Mitte März hat der Ulmen-Skandal die einen – zumeist Männer – ziemlich überrascht und die anderen – zumeist Frauen – weit weniger überrascht, weil sie im übergriffigen, missbräuchlichen und manipulativen Verhalten, das Collien Fernandes ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vorwirft, keine skandalöse Einzeltat sehen, sondern eine Fortsetzung männlicher Verhaltensmuster, die in der Gesellschaft vielerorts zu finden sind. Seitdem ist eine Diskussion entstanden darüber, ob monströse Einzeltaten überhaupt noch monströse Einzeltaten sind, wenn es viele Monster gibt, viele Täter und mit ihnen viele Taten.
Im Wissen, dass schon viel Kluges gesagt und geschrieben wurde zur Causa Ulmen und im Bewusstsein, dass feministisches Empowerment und die Diskussion über Gewalt gegen Frauen grundsätzlich ohne „Erklärmänner“ und ihre Think Pieces auskommt, möchte ich mir nichtsdestoweniger ein paar Gedanken machen zur politischen, kulturellen und sozialen Tragweite dieses Missbrauchsfalls. Warum? Weil der Fall Ulmen-Fernandes mich persönlich sehr beschäftigt, seit Tagen. Weil ich nach wie vor versuche, die gesellschaftliche Bedeutung dahinter zu verstehen und einzuordnen. Weil Schreiben, als Autor, meine Art des Nachdenkens ist.
Und damit bin ich nicht allein. Viele von uns beschäftigt die Bedeutung dieses Missbrauchsfalls, der einerseits singulär erscheint und gleichzeitig für so viele andere steht, für ähnliche oder noch schlimmere. Dies alles tue ich ohne Anspruch, die volle Trageweite des Falles Fernandes in allen Details durchschaut und verstanden zu haben (was als Außenstehender eh kaum möglich ist und für meine Argumentation auch nicht nötig); ich schreibe diesen Text lediglich in der bescheidenen Hoffnung, dass ich ein paar Gedanken ausformuliere, an die andere anschließen und die zum Weiterdenken einladen.
»Du hast mich virtuell vergewaltigt«
Beginnen wir mit einem Rückblick. Zu Fernandes‘ Vorwürfen, die der Spiegel (Öffnet in neuem Fenster) nach mehrmonatiger Recherche zuerst und umfassend berichtet hat, gehören: Identitätsdiebstahl, die Kontaktaufnahme zu dutzenden, wenn nicht hunderten Männern und das Versenden pornografischer Bilder und Videos in Fernandes‘ Namen, Fake-Profil-Sextalk mit ihr unbekannten Männern ebenso wie mit ihr persönlich bekannten Männern aus ihrem direkten Arbeitsumfeld, Verabredungen zum Telefonsex, vermeintlich als Collien Fernandes selbst (mit per KI verstellter Stimme), ebenso wie das Verbreiten von Pornografie in Video- und Bildform, die Collien Fernandes darstellen soll. Die Fakeprofile waren offenbar minutiös angelegt und in einigen Aspekten glaubwürdig gestaltet. Der Identitätsdiebstahl und die Kontaktaufnahme erfolgten primär über LinkedIn – und beides erfolgte über viele Jahre hinweg. Der langjährige Identitätsdiebstahl war bekannt, Collien Fernandes geht schon länger öffentlich dagegen vor (Öffnet in neuem Fenster).
Die Wendung, die viele nun als spektakulär (Öffnet in neuem Fenster) empfinden: Collien Fernandes wirft ihrem Ex-Mann Christian Ulmen vor, der Täter hinter alldem gewesen zu sein. Er habe es ihr gegenüber bereits Ende 2024 gestanden, so Fernandes. „Du hast mich virtuell vergewaltigt“ lautet der Spiegel-Artikel (Öffnet in neuem Fenster), der ihre Sicht darlegt, und der neben faken Identitäten, digitaler Gewalt und Herabwürdigung auch körperliche Auseinandersetzungen und physische Gewalt innerhalb der mittlerweile geschiedenen Ehe schildert. Christian Ulmen wiederum veranlasst seinen Anwalt (Öffnet in neuem Fenster), vieles abzustreiten, ohne auf Details einzugehen. Der Rechtsanwalt Christian Schertz spricht von „unwahren Tatsachen (Öffnet in neuem Fenster)“, ebenso von „unzulässiger Verdachtsberichterstattung“. Der Spiegel und die mit der Recherche beauftragten Journalisten und Journalistinnen wiederum betonen eine saubere, kritische, und vor allem tatsachenorientierte Arbeitsweise (Öffnet in neuem Fenster) mitsamt zulässiger Verdachtsberichterstattung (Öffnet in neuem Fenster). Der Instagram-Beitrag (Öffnet in neuem Fenster) von Collien Fernandes, welcher ihre Perspektive zusammenfasst und eine mediale Lawine lostrat, erhielt innerhalb von weniger als einer Woche weit über achthunderttausend Likes und über vierzigtausend Kommentare.
