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Was wir von introvertierten Menschen lernen könnten

Intros haben mir viel beigebracht. Und wir können uns noch mehr von ihnen abgucken – wenn wir sie nur lassen.

Es gibt einen Spruch im Internet, den ich ziemlich uncool finde:

Introverts don’t make friends. They get adopted by extroverts.

Süß gemeint, aber leider daneben. Er impliziert: Extros (wie ich) sind die Norm. Intros sind unsere skurrilen Haustiere. Dahinter steckt ein richtiger Mini-Machtmoment: Dank mir wirst du integriert. All hail me! ​​💅🏼👑

Wenn ich meinem introvertierten Partner von diesem Spruch erzähle, schmunzelt er nur. Er weiß, dass auch ich viel Freude daraus ziehe, alle zusammen zu bringen. Für mich ist ein johlender Tanzkreis aus geliebten Menschen, die die Arme umeinander geschlungen haben und die Köpfe zusammenstecken, pures Glück. Wer außerhalb steht, wird reingerufen. Ich dachte lange: Das gefällt allen. So geht Inklusion.

Derweil verbindet mein introvertierter Partner ganz anders. Ihn zieht es zu Leuten, die alleine irgendwo rumstehen, weil er sich sehr viel lieber unter vier Augen unterhält. Das schlagfertige Sprüche-Ping-Pong größerer Gruppen macht ihm Spaß, aber eher als Zuschauer. Erst vor ein paar Jahren wurde mir klar, dass er auf seine Weise Menschen inkludiert – nämlich all jene, die gerade nicht unbedingt im 20-köpfigen Tanzkreis abhotten müssen oder keine Lust auf Körperkontakt haben. So dämmerte mir kürzlich: Ich inkludiere gar nicht immer Menschen, sondern ich inkludiere vor allem in meinen Vibe. Nicht für alle so cool.

Die Welt ist nicht für Intros gebaut

In einer lauten Welt werden meine Extro-Tugenden als Normalzustand verkauft: schnell reagieren, präsent sein, „gut drauf“, networkingfähig. Mein Verhalten wird selten gedeutet. Das meines Partners fast immer.

Geht er früher: „Hattest du keinen Spaß?“
Sagt er ein Gruppen-Event ab: „Ist alles okay bei dir?“

Doch. Aber eben nicht so!

Wir als Extros, denen Geselligkeit so wichtig ist, sollten das auf dem Schirm haben. Ich wache mit leerem Social Akku auf und lade ihn auf. Mein Partner startet voll und entlädt Energie durch Menschen. Unsere Welt ist eher für meinen Akku gebaut. 

Das ist ziemlich gut erforscht: Extroversion gehört zu den stabilsten Persönlichkeitsunterschieden überhaupt. Dahinter steckt kein „Charakter“, sondern unter anderem, wie sensibel unser Nervensystem auf Reize reagiert. Bei extrovertierten Menschen springt das Belohnungssystem stärker auf soziale Situationen an – viele Menschen, viel Input, viel Energie fühlt sich für sie eher wie Aufladen an. Introvertierte reagieren feiner auf dieselben Reize, sie verarbeiten intensiver – und sind dadurch schneller an einem Punkt, an dem es zu viel wird. Ihr System sagt früher: es reicht.

Extrovertierten ist das meistens gar nicht bewusst. Sie fühlen sich wohl und merken nicht, dass Intros sich damit vielleicht nicht so wohl fühlen.

Bist du schlagfertig oder einfach dominant?

Viele von uns Extros unterbrechen schneller, halten Stille nicht aus und füllen sie reflexhaft. Das hat eine Wirkung auf andere.

Es gibt Studien, die zeigen: Wer in Gruppen viel und schnell spricht, wird oft automatisch für kompetenter gehalten – selbst wenn die Idee dahinter nicht besser ist. Redeanteil wirkt wie ein Qualitätssignal, auch wenn er keins ist.

Seit ich das bemerkt habe, nehme ich nicht weniger Raum ein. Aber ich denke bewusster darüber nach, wie und wann ich es mache.

