Bluesky-Briefing, 12. März 2026 (aktualisiert am 26.3.26)
„Jay ist der Grund, warum Bluesky existiert und dahin gekommen ist, wo es heute steht – vielen Dank“, schrieb der neue Interims-Chef von Bluesky, Toni Schneider, als er einen Bluesky-Tweet (Öffnet in neuem Fenster) seiner Vorgängerin Jay Graber repostete. Darin hatte sie ihren Rücktritt als Bluesky-Chefin sowie ihre Interims-Nachfolge bekannt gegeben und zugleich angekündigt, als Chief Innovation Officer (CIO) im Unternehmen zu bleiben. Damit beginne ein neues Kapitel für Bluesky (Öffnet in neuem Fenster).
Schneiders Lob ist nicht übertrieben: Sie hat erreicht, was viele für unmöglich hielten. Ohne Jay Graber würden Bluesky und die „ATmosphere“ nicht existieren.
https://bsky.app/profile/toni.bsky.team/post/3mgnmuxmrxs23 (Öffnet in neuem Fenster)Als 2020 Wallstreet-Investoren (Öffnet in neuem Fenster) versuchten den damaligen Twitter-CEO Jack Dorsey zum Rücktritt zu drängen, war Jay alarmiert: Eine feindliche Übernahme Twitters könnte auch das Aus für ein von ihr geleitetes Projekt mit dem Arbeitstitel „Bluesky“ bedeuten - den Auftrag, ein offenes und dezentrales Protokoll für Twitter zu entwickeln.
Jay Grabers Weitsicht
Darum verhandelte sie im Jahr 2021 Monate da (Öffnet in neuem Fenster)rüber, Bluesky zu einem von Twitter rechtlich und organisatorisch unabhängigen Public Benefit-Unternehmen zu machen. Graber setzte sich schließlich durch: Twitter verpflichtete sich vertraglich, Bluesky fünf Jahre lang zu finanzieren.
Twitter wurde Kunde, nicht Eigentümer von Bluesky und zahlte 13 Millionen Dollar für die Entwicklung des AT-Protokolls, im Gegenzug erhielt Jack Dorsey - der inzwischen von Parag Agrawal als Twitter-CEO abgelöst worden war - einen Sitz im Aufsichtsrat. Entgegen anderslautender Behauptungen hat Dorsey nie einen einzigen Cent eigenen Geldes in Bluesky investiert - die 13 Millionen Dollar kamen von Twitter. Stattdessen investierte Dorsey lieber in das soziale Netzwerk Nostr.
Er war auch nie Miteigentümer. Als Board-Mitglied standen Dorsey zwar sogenannte „Advisory Shares“ zu, doch er machte von dieser Option keinen Gebrauch (Öffnet in neuem Fenster). Es stellte sich schon bald heraus, dass Dorsey und Graber in wichtigen Fragen unterschiedliche Vorstellungen hatten. „Wir waren uns einig, das wir uns nicht einig sind“, erzählte Dorsey später.
Im Mai 2024 trat er aus dem Board von Bluesky zurück. Der Techjournalist Mike Masnick wurde Dorseys Nachfolger im Aufsichtsrat. Masnick hatte Dorsey mit seinem Papier „Protocols not Platforms“ (Öffnet in neuem Fenster) im Jahr 2019 überhaupt erst auf die Idee gebracht, ein unabhängiges Expertenteam mit der Entwicklung eines offenen und dezentralen Protokolls für Twitter zu beauftragen.
Board wird oft als „Vorstand“ ins Deutsche übersetzt, doch das stimmt nicht ganz. Das Board of Directors ist in US-Unternehmen eine Mischung aus Vorstand und Aufsichtsrat. Wobei es je nach Unternehmen unterschiedlich ist, ob die Board-Mitglieder ins Tagesgeschäft involviert sind. Bei Bluesky scheint das Board eher einem deutschen Aufsichtsrat zu ähneln: Außer Jay selbst hat keines der Board-Mitglieder eine Exekutiv-Funktion in der Firma.
Es erwies sich als sehr weitsichtig von Jay, dass sie darauf bestanden hatte, Bluesky zu einem von Twitter unabhängigen Unternehmen zu machen: Nachdem Elon Musk 2022 Twitter gekauft hatte, kündigte er prompt den Fünf-Jahres-Vertrag mit Bluesky. Jay musste nun einige sehr schwierige Entscheidungen treffen: Statt nur ein Protokoll zu entwickeln, entschied sie sich dafür einen eigenen Twitter-ähnlichen Microblogging-Dienst zu starten und so zu beweisen, dass das AT-Protokoll tatsächlich in der Praxis funktioniert.