Männer, Gewalt, Verantwortung
Das gesellschaftspolitische Nachbeben ist immens. Die wesentlichen Fragen, welche dieser Tage öffentlich verhandelt werden, lauten unter anderem:
1. Wie viel „Ulmen“ steckt in „All Men“ – und umgekehrt? Wo endet individuelle Verantwortlichkeit und wo beginnt gesellschaftliche Verantwortung? Sind wir alle schuld, oder „nur“ ein Einzelner?
2. Wie können Frauen sich wehren gegen männliche Gewalt, online wie offline? Wie können wir, als Gesellschaft, insb. Frauen besser schützen vor digitaler Gewalt, die insb. von Männern ausgeht? Wie verbessern wir die Infrastruktur diesbezüglich? Wie lässt sich feministisches Empowerment sozial, rechtlich, politisch angehen und umsetzen?
3. Bezüglich Geschlechterrollen, Veränderungswillen und Verantwortungsdimensionen: Wie kann ein gesellschaftlicher Paradigmenwechsel stattfinden? Was bedeutet Verantwortung? Was ist die politische Dimension? Und wie sind die Frontverläufe der Debatte digitaler Gewalt hinsichtlich „rechts“ und „links“?
Weil alle drei Fragenkomplexe – und die dazugehörigen Antworten – zusammenhängen und sich wechselseitig bedingen, möchte ich einige ebenfalls zusammenhängende Überlegungen dazu formulieren.
Gewalt gegen Frauen auf dem Höchststand
Fangen wir zunächst mit etwas Statistik an. Indem wir Daten, Fakten und – in Anspielung auf die Stilblüte des Ulmen-Anwalts Christian Schertz – „wahre Tatsachen“ in die Diskussion holen, versachlichen wir dieselbe.
(Öffnet in neuem Fenster)https://www.bka.de/SharedDocs/Kurzmeldungen/DE/Kurzmeldungen/251121_BLB_HaeuslicheGewalt2024.html (Öffnet in neuem Fenster)Das Bundeskriminalamt schreibt im November 2025:
„Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 265.942 Menschen Opfer Häuslicher Gewalt, ein neuer Höchststand. Fast jedes fünfte in der Polizeilichen Kriminalstatistik zu Delikten, die auch, aber nicht ausschließlich diesem Phänomenbereich zugerechnet werden, erfasste Opfer ist Opfer von Häuslichen Gewalt. Diese sind mit 70,4 Prozent überwiegend weiblich.“
Ferner ergibt eine Auswertung der BKA-Daten aus dem Jahr 2024:
„Im Jahr 2024 wurden insgesamt 171.069 Opfer von Partnerschaftsgewalt registriert. Mehr als die Hälfte der Opfer (58,1 Prozent) erlitten dabei vorsätzliche einfache Körperverletzungen, 25,6 Prozent waren von Bedrohung, Stalking und Nötigung betroffen.“
(Öffnet in neuem Fenster)
Die Daten sprechen eine deutliche Sprache. Häusliche und partnerschaftliche Gewalt sind in Deutschland keine Seltenheit, im Gegenteil. Häusliche Gewalt nimmt zu (Öffnet in neuem Fenster) und ist auf einem Höchststand (Öffnet in neuem Fenster), während es gleichzeitig ein immenses Dunkelfeld gibt, schätzungsweise 19 von 20 Fällen bleiben verborgen (Öffnet in neuem Fenster). Schlimmer noch: es werden Gelder für Präventionsprogramme gestrichen.
