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Tage ohne Licht

Als würde der Himmel auf unsere Stadt drücken… Wie begreift man, was unbegreiflich ist?

Und was schreibt man, wenn man keine Worte hat? Wenn einem die Sprache fehlt für das, was geschehen ist. Bin nicht sicher, wohin mich diese Notiz führen wird. Es ist eine Art Selbstversuch: intuitives Schreiben. Einfach drauflos tippen, das Denken beiseite schieben, mit den Fingern schneller sein als der Geist, die Gefühle rauslassen, die Worte rauslassen, bevor Zensur stattfindet. Das Risiko eingehen, dass am Ende vielleicht nur Müll dabei rauskommt. Weil es in Wahrheit unmöglich ist, mit Worten das auszudrücken, was mich, was die Menschen in meiner Stadt so zerreißt.

Warum ich es trotzdem tue? Weil mein Kopf so voll ist von der Tragödie der vergangenen Woche, dass es mir unmöglich ist, über Banalitäten zu lamentieren. Weil ich innehalte, immer wieder, mitten im Schreiben, mitten in meinem Tun, am helllichten Tag, mitten in der Nacht, und mich erschrecke. Das darf doch nicht sein! Aber es ist so, und ich komme so schlecht damit klar.

Bis hierhin lief der Tag gut, dieser 17. Februar. Es war der erste Tag des Feuerpferdes, nach dem chinesischen Kalender ein Symbol für Veränderung, Mut und Freiheit. Ich saß in meinem kleinen Auto auf dem Weg zum Drogeriemarkt, hatte Zahnseide und Natron auf dem Zettel. Es war Mittag. Es waren Faschingsferien. Es war ruhig auf den Straßen von Starnberg. Und dennoch stauten sich vor der Ampel die Autos weit zurück, was mir seltsam vorkam. Ich weiß noch, dass ich dachte, wie ungewöhnlich still es ist, niemand hupte, niemand drängelte, ein Moment wie in Zeitlupe, alles war gedämpft, als würde der Himmel auf unsere kleine Stadt drücken. Weder hörte ich Radio, noch meine Playlist, sondern die Vögel, die in der Thujenhecke am Straßenrand sangen. So laut und fast hysterisch, dass ich sogar hastig das Fenster der Beifahrertür öffnete und mit meiner Handykamera ein Video machte, während der Autokorso stillstand. Ich wollte es meiner Familie später zeigen, als Zeichen, dass wir diesen langen, kalten Winter überstanden haben. Dass der Frühling beginnt und bald alles wieder schön sein würde. Manchmal sehe ich mir das Filmchen an und fühle die Absurdität dieses Moments. Kann noch exakt das Gefühl abrufen, das ich in diesem Moment hatte. Sehe mich in meinem Auto sitzen unter der beigen Kappe, in dem blütenweißen Hemd, leuchtend und lebensleicht. Unversehrt irgendwie. War ich in diesem Moment sorglos? Ganz ehrlich? Weiß ich gar nicht. Was ich aber ganz sicher weiß: Ich war arglos. In diesem Augenblick, als ich da stand, noch weit entfernt von der Ampel, und den Vögeln vergnügt dabei zuhörte, wie sie vom Frühling und einer neuen Zeit sangen, da ahnte ich nicht, dass nur wenige hundert Meter entfernt eine Tragödie passiert war. Dass ein Junge von einem Lastwagen überrollt worden war und vergeblich um sein kleines Leben kämpfte. Er hatte nichts falsch gemacht. Er war mit seinem Fahrrad seiner Schwester bei Grün über die Straße gefolgt. Dort, wo viele von uns jeden Tag die Kreuzung überqueren. Wo viele von uns täglich auf ihrem Weg sind, von irgendwoher kommend, nach irgendwohin fahrend. Der Bruchteil einer Sekunde, der so grausam darüber bestimmte, dass das Leben einer Familie nie mehr so sein würde wie zuvor. Hier Vogelgezwitscher und ein Hauch von Frühling und dort die Katastrophe. Ich kriege es einfach nicht in meinen Schädel rein.

