faszinierend, wenn tatsächlich existierende Orte die Schauplätze von Geschichten sind. Nachdem ich aus Griechenland zurückgekehrt bin, habe ich mir noch einmal die Ilias vorgenommen, das epische Gedicht Homers über die Schlacht um Troja, dieses Mal in der fantastischen Übersetzung von Emily Wilson (Abre numa nova janela). Da sind sie dann alle wieder, die Namen und Orte – die, die es wirklich gibt und gab, und die, die zwar fiktiv, aber wirkmächtig sind.

Tolkien hat tatsächlich genau das versucht: Er wollte eine zentraleuropäische Mythologie schreiben. Deshalb erinnern die Orte der Handlungen eben nicht an Neuseeland, wo die Filme gedreht wurden, sondern an, sagen wir mal, Hessen. Ja. Mitteleuropa, halt. Auch wenn die Sprachen, Namen und Orte von ihm erdacht worden sind, erinnern sie an Dinge, die es tatsächlich gab und gibt. Das ist Absicht. Er wollte das, was wir aus dem Alltag und aus Erzählungen kennen, mythisch überhöhen. Nicht, um aus der Realität zu fliehen, sondern um sie noch genauer in den Blick zu fassen, um etwas in ihr zu entdecken, das uns zu oft entgeht, wenn wir die Dinge um uns herum als selbstverständlich hinnehmen.

Ich mache ja, wenn ich das in aller Bescheidenheit sagen darf, mit meinen Geschichten etwas ganz Ähnliches (z. B. in meinem neuen Roman WUT. LIEBE. FILMRISS., der hoffentlich demnächst vorbestellbar sein wird. Der Veröffentlichungstermin steht leider noch nicht fest.). Ich denke mir Dinge aus, die an wirklichen Orten geschehen. Sie sind so nie passiert, geschehen aber gleichzeitig millionenfach überall auf der Welt. Deshalb sagen sie etwas aus über die Wirklichkeit, in der wir leben. Und natürlich beeinflussen sie auch die Wirklichkeit. Gute Geschichten tun das. Schlechte leider auch. Alexander der Große etwa war davon überzeugt, dass er ein Nachfahre des großen Achilles war, der vor Troja der Legende nach kämpfte, mordete und starb. Er eiferte ihm nach und eroberte mit etwa 30 Jahren die halbe Welt. Es scheint ihm niemand erzählt zu haben, dass Achilles nie existiert hat. Aber selbst wenn, hätte ihn das abgehalten? Vermutlich nicht. Für ihn waren diese Geschichten wirklich. Fiktiv oder nicht, Alexander machte daraus Realität.

Geschichten sind nicht einfach nur Geschichten. Sie sind Teil unserer Wirklichkeit. Deshalb kommt es sehr darauf an, welche wir uns erzählen und welche wir glauben.

Ich wünsche Dir eine tolle Woche. Bis nächsten Montag!

Dein Gofi

Ich bin Gofi, Künstler, lebe in Marburg und engagiere mich für den Erhalt von Kunst, Kreativität, Gemeinschaft und einer menschenfreundlichen Spiritualität. Das GOFIZINE veröffentliche ich bewusst kostenlos für alle, weil ich möchte, dass jede/r Zugang zu guten Inhalten hat, unabhängig von Einkommen und finanziellen Möglichkeiten. Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, bin ich Dir sehr dankbar.

Lyrik

Wege und Bahnen

Wenn Uhtred,
der Krieger, den es nie gegeben
und der zehntausendfach
wohl existierte,
den Ausgang einer Schlacht
erahnen wollte,
betrachtete den Flug der Krähen er
und suchte zu ergründen,
was ihre Bahn
ihm über seine Zukunft sagen konnte.

Was sagt wohl,
frag ich mich,
die Flugbahn dieser Möwe,
die jetzt im Wind fast stehend
sich auf das glänzend gelbe Dach
des Korbstuhls niederlässt,
über den Weg des adipösen Mannes,
der auf dem Dreirad sitzend
an mir vorüber radelt?

Was über diesen Jungen,
der hier mit schiefen Zähnen
im Rollstuhl von den Eltern
vorbeigeschoben wird?

Was über Heerscharen von Rentnern
in grauen Daunenjacken
oder den Mann, der seine Burg aus Sand
mit Eimerzinnen ziert?

Und was wohl über mich
und dich
und uns,
die wir uns längst
auf fremden Bahnen finden
und jeder seinen Weg
auf seine Weise sucht?

