
Drei Frauen auf Spitzenpositionen der deutschen Sportpolitik beginnen ihre Arbeit, während Finalspiele im Männerfußball in dieser Woche mal wieder den Blick aufs Geld richten.
Die Bundesrepublik Deutschland hat wieder eine Regierung! Nach etwa einem halben Jahr des Stillstands geht es fortan mit der schwarz-roten Koalition unter Führung des Bundeskanzlers Friedrich Merz aber mal so richtig nach vorne – unerträglicher Miesepeter und Pessimist, wer nicht daran glaubt, beim ersten Wahlgang des Bundeskanzlers haben nur einige Abweichler (aus Versehen?) das Kreuz woanders gesetzt.
Nach diesen holprigen ersten Tagen der Regierung liegt die zweite Sitzungswoche hinter uns, der parlamentarische Betrieb läuft auf Hochtouren und für dieses Land ist der Politikwechsel nun eingeleitet. In Anbetracht der Weltlage dürfen wir gespannt sein.
Geschlechterparität in der Bundespolitik
Die letzten offenen Positionen sind besetzt, die Ausschüsse haben sich zusammengefunden, ihre Vorsitzenden gewählt und dabei auf die Wahl von Abgeordneten der AfD verzichtet. Herzlichen Glückwunsch zu diesem demokratischen Meisterwerk der Union, deren Fraktionschef Jens Spahn vor nicht allzu langer Zeit noch geplant hatte, mit der rechtsextremen AfD “wie mit anderen Oppositionsparteien” umgehen zu wollen, weil eben “Millionen Deutsche die AfD gewählt” hätten. Doch das ist ein anderes Thema.
Merz hat ein Team aufgestellt, das bei genauerem Hinsehen jenseits des Kabinetts vorrangig aus Männern besteht. Aber sei’s drum, in schweren Zeiten wie diesen kann doch ein Außen-Kanzler wie Friedrich Merz nicht den Frauen auch noch den Gefallen (Öffnet in neuem Fenster) tun, die gläserne Decke zu durchdringen, das wäre ja auch ein bisschen zu viel verlangt. Wenn also die wichtigsten Figuren seines Kabinetts am Tisch der Union oder des Koalitionsausschusses sitzen, dann sind sie bis auf eine Ausnahme von der SPD (erst Saskia Esken, bald wohl Bärbel Bas) männlich. Und: Im Bundestag sind weniger als ein Drittel der Abgeordneten weiblich. Von Geschlechterparität kann also nicht die Rede sein.
“Und wie viele Frauen?”
Dass die Hälfte der in Deutschland geleisteten Arbeit auf den Bereich Care-Arbeit entfällt und vorrangig von Frauen erledigt wird – geschenkt. Dass Frauen in Deutschland 18 Prozent weniger als Männer verdienen – kann man nix machen. Dass CDU-Granden wie Friedrich Merz und Volker Bouffier zuletzt Vier-Tage-Woche und Home Office kritisiert hatten –das darf man doch Männern über und knapp unter der 70 Lebensjahre doch mal zugestehen.
Es erstaunt dann doch irgendwie, dass öffentliche Debatten darüber kaum wahrnehmbar sind, vielleicht habe ich diese auch einfach verpasst. Auf Twitter/X gibt es einen Account, der auf diese Ungleichheit aufmerksam macht. Mit dem Namen “Und wie viele Frauen?” retweetet der Account Gruppenfotos von Panels, Podiumsdiskussionen etc. und zählt auf, wie viele der darauf abgebildeten Personen männlich oder weiblich sind. Überraschung: Das Ergebnis fällt immer deutlich aus, es sind meistens sogar deutlich mehr Männer. Die Sensibilisierung durch einen solchen Account mag helfen, die tatsächliche Wirkung ist nach wie vor fraglich.
Aus sportpolitischer Sicht stimmt das jedoch nicht ganz: Es gibt sie nämlich doch, Frauen auf Führungspositionen in der deutschen Politik. Bekanntermaßen ist Christiane Schenderlein (CDU) neue Staatsministerin im Kanzleramt für Sport und Ehrenamt. Aydan Özoğuz (SPD) ist in dieser Woche zur Vorsitzenden des Sportausschusses gewählt geworden. Die Juristin Babette Kibele ist die neue Abteilungsleiterin der Abteilung Sport und Ehrenamt, angesiedelt im Bundeskanzleramt. Unter ihr sind ca. 60 Mitarbeitende für diesen Bereich vorgesehen.
Das Olympia-Getöse wird nicht weniger
Eine Verbindung zum Sport konnte bei keiner dieser Frauen bis dato nachgewiesen werden, aber geben wir ihnen für den Moment doch einen benefit of a doubt1. Die ketzerische Frage, ob ihr Amtsantritt ein Feigenblatt für Diskussionen rund um Geschlechterparität ist, darf erlaubt sein.
