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Gibt es den Teufel? Und wenn, ist er eine Frau?

Lilith, die erste Frau von Adam, floh aus den Zwängen heteronormativer Paradiesigkeit und wurde zur Strafe zum Symbol des Bösen erklärt.

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Jetzt fragt ihr wahrscheinlich: Hä, warum soll ich für was bezahlen, das ich auch kostenlos bekomme? Gute Frage. Als ich vor gut einem Jahr von Mailchimp hierher zu Steady umzog, suchte ich auch tatsächlich nur ein Tool zum Verschicken, aber die Bezahl-Option ist nach dem Geschäftsmodell von Steady zwingend vorgesehen und deshalb habe ich auch ein Supportermodell (Öffnet in neuem Fenster)! Damals war ich gerade in der Endphase meines neuen Buches (Öffnet in neuem Fenster) und habe die verschiedenen Optionen Victoria, Lucy und Emma genannt.

Die meisten anderen Steady-User bieten ihren Subscriber*innen etwas an zur Belohnung, und deshalb habe ich auch überlegt, welche Goodies ich zu bieten hätte. Und mir kam die Idee, dass ich Artikel auf Bestellung schreiben könnte. Und nun (naja, schon eine Weile her, sorry) ist es tatsächlich passiert: Subscriber Alex hat gefragt, ob ich einen Blogpost über den Teufel schreiben könnte!

Liebe Antje, falls es dir irgendwann in den Fingern juckt, einen kleinen Blogpost zu verfassen über den Teufel, oder Lilith, oder vielleicht der Ästhetik des 'Dunklen, Verborgenen, Geheimen' als 'feminines', verteufeltes Pendant zum oft gelobten Licht, den Offensichtlichen und der Wahrheit, würde ich mich im Rahmen meines Lucy-Abos sehr darüber freuen. :)

Ja, interessantes Thema. Beziehungsweise stecken eigentlich in der Frage mehrere Themen drin: Einmal die Gleichsetzung von “Bösem” mit “Weiblichkeit” in der patriarchalen Tradition. Also zum Beispiel bei Adam, Eva und Lilith. Schon Eva ist ja eine Böse, weil sie dem armen Adam die Frucht vom Baum der Erkenntnis hingehalten hat - der Erkenntnis von Gut und Böse!

Dann ist da aber auch noch Lilith, die laut mancher jüdischer Tradition die erste Frau ist, die Gott geschaffen hat (die ersten Bücher des christlicherseits so genannten “Alten Testaments” sind ja die jüdische Tora). Lilith hatte allerdings ihren eigenen Willen, was Adam gar nicht gefiel. Weil er sich entsprechend als Zampano aufführte, verließ Lilith den Garten Eden, und man erklärte sie zur Bösen. Als Ersatz kam dann der zweite Versuch, eine Frau zu erschaffen: die brave Eva. (Einen guten Einstieg in die Lilith-Thematik gibt es auf der Seite des Jüdischen Museums Frankfurt (Öffnet in neuem Fenster)).

Die Geschichte von Lilith ist natürlich interessant. Einmal zeigt sie, dass schon in der Antike die Erzählung von der Rippe und dem aus dem Mann abgeleiteten Frausein viele Leute offenbar nicht so richtig überzeugte, weshalb sie eine Vorgeschichte erfunden haben, um das plausibel zu machen. Zum anderen zeigen Lilith und Eva ein Dilemma auf, vor dem Frauen in patriarchaler Logik bis heute stehen, nämlich dass sie nur die Wahl haben, entweder böse oder brav zu sein (in Wahrheit wollen wir natürlich, wie andere Menschen auch, sowohl gut als auch bei Bedarf ungehorsam sein).

Das zweite Thema ist, wenn wir das patriarchale Outsourcen des Bösen an das Weibliche mal beiseite lassen, tatsächlich die Frage nach Gut und Böse. Wenn der Schöpfungsbericht Recht hat, dann besitzen wir Menschen die Erkenntnis von Gut und Böse. Aus diesem Grund können wir nicht mehr im Paradies leben - Wissen bedeutet Verantwortung, accountability, aka Mühsal und Probleme.

Aber sind das denn überhaupt sinnvolle Kategorien, Gut und Böse? In der liberalen, linken, sozialdemokratischen Kultur, in der ich aufgewachsen bin, war das Böse nicht wirklich ein Thema. Irgendwie ging man eher davon aus, dass alles, was uns als böse erscheint, letztlich auf äußere Faktoren zurückgeführt werden kann: eine schwierige Kindheit, traumatische Erlebnisse, ungerechte Verhältnisse, etwas dergleichen. Begriffe wie „Hölle“, „Teufel“ und „das Böse“ schienen auch mir lange nicht zeitgemäß. Ich dachte: Niemand ist inhärent böse.