Jetzt kommt doch eine fette Krähe
und jagt die Möwe fort.
Sie hat auch recht.
Ich will es gar nicht wissen.

(aus meinem Gedichtband „Den Stier bei den Hörnern packen – 30 Gedichte“, erschienen 2024)

Podcast

#284 Ohne Paulus wäre alles besser?!

Gofi ist gerade aus Griechenland zurückgekehrt, wo er mit einer Gruppe eine intensive Woche lang auf den Spuren des Apostels Paulus unterwegs war. Diese Reise und Gofis Erlebnisse und Eindrücke davon, nehmen die drei Hossa Talker zum Anlass, um intensiv über diese faszinierende und kontroverse Figur nachzudenken: 

Shaul von Tarsos war radikal. Was er anpackte, das erledigte er zu 150%. Und dabei konnte er rücksichtslos sein – gegen sich selbst und auch andere. Aufgewachsen als Bürger zweier Kulturen, der hellenistischen und der jüdischen, fließend zweisprachig (Griechisch und Aramäisch), war er in einer multikulturellen, multireligiösen und globalisierten Welt zu Hause. Als Handwerker, jüdischer Theologe und Mystiker. Mit einem großen Ziel: Er wollte die Welt mit seiner Botschaft erobern.

Unter seinem Künstlernamen Paulus (der Kleine) ging er diese große Aufgabe an. Wo er auftauchte, spaltete er die Geister. 

Und das hat sich bis heute nicht geändert. Während die einen ihn verehren und ihm unendlich dankbar dafür sind, den christlichen Glauben nach Europa gebracht zu haben, sind andere frustriert und haben unter manchen seiner Lehren und Aussagen und deren Wirkungsgeschichte so sehr gelitten, dass sie sich mitunter wünschen, Paulus und seine Briefe aus der Bibel entfernen zu können. Wäre das Christentum ohne Paulus vielleicht schöner oder zumindest problemärmer? 

Ein Talk, der den Versuch unternimmt, dem Menschen hinter den Bibelversen ein kleines Stück näherzukommen und seine Welt mit seinen Augen zu sehen. 

Du findest diese Folge hier (Abre numa nova janela) oder überall, wo es Podcasts gibt.

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News

https://youtube.com/shorts/Cauno_Ef8tw?feature=share (Abre numa nova janela)

Schon demnächst bin ich wieder unterwegs, um die neuen Geschichten aus WUT. LIEBE. FILMRISS. vorzulesen. Diesmal begleitet mich ein alter Freund, der Musiker Martin Denzin. Wir sind zusammen zur Schule gegangen, haben als Jungs in denselben Bands gespielt und gehen jetzt zum ersten Mal überhaupt gemeinsam auf Tour.

Ich stehe am Mikrofon, Martin sitzt am Schlagzeug. Wir waren beide noch sehr jung.
Das Tourplakat. Martin und ich stehen vor dem Haus Stochardt in der Bremer Neustadt.

Teile des Romans habe ich in seinem Haus in der Bremer Neustadt geschrieben und es zu einem der wichtigsten Handlungsorte gemacht. In diesem Haus, dem sogenannten ‚Haus Stochardt‘, lebt der Schriftsteller Benjamin Stochardt-Barenbaum, der über die Punkband TimTom Guerilla einen Roman geschrieben hat, den der Verlag zu seinem großen Ärger den bescheuerten Namen WUT. LIEBE. FILMRISS. gegeben hat.

Martin und ich haben zu diesen Geschichten passende Songs geschrieben, die die Perspektiven der Romanfiguren wiedergeben. Sie sind bis auf Weiteres nur live auf unseren Konzertlesungen zu hören. Was mich besonders freut: Gleich unser erster Auftritt in Bremen findet in unmittelbarer Nähe jenes Schauplatzes statt, an dem meine persönliche Lieblingsszene des Buches spielt. Das wird ein Highlight. Hier sind alle Termine und Orte.

09. – Bremen (Flux)
10. – Hamburg (Jerusalemkirche)
11. – Braunschweig (Café BRUNS)
12. – Magdeburg (Kulturkollektiv)
13. – Berlin (Theater Verlängertes Wohnzimmer)

Alle Details findest Du hier: https://gofi-mueller.de/termine/ (Abre numa nova janela)

Danke für Dein Interesse! Wenn Du mir bei meiner Arbeit helfen möchtest, kannst Du das zum Beispiel hier.

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