HEISE SCHEISE ist der bitterböse kuschelweiche Newsletter über neues Leben und Arbeiten. Heute: Es wird Zeit, dass du dich ausruhst. Rest is a radical act!

Rest is a radical act.
Wow.
Klingt rebellisch!
Aber besonders progressiv fühlt sich Ausruhen selten an. Denn wer mitten im Hamsterrad innehält, hat nicht das Gefühl, ein System zu stürzen – sondern eher, gleich am Rad zu drehen.
Fällt es dir leicht, Pause zu machen? Herzlichen Glückwunsch!
Du gehörst zu einer aussterbenden Spezies. Denn ✨ die Gesellschaft ✨ tut einiges dafür, dass sich Verschnaufpausen unbequem anfühlen. Ständige Erreichbarkeit, soziale Vergleichbarkeit und der Drang zur Selbstoptimierung halten uns in Bewegung. Kein Wunder, dass sich Ausruhen fremd anfühlt.
Du kannst das System heute nicht ändern. Aber was kannst du dann tun, um besser zur Ruhe zu kommen?
Die Antwort ist vielleicht nicht die, die du hören willst: Guck dir deine Herkunftsfamilie an.
Den meisten von uns wurde über Generationen hinweg eingeprägt, dass Ruhe verdächtig ist. Besonders in Nachkriegsgenerationen wurde Arbeit als Sicherheit und Moral kodiert. Nichtstun galt als Gefahr.
Ein Beispiel?
Viele Menschen haben in ihrer Herkunftsfamilie gelernt, vom Sofa aufzuspringen und beschäftigt zu wirken, wenn sie den Schlüssel im Haustürschloss hören.
Konditionierte Hypervigilanz – so nennt die Psychologie das, wenn das Nervensystem über Generationen lernt, Sicherheit mit Aktivität zu verknüpfen. In der Traumaforschung gilt das als „transgenerationales Stressmuster“: Der Körper bleibt wachsam, auch wenn längst keine Gefahr mehr droht.
So folgen wir noch heute alten Imperativen („Reiß dich zusammen!“), obwohl die eigene Welt vielleicht längst eine andere ist.
Vielleicht musste dein Vater immer stark und kontrolliert wirken, weil sein eigener Vater Schwäche bestrafte. Und deine Mutter hat sich vielleicht nie ein schönes Kleid oder Kosmetik gegönnt – weil deine Oma nicht mal was zu Beißen hatte und über Eitelkeiten immer die Nase rümpfte. Das trägst du immer bei dir.

Deine Welt aber ist jetzt eine andere.
Die Arbeitswelt hat neue Regeln, Kindererziehung hat sich verändert, mentale Gesundheit ist kein Tabuthema mehr. Du bist keine Weichflöte, weil du mit Ende 20 schon deinen ersten Burnout hattest – dein Vater hat seine Panikattacken früher gar nicht als solche identifizieren können. Du bist keine schlechte Mutter, weil du ein Mal die Woche zum Sport gehst – nur, weil deine eigene Mutter sich das nicht erlaubt hätte.
Solche Glaubenssätze ändern sich nicht von Gestern auf Heute.
Aber die gute Nachricht ist: Es ist schon ein gigantischer Schritt, sich ihrer bewusst zu werden. Beobachtung kommt immer vor der Veränderung. Und die braucht Zeit und Geduld. Wenn du also das nächste Mal die Pause abwählen willst, frage dich: Was hat das mit meiner Herkunftsfamilie zu tun? Und sende eine hübsche Portion Mitgefühl an die Person, die sich damals noch anpassen musste, um seinen Eltern oder Ehepartner:in zu gefallen. Forschende rund um Kristin Neff nennen das „self-compassion“ – Mitgefühl mit der eigenen Prägung als Grundlage jeder Veränderung.
Du darfst dir erlauben, es ein bisschen anders als sie zu machen. Es sind andere Zeiten. Wird besser mit der Übung! Versprochen.
Ruh dich schön aus!
Deine Katrin

Das war die 45. Ausgabe von HEISE SCHEISE.
HEISE SCHEISE ist der intime Ort für dich und mich.
Fühle dich informiert und so, als könntest du später mitreden!
Gönn dir Wissen ohne 100 weiterführende Links und Buzzwords!
Erlebe ein Bloggingerlebnis wie in Zeiten von Blogrolls!
Lies den Newsletter, von dem sogar Peter Wittkamp Fan ist!
Lies alte Ausgaben (Abre numa nova janela), folge mir bei Instagram (Abre numa nova janela) oder buche mich für Coachings oder Workshops (Abre numa nova janela). Ich kann dich sogar dabei begleiten, solche Glaubenssätze aufzulösen. Du kannst mir aber auch ohne Jobangebot jederzeit gern auf diese E-Mail antworten. Darüber freue ich mich immer ganz außergewöhlich.