Am vergangenen Freitag konnten wir erneut den Jahrestag unserer Aktion 95 Thesen gegen das Wissenschaftszeitvertragsgesetz (Öffnet in neuem Fenster) (kurz: #95vsWissZeitVG) feiern — es war bereits der fünfte. Kaum zu glauben, dass Kristin Eichhorn, Sebastian Kubon und ich gemeinsam mit einer engagierten, solidarischen Community schon so lange dafür kämpfen, Arbeitsbedingungen in der deutschen Wissenschaft fair zu gestalten! Viel hat sich seit dem 31. Oktober 2020 getan, aber ein neues WissZeitVG haben wir immer noch nicht: Die Reform war schon auf der Zielgeraden, als sich die Ampelregierung zerlegte, ist im Koalitionsvertrag der aktuellen Bundesregierung aber für Mitte 2026 versprochen. Seit dem Beginn von #95vsWissZeitVG haben sich die wissenschaftspolitischen Diskussionen grundlegend verändert: Wir haben schon oft darauf hingewiesen, dass die inzwischen erreichte Einigkeit über den Reformbedarf des deutschen Wissenschaftssystems, angefangen beim WissZeitVG, aber auch weit darüber hinaus, 2020 noch in weiter Ferne lag. Auch wenn die Argumente zur Verteidigung des Status quo seltener geworden sind, gibt es welche, die in den letzten Jahren als Dauerbrenner der Debatte immer wieder aufgetaucht sind — wobei ihre Vertreter_innen inzwischen eine überschaubare Zahl angenommen haben. Gleichwohl werden wir weiterhin regelmäßig nach diesen Argumenten gefragt. Wir haben darauf gefühlt schon 50.000 Mal reagiert, und wenn ich sage, dass es ermüdend ist, sie immer wieder zurückzuweisen, obwohl wir und andere das bereits in zig Texten, Interviews, Vorträgen und Podiumsdiskussionen getan haben (wobei sehr viele davon sich rasch im Internet zum Nachlesen bzw. Anhören finden), dann wäre das eine ganz leichte Untertreibung.
Mir macht die wissenschaftspolitische Arbeit viel Spaß, insbesondere dank meiner Mitstreiter_innen, aber ich täte argumentativ auch gern mal wieder etwas anderes, als Leuten zu erklären, warum es keinesfalls unfair für zukünftige Generationen ist, wenn man heutigen Generationen unbefristete Stellen gibt usw. Um das nicht immer und immer und immer wieder aufs Neue erläutern zu müssen, werde ich daher die heutigen Newsletter-Ausgabe den typischen Argumenten widmen, die für das aktuelle Befristungsregime ins Feld geführt werden und darlegen, warum sie nicht überzeugen können — damit, wer immer dazu aufgefordert wird, zu diesen Argumenten Stellung zu nehmen, auf Wunsch darauf verweisen kann.
„… damit […] nicht eine Generation alle Stellen verstopft“: Falsch verstandene Generationengerechtigkeit
Es ist der unrühmliche Dauerbrenner der #IchBinHanna-Debatte und war seinerzeit auch ein zentraler Grund für den Aufschrei der befristet Beschäftigten in Anbetracht des unsäglichen #IchBinHanna-Videos vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (ja, man vergisst es schnell, dass da nicht immer was mit Raumfahrt war): das Verstopfungsargument. In aller Kürze lautet es wie folgt: Stellen in der Wissenschaft müssen befristet sein, denn wären sie unbefristet, könnten ja zukünftige Generationen nicht in den Genuss kommen, Wissenschaft als Beruf auszuüben. Was ist dran an diesem Argument, das den gegenwärtigen Durchlauferhitzer-Charakter des deutschen Wissenschaftssystems mit einem Verweis auf Gerechtigkeit zu begründen sucht? Nun: Die Idee „Jede_r soll einmal die Chance haben, sich 12 Jahre in prekärer Beschäftigung von einem Kettenvertrag zum nächsten zu hangeln, um anschließend höchstwahrscheinlich im Alter von Mitte 40 zur beruflichen Neuorientierung gezwungen zu werden“ beinhaltet eine doch recht sonderbare Vorstellung von Generationengerechtigkeit. Die dahinterstehende Prämisse ließe sich verkürzt so auf den Punkt bringen: „allen soll es gleich schlecht gehen“. Dass das als zentrale Grundlage wissenschaftlicher Personalpolitik nicht sonderlich überzeugend ist, dürfte eigentlich unmittelbar einleuchten.
Damit überhaupt von Gerechtigkeit die Rede sein kann, müssten die Stellen, die zukünftigen (und jetzigen) Generationen offenstehen sollen, sich durch faire Arbeitsbedingungen auszeichnen. Dazu zählt, dass Stellen während der Promotion eine Laufzeit haben, die die gesamte Promotionsdauer abdeckt, und nach der Promotion das unbefristete Arbeitsverhältnis zur Regel wird, wie es inzwischen neben vielen weiteren Beteiligten der Debatten auch der Wissenschaftsrat (Öffnet in neuem Fenster) als unabhängig agierendes Beratungsgremium fordert.
