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#29: Schönheit maxxen, vermarkten, missbrauchen

#Looksmaxxing? Gesundheit! Denn gerade die wird durch den aktuell viel besprochenen “Schönheits-Trend” aus der Manosphere gefährdet. Und zwar nicht nur die der Männer.

Lasst uns bitte nicht das als verrücktes Beauty-Phänomen verharmlosen, was weltweit bei jungen Männern dafür sorgt, dass Frauenhass jetzt auch noch mit gutem Aussehen gleichgesetzt wird.

Auch wenn der erste Anschein, den dieser Trend hat, wirklich easy mit etwas Altbekanntem zu verwechseln ist: Schönheitsideale und -behandlungen, die schädlich für Körper und Geist sind… Das gab’s doch schonmal?!

Ja, geht es aktuell irgendwo um Looksmaxxing, dann wird in Kommentarspalten und Berichterstattung schnell der Vergleich zum Druck auf Frauen und weiblich gelesenen Personen durch patriarchale Schönheitsideale gezogen. Und wenn sich das so ähnlich sei, dann bestünde doch dadurch auch der Anspruch auf Mitleid mit den verblendeten Männern und ihre Rettung durch die Aufnahme in die Bodypositivity-Bewegung. Problem gelöst? 

Oberflächlich betrachtet ist der Gedanke naheliegend. Schließlich sieht es so aus, als würden hier junge Männer ganz in der Tradition junger Frauen ihre Körper zur Mangelware erklären und unter Einsatz von teilweise gesundheitsgefährdenden Maßnahmen in neue Form pressen wollen. Dieser Vergleich könnte aber das eigentliche Problem hier nicht weniger verkennen. Des Pudels Kern liegt nämlich in der Antwort auf die Frage, für wen und warum Manosphere-Männer jetzt schön sein wollen. Spoiler: die Antwort ist nicht “Frauen”.

Aber lass mich nochmal ein paar Schritte zurückgehen: Wieso entstand aus dem alten Streben nach Attraktivität und Liebe nun schon wieder ein neuer Trendbegriff? Das hat meiner Meinung nach sowohl etwas mit der Brutalität der Kommunikation und der Methoden als auch mit dem Ort zu tun, der den Begriff “Looksmaxxing” getauft und etabliert hat: Zuerst Incel-Foren und dann TikTok - also bitte nicht den Eindruck erwecken, das hätte was mit Beauty zu tun und her mit dem neuen hashtag

Spannend ist hier allerdings die Beobachtung (die ich in dieser Folge von In Bed With The Right (Öffnet in neuem Fenster) gehört habe), dass Looksmaxxer nicht die Standard Incels seien. Denn die hätten an sich ja die Werbung um die Gunst der Frauen längst aufgegeben (deswegen die ganze Misogynie). Während Looksmaxxer eigentlich mehr in der Tradition der “Pickup Artists” stehen, die davon ausgehen, dass ihre Objekte der Begierde sich durch küchenpsychologische Trickkommunikation ins Bett hinein manipulieren lassen.

Looksmaxxer schlagen in dieselbe Kerbe, glauben aber, dass sie dafür lieber die Klappe halten sollten, um die kantigen Kiefer besser anspannen zu können. Sie setzen eben auf Looks anstatt auf Tricks…oder so.

Diese Looks lassen sich im Übrigen unter allem subsumieren, das sich seit Jahrzehnten als stereotyp männlich definieren lässt; nur eben nochmal bis ins Groteske aufgedreht ( → maxxed). Alles muss starke Kanten haben, hart sein, bestimmte Abstände und Maße einhalten und sich möglichst weit weg von allem bewegen, das mit Rundungen und - Gott behüte - Femininität verwechselt werden könnte. Fett und Weichheit werden verteufelt. Man könnte den Eindruck bekommen, nichts sei alpha-männlicher als sich vor allem zu fürchten, das die Prädikate “klein” und “zart” verdient hat. 

