Seit Ende Dezember versucht das iranische Volk wieder einmal mit aller Kraft, das islamische Regime im Land zu stürzen. Was mit Protesten der Händler:innen auf dem Basar begann, hat sich schnell auf Universitätsstudent:innen und andere Teile der Bevölkerung ausgeweitet. Seit einigen Tagen herrscht im Land fast kompletter Blackout. Selbst die alternativen Internetzugänge, die nach der totalen Internetsperre durch die diktatorische Regierung stellenweise funktionierten, sind inzwischen gekappt. Die Menschen im Iran sind wieder einmal auf sich alleine gestellt. Ihr Kampf um Freiheit, ja auch nur um einigermaßen bessere Lebensbedingungen, findet statt, während die Welt sich weiterdreht. Das passiert so nicht zum ersten Mal.
Wie mein Freund und Co-Autor von unserem Buch “Über den Hass hinweg” (Abre numa nova janela), Sohrab Shahname, in einem Instagram zusammenfasste, haben die Iraner in den letzten Jahrzehnten immer wieder versucht, eine Änderung für ihr Leben herbeizuführen:
1999: Medienverbot.
2009: Wahlbetrug.
2010: Unterstützung des Arabischen Frühlings.
2017: Teuerung und Inflation.
2019: Der Benzinpreis.
2022: Unterdrückung von Frauen.
2026: Der Dollar steigt.
Hilfe bekamen sie dabei von außen so gut wie keine. Es gab mal mehr, mal weniger Sanktionen auf die islamische, extremistische Mullah-Regierung, es gab mal mehr oder weniger engagierte Solidaritätsproteste in London oder New York - aber was es vor allem gab, ist viel Schweigen.
Selbst heute, an dem Tag, an dem langsam Zahlen bekannt werden, wieviele Demonstrierende schon von den Schergen der Mullahs ermordet wurden (die Zahl liegt irgendwo zwischen 2.000 und 12.000 - aber die Bilder der vielen Leichensäcke an verschiedenen Stellen im Land erzählen sowieso eine viel emotionalere Geschichte, als jede Zahl es könnte), fällt Spiegel Online nichts weiteres ein, als ein Interview eines israelischen Experten zum Iran zu posten. Auch bei sueddeutsche Online ist der Take Israel “Warum Israel sich in Iran noch zurückhält” scheinbar der einzige der den Journalisten einfällt.

Leute, im Iran leben 90 Millionen Menschen. Das Land hat eine 2500-Jährige Kulturgeschichte und alles, was die Menschen in Deutschland interessieren soll, ist wie Israel dazusteht? No Jews no News, heißt es gerne. Ich finde diese Plattitüde immer etwas abgedroschen, das heißt aber absolut nicht, dass sie nicht wahr ist. Warum interessieren sich die Menschen nur für den Nahen Osten, wenn Israel involviert ist? Warum gibt es Proteste nur für Gaza, nicht aber für die Kurden in Syrien (die ebenfalls gerade vertrieben und massakriert werden - von einer Regierung übrigens, die überall im Westen hofiert wird) und schon gar nicht für das iranische Volk, das nicht zum ersten Mal um Leben und Tod gegen echten Faschismus kämpft?
Ich bin überhaupt keine Iran-Expertin. Dafür geht bitte zu meiner unfassbar klugen Kollegin Shahrzad Eden Osterer (Abre numa nova janela) oder meinem Co-Autor Sohrab (Abre numa nova janela) - aber ich schaue fassungslos dabei zu, wie die Welt, in der auch ich zu Hause bin, die Welt deutscher Influencer, Politikanalysten, Küchenkämpfer, die in den letzten zweieinhalb Jahren selten mal NICHT was zu Israel und Gaza zu sagen hatten, nun verstummt scheint. Ich weiß, die Weltsichten haben sich schon lange verschoben. Kommunismus ist wieder in. Und radikaler Islam wird aus einer falschen Angst vor Islamfeindlichkeit allzu oft beschönigt. Ich weiß, wir leben im postfaktischen Zeitalter, in dem Menschen ihre Bildung aus Insta-Reels ziehen und völlig unfähig geworden zu sein scheinen, ein Thema mit Ambiguitätstoleranz oder einfach nur Ausgewogenheit zu betrachten. Aber so klar wie jetzt, so klar war mir das lange nicht mehr!