Der organisierte Sport hatte vertreten durch die Lobbyorganisation DOSB erreicht, dass der Posten von Schenderlein geschaffen wurde. In seiner Antrittsrede als neuer Bundeskanzler hatte Friedrich Merz sportpolitische Themen allerdings nicht angesprochen, die große Erzählung von den olympischen Spielen in Deutschland hatte er seiner Staatsministerin überlassen.
Im Wahlkampf hatte sich Merz mit vollem Elan in populistische Aussagen zu den Bundesjugendspielen und Kinderfußball gestürzt, seitdem blieb es merklich ruhig. Das Thema Olympia überließ er Schenderlein, die in ihrer Antrittsrede von einem “großem Ziel” und einer “wirklichen Zukunftsaufgabe, nicht nur für den Sport” gesprochen hatte. Und zudem sei es ein “gesellschaftlicher Auftrag”, der die “Modernisierung unseres Landes” unterstütze.
NRW, München, Hamburg: Sie wollen’s wissen
Auch der bayrische Regent und CSU-Chef Markus Söder stieg auf den fahrenden Zug auf und versicherte in dieser Woche nach einer Kabinettssitzung in München, dass die bayrische Staatsregierung eine Olympia-Bewerbung der Landeshauptstadt unterstütze. Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD; ja, diese Partei existiert auch in Bayern) sprach von ca. sechs bis sieben Millionen Euro, die allein auf die Kosten für eine Bewerbung entfielen.
“Ich hätte gerne mehr positive Vibes in der Stadt”, ergänzte Reiter betrübt, verkündete aber auch, dass die Münchner*innen am 26. Oktober in einem Bürgerentscheid darüber entscheiden sollen, ob sich München für die Ausrichtung in 2036, 2040 oder 2044 bewerben soll. Durch einen Bürgerentscheid 2013 waren unsere bajuwarischen Freunde schon daran gescheitert, wenigstens die Winterspiele in Bayern stattfinden zu lassen.
Wie dem auch sei: Die Bilder aus dem Olympia-Sommer 2024 in Paris haben die politisch Verantwortlichen offenbar so angefixt, dass sich auch Nordrhein-Westfalen mit der Rhein-Ruhr-Region bewerben will – das verdeutlichte Ministerpräsident Hendrik Wüst (CDU) nach einem Kabinettsbeschluss, ebenfalls in dieser Woche. Auch Hamburgs Erster Bürgermeister Peter Tschentscher kündigte eine Volksabstimmung an. Die Hamburger Bevölkerung erteilten einer Olympia-Bewerbung 2013 schonmal ihre Absage.
Viele schwere Aufgaben für die Abteilung Sport im Kanzleramt
Bis Ende Mai sollen alle ambitionierten Städte und Regionen ihre Unterlagen beim DOSB abgeben, dann schauen wir mal. Der DOSB selbst will im Herbst 2026 darüber abstimmen lassen, welche Region sich für wann auch immer bewerben soll. Was das IOC und seine neue Präsidenten Kirsty Coventry darüber denken, weiß niemand. Und dass Länder aus anderen Regionen der Welt auch Bock auf Olympia haben, ist auch klar. Und vielleicht wird es auch so sein, dass eine deutsche Bewerbung, egal, woher sie kommt, beim IOC krachend scheitert.
Vielleicht, und da wiederhole ich mich wohl, sollte der Fokus der deutschen Sportpolitik jenseits der Spitzensportförderung und anderen Großprojekten auf einer ganz simplen Annahme beruhen: Ohne das Ehrenamt ist der deutsche Sport nichts. Das scheint die Bundesregierung zumindest insofern anzuerkennen, als dass Christiane Schenderlein fortan Sport UND Ehrenamt in ihrem Haus verantwortet – der jüngste Sportentwicklungsbericht offenbart die Problemlage.
Jeder sechste der etwa 85.000 Sportvereine in Deutschland sieht sich in seiner Existenz bedroht, weil sie nicht in der Lage sind, der Nachfrage Herr zu werden. Trainer*innen und Ehrenamtliche fehlten, das weiß auch der DOSB mittlerweile. Das mag auch der Hauptgrund dafür gewesen sein, die Rolle des Sports durch die Schaffung von Schenderleins Posten aufzuwerten. Hier bietet der Koalitionsvertrag immerhin schon eine lösungsorientierte Idee: Das Ehrenamt im Sport soll attraktiver, Vereine sollen von Bürokratie entlastet und engagierte Personen besser bezahlt werden. Auf die Ergebnisse warte ich gespannt.
Christiane Schenderlein, Aydan Özoğuz und Babette Kibele – die Frauen, die die wichtigsten sportpolitischen Positionen angetreten haben, dürften in dieser Legislaturperiode ausreichend beschäftigt sein. Aber trotzdem ist es absurd, dass auf der Arbeitsebene im Kanzleramt eine Gruppe damit zu tun haben wird, eine deutsche Olympia-Bewerbung auf die Beine zu stellen, deren Erfolgsaussichten gering sind, während ein paar Räume weiter andere Beschäftigte fieberhaft überlegen, wie sie mit einer Ehrenamts-Reform den Bedürfnissen von 28 Millionen Mitgliedern in deutschen Sportvereinen gerecht werden können.