Okay, aber sich nach bestimmten Vorstellungen von Schönheit formen zu wollen, ist ja weder neu noch inhärent schlecht. Wieso also die ganz große Bühne für diesen Trend? 

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An der Tatsache, dass manche Looksmaxxer sogar zur Selbstverletzung greifen sollen, kann es nicht liegen (es geht das Gerücht um, sie schlügen sich mit Hämmern auf die Kinnpartie, um sie durch Frakturen im Knochen zum wachsen zu animieren; ein medizinisch sehr fragwürdiges Verhalten, das wahrscheinlich als ein Scherz gemeint war). Schließlich haben Frauen sich auch gefühlt schon immer im Namen der Schönheit mit Rasierklingen, Aufspritznadeln oder Schönheits-OPs verletzt, ohne dass es vergleichbare gesamt-gesellschaftliche Diskussion und Ängste nach sich zog.

Dann ist es stattdessen womöglich die Ausgrenzungs- und “wir gegen die”-Rhetorik, die sich in der sehr simplen, aber darum nicht weniger menschenverachtenden Looksmaxxer-Kategorisierung (Öffnet in neuem Fenster) von Personen in drei Akzeptanz-Gruppen manifestiert: “subhuman” für die vielen, deren Looks nicht dem Ideal entsprechen, “normie” für diejenigen, die an dem Problem bereits mit mäßigem Erfolg arbeiten (oder Glück mit den Genen hatten) und “Chad” für die alpha Tiere, die es schon in die Nähe des jawline-Olymps geschafft haben. 

Ich könnte kotzen.

Muss man immer wieder auf Nazi-Niveau anfangen? Anscheinend haben wir es nicht kleiner in der Beauty-Manosphere, die sich ja eh schon kaum vor Hybris retten kann. Aber in Anbetracht dieser Begriffe noch davon auszugehen, Looksmaxxing entstünde aus pubertärer Unsicherheit einiger Zartbesaiteter, denen man nur mal erklären muss, dass sie ihren Körper stattdessen auch einfach lieb haben könnten, halte ich für bestenfalls naiv.

Wer glaubt, dass es okay ist, bei einem Trend mitzumachen, wo angebliche Zurückweisung von Frauen eine Person “subhuman” macht, der hat den Knall nicht gehört. Ganz besonders, weil ziemlich schnell sichtbar wird, dass hier nicht “die Frauen” das Sagen darüber haben, wie Männer aussehen sollten.

Was Looksmaxxing nicht ist 

Nämlich dieselbe Überlebensstrategie, die die meisten weiblich gelesenen Personen in der Geschichte des Patriarchats angewendet haben, um in diesem System nicht unterzugehen. Die mussten nämlich gut im Sinne des Schönheitsideals aussehen, um von einem Mann ausgesucht zu werden. Um verheiratet und versorgt zu werden. Denn ohne Partner stand frau auch ohne Zugang zu lebenswichtigen Ressourcen da.

Looksmaxxing ist nicht das Verhalten, das sich Männer wie Frauen aufgrund von jahrhundertelanger patriarchaler Unterdrückung ihrer Körper und Rechte angeeignet haben - es ist die Unterdrückung selbst, in Reinform.

Quasi das Patriarchat als Serum fürs Gesicht, einmassiert mit einem Hammer. 

Die Ressource, die Looksmaxxer angeblich ohne ihre “Verschönerungen” nicht erhalten, ist Pussy. Sex, Zuwendung und emotionale Pflege einer Frau. Zumindest offiziell. Viel näher an der Wahrheit scheint jedoch die Vermutung, dass es hier nicht um die Bestätigung von Frauen geht, sondern um die Anerkennung anderer Männer. 

Ein Mann, der - ohne seine Zustimmung oder aktives Zutun! - von führenden Looksmaxxern als absolutes Beauty-Vorbild anerkannt wird, ist übrigens das australische Supermodel Jordan Barrett (Öffnet in neuem Fenster). Seine Gesichtszüge und Körperform gelten als ideal und setzen das Ziel, das man erreichen müsse, um Frauen anzuziehen. Ironischerweise liegt Jordan Barrett selbst augenscheinlich nichts ferner als das, war er doch bis vor Kurzem noch mit einem Mann verheiratet. 