https://www.zeit.de/politik/deutschland/2025-11/haushaltsausschuss-missbrauchsopfer-gelder-gestrichen (Öffnet in neuem Fenster)Während es also strukturelle Hürden bei der Ermittlung und rechtlichen Verfolgung „klassischer Gewaltdelikte“ (vor allem) gegen Frauen gibt, zeigt sich mit dem Fall Fernandes (und aller verwandten Fälle (Öffnet in neuem Fenster)) eine neue Form des Gewaltdelikts – die digitale und virtuelle Gewalt (Öffnet in neuem Fenster) gegenüber Frauen. Wobei „neu“ relativ ist. Bei genauer Betrachtung und weiterer Recherche zeigt sich, dass das Phänomen der Deepfake-Pornografie (Öffnet in neuem Fenster) uns schon fast ein ganzes Jahrzehnt begleitet; die ersten deepfake-pornografischen Beiträge mit einer gewissen Reichweite kamen um das Jahr 2017 auf, u.a. auf der Plattform Reddit. Getan hat sich seitdem: wenig.
Der jetzige Opferschutz reicht nicht, es braucht bessere Rechtsprechung
Sprechen wir also jetzt – gesamtgesellschaftlich wie berufspolitisch – darüber, wie wir den Opferschutz und die Präventionsarbeit hinsichtlich digitaler Gewalt verbessern können, ist es eine „Besser spät als nie“-Diskussion. Viel wurde die letzten Tage darüber geschrieben, dass die deutsche Rechtsprechung diesbezüglich nicht ausreicht und bspw. Spanien (Öffnet in neuem Fenster), wo Fernandes ihren Ex-Mann Ulmen angezeigt hat, da beide Wohnsitze auf Mallorca haben, bezüglich digitaler Gewalt eine bessere, angemessenere Rechtsprechung (Öffnet in neuem Fenster) hat, die Opfer-Anliegen ernster nimmt als jene in Deutschland.
Insofern ist es gut und wünschenswert, dass hierzulande juristisch nachgebessert wird, und es ist zu begrüßen, dass sich politisch wirklich etwas bewegt:
https://www.n-tv.de/politik/Fuer-Deepfakes-soll-es-kuenftig-bis-zu-zwei-Jahre-Haft-geben-id30505883.html (Öffnet in neuem Fenster)„Justizministerin Hubig will mit einem neuen Gesetz gegen digitale Gewalt vorgehen. Nach Bekanntwerden des Falls Collien Fernandes gilt dabei der Ahndung pornografischer Deepfakes ein besonderes Augenmerk. Derzeit sind Erstellen und Verbreiten solcher Aufnahmen noch weitgehend straffrei.“
Sowohl die Regierung als auch die Opposition befassen sich momentan intensiv mit dem Thema digitaler Gewalt:
https://www.spiegel.de/politik/deutschland/gruene-legen-eigenen-gesetzentwurf-zu-digitaler-gewalt-vor-a-5b1ce3b0-f01b-407a-a314-66d58e0c5cfa (Öffnet in neuem Fenster)„Die Grünen-Rechtspolitikerin Lena Gumnior hat einen Gesetzentwurf erarbeitet, der KI-gefälschte intime Aufnahmen unter Strafe stellen würde. Der Vorstoß geht über die Pläne der Bundesregierung hinaus.“
Wichtig erscheint hierbei aus juristischer Sicht, dass keine Schlupflöcher entstehen, worauf auch Rechtsanwalt Chan-jo Jun hinweist:
(Öffnet in neuem Fenster)https://bsky.app/profile/jun.de/post/3mhpmxkpy722e (Öffnet in neuem Fenster)Strafrechtsexpertin Anja Schmidt argumentiert:
https://www.instagram.com/p/DWTKL0MjSe9/ (Öffnet in neuem Fenster)„Nicht nur das Verbreiten sollte unter Strafe stehen, sondern auch das Herstellen und der private Gebrauch. Und das mit einer angemessenen Strafdrohung.“
Wie auch immer genau die Regelung in Zukunft aussieht – zentral ist, dass Betroffene digitaler Gewalt sich nicht nur ernstgenommen fühlen, sondern dass ernsthaft ermittelt wird und überhaupt ernsthaft ermittelt werden kann; und dass jene, die ungefragt pornografische Inhalte von anderen erstellen oder verbreiten sich mit einer Rechtsprechung konfrontiert sehen, die sie von solchen Widerlichkeiten abhält, indem sie den Online-Missbrauch ausermittelt und angemessen bestraft.