Da die 13 Millionen Dollar Startkapital von Twitter nur begrenzte Zeit reichen würden, musste sie 2023 weitere Investor:innen davon überzeugen, dass ihr Vorhaben kein völlig aussichtsloses Unterfangen ist. Denn der Social Media-Markt ist stark monopolisiert, Netzwerk- und Einsperreffekte binden die Nutzer:innen an die bestehenden Plattformen. Doch Jay hat eine Vision, die soziale Medien völlig umkrempeln könnte: Die Nutzer:innen sollen ihre Daten selbst besitzen und damit jederzeit zu anderen Plattformen umziehen können.
Ein offenes Ökosystem würde viel mehr Wettbewerb, Innovation und Wachstum ermöglichen, als die bestehenden geschlossenen Plattformen, glaubt Jay. Es gelang ihr tatsächlich, nicht wenige Investor:innen davon zu überzeugen. Und das obwohl Bluesky ein Public Benefit Unternehmen ist: Das heißt, Anteilseigner:innen können das Unternehmen nicht verklagen, wenn es seine Mission über den Profit stellt.
https://bsky.app/profile/jay.bsky.team/post/3jsybyl3jmd2r (Öffnet in neuem Fenster)Wer ist Toni Schneider?
Zu den Investoren, die Jay Graber gewinnen konnte, gehörte unter anderem Automattic - die Firma hinter der Open Source-Blog-Software Wordpress. Und ein Risikokapital-Unternehmens namens True Ventures. Bei Ersterem war der neue Bluesky-Übergangs-Chef Toni Schneider viele Jahre CEO, bei letzterem Partner.
„Ich habe den größten Teil meiner Karriere damit verbracht, an offenen Plattformen zu arbeiten, von WordPress und Automattic über das Yahoo Developer Network bis hin zu offenen Marktplatzunternehmen wie Bandcamp, das wir bei True unterstützt haben“, schreibt Schneider in einem Blogbeitrag (Öffnet in neuem Fenster) zu seinem neuen Job als Bluesky-Chef. Offenheit sei nicht nur eine technische, sondern auch eine philosophische Wahl. „Entscheidungen darüber, wer das Netzwerk kontrolliert, wem die Daten gehören und wer profitiert, prägen wie sich das Internet entwickeln wird.“
Jay Graber und Rose Wang, die als COO das operative Geschäft von Bluesky leitet, habe er vor zwei Jahren kennen gelernt. Damals war er gerade als Interims-CEO zu Automattic zurückgekehrt, da der eigentliche CEO eine Auszeit nahm. Weil Automattic ein Wagniskapital-Geber von Bluesky ist, traf er sich mit Jay und Rose.
https://bsky.app/profile/rose.bsky.team/post/3mgnlluwntc2p (Öffnet in neuem Fenster)Er sei zunächst sehr skeptisch gegenüber der Idee dezentraler sozialer Medien gewesen, schreibt Schneider. Die Vision sei zwar schon immer überzeugend gewesen: Ein soziales Netzwerk, das nicht von einem einzigen Unternehmen kontrolliert wird, in dem die Nutzer ihre Identität und ihre Beziehungen selbst bestimmen und in dem jede:r auf dem Protokoll aufbauen kann. „Aber ich hatte schon genug vielversprechende dezentrale Projekte scheitern oder zerfallen sehen, so das ich nicht mehr daran glaubte, dass eines davon jemals groß werden würde.“
Bluesky habe das geändert. „Als ich von ihrer Vision hörte und vor allem mehr über die von ihnen entwickelte Architektur (das AT-Protokoll) erfuhr, wurde ich zum Anhänger. Dies war eine echte, skalierbare Grundlage für eine andere Art von Internet“, so Schneider. Er sei seitdem zu einem engen Berater für sie und Jay geworden, sagt Rose Wang.
Bluesky in Trumps Fadenkreuz
Bluesky steht gegenwärtig vor mehreren großen Herausforderungen. Politisch, rechtlich, technisch und ökonomisch. Nachdem nach der Wahl von Donald Trump zum US-Präsidenten und seiner Unterstützung durch den X-Eigentümer Elon Musk die Nutzerzahlen zunächst regelrecht explodierten, hat sich das Wachstum im vergangenen Jahr verlangsamt. Aber immer noch gewinnt Bluesky weltweit ungefähr jeden Monat rund eine Million neue Nutzer:innen hinzu.
