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Von Hamburg nach Svalbard: Saatgut & das Erbe der Menschheit

In einer Bibliothek Saatgut ausleihen klingt erst einmal ungewöhnlich. Und doch passiert genau das inzwischen in vielen Städten: Menschen nehmen Tomaten, Bohnen oder Blumen mit nach Hause, ziehen sie groß und bringen im Herbst neue Samen zurück. Was wie eine charmante Idee für Balkongärtner:innen wirkt, führt bei näherem Recherchieren erstaunlich weit – über das kriegszerstörte Syrien bis in den arktischen Permafrost von Spitzbergen. Dort, im weltgrößten Saatguttresor, geht es um dieselben Fragen: um Vielfalt, Abhängigkeit und darum, wem unser Saatgut eigentlich gehört.

In der Stadtbibliothek steht eine Frau vor einem Regal und studiert kleine braune Papiertütchen. Sie nimmt eines heraus, dreht es zwischen den Fingern, liest den handgeschriebenen Namen: Ochsenherztomate. Dann noch eines: Berner Rose. Hundsrose. Sie steckt drei Tütchen ein, geht zur Theke und lässt die Ausleihe verbuchen. Nächstes Frühjahr soll etwas Besonderes auf ihrem Balkon wachsen.

Was auf den ersten Blick vielleicht erstmal ‘n büschn seltsam wirkt, passiert inzwischen in Dutzenden deutschen Bibliotheken. Zwischen Romanen und Reiseführern, zwischen DVDs und Hörbüchern haben Samen ihren Platz gefunden. Eine Bibliothek, die wächst, gedeiht und Früchte trägt – beispielsweise hier in Hamburg bei meiner lokalen Bücherhalle:

Das Prinzip ist recht easy: Du leihst dir Samen aus, ziehst die Pflanzen zu Hause auf dem Balkon oder im Garten groß, begleitest sie durch den Sommer und erntest im Herbst. Einen Teil der gewonnenen Samen trocknest du und bringst die Ausbeute zurück in die Bibliothek, so kann im nächsten Jahr eine andere Person an dieser Stelle anknüpfen. Die Ausleihe folgt dabei einer einfachen Logik: Du gibst mehr zurück, als du erhalten hast. Auf diese Weise entsteht eine Bibliothek, die sich aus sich selbst heraus weiterträgt.

Die Geburtsstunde einer Idee

Die Idee, Samen aufzubewahren und zu katalogisieren ist alt, aber dieser Spin mit den öffentlichen Bibliotheken und der Einbeziehung der Bürger:innen stammt aus den Vereinigten Staaten. 2010 eröffnete in Richmond, Kalifornien, eine der ersten öffentlichen Saatgutbibliotheken. Der Hintergrund war drängend: In den USA dominiert mittlerweile gentechnisch verändertes Saatgut die Landwirtschaft, was per se erstmal nicht zwingend schlecht ist, das kommt auf die Veränderung an. Aber: Wenn jeder nur noch eine Sorte anbaut, sterben viele ursprüngliche Arten aus, und wenn das Saatgut so verändert wurde, dass es sich nicht selber vermehrt, sondern immer nachgekauft werden muss, ist es umso fataler. Engagierte Bürgerinnen und Bürger suchten also nach Wegen, die alte Sortenvielfalt zu bewahren. Mit den Seedlibraries schufen sie einen niedrigschwelligen Zugang zu traditionellem Saatgut, das sich selbst vermehren lässt.