Meiner Erinnerung nach ist die Debatte nach den Terroranschlägen vom 11. September 2001 umgeschlagen, und das Böse kam wieder in den Diskurs hinein. Der damalige US-Präsident George W. Bush rief den “Kampf gegen die Achse des Bösen” aus. Seither werden gegnerische Positionen, Terroranschläge oder Kriege, aber auch Konflikte zwischen Bevölkerungsgruppen und Religionen gerne mal wieder metaphysisch aufgeladen: Politische Feinde sind nicht einfach nur Gegner, sondern böse. Denkt nur an die Rhetorik nach dem Mord an dem ultrarechten Aktivisten Charlie Kirk: Wer hier versuchte, etwas zu relativieren, stand sofort im Verdacht, echt böse zu sein.

Die Gleichsetzung des Anderen mit dem Bösen ist eine große Versuchung, und deshalb ist die Leichtigkeit, mit der heute politische Gegner*innen moralisch verdammt werden, ein echtes Problem. Könnten wir besser mit kulturellen Differenzen umgehen und würden Unterschiede und Konflikte nicht gleich als Ausdruck des Kampfes des Guten gegen das Böse interpretieren, sondern als Ausdruck von menschlicher Pluralität verstehen, wäre das sicher eine Verbesserung: Das Fremde, das Andere, ist nichts, was unsere Identität bedroht, sondern eine Ressource für Auseinandersetzung, Lernen und Veränderung.

Aber heißt das, wir bilden uns den Teufel nur ein? Ich denke inzwischen, dass das nicht der Fall ist. Die Philosophin Diana Sartori schrieb dazu mal ein wenig sarkastisch: „Sie scheint wirklich eine große gute Mamma zu sein, dieser Dämon, der uns einflüstert, wir sollten immer an das Gute glauben. Das bedeutet aber nur, auf den größten Trick des Teufels hereinzufallen, nämlich den, uns glauben zu machen, dass er gar nicht existiert.“

Tatsächlich glaube ich nicht, dass alles immer nur eine Frage des Standpunktes und der Perspektive ist. Dass das, was mir böse erscheint, in Wirklichkeit immer einfach nur anders ist. Es gibt Ereignisse, die haben - zusätzlich zu politischen Aspekten, die immer dabei sind - noch einen weiteren Aspekt, den ich “böse” nennen würde. Das Massaker der Hamas am 7. Oktober 2023 in Israel würde ich zum Beispiel so einordnen: Das war doch nicht einfach eine normale Widerstandsaktion gegen eine Besatzungsmacht (obwohl es das sicher auch war), sondern diese Aktion hatte eine zusätzliche Qualität, etwas, das über eine “normale” politische Auseinandersetzung hinausgeht.

Das ist nur ein Beispiel von vielen. Das Böse war, denke ich, auch bei dem Verbrechen an Gisèle Pelicot mit im Spiel, die von ihrem Mann betäubt wurde, damit andere Männer sie vergewaltigen können. Auch das ist nicht einfach “normale” häusliche Gewalt, die aus kulturellen Gepflogenheit herrührt, sondern ein anderes Niveau. Das stupide-rassistische “Stadtbild”-Bonmot von Friedrich Merz und der Art und Weise, wie er es anschließend verteidigte, hat meiner Ansicht nach auch etwas “Böses” an sich. Das Böse ist nicht extraordinär, nicht monströs, es ist, wie Hannah Arendt richtig beobachte, oft ganz einfach banal. Das ist wichtig: Es geht nicht um Quantität, sondern um Qualität.

Zumindest würde ich diese These gerne mal diskutieren - dass es Situationen gibt, die nicht nur “normal schlimm” sind, sondern eine andere, zusätzliche Qualität haben, die sie nicht haben müssten. Und was das für das Handeln bedeutet. Ich glaube zum Beispiel, dass das “Böse” sich auch daran erkennen lässt, dass es “ansteckend” ist. Es vergiftet Situationen, und es verbreitet sich, wenn man sich nicht aktiv davor schützt.

Und ja, wir sind hier auf schlüpfigem Grund und müssen aufpassen, dass wir nicht einfach alles, was uns irgendwie nicht gefällt oder unseren Interessen entgegensteht, als Böse qualifizieren. Aber ich denke, um zu verstehen, was in der Welt geschieht, ist es sinnvoll, eine solche Kategorie zu haben, oder, noch besser: eine Figur wie den Teufel. Der Teufel steht für eine Entität, die das Böse in die Welt hinein bringt. Es so zu sehen ist eine Alternative zu dem Relativismus von “Es gibt nichts Böses, sondern alles lässt sich erklären” auf der einen Seite und der pauschalen Verteufelung von Ideen oder Personen auf der anderen.

