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ADHS im Beruf: Erfolgreich mit ADHS leben und arbeiten – Ein Gespräch mit Dr. Heiner Lachenmeier

https://youtu.be/ENMkVeSinmE?si=K8YKYg3crVBN5Udr (Öffnet in neuem Fenster)

ADHS im Beruf ist für viele Menschen eine Herausforderung, doch es gibt Wege, diese Herausforderungen in Stärken zu verwandeln. In diesem Artikel teile ich mit dir wertvolle Einblicke und praktische Strategien, die ich im Gespräch mit dem erfahrenen Psychiater Dr. Heiner Lachenmeier gewonnen habe. Dr. Lachenmeier, selbst Erwachsener mit ADHS, hat ein Buch geschrieben, das nicht nur symptomorientiert ist, sondern tief in die Funktionsweise von ADHS eintaucht und zeigt, wie man mit ADHS im Beruf und Leben erfolgreich sein kann.

Wie entstand das Buch „Mit ADHS erfolgreich im Beruf“?

Dr. Heiner Lachenmeier begann seine Reise zur ADHS-Diagnose vor über zwanzig Jahren. Zunächst war er skeptisch gegenüber ADHS und betrachtete es als ein „Scheinkonstrukt“. Erst als er selbst erkannte, dass er ADHS hat, begann er, intensiv zu recherchieren. Dabei fiel ihm auf, dass die meisten Publikationen symptomorientiert sind und wenig darüber aussagen, wie Menschen mit ADHS tatsächlich funktionieren.

Seine Erkenntnis: ADHS ist keine psychodynamische Problematik, die auf ungelösten Konflikten oder Gefühlen basiert, sondern eine genetische neurobiologische Andersartigkeit. Das bedeutete für ihn, dass man ADHS nicht nur als Krankheit sehen sollte, sondern als eine andere Art des Funktionierens, die Herausforderungen mit sich bringt, aber auch viel Potenzial.

ADHS verstehen: Ursachenorientierung statt Symptomfokussierung

Ein zentraler Punkt, den Dr. Lachenmeier hervorhebt, ist die Bedeutung einer ursachenorientierten Betrachtung von ADHS. Die moderne Psychiatrie arbeitet häufig symptomorientiert, was bedeutet, dass Diagnosen auf sichtbaren Symptomen beruhen, ohne die dahinterliegenden Ursachen zu betrachten.

Das kann dazu führen, dass Menschen mit ADHS fälschlicherweise andere Diagnosen wie Depression oder Angststörungen erhalten und dann eine Behandlung bekommen, die nicht optimal für ihre tatsächlichen Bedürfnisse ist. Beispielsweise kann eine generelle angstlösende Medikation bei ADHS sogar kontraproduktiv sein, da sie die Konzentrationsfähigkeit weiter dämpft.

Stattdessen empfiehlt Dr. Lachenmeier, die neurobiologische Besonderheit zu verstehen und darauf basierend eine individuell angepasste Behandlung und Selbsthilfe zu gestalten. Das Wissen um die eigene Funktionsweise ist der Schlüssel, um besser mit ADHS umzugehen und beruflich wie privat erfolgreich zu sein.

Angst und Mut bei ADHS: Wie man konstruktiv damit umgeht

Angst ist ein häufiges Begleitsymptom bei ADHS, die oft aus der Überforderung durch eine Vielzahl von Gedanken und Eindrücken entsteht. Menschen mit ADHS erleben oft eine „Wolke“ von Gedanken, die sie schwer ordnen können, was zu Unsicherheit und Angst führt.

Dr. Lachenmeier erklärt, dass es wichtig ist, diese Angst nicht einfach mit Beruhigungsmitteln zu unterdrücken, sondern zu verstehen, woher sie kommt. Stimulanzien können hier sinnvoll sein, da sie helfen, die Informationsflut zu filtern und mehr Klarheit zu schaffen.

Praktisch kann man sich auch selbst helfen, indem man sich einfache Fragen stellt, um den Überblick zu behalten und dadurch die Angst zu reduzieren. Ein Beispiel aus seinem Buch zeigt, wie man Schritt für Schritt Orientierung gewinnen kann, anstatt sich in der Gedankenflut zu verlieren.

Wie ADHS die berufliche Leistung beeinflusst

Viele Menschen mit ADHS neigen dazu, im Beruf entweder „Vollgas“ zu geben oder sich komplett zu erschöpfen. Das Hyperfokussieren kann zu großartigen Leistungen führen, birgt aber auch die Gefahr, dass man sich überlastet und ausbrennt.