Die Bewegung verbreitete sich schnell. Drei Jahre später entstanden in Frankreich die ersten Grainothèques, zunächst in Lille, Toulouse und Paris, mittlerweile existieren dort hunderte solcher Einrichtungen. In Deutschland fasste das Konzept etwas später Fuß, doch die Idee gewinnt an Fahrt. Studierende der Leuphana-Universität beispielsweise starteten ein Pilotprojekt im Landkreis Lüneburg, aus dem sich ein Netzwerk entwickelte. Besonders originell geht Schleswig-Holstein das Thema an: Dort rollen seit 2022 mehrere Fahrbibliotheken durch 300 Gemeinden, und jeder dieser Bücherbusse hat Saatgut an Bord. Die mobile Saatgutbibliothek erreicht auf diese Weise auch Menschen, die weit entfernt von städtischen Angeboten leben. Im Herbst treffen sich die Teilnehmenden bei Erntefesten, tauschen Erfahrungen aus und bringen ihre gewonnenen Samen zurück. Der persönliche Kontakt macht den Unterschied: Wer Fragen hat, bekommt Antworten, wer scheitert, findet Ermutigung. Finde ich eine total erfrischende Idee, vor allem heutzutage, wo alles digital und unpersönlich ist.

Saatgutbibliotheken arbeiten ausschließlich mit samenfestem Saatgut. In ihren Regalen findet sich, was im Baumarkt selten zu entdecken ist: Sorten mit Geschichte, regionaler Anpassung und oft auch ungewöhnlichem Aussehen. Doch was bedeutet das eigentlich, also samenfest?

Samenfestes Saatgut vs. Hybrid-Sorten

Ich selber baue in 99 Prozent der Fälle Sorten an, die samenfestes Saatgut produzieren. Samenfeste Sorten entstehen durch klassische Züchtung über viele Generationen hinweg. Züchterinnen und Züchter wählen dafür Pflanzen mit erwünschten Eigenschaften aus und vermehren sie weiter, bis sich diese Merkmale stabil vererben und die Eigenschaften nicht mehr schwanken. Eine samenfeste Tomate bringt Nachkommen hervor, die dieselben Eigenschaften tragen wie die Elternpflanze: dieselbe Form, dieselbe Farbe, denselben Geschmack, und das über Generationen hinweg.

Anders steht es jedoch mit Hybridsaatgut, erkennbar am Zusatz F1 auf der Packung. Dieses Saatgut entsteht durch gezielte Kreuzung zweier reinerbiger Elternlinien. Züchterinnen und Züchter ziehen diese Linien über viele Generationen so weiter, dass sie jeweils sehr ähnliche Eigenschaften tragen. Treffen beide Linien aufeinander, zeigt die erste Nachkommengeneration einen besonderen Effekt: Die Pflanzen wachsen kräftig, entwickeln viele Früchte und reifen fast gleichzeitig aus. Das macht vieles einfacher, doch das große Aber folgt im nächsten Schritt, wenn man die Samen dieser Pflanzen weiterverwendet. Wer aus F1-Hybriden Samen gewinnt und diese aussät, erlebt eine Überraschung: Die Nachkommen spalten sich genetisch auf, nach den Regeln, die Gregor Mendel schon im 19. Jahrhundert beschrieb. Manche ähneln dem einen Elternteil, manche eher dem anderen, viele haben völlig unvorhersehbare Eigenschaften, werden vielleicht sogar wieder giftig. Manche keimen gar nicht erst. Praktisch bedeutet das: Hybridsaatgut muss jedes Jahr neu gekauft werden.

Für Landwirtinnen und Landwirte schafft diese Abhängigkeit eine schwierige Situation. Wer einen Teil der Ernte für die nächste Aussaat zurücklegen möchte, kann das bei samenfesten Sorten tun. Bei Hybriden bleibt nur der Gang zum Saatguthandel. Die zehn größten Konzerne der Branche kontrollieren mittlerweile über 70 Prozent des weltweiten Saatgutmarktes. Oft haben dieselben Unternehmen auch die passenden Dünger und Pestizide im Angebot, denn viele Hybride brauchen optimale Bedingungen, um ihre Vorteile auszuspielen. Wie praktisch, oder? Zwinkizwonki. Das ist eine Form der Machtzentrierung, die bei vielen Leuten unter dem Radar fliegt.

Tópico Gartenwissen allgemein

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