Na, wenn das das Ziel der Manosphere sein sollte - durch das fashionable Machen von Homoromantik in einem Aufwasch die “Male Loneliness Epidemic” UND patriarchale Gewalt in heterosexuellen Beziehungen zu beenden - dann lassen wir sie doch gerne einfach weiter machen, die Looksmaxxer. Jk.

Aus Hass auf sich selbst wird keine Liebe zu anderen geboren

Scherz beiseite: Wer glaubt, dass es einen jungen Mann nicht noch wütender auf “die ach so ignoranten Frauen” macht, wenn sie ihn auch dann nicht wollen, nachdem er sich im Namen der Attraktivität für sie Schmerzen und Selbstverletzungen zugefügt hat, der irrt. Ein geschundener Körper und eine wunde Seele haben wenig zu verlieren und richten ihre Frustration mit ebenso großer Härte womöglich auch nach außen. 

Looksmaxxing ist ein Symptom einer antifeministischen Bewegung, die sich die perfekte Armee heranzüchtet - gestählte und gebrochene Gehorchende. Mit Rachedurst im Herzen. Wie gefährlich dieser Frauenhass für die mentale und körperliche Gesundheit von (Ex-)Partnerinnen von Männern werden kann, zeigt uns für Deutschland die Statistik des BKA (Öffnet in neuem Fenster). Oder weltweit die Daten von Amnesty International (Öffnet in neuem Fenster), die offenlegen, dass Frauenhass überall Frauen und Mädchen tötet. Jeden Tag. 

Also nein, Looksmaxxing ist kein einfaches “ein bisschen an sich arbeiten wollen”, es ist ihre Frauenverachtung, die sich gegen die Männer selbst richtet. Looksmaxxing ist auch keine Selbsthilfebewegung einer Generation von Männern, die einfach nur Frauen gefallen wollen. Wenn sie das wollen würden, würden sie Frauen fragen, was denen gefällt. Und nicht Männer. 

Die Antworten, die Frauen ihnen geben würden, zeugen nicht unbedingt von schwerer erreichbaren Zielen als einer definierten Bauchmuskulatur. Für manche Frauen ist es vielleicht viel Geld und Status, aber für viele andere wäre es ein interessantes Hobby, Respekt vor Frauen (auch vor denen, mit denen man keinen Sex haben will) oder die Fähigkeit mit der Bandbreite der eigenen Gefühle wie ein Erwachsener umzugehen. 

Wie gesagt, das muss alles nicht leichter oder schwerer erreichbar sein als die ideale jawline. Aber es ist halt weniger alpha. Und genau hier liegt das Problem.

Solange Männer lieber von anderen Männern geliebt und bewundert werden wollen, wird es ihnen nicht wichtig sein, was die Menschen sich wünschen, auf die sie angeblich stehen. Und zugegebenermaßen läuft ein Männerleben bisher auch einfach besser, wenn man anderen Männern gefällt. Das war schon immer gut für die Karriere, das Erreichen persönlicher Ziele und für den Geldbeutel.

Blog

Apropos, Geld. Der Frage, wer mit dem Aufruf zum Looksmaxxing eigentlich Kasse macht, habe ich mich ja noch gar nicht gewidmet! Denn davon, dass Clavicular und Konsorten das ganze Theater aus Nächstenliebe und Sorge um die romantische Erfüllung ihrer Mitmänner veranstalten, ist nicht auszugehen.

Mit “cui bono?” kommen wir auch dem Bezug zur Schönheitsindustrie mit weiblicher Zielscheibe wieder näher. Durch die Spruchkacheln des Instagram-Internets postet sich immer wieder die Vermutung “Wenn morgen alle Frauen aufwachen und ihren Körper lieben würden, bräche die ganze Wirtschaft zusammen”...oder so ähnlich.

Klingt übertrieben, aber wie weit ist diese überspitzte Einschätzung tatsächlich von der Wirklichkeit entfernt? 