Du denkst gerne laut, weil es dir hilft, zum Kern deines Gedanken vorzudringen? Ich auch. Aber vielleicht willst du vorher kurz fragen, ob die andere Person gerade 5 Minuten Zeit für deine Ausführungen hat. Consent für Volllaberei – what’s not to like?!

Beim Aushalten von Stille kann man mit einem kleinen Experiment anfangen: Was passiert, wenn ich 3 Sekunden länger warte? Es ist übrigens absurd, was in drei Sekunden so alles passieren kann.

Letztens traf ich eine Breathwork-Trainerin. Ja, das passiert mir manchmal. Sie war unsicher, ob sie als introvertierte Person überhaupt die Richtige für ihren Job sei. Ich war ehrlich irritiert. Denn ich hatte eine gegenläufige Beobachtung gemacht: Gute Kursleiter*innen senden weniger „mögen die mich?”. Weniger Bedürfnis, die Beziehung oder die Energie zu steuern. Dafür aber mehr Präsenz. Mich stabilisiert das sehr, weil ich dann nicht gegenregulieren muss.

Und da wurde mir noch etwas klar:

Wer das Format kontrolliert, entscheidet, wer klug wirkt.

Im Arbeitskontext sieht man das brutal deutlich.

Ich habe oft erlebt, dass große Fabulierer mit einer halbgaren Idee weiter kommen als Menschen mit der besseren Lösung, nur weil sie schneller inszenieren können. Wenn ich Workshops moderiere, spiele ich deshalb manchmal Schiedsrichterin. Die Workshop-Agenda sende ich 24 Stunden vorher für alle, die sich einen kleinen Vorsprung sichern wollen. Gleiche Redezeit für alle. Auch CEOs. Und ja, ich unterbreche dann auch mal knallhart. Gleiches Recht für alle. 

Erst still schreiben, dann sprechen.

Es ist längst erforscht, dass diese Taktik bessere Lösungen liefert als Brainstormings. Es produziert nachweislich weniger und oft schlechtere Ideen als Formate, in denen Menschen erst für sich denken und dann zusammentragen. Drei Probleme treten fast immer auf: Man fällt sich ins Wort, hält sich mit halbfertigen Gedanken zurück und lehnt sich gern auf die Ideen der anderen.

Immer noch keine Lust auf einen Pitch vor versammelter Mannschaft? Dann denken alle erst zu zweit, dann zu viert, dann erst im Plenum. Manchmal darf sogar niemand präsentieren – alles wird aufgeschrieben und still bewertet. Wenn Teams sich sehr gut kennen, ist das trotzdem manchmal schwierig: Meistens kennt man die Handschrift voneinander. Und schon kommen wieder Politik, Status und Charisma ins Spiel.

Nicht alles muss live, laut und sofort passieren. Manche Heureka-Momente kommen später. Die klügsten Gedanken sind nicht immer die schnellsten. Ich lade dann gern dazu ein, mir nochmal eine E-Mail zu schreiben.

Introvertierte haben oft die tiefsten Einsichten. Es gibt sogar Hinweise aus der Führungsforschung, dass introvertierte Leitungspersonen in vielen Situationen effektiver sind – vor allem dann, wenn sie Raum lassen, damit andere ihn füllen. Aber wenn Extrovertierte den Raum dominieren, gehen sie unter.

Früher war ich stolz, wenn ich einen Raum für mich gewonnen habe. Heute bin ich stolzer, wenn ich ihn nicht sofort an mich reiße. Ich will gar kein Plädoyer dafür machen, dass wir Extros jetzt nicht mehr extrovertiert sein sollen. Aber wir sollten wenigstens wissen, dass unser Stil nicht neutral ist.

Sehen wir uns im Tanzkreis oder später an der Bar?
Katrin

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Diese 55. Ausgabe von HEISE SCHEISE ist bereits im großartigen Newsletter Wie du nicht den Verstand verliers (Abre numa nova janela)t von Theresa Bäuerlein erschienen. Als systemischer Coach und Facilitator beschäftige ich mich beruflich mit genau solchen Fragen. Falls das bei dir, deinem Team oder deiner Organisation gerade Thema ist: Melde dich gern. Und falls nicht: Good for you! Ich freue mich trotzdem über Post.


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