Aber wenn Postdocs regelhaft entfristet sind, gehen dann nicht die zukünftigen Promovierenden leer aus? Nein. Denn niemand fordert, instantan alle Postdoc-Stellen zu entfristen. Es geht lediglich darum, das Missverhältnis von unbefristeten zu befristeten Stellen endlich auszugleichen. Dieses Missverhältnis kommt (anders als mit einem weiteren Dauerbrenner-Argument in der Debatte fälschlich behauptet wird) mitnichten dadurch zustande, dass die Promovierenden in die Statistik eingerechnet werden: Laut BuWiK 2025 (Öffnet in neuem Fenster) waren in Deutschland im Jahr 2022 Promovierte (!) unter 40 Jahren zu unglaublichen 90% befristet beschäftigt; bei den Promovierten von 40 bis unter 45 Jahren waren es 62%. Dazu muss man wissen, dass ab 40 der durch die Höchstbefristungsdauer des WissZeitVG erzwungene Ausstieg aus dem Wissenschaftssystem wahrscheinlicher wird: Gehen wir davon aus, dass Menschen mit 32 promoviert sind und dann noch sechs Jahre beschäftigt sein können (ohne Verlängerungen durch Kinderbetreuungszeiten und Drittmittelbefristung in Anspruch zu nehmen), dann ist fraglich, wer ab 40 überhaupt noch im System unterwegs sein kann — insofern dürfte der etwas geringere Anteil der Befristung in dieser Phase auch damit zusammenhängen, dass man entweder eine der raren Dauerstellen ergattert oder eben rausfliegt, wenn man nicht noch weitere prekäre Konstellationen wie Professurvertretungen, Stipendien o.ä. in Anspruch nimmt (oder nehmen kann).
Von diesem eklatanten Missverhältnis zwischen unbefristeten und befristeten Stellen einmal abgesehen fordert im Übrigen auch niemand, Ingenieur_innen in der freien Wirtschaft, Rechtsanwält_innen, Ärzt_innen oder Mitglieder sonstiger Berufsgruppen zu befristen, damit auch zukünftige Generationen eine Chance haben, die entsprechenden Berufe zu ergreifen. Sobald es in der Wissenschaft (wie in den genannten Branchen) mehr unbefristete Stellen gibt, werden sich Leute auch von einer unbefristeten auf eine andere unbefristete Stelle bewerben — solange die Ausgestaltung der unbefristeten Stellen es erlaubt, auch auf Professuren. Zack, wird die unbefristete Stelle, die diese Leute soeben noch bekleidet haben, frei für nachrückende Wissenschaftler_innen! Dieses Prinzip funktioniert in anderen Bereichen problemlos, es kann auch in der Wissenschaft funktionieren — man muss es nur umsetzen, und zwar, bevor der Fachkräftemangel weiter voranschreitet und noch mehr potentielle Bewerber_innen dem Wissenschaftssystem endgültig den Rücken kehren.
Qualifikation forever: der ewige Nachwuchs
Wissenschaftler_innen müssen befristet werden, weil sie sich noch qualifizieren — auch dieses Argument kommt immer wieder. Nur: Stimmt das überhaupt? Die Promotion mag man in der Tat noch als Qualifikation bezeichnen (wobei sich in Zeiten, in denen Menschen bereits mit Bachelorabschlüssen ins Berufsleben einsteigen, bereits hier die Frage stellt, ob eine Promotion bereits eine Überqualifikation darstellt). Es gibt sicherlich Branchen auch außerhalb der Wissenschaft, in denen Promovierte aufgrund dieser Qualifikation gute Berufschancen haben. Da man nach jetzigem Stand davon ausgehen muss, dass die meisten Promovierten nicht in der deutschen Wissenschaft verbleiben, sondern früher oder später aussteigen (müssen), ist der Blick auf andere Branchen unabdingbar. Und das gilt auch für Postdocs, die in einigen Fächern nach wie vor dazu gedrängt werden, sich zu habilitieren. Die Postdoc-Phase gilt ebenfalls noch als Qualifikation — warum? Nun, irgendeinen (vorgeschobenen) Grund muss man ja haben, Leute in ihren 30ern und 40ern, die oft bereits ein Jahrzehnt Berufserfahrung in der Tasche haben, noch wie Azubis zu behandeln und mit befristeten Verträgen abzuspeisen. Denn in der Sache ist es keineswegs begründet, die Habilitation und Vergleichbares als Qualifikation zu bezeichnen: All das ‚qualifiziert‘ nur für einen einzigen Beruf, nämlich die Professur. Für alle anderen Berufe ist dieser ‚Qualifikationsschritt‘ nutzlos, ja, teils sogar hinderlich: Habilitierte gelten in vielen Bereichen außerhalb der Wissenschaft erst recht als überqualifiziert, weshalb habilitierte Kolleg_innen berichten, bei Bewerbungen in anderen Branchen sogar zu verschweigen, dass sie über eine abgeschlossene Habilitation verfügen. Und hier außerdem noch ein ‚not so fun fact‘: Habilitierte werden selbst im Wissenschaftssystem nicht selten für diesen Schritt bestraft, wenn Lebenszeitprofessuren über Juniorprofessuren mit Tenure Track vergeben werden. Denn hier sind Habilitierte überqualifiziert und formal nicht mehr geeignet. (Überhaupt werden Habilitierte im deutschen Wissenschaftssystem miserabel behandelt — wer mehr dazu lesen möchte, sollte sich unbedingt die wichtige Initiative PD Prekär ansehen (Öffnet in neuem Fenster).)