Collien Fernandes selbst bringt die aktuelle dysfunktionale Lage im Gespräch mit der Tagesschau auf den Punkt:
https://www.tagesschau.de/inland/collien-fernandes-interview-ulmen-100.html (Öffnet in neuem Fenster)„[I]ch habe das Gefühl, dass wir hier etwas im System haben, das nicht funktioniert. Und darauf möchte ich gerne hinweisen. Da muss sich ganz dringend etwas ändern. Denn warum sollte man etwas zur Anzeige bringen, wenn am Ende nichts dabei rumkommt?“
Von „Ulmen“ zu „All Men“
Während Einzeltaten in trivialer Interpretation immer die Taten Einzelner sind, finden jedoch auch Einzeltaten vor einem gesellschaftlichen, einem sozialen und einem politischen Hintergrund statt. Als einzelne Menschen sind wir logischerweise einzelne Menschen, dennoch fühlen, denken und handeln wir vor dem Hintergrund unserer politischen Rahmenbedingungen, unserer Handlungspraxen und vor dem Hintergrund dessen, was in unserer Gesellschaft als „normal“, „akzeptabel“ oder zumindest „toleriert“ gilt. Der soziologische Fachbegriff hierfür lautet Sozialisation (Öffnet in neuem Fenster). Wir alle bestimmen mit, was in einer Gesellschaft geht und was nicht geht, indem wir es akzeptieren – oder uns aktiv bestimmten Entwicklungen entgegenstellen, sie kritisieren, sie nicht akzeptieren. Werte und Normen sind insofern nur Werte und Normen, indem wir etwas aus ihnen für unsere Lebenswirklichkeit ableiten.
Die letzten Jahre haben leider gezeigt, dass u.a. sexistische Denkweisen, Äußerungen und Haltungen wieder mehr an Konjunktur gewinnen, auch und insbesondere bei Jüngeren:
https://www.fr.de/panorama/zurueck-in-die-50er-junge-menschen-denken-wieder-konservativ-zr-94205703.html (Öffnet in neuem Fenster)Ein besonderes Problem stellt die sogenannte „Manosphere (Öffnet in neuem Fenster)“ dar, ein ebenfalls digitales, ultrasexistisches, antifeministisches Netzwerk (pseudo-)männlicher Influencer. Dort werden Frauen entmenschlicht, degradiert und gedemütigt – und sehr dürftige Denkweisen und Weltanschauungen verbreitet, nicht selten mit dickem Bizeps und Zigarre, und gegenüber einem meist jugendlichen Publikum als maskuliner Way of Life inszeniert. In der Manosphere werden nicht nur extremistische Ideologien verkauft, es geht auch buchstäblich um Geld: um Abos, minderwertige Fitness-Produkte und dubiose Krypto-Investments. Rechte Influencer wie Andrew Tate vergiften Köpfe und leeren Portemonnaies.
https://taz.de/Netflix-Doku-Inside-the-Manosphere/!6163017/ (Öffnet in neuem Fenster)Eltern, vor allem Eltern von Jungen, stehen heutzutage also vor der doppelten Schwierigkeit: Ihren Jungs nicht nur Werte zu vermitteln, sondern emanzipatorische Werte zu vermitteln; Werte, die Gleichberechtigung vermitteln und die somit im genauen Gegensatz stehen zu dem, was sexistische Influencer auf TikTok, Instagram, X und YouTube von sich geben.