Am 9.März überschritt das soziale Netzwerk die Zahl von 43 Millionen Nutzer:innen. Auch das Ökosystem rund um atproto wächst. Es kommen immer mehr neue Anwendungen dazu, die auf dem AT-Protokoll aufbauen. Selbst die beim Weltwirtschaftsforum in Davos groß angekündigte neue europäische Plattform W will das AT-Protokoll von Bluesky verwenden. Doch wenn Bluesky mit X und Meta konkurrieren will, muss sowohl Bluesky als auch das gesamte Ökosystem mittelfristig wieder stärker wachsen.
Da sich auf Bluesky in den USA überwiegend Trump-Gegner:innen versammeln, ist das kleine Social Media-Startup ins Fadenkreuz nicht nur des Konkurrent Elon Musk geraten, sondern auch von Trumps Leuten. Nach dem Mord an Charlie Musk behauptete Elon Musk, auf Bluesky werde der Mord gefeiert. Doch überzeugende Belege konnte er dafür nicht liefern. Im Gegenteil: Das Bluesky-Moderationsteam suspendierte Accounts, die den Mord oder Gewalt rechtfertigten. Trotzdem forderten einzelne MAGA-Leute bereits, dass Bluesky aus den AppStores von Apple und Google geworfen werden solle.
Das Bluesky-Team reagierte darauf einerseits mit großer Vorsicht. Obwohl Jay in ihrer Vergangenheit politisch aktiv war (diesem Thema werde ich mich in einer der übernächsten Ausgabe des Bluesky-Briefings widmen), hält sie sich mit politischen Äußerungen auf Bluesky auffallend zurück. Auch dadurch unterschied sie sich als CEO wohltuend von Elon Musk.
Andererseits reagierte Bluesky auf die politische Entwicklung mit dem Ausbau seines Anwaltteams. Der Rechtsanwalt Matt Reeder (Öffnet in neuem Fenster) wurde vergangenes Jahr zum Chefjuristen von Bluesky berufen. Es scheint, als wolle man für mögliche juristische Auseinandersetzungen mit der Trump-Regierung gewappnet sein.
Aber natürlich sind auch steigende regulatorische Anforderungen an Social Media Plattformen in vielen Ländern ein weiterer Grund dafür. So verlangen inzwischen unter anderem Australien, Großbrittanien und mehrere Bundesstaaten eine Altersverifikation von Social Media-Plattformen. Das stellt das kleine Start up vor erhebliche Herausforderungen und bindet Kapazitäten. Im US-Bundesstaat Mississippi blockierte Bluesky (Öffnet in neuem Fenster)deswegen vorübergehend sogar den Zugang zu dem Kurznachrichtendienst.
Gleichzeitig treibt das Bluesky-Team die Protokoll-Entwicklung und die Dezentralisierung von Bluesky voran: So soll der PLC-Verzeichnisdienst, - quasi das „Adressbuch“ von atproto - künftig von einer unabhängigen Körperschaft mit Sitz in der Schweiz verwaltet werden und zugleich regelmäßig Replikas des Verzeichnisses in verschiedenen Weltregionen gespeichert werden.
Wesentliche Teile des AT-Protokoll werden nun durch die IETF (Öffnet in neuem Fenster) standardisiert, während das Bluesky-Team zugleich daran arbeitet, noch 2026 private (im Sinne vom nicht-öffentlich) Daten innerhalb von atproto zu ermöglichen. Auch der Aufbau von unabhängiger atproto-Infrastruktur in der Europäischen Union durch Eurosky wird vom Bluesky-Team tatkräftig unterstützt, sagt Sebastian Vogelsang von Eurosky (Öffnet in neuem Fenster). Damit will man das Bluesky-Netzwerk weniger verwundbar machen. Denn derzeit werden noch über 98% der Bluesky-Accounts in Rechenzentren an der West- und Ostküste der USA gehostet.
Wie geht es weiter?
Doch dieser verständliche Fokus auf die Protokoll-Entwicklung und Dezentralisierung hat in den vergangenen Monaten viele Kapazitäten in dem kleinen Kernteam des Start-ups gebunden. Die Weiterentwicklung der App kam deshalb nur langsam voran, einige lange angekündigte Funktionen lassen immer noch auf sich warten. Um das zu ändern hat Bluesky kürzlich sein Frontend-Team verdoppelt. Neue Funktionen werden nun hoffentlich bald schneller geliefert.
Bluesky vergrößert sein Team auch insgesamt, mit derzeit 43 Mitarbeiter:innen ist das Kern-Team immer noch recht klein. Es sind aber eine ganze Reihe weitere Stellen (Öffnet in neuem Fenster)ausgeschrieben (da das Bluesky-Team komplett Remote arbeitet, können sich übrigens auch qualifizierte Personen aus Europa bewerben). Zudem werden mehrere atproto-Projekte von unabhängigen Entwickler:innen mit Zuschüssen von Bluesky gefördert. Die schon vor längerer Zeit angekündigten Premium-Abos wurden hingegen immer wieder verschoben. Das alles deutet darauf hin, dass sich Bluesky derzeit in keiner akuten Geldnot befindet. Finanzierungsprobleme scheinen also nicht der Grund für Grabers Rücktritt zu sein.