An diesen Augenblick denke ich seither immer wieder. An den Jungen, seine Familie, seine Freunde, an diese Dunkelheit, die sie durchleiden seit jenem Tag. Und bete, dass es etwas gibt, woran sie sich festhalten können, etwas, das ihnen hilft zu überleben. Manchmal schnürt es mir die Kehle zu. Manchmal muss ich darüber reden, ohne Luft zu holen. Und manchmal weiß ich selbst nicht, was uns Hoffnung geben kann, wenn eine solche Katastrophe in der Tür steht. Es ist nicht meine Tür, ich bin weit weg von dieser Katastrophe. Aber sie ist in meiner Stadt, irgendwo hier unter meinem Himmel. Menschen leiden, dass mir in manchen Augenblicken kotzübel wird und mir vor Mitgefühl das Herz brennt. Manchmal geht mir die Hoffnung aus. Das darf sie nicht, man muss sich an etwas festhalten, was Zuversicht gibt, an etwas denken, auf das man sich freut. Aber wie soll das gehen? Ich mache nicht nur Listen im Kopf, ich grabe täglich wie eine Goldgräberin nach Schätzen, die mich am Laufen halten.

Zwei Tage darauf fuhr ich nach Wien. Saß mit meiner Tochter im Nachtzug und hielt ihre Hand vier Stunden lang. Sah den Lichtern dabei zu, wie sie vor dem Fenster vorüberflogen. Städte, Dörfer, unter jedem Dach ein Ach, sagte meine Omi früher immer. Auf einmal war der Winter wieder zurück, dieser bitterkalte Winter, wie immer zäher, als man ihn sich hätte vorstellen können. Und ich hockte auf meinem Sitzplatz, meine kleine Miu Miu Tasche auf dem Schoß, beobachtete Passagiere, hörte ihren Gesprächen zu, biss in eine Laugenstange und sehnte mich danach, von irgendwas angefasst zu werden. Aus dieser Perspektive wirkte alles sinn- und freudlos, als würde es nie mehr heller werden.

Ich hatte die Reise geplant, um meiner Tochter beim Umzug zu helfen - aus ihrem möblierten Provisorium im zweiten in ihre erste eigene Studentenbutze im achten Bezirk. Im Gepäck hatte ich nur:

drei Shirts

eine Lampe

Jeans

Jogger

die schöne graue Bettwäsche

eine Flasche Olivenöl aus unserem toskanischen Zuhause

Hausschuhe.

Und das kleine Buch „Ikigai“, das ich anfing zu lesen, als der Februar begann. Frei übersetzt heißt Ikigai „wofür es sich zu leben lohnt“. Es erklärt das japanische Konzept, dem Leben jeden Tag ganz bewusst einen Sinn zu geben und ihm mit Freude zu begegnen. Ich las ein paar Seiten, suchte nach einer Botschaft, an die ich mich klammern konnte, ich gab mir so viel Mühe. Im Gepäckfach über mir lag die sperrige Lampe, gegen deren Transport ich erst so viele Einwände hatte. Wir fahren mit dem Zug, gab ich immer wieder zu bedenken. Meine Tochter erwiderte: Ja, auch wenn es merkwürdig sei, sich eine Lampe unter den Arm zu klemmen, sei es machbar. Ich mochte dieses unverbaute Wort: machbar. Nicht lange drüber brüten, sondern einfach tun. Ich freute mich, weil ich dem Leben so unkompliziert begegnet war.

Es folgten fünf Tage, die wir rumwurschtelten, rumräumten, rumputzten. Wir bauten Schränke auf, schoben das kleine Sofa von links nach rechts, suchten einen Platz für den Zwerg, der die Wohnung beschützen soll, befüllten den Kühlschrank, verließen selten unser Nest, weil es sich in diesen grauen Tagen jede Sekunde so anfühlte wie eine Umarmung. Abends hingen wir vor dem Laptop ab und sahen auf Netflix ein paar Folgen „Nobody wants this“. Wir redeten wenig, weil jeder wusste, woran der andere denkt. Ich suchte fünf Tage lang das Gute im Schlechten, das Schöne im Unschönen, es gelang mir für Minuten, immer dann, wenn ich einen süßen Striezel im Mund hatte. Immer dann, wenn ich vergaß. Ich aß sehr viele Striezel. Im „Café Prückel“, beim „Mann, der verwöhnt“, in der Studentenbutze. Als ich am dritten Morgen loslief, um Semmeln zum Frühstück zu kaufen, standen zwei Frauen mit orangefarbenen Strickmützen hinter mir in der Schlange. Sie unterhielten sich über das Wetter und darüber, dass nächste Woche endlich der Frühling kommt. Ich zahlte, stopfte meine Tüte unter den Arm, trat auf die Straße, streckte meinen Kopf in den Himmel und atmete tief ein. Und versuchte, ein wenig zu lächeln.

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