Du willst keinen Text von mir verpassen? Dann registriere dich für meinen kostenlosen Newsletter (Öffnet in neuem Fenster)! Abgesehen davon bin ich dankbar, wenn du diesen Artikel teilst 🙏
Wenn ich einen Ratschlag geben soll, wäre es dieser: Sprecht mit euren Jungs – und ich meine wirklich Jungs, schon im Grundschulalter – über Geschlechterverhältnisse, über Gender und Macht, über Männlichkeit und Weiblichkeit und alles dazwischen. Hört ihnen zu, fragt sie (vorsichtig), was sie bewegt, was sie denken, was sie fühlen und – sollten sie bereits ein Smartphone besitzen – was sie so online konsumieren. Für alle, die dabei Hilfe benötigen: Zum Thema digitale Aufklärung hat Madita Oeming (Öffnet in neuem Fenster) gerade ein interessantes Buch veröffentlicht.
https://www.rowohlt.de/buch/madita-oeming-madita-oeming-aufgeklaert-statt-aufgeregt-9783499016622 (Öffnet in neuem Fenster)Die Verantwortung muss die Seiten wechseln!
Ein Satz, der dieser Tage immer wieder zu Recht zitiert wird, lautet: „Die Scham muss die Seite wechseln“. Der ikonische Satz von Gisele Pélicot (Öffnet in neuem Fenster) (ursprünglich geht das Zitat zurück auf die Anwältin und Frauenrechtlerin Gisèle Halimi (Öffnet in neuem Fenster)), die zum Vorbild im Kampf gegen sexualisierte Gewalt und zum Symbol für weibliches Empowerment wurde, ist auch dieser Tage so gültig wie immer.
Er wird präzisiert und weitergedacht: „Nicht nur die Scham muss die Seite wechseln, sondern die Angst muss die Seite wechseln, die Konsequenzen müssen die Seite wechseln und die Ressourcen“, sagt beispielsweise Autorin Düzen Tekkal, die gemeinsam mit Ricarda Lang und vielen weiteren prominenten Frauen einen Forderungskatalog gegen sexualisierte digitale Gewalt (Öffnet in neuem Fenster) aufgestellt hat. Der darin enthaltene Zehn-Punkte-Plan verdient Aufmerksamkeit und Umsetzung, bitte schaut ihn euch an:
https://www.zdfheute.de/politik/deutschland/zehn-punkte-plan-sexualisierte-gewalt-deepfake-praevention-fernandes-100.html (Öffnet in neuem Fenster)Und wir Männer? Wir Männer müssen herausfinden aus dem Luxus des Schockiertseins. Schock und Empörung sind verständliche erste Reaktionen auf solche Fälle wie den Fall Ulmen-Fernandes – wenn es jedoch dabei bleibt, ist niemandem geholfen. Wir Männer sollten nachvollziehen, warum Frauen im Zeitalter von Epstein, Sean Combs, Pelicot usw. eben nicht sonderlich überrascht sind, wenn ein weiterer monströser Fall ans Licht kommt. Wir Männer sollten Frauen zuhören, wenn sie ihre Erlebnisse schildern. Wir Männer sollten uns solidarisch zeigen, wo es nur geht. Wir Männer sollten Frauen als Expertinnen in eigener Sache anerkennen und ihnen Gehör schenken und eine Bühne geben, wo es möglich ist. Wir Männer sollten andere Männer darin unterstützen, nicht-sexistische Formen von Männlichkeit für sich zu suchen, zu finden und zu leben. Und wir Männer sollten andere Männer zur Rechenschaft ziehen, wo ihr Verhalten – digital oder offline – Frauen bedrängt, beleidigt, missachtet oder sie missbraucht.
Und auf politischer Ebene: Wir Männer sollten fordern, dass unser Bundeskanzler sich positioniert (Öffnet in neuem Fenster) (jenseits rechtspopulistischer Plattitüden (Öffnet in neuem Fenster)). Wir Männer sollten uns Politikern entgegenstellen, die Opferschutz abschaffen oder als „links“ framen (Öffnet in neuem Fenster) wollen. Wir Männer sollten unser Kreuz bei Parteien machen, die die Belange von Mädchen und Frauen ernstnehmen, und nicht bei jenen Parteien, die sie bevormunden, ihre Probleme kleinreden oder, wie im Fall der AfD, Gewalt gegen Frauen in ihrem Sinne instrumentalisieren.
https://www.sueddeutsche.de/kultur/verschwoerungstheorien-fernandes-ulmen-li.3457076?reduced=true (Öffnet in neuem Fenster)
Gesellschaftlicher Wandel ist ein langsamer Prozess, ein gemeinsamer Prozess. Der Fall Fernandes-Ulmen hat seine Berechtigung als öffentliche Diskussion und als demokratischer Aushandlungsprozess. Weil er über den individuellen Fall hinausweist. Weil er wichtig ist. Weil er uns alle betrifft.