Anfang 2025 berichtete das Magazin Business-Insider (Öffnet in neuem Fenster) über eine neue Finanzierungs-Runde für Bluesky, die von Bain Capital Ventures angeführt wurde. Dabei sei der Unternehmenswert von Bluesky auf 700 Millionen Dollar geschätzt worden. Doch Bluesky hat dies damals weder bestätigt noch dementiert.
Erst am 19. März gab Bluesky offiziell bekannt, dass Jay Graber in einer Series B-Finanzierungsrunde bereits letztes Jahr im April 100 Millionen Dollar bei Investoren eingesammelt habe. Das ermögliche es, das Team zu vergrößern, um dem rasanten Wachstum von Bluesky und dem AT-Protokoll gerecht zu werden. „Diese Finanzmitteln sichern Bluesky einen finanziellen Spielraum für mehrere Jahre“, sagte Interims-CEO Toni Schneider.
https://bsky.app/profile/jay.bsky.team/post/3mhgqgymbds23 (Öffnet in neuem Fenster)Doch warum veröffentlichte Bluesky diese doch eigentlich gute Nachricht für das Unternehmen erst fast ein Jahr später? „Es ist nicht ungewöhnlich, dass ein Start-up auf den richtigen Zeitpunkt wartet, um eine Finanzierungsrunde bekannt zu geben. In diesem Fall bot sich jedoch kein passender Moment, das Team war mit vielen anderen Prioritäten beschäftigt, und die Zeit verging wie im Flug“, schreibt Schneider. Man wollte die Welt aber dennoch darüber informieren, also habe man die Nachricht schließlich veröffentlicht. „Wir hätten den genauen Zeitpunkt der Finanzierungsrunde weglassen können (die meisten Start-ups tun das), aber ich wollte transparent machen, dass sie unter Jays Führung und nicht unter meiner zustande kam“, so Schneider.
Für die nächste Zeit ist damit die Finanzierung von Bluesky erst einmal gesichert, doch spätestens Schneiders Nicht-Interims-Nachfolger:in wird auch Entscheidungen darüber treffen müssen, wie Bluesky künftig Einnahmen erzielen will: Premium-Abos, Werbung in den Suchergebnissen, ein Algorithmen-Appstore oder Developer-Services - Ideen gibt es einige, aber irgendwann wird man irgendetwas davon ausprobieren müssen. Denn ohne tragfähiges Geschäftsmodell kann auch ein Public Benefit-Unternehmen wie Bluesky nicht langfristig existieren.
Risiko und Chance
Es ist immer ein gewisses Risiko, wenn die Gründer:in eines Start-ups den Chef-Posten abgibt. Jay vertrat Bluesky in der Öffentlichkeit eloquent und sympathisch, verglichen mit Elon Musk oder Mark Zuckerberg wirkte sie erfrischend anders. Jay heißt eigentlich Lantian, das bedeutet auf Mandarin „Blauer Himmel“ (Öffnet in neuem Fenster). Es ist zu hoffen, dass der Führungswechsel kein schlechtes Omen für die Zukunft von Bluesky ist.
Doch nach allem was bisher über ihn bekannt ist, dürfte Toni Schneider keine schlechte Wahl als Übergangs-CEO sein. Ein erfahrener Manager, der sich auf das weitere Wachstum von Bluesky und administrative Fragen konzentriert, während Jay sich auf Innovationen und die Weiterentwicklung des gesamten Ökosystems fokussiert - das könnte eine Chance für Bluesky sein. Vorausgesetzt beide arbeiten gut und vertrauensvoll zusammen.
Jay Graber wird bei der Entscheidung über ihre endgültige Nachfolge ein gewichtiges Wort mitreden. Nach Angaben von Jeremy Johnson (Öffnet in neuem Fenster), der nicht nur technischer Berater des Bluesky-Teams ist, sondern auch einer der Investoren, bleibt sie Aufsichtsratsvorsitzende und Mitglied der Geschäftsleitung von Bluesky. Außer Graber und Mike Masnick gehören dem Aufsichtsrat der Jabber-Erfinder Jeremie Miller und die Ökonomin Kinjal Schah an.
Dieser Artikel wurde nachträglich aktualisiert, weil die Series-B-Finanzierung von Bluesky erst mehrere Tage nach Erscheinen offiziell bestätigt wurde.