Milchmädchenrechnung, Wissenschaftsedition: Immer bei Null anfangen als Sparmaßnahme
Aber ist es nicht viel teurer, die Leute zu entfristen, weil sie dann die ÖD-Stufen hochklettern und immer mehr kosten, wenn man sie nicht jedes Mal wieder durch neue Leute austauscht? Nun, Leute, die langfristig im Öffentlichen Dienst arbeiten, mögen in der Tat mehr kosten als solche, die dort erst ganz frisch beschäftigt sind. Aber was man hier einspart, gibt man an anderer Stelle um ein Vielfaches wieder aus — nur, dass diese Kosten versteckter sind als die, die später auf den Gehaltslisten stehen. Denn es müssen sich immer wieder neue Leute in die Strukturen vor Ort einarbeiten, sie müssen Prüfungsordnungen und Modulhandbücher wälzen und verstehen, interne Abläufe erlernen usw.
Man stelle sich vor, Unternehmen würden Mitarbeitende erst aufwändige Prozesse durchlaufen lassen, in denen sie sie mit den hiesigen Bedingungen und Gepflogenheiten vertraut machen, um die Mitarbeitenden dann, wenn sie sich alles Relevante angeeignet haben, vor die Tür zu setzen und das Ganze mit neuen Mitarbeitenden von vorne zu beginnen. Klingt furchtbar ineffizient? Ist es auch. Insofern ist die aktuelle Befristungspraxis auch eine äußerst fragliche Investition öffentlicher Gelder.
Innovation durch Fluktuation: Ohne neue Leute keine neuen Ideen?
Diese immer mal wiederkehrende Quatsch-These hat nach unserer Kenntnis bis heute niemand empirisch belegen können. Sebastian Kubon hat schon 2021 ausführlich darüber geschrieben (Öffnet in neuem Fenster), daher hier nur so viel dazu: Es bleibt das Geheimnis der Fluktuationsapologet_innen, warum wissenschaftliche Beschäftigte ohne Professur nach 12 Jahren ideenlos werden, Professor_innen aber nach der Berufung nur so sprudeln vor neuen Ideen.
Wer möchte, dass die Wissenschaft neue Impulse erhält, sollte sich lieber darum sorgen, wie sich Zukunftsängste, Existenzsorgen, Dauerstress und großer Druck sowie ein bunter Strauß voller Fehlanreize (publish or perish, Drittmittelwahn usw.) auf den kreativen Output von Wissenschaftler_innen auswirken. Dass Menschen über ein begrenzt gefülltes Ideenreservoir verfügen, das irgendwann leer ist, wenn nicht der Ruf auf die Lebenszeitprofessur erfolgt, der es zauberhafterweise stets aufs Neue füllt, erscheint nicht erst bei näherem Hinsehen als hanebüchener Unsinn.

Meine Wünsche für die nächsten fünf Jahre
Ganz ehrlich: So viel Spaß es auch macht, mit tollen Menschen für die gute Sache zu arbeiten — ich wäre nicht traurig darum, wenn dabei die oben genannten Argumente endlich zu den verstaubten Akten gelegt werden könnten, zu denen auch das überkommene WissZeitVG gehört, mit dem wir uns immer noch herumschlagen. Statt ein ums andere Mal darüber zu diskutieren, warum diese Argumente alles andere als überzeugend sind, würde ich lieber darüber sprechen, wie ein zukunftsfähiges, faires deutsches Wissenschaftssystem im Einzelnen gestaltet werden sollte. Ein wichtiger Baustein dafür ist die WissZeitVG-Reform, und wir werden die Bundesregierung gern weiter daran erinnern, dass sie sie für 2026 versprochen hat. Wie neulich im Research.Table nachzulesen war (Öffnet in neuem Fenster), haben weder wir noch andere sogenannte Stakeholder wie die HRK bislang eine Einladung erhalten, bei der Reform mitzuwirken. Auch von einer Verbändeanhörung zu einem etwaigen Referentenentwurf ist bislang nichts in Sicht. Daher möchte ich anlässlich der Feierlichkeiten zu fünf Jahren #95vsWissZeitVG noch einmal bekräftigen, was wir im Research.Table gesagt haben:
„Sollte die Koalition die Reform ohne große Öffentlichkeit durchbringen wollen, müsse sie nachträglich mit Kritik rechnen — und noch mehr Missstimmung unter jetzigen und potenziellen Beschäftigten.“