Dr. Lachenmeier betont, dass es wichtig ist, sich Pausen zu erlauben. Ein hilfreicher Trick ist, vor einer Pause Stichworte zu notieren, um später leichter wieder einzusteigen. Auch das Arbeiten mit Timern kann helfen, die Konzentrationsphasen besser zu strukturieren.

Außerdem ist es essenziell, sich selbst zu erlauben, auch mal „nichts“ zu tun, ohne sich dafür zu verurteilen. Schuldgefühle und Selbstanklagen sind Energiefresser, die den Alltag unnötig erschweren.

Berichte schreiben und Bürokratie: So gelingt der Umgang mit ungeliebten Aufgaben

Viele Menschen mit ADHS empfinden das Schreiben von Berichten oder die Bürokratie als besonders mühsam. Dr. Lachenmeier beschreibt, wie er selbst früher Schwierigkeiten hatte, Berichte zu schreiben, weil er alles perfekt machen wollte und sich in Details verlor.

Das Verständnis der eigenen ADHS-Funktionsweise hat ihm geholfen, diese Aufgaben pragmatischer anzugehen. Er empfiehlt, Berichte in kleine, überschaubare Schritte zu unterteilen, zum Beispiel erst den Adressaten und die Patientendaten einzutragen, um die Hemmschwelle zu senken.

Auch das gemeinsame Arbeiten mit Kolleginnen und Kollegen kann entlasten, indem man sich gegenseitig unterstützt und die wichtigsten Inhalte zusammenfasst.

Selbstwert und ADHS: Die Balance zwischen Stärken und Schwächen finden

Ein großes Thema ist der Umgang mit dem Selbstwert. Viele Menschen mit ADHS fühlen sich weniger wert, weil sie sich auf ihre Schwächen konzentrieren und ihre Stärken kaum wahrnehmen. Dr. Lachenmeier erklärt, dass diese Verzerrung durch die Funktionsweise von ADHS erklärbar ist:

  • Man nimmt bei sich selbst vor allem die möglichen Fehler und Schwächen wahr, während die positiven Eigenschaften oft ausgeblendet werden.

  • Das Arbeitsgedächtnis fokussiert mehr auf die aktuelle Situation, sodass Erfolge aus der Vergangenheit schnell in Vergessenheit geraten.

Um dem entgegenzuwirken, empfiehlt es sich, bewusst zurückzublicken und sich die eigenen Leistungen vor Augen zu führen – auch die kleinen Erfolge und besonderen Fähigkeiten. Das kann Mut machen und das Selbstbewusstsein stärken.

ADHS im Beruf: Organisation und Selbstmanagement

Organisation ist für viele Menschen mit ADHS eine Herausforderung, die sich stark auf den beruflichen Erfolg auswirken kann. Dr. Lachenmeier rät, die eigenen Bedürfnisse und Schwierigkeiten genau zu analysieren und darauf abgestimmte Strategien zu entwickeln.

Beispielsweise kann es helfen, E-Mails zu festen Zeiten am Tag zu bearbeiten und nicht ständig zwischendurch. Das schafft Struktur und reduziert das Gefühl von Überforderung.

Wichtig ist auch, die eigenen „No-Gos“ zu erkennen, also Aufgaben, die man besonders schwer bewältigen kann oder ungern macht. Diese sollten möglichst ausgelagert werden, um Energie zu sparen und Frustration zu vermeiden.

Praktische Tipps zur Organisation im Arbeitsalltag

  • Arbeite morgens als Erstes ungeliebte Aufgaben wie E-Mails ab.

  • Teile große Projekte in kleine, überschaubare Schritte auf.

  • Nutze Timer, um konzentrierte Arbeitsphasen zu schaffen.

  • Hole dir Hilfe bei Kollegen oder Vorgesetzten, wenn möglich.

  • Schaffe klare Prioritäten, um nicht in der Gedankenflut zu versinken.

Selbstständigkeit mit ADHS: Chancen und Herausforderungen

Für viele Menschen mit ADHS ist die Selbstständigkeit ein attraktiver Weg, doch sie bringt auch besondere Herausforderungen mit sich. Dr. Lachenmeier warnt davor, die organisatorischen Anforderungen zu unterschätzen. Selbstständigkeit bedeutet nicht nur fachliche Arbeit, sondern auch Buchhaltung, Materialbeschaffung, Kundenakquise und mehr.

Er empfiehlt, sich frühzeitig Unterstützung zu suchen, besonders wenn man Organisation nicht zu den eigenen Stärken zählt. Ein gutes Beispiel ist die Anstellung einer Sekretärin, die einen in der Organisation „an die Hand nimmt“ und auch mal „auf die Finger haut“, wenn wichtige Aufgaben nicht erledigt werden.