Das letzte Wort gebe ich dementsprechend Collien Fernandes (Öffnet in neuem Fenster) selbst (die gerade wegen Morddrohungen (Öffnet in neuem Fenster) eine Demoteilnahme absagen musste):
https://www.tagesschau.de/inland/collien-fernandes-interview-ulmen-100.html (Öffnet in neuem Fenster)„Ich äußere mich nicht erst jetzt zu diesem Sachverhalt, sondern bereits seit Jahren. Und dass ich mittlerweile weiß, wer der Täter ist, soll daran nichts ändern. Mir ist einfach wichtig, darauf hinzuweisen, welche gesetzlichen Schutzlücken es gibt. Ich habe selbst Erfahrungen damit gemacht, dass wenn man das Thema zur Anzeige bringt, diese Anzeige nicht weiter verfolgt wird, das ganze Thema relativ schnell fallen gelassen wird. Also ich habe selbst Erfahrungen mit dem Justizversagen gemacht.“
Hilfs- und Präventionsangebote
Das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ (Öffnet in neuem Fenster) bietet Frauen rund um die Uhr kostenlose und anonyme Beratung in 19 Sprachen an. Telefon: 116 016
Gewaltbetroffene Männer erhalten Beratung unter 0800 1239900 oder per Sofortchat unter www.maennerhilfetelefon.de (Öffnet in neuem Fenster)
Die App des Vereins „Gewaltfrei in die Zukunft e.V.“ (Öffnet in neuem Fenster)bietet von häuslicher Gewalt betroffenen Personen einen niedrigschwelligen Zugang zu Informationen und Unterstützungsangeboten und soll als Brücke in das bestehende Hilfenetzwerk dienen.
Weißer Ring e.V. Schnelle und direkte Hilfe für Opfer von Kriminalität. Sachkundiger und anerkannter Ansprechpartner für Fragen der Opferhilfe und des Opferschutzes. Onlineberatung (Öffnet in neuem Fenster) oder per Telefon: 116 006
Kinder- und Jugendtelefon „Nummer gegen Kummer": 116 111
Hilfetelefon bei sexualisierter Gewalt: 0800 22 55 530
Telefonseelsorge: 0800 1110111 oder 0800 1110222
Polizeiliche Kriminalprävention (Öffnet in neuem Fenster)der Länder und des Bundes (ProPK) oder bei Polizei für Dich (Öffnet in neuem Fenster)
HateAid (Öffnet in neuem Fenster) ist eine gemeinnützige Organisation, die Menschen schützt und unterstützt, die von digitaler Gewalt wie Hassrede, Morddrohungen oder Mobbing im Internet betroffen sind.
Diese Liste übernehme ich von der BKA-Webseite (Öffnet in neuem Fenster) und habe sie etwas erweitert.
Dokutipps:
Louis Theroux: Inside the Manosphere:
https://www.zeit.de/feuilleton/film/2026-03/louis-theroux-inside-the-manosphere-netflix-dokumentation-maenner (Öffnet in neuem Fenster)Die ZDF-Reportagen „Deepfake-Pornos: Digitaler Missbrauch” von Collien Fernandes selbst:
https://www.zdf.de/reportagen/die-spur-deepfake-pornos-collien-ulmen-fernandes-100 (Öffnet in neuem Fenster)Buchempfehlungen
Ingrid Brodnig - Feindbild Frau (2026)
https://www.brandstaetterverlag.com/buch/feindbild-frau/ (Öffnet in neuem Fenster)Veronika Kracher - Bitch Hunt. Warum wir es lieben, Frauen zu hassen (2026)
https://www.verbrecherverlag.de/shop/bitch-hunt-warum-wir-es-lieben-frauen-zu-hassen/ (Öffnet in neuem Fenster)Tobias Ginsburg – Die letzten Männer des Westens (2021)
https://www.rowohlt.de/buch/tobias-ginsburg-die-letzten-maenner-des-westens-9783499003530 (Öffnet in neuem Fenster)Ute Frevert – Die Politik der Demütigung (2017)
https://www.fischerverlage.de/buch/ute-frevert-die-politik-der-demuetigung-9783103972221 (Öffnet in neuem Fenster)Weiterführende Artikel und Links:
https://weact.campact.de/petitions/in-solidaritat-mit-collien-fernandes-10-forderungen-an-die-bundesregierung (Öffnet in neuem Fenster)“Wir müssen was tun. Um unsere Solidarität zu zeigen. Und um dazu beizutragen, dass sich in Deutschland ordentlich was ändert. Über’s Wochenende haben wir mobilisiert.