Die Figur des Teufels klingt irgendwie nach Mittelalter. Aber ich finde, sie hilft uns, über etwas zu sprechen, für das wir sonst keine richtigen Worte haben: Eigentlich gehört das Böse nicht auf die Welt, es ist kein Teil davon. Wir Menschen sind nicht “von Natur aus böse” zum Beispiel. Aber wenn wir unvorsichtig, eitel, egoistisch, habgierig oder von Hetzkampagnen vernebelt sind, dann können wir vom Teufel verführt werden. Und dann lassen wir das Böse in die Welt. Wir werden zu seinem Werkzeug. Es so zu denken, erlaubt uns, Situationen mit dieser besonderen “Qualität des Bösen” klar zu benennen und ihnen entsprechend zu begegnen, ohne sie uns entweder schön zu reden, oder alle daran Beteiligten in Bausch und Bogen zu verdammen. Wir lassen eine Tür offen, durch die sie und wir da wieder herauskommen.

Wie seht ihr das? Gibt es das Böse? Oder ist letzten Endes alles relativ und diese Kategorien gehören auf den Müllhaufen der Geschichte? Welche Argumente für die eine oder die andere Variante sind euch am Wichtigsten?

Ich grüße euch, und ganz besonders Alex!

Antje

PS: Ganz unten gibt’s wieder Buchgeschenke!

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https://www.youtube.com/watch?v=sindsSkVCYw (Öffnet in neuem Fenster)

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Carol Hay: Feministisch denken: (Öffnet in neuem Fenster) Kurzrezension

Links

“Wie wenn das Licht angeht” - Zum Denken von Luisa Muraro (Öffnet in neuem Fenster) - Wenn ihr hier schon länger lest, wisst Ihr, dass ich ein Fan der italienischen Philosophin Luisa Muraro bin. Im September gab es in Mailand eine Tagung zur Würdigung ihres Denkens, und Andrea Günter hat ausführlich darüber berichtet.

Antjelas ein Buch

Neu auf meinem Youtube-Kanal:

Daniel Marwecki: Die Welt nach dem Westen. (Öffnet in neuem Fenster) - Interessante Lektüre “Über die Neuordnung der Macht im 21. Jahrhundert”. Allerdings fehlt was.

Nino Haratischwili: Europa, wach auf! (Öffnet in neuem Fenster) - Texte und Reden der deutsch-georgischen Schriftstellerin aus den vergangenen Jahren, ein bisschen sehr lose zusammengefasst unter einer etwas reißerischen Überschrift - aber Tipp für Fans!

Franziska Dübgen, Stefan Skupien (Hg): Afrikanische politische Philosophie (Öffnet in neuem Fenster) - Postkoloniale Positionen.

Caroline Wahl: Die Assistentin (Roman). (Öffnet in neuem Fenster)Oder: Warum narzistische Arschlöcher so oft damit durchkommen. Ich hab zur Abwechslung auch mal gelesen, was alle lesen.

Termine

Sonntag, 23. November 2025 | DARMSTADT
Luise Büchner Preis für Publizistik
Preisverleihung der Luise Büchner Gesellschaft, Orangerie Darmstadt, 11 Uhr (Laudatio: Dorothee Markert) (mehr). (Öffnet in neuem Fenster) Ich freue mich über alle, die kommen und mit mir feiern!

Buchgeschenke

Manchmal habe ich Bücher doppelt, zum Beispiel als Print und als E-Book, oder ich habe eins versehentlich zweimal gekauft (schusselig wie ich bin), oder ich habe das Buch zwar gelesen, will es aber nicht behalten, oder ich sortiere mein Bücherregal aus …

… deshalb frage ich hier im Newsletter nach, ob jemand ein Buch geschenkt haben will.

Diesmal gibts:

Jacinta Nandi: Single Mom Supper Club
Felix Klopotek: Räte-Kommunismus
Caroline Wahl: Die Assistentin
Elisabeth Badinter: Die Wiederentdeckung der Gleichheit

Bei Interesse bitte einfach per Mail mit dem Betreff Bücherverlosung Newsletter“ Adresse schreiben, first come first serve. Wer mag, kann mir anschließend die Portokosten per paypal an post@antjeschrupp.de (Öffnet in neuem Fenster) ersetzen, aber muss nicht. (Wirklich nicht).

Und weiterhin könnt Ihr für 20 Euro mein neues Buch mit Widmung bei mir bekommen! (Öffnet in neuem Fenster)

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