Auch die soziale Absicherung ist als Selbstständiger oft geringer, weshalb man sich gut informieren und vorsorgen sollte. Eine nüchterne und realistische Einschätzung der eigenen Möglichkeiten ist der Schlüssel für eine erfolgreiche Selbstständigkeit mit ADHS.

Stärkenorientiertes Arbeiten: Potenziale erkennen und nutzen

Ein besonders inspirierender Aspekt im Gespräch mit Dr. Lachenmeier war, wie Menschen mit ADHS ihre Stärken gezielt einsetzen können. Er beschreibt Beispiele von Ingenieuren und Unternehmern, die ihre besonderen Fähigkeiten ideal in ihre Arbeit integrieren.

Ein Ingenieur etwa konnte während langer Autofahrten optimal Problemlösungen entwickeln, während sein Vorgesetzter die Ideen notierte. Ein anderer Unternehmer engagierte eine Assistenz, die vor Ort alle wichtigen Details protokollierte, sodass er sich auf seine Kernkompetenzen konzentrieren konnte.

Das Ziel ist, die eigenen Stärken zu kennen und gleichzeitig die Schwächen durch geeignete Unterstützung oder Anpassungen auszugleichen. Auch die Gestaltung des Arbeitsumfelds kann entscheidend sein – etwa ein ruhiger Arbeitsplatz mit Noise-Cancelling-Kopfhörern für Menschen, die leicht abgelenkt sind.

Offenheit und Wertschätzung im Arbeitsumfeld

Damit Menschen mit ADHS ihr Potenzial entfalten können, braucht es ein wertschätzendes und verständnisvolles Umfeld. Dr. Lachenmeier hebt hervor, wie wichtig es ist, dass Betroffene ihre Besonderheiten zeigen können, ohne Angst vor Ablehnung zu haben.

Gleichzeitig ist es auch wichtig, dass Menschen mit ADHS Verständnis für ihre Mitmenschen entwickeln und bereit sind, konstruktive Anpassungen vorzunehmen. Diese Wechselwirkung fördert ein gutes Miteinander und reduziert Missverständnisse.

Freiheit und Verantwortung: Balance finden im Umgang mit ADHS

Ein immer wiederkehrendes Thema ist die Freiheit, sich selbst zu sein, und gleichzeitig die Verantwortung für die Konsequenzen des eigenen Handelns zu übernehmen. Dr. Lachenmeier erklärt, dass Freiheit drei Seiten hat:

  1. Man kann tun, was man will.

  2. Man muss bereit sein, die Folgen zu tragen.

  3. Man sollte sich konstruktiv anpassen, ohne sich zu unterwerfen.

Viele Menschen mit ADHS empfinden Anpassung als Unterwerfung, was oft aus negativen Erfahrungen mit Kritik resultiert. Hier gilt es, Missverständnisse zu klären und zu lernen, wie man sich so anpasst, dass die eigenen Stärken besser zur Geltung kommen und die Akzeptanz bei anderen steigt.

Fazit: ADHS im Beruf als Chance begreifen

Das Gespräch mit Dr. Heiner Lachenmeier zeigt eindrucksvoll, dass ADHS im Beruf kein Hindernis sein muss, sondern mit dem richtigen Verständnis und den passenden Strategien eine große Chance für persönliches und berufliches Wachstum sein kann.

Wichtig ist, die neurobiologischen Besonderheiten zu erkennen, sich selbst nicht zu verurteilen und gezielt an der Organisation, der Selbstwahrnehmung und dem Umgang mit Ängsten zu arbeiten. Unterstützung durch ein wertschätzendes Umfeld und gegebenenfalls professionelle Hilfe machen den Weg leichter.

Wenn du dich mit ADHS im Beruf auseinandersetzt, nimm dir Zeit, deine Stärken zu identifizieren, deine Herausforderungen zu verstehen und dir individuelle Werkzeuge anzueignen. So kannst du nicht nur erfolgreich arbeiten, sondern auch ein erfülltes und ausgeglichenes Leben führen.

Für weitere Informationen und Inspirationen empfehle ich dir das Buch von Dr. Heiner Lachenmeier „Mit ADHS erfolgreich im Beruf: So wandeln Sie vermeintliche Schwächen in Stärken um“. Es enthält viele praxisnahe Beispiele und wertvolle Tipps, die dir helfen, ADHS im Beruf und Alltag besser zu meistern.

Kategorie Interviewfolgen

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