Wir sind nun über 250 (!!!) Frauen aus Politik, Wirtschaft und Kultur. Wir sind entsetzt über die abscheuliche Gewalt, die Collien Fernandes öffentlich gemacht hat. Wir stehen in Solidarität an ihrer Seite und bewundern ihren Mut.
Die Straflosigkeit männlicher Gewalt muss endlich ein Ende haben. Wir fordern von der Bundesregierung Schutz vor männlicher Gewalt und digitaler sexualisierter Gewalt.
Initiatorinnen:
Kristina Lunz
Ricarda Lang
Düzen Tekkal”
PS: Wer einen Einblick in die bizarre Welt der Antifeministen haben möchte, hier ein Kurzausschnitt (Öffnet in neuem Fenster). Inhalt: Der fragil-maskuline Anti-Feminist Andrew Tate sitzt allein auf einer Yacht und „argumentiert“, wer nicht, wie er, „hypermaskulin“ und einsam auf einer Yacht in Hong Kong dahinvegetiere (und sattdessen Serien wie „Buffy“ schaue), sei schwul. Nicht weniger bizarr und unfreiwillig komisch – der Ex-Kampfsportler Tate, wie er ausführt, er sei ultramännlich und lese folglich keine Bücher (Öffnet in neuem Fenster). Leser interessierten sich ja für alberne Dinge wie „Piraten auf Booten“, so Tate (das sagt er wirklich). Solche Auftritte erinnern mich mich an das, was Historiker Thomas Zimmer im Podcastgespräch mit mir (Öffnet in neuem Fenster) über Donald Trump sagte. Solche Männer können „lächerlich und gefährlich zugleich“ sein, sagte Zimmer. Es schließt sich nicht aus. Dass die hypersexistischen Influencer aus der Manosphere wie Andrew Tate (Öffnet in neuem Fenster), Sneako (Öffnet in neuem Fenster), HStikkytokky (Öffnet in neuem Fenster) usw. fragile Witzfiguren und Männlichkeitskarikaturen sind (wie man gut in der Doku von Louis Theroux „Inside the Manosphere (Öffnet in neuem Fenster)“ sieht), macht sie leider nicht ungefährlich. Sie sind insb. für Kinder, Jugendliche und junge Männer ein Einflussfaktor.
PPS: Dieser Beitrag ist, in Auszügen, auch auf Instagram, wo ihr ihn kommentieren oder teilen könnt!
https://www.instagram.com/p/DWWfqzzjDJ6/?img_index=1 (Öffnet in neuem Fenster)PPPS: Schon meinen Podcast mit Janosch Dahmen (Öffnet in neuem Fenster) gehört?
https://steady.page/de/janskudlarek/posts/10a71265-b42a-4954-a3ec-869c0c7ca7ff (Öffnet in neuem Fenster)Dieser Artikel war eine mehrtägige Arbeit. Du konntest ihn allein deswegen lesen, weil du entweder ein Abo hast – oder weil andere meine Arbeit auch für dich crowdfunden (Öffnet in neuem Fenster). Ich möchte solche Artikel in Zukunft weiter schreiben können – hierfür brauche ich eure Unterstützung! Du kannst mir ein paar Euro in die Kaffeekasse (Öffnet in neuem Fenster) werfen, oder, noch besser: registriere dir ein Steady-Abo (Öffnet in neuem Fenster). So garantierst du mir ein kleines Honorar und Sicherheit beim Schreiben. Wer schon mit einem Steady-Abo dabei ist: Danke! Ohne euch geht es nicht! 🙏
Es wäre toll, wenn du diesen Artikel teilst 🙃