Und das neben den ganzen anderen Herausforderungen wie der Reform der Spitzensportförderung und der Sanierung der Sportstätten.
Zu guter Letzt noch eine Randnotiz aus dem politischen Berlin: Der 59-jährige Fritz Güntzler (CDU) tritt als Kapitän des FC Bundestag die Nachfolge von Mahmut Özdemir (SPD) an. Das Team der Parlamentarier*innen trifft sich regelmäßig zum Kicken, aus Spaß an der Freude, fraktionsübergreifend in der angemessenen Lockerheit abseits von der Hektik politischen Alltag. Das sportliche Niveau spielt dabei weniger eine Rolle – das war jedoch auch bei einem prestigeträchtigen Spiel im Fußball-Business unter der Woche so.
Was Manchester United und die Tottenham Hotspurs am vergangenen Mittwochabend im Rahmen des Europa-League-Finales darboten, war für den neutralen Beobachter kein wirklicher Genuss. Der Tabellen-16. und Tabellen-17. der Premier League duellierten sich trotz der Tragweite des Spiels auf überschaubarem Niveau.
Immerhin konnte sich der Sieger aus London für die Champions League in der kommenden Saison qualifizieren und es ist auch nicht verboten, schlechten Fußball zu spielen. Wenn wir uns allerdings anschauen, wie viel Geld United und Tottenham in den letzten Jahren verbrannt haben, wie hoch ihr jährlicher Umsatz ist – es ist erstaunlich, dass beide sportlich so hinter ihren Erwartungen zurückgeblieben sind. Aber sie fallen eben einfach nicht so tief, die Fußballindustrie hat für die Reichen ein Auffangnetz gespannt.
Money makes you happy
Laut “Deloitte Money League” hatte United in der Saison 2023/2024 einen Umsatz von 770 Millionen Euro, lag damit auf Platz vier im Weltfußball. Tottenham setzte 615 Millionen Euro um, Platz neun. Im Fußball ist die Wechselwirkung zwischen Gehaltsniveau und sportlicher Leistung bekanntermaßen sehr stark, daher verwundert es sehr, dass beide Teams in der Liga und im Finale der EL so rumgegurkt haben. Aber das spielt keine Rolle, denn Tottenham freut sich jetzt über den Millionenbeitrag, den der Club durch die Qualifikation für die Königsklasse erhält.
Seit gestern Abend freut sich über ein Preisgeld auch der VfB Stuttgart, der das DFB-Pokalfinale gegen Drittligist Arminia Bielefeld gewann. Das Finale war zuvor als magisches Spiel zweier Traditionsvereine hochgejazzt worden, und es mag sogar berechtigt sein, dass viele Menschen Spaß daran hatten. Aber auch der VfB profitiert von externem Geld: Nach einer Ausgliederung im Jahr 2017 verkaufte das Fußballunternehmen etwa 20 Prozent seiner Anteile an Mercedes. Der Anteilsverkauf brachte etwa 40 Millionen Euro.
Der Erfolg stellte sich nach einem Abstieg, zwei Platzierungen im Mittelfeld der Tabelle und einer Relegation allerdings nicht sofort ein. Anfang 2024 folgte dann Porsche, der Anteilsverkauf brachte eine ähnlich hohe Summe. Die Stuttgarter hängen also seit einigen Jahren am Tropf der Automobilindustrie, zählen aber mittlerweile zu den eher reicheren Mitbewerben im deutschen Rattenrennen.
Und siehe da: Durch Platz zwei in der Saison 2023/2024 qualifizierten sich die Schwaben für die Champions League. Jetzt folgte der DFB-Pokal. Diese sportliche Erfolgsgeschichte könnte an sinnvoller Arbeit und gutem Personal liegen oder auch am Geld. Fest steht: Nahezu an jedem Spiel zum Saisonende darf der Blick auf die finanzielle Situation der Fußball-Unternehmen nicht fehlen2. Und damit schonmal viel Spaß für das Champions-League-Finale der Männer am kommenden Samstag.
Dasselbe gilt übrigens auch für den neuen Finanzminister und Vize-Kanzler Lars Klingbeil, der in der Vergangenheit auch nicht als Finanzexperte sonderlich aufgefallen war. Ob diese Besetzung auf dieser exponierten Position so klug war, wird sich zeigen, aber vielleicht nutzt Klingbeil sie zur Rampe zu einer möglichen Kanzlerkandidatur, wie es vor ihm schon andere SPD-Finanzminister getan hatten. ↩
Die Relegation zur ersten Liga zwischen Heidenheim und Elversberg bietet die Ausnahme. ↩