Schließlich wurde sogar die Beschämung von weiblichem Körper- und Intimgeruch nur deswegen erfunden, weil ein Familienunternehmen seine neuen Erfindungen verkaufen wollte: das Deodorant und das Anti-Transpirant.

Die Hintergründe hierzu habe ich zuletzt für WELT Lifestyle recherchiert:

Kann also das Geschäft mit der Geruchsvermeidung tatsächlich der Grund für die Scham sein? Ein Blick in die jüngere Geschichte der Körperpflege zeigt, dem gegenderten Kampf gegen Schweiß- und Intimgeruch könnte nichts anderes als ein ausgeklügelter Marketing-Trick zugrunde liegen (Öffnet in neuem Fenster). Denn als zum Ende des 19. Jahrhunderts das erste Deodorant auf den US-amerikanischen Markt kam - dicht gefolgt vom ersten massentauglichen Antitranspirant zu Beginn des 20. Jahrhunderts - , fand keines der Produkte trotz revolutionärer Wirkungsweisen nachhaltigen Absatz. Die potentiellen Konsumentinnen und Konsumenten betrachteten Schweiß und Körpergeruch schlicht nicht als großes Problem, das kosmetisch beseitigt werden musste. 

Um das zu ändern, wurde die Werbeagentur J. Walter Thompson Company damit beauftragt, eine Marketingkampagne zu fahren, die sich vor allem an hart arbeitende Hausfrauen richtete. Denen sollte der Agentur zu Folge ihr Ehemann die schweißtreibende Hausarbeit des Tages am Abend nämlich bloß nicht anmerken können. Schweiß und Körpergeruch wurden zum Lustkiller hochstilisiert und ein abgeturnter Ehemann (oder auch das Fernbleiben jeglicher Ehe-Anwärter) bedeutete für die Frau der 1920er bis 1960er Jahre immer noch eine Gefahr für ihre Existenz. Folglich wurden Produkte zur Vermeidung von Körpergeruch unter Frauen aufgrund der Kampagne nach kurzer Zeit zu einem großen kommerziellen Erfolg.
Einige Jahrzehnte später wurde letztlich auch der weibliche Intimgeruch konkret problematisiert, indem die
ersten parfümierten Damenbinden in den 1980ern auf den Markt kamen (Öffnet in neuem Fenster). Und wenn eine Lösung schon in den Geschäften bereit steht, muss die Konsumentin wohl schlussfolgern, ihr Geruch sei ein Problem.


Die Annahme, der Intimgeruch von Frauen sei um jeden Preis zu neutralisieren, da er eine männerabweisende Zumutung sein müsse, sorgt allerdings nicht nur für einen gewinnbringenden Absatz unnötiger, wenn nicht sogar gesundheitsschädlicher, Hygieneartikel. Die jahrzehntelange Stigmatisierung von natürlichem Intimgeruch tabuisiert und behindert somit auch die gesundheitliche Aufklärung über unangenehme Gerüche von Vulva und Ausfluss als Symptom von möglichen vaginalen Infektionen.

Hier findest du den ganzen Artikel! (Öffnet in neuem Fenster)

Events

Am 16.04. findet eine KOSTENLOSE und großartige Lesung veranstaltet vom Verein BiBerlin statt! Die wundervolle Lea Holzfurtner moderiert die klugen und humorvollen Autor*innen und Sexpositivity Aktivistinnen Nike Wessel und Nana Myrrhe.

Zur Anmeldung geht’s hier entlang: “Im Namen der Lust: Sex, Scham und Selbstermächtigung” (Öffnet in neuem Fenster)

Empfehlungen

🎧 Mehr und auf Deutsch (und lustig) über Looksmaxxing nachhören kann man in dieser Folge von einem meines Lieblingspodcasts, Too Many Tabs: looksmaxxer / windkraftschwindler (Öffnet in neuem Fenster)

📰 Einen Artikel über einige Brüder im Geiste mancher Looksmaxxer habe ich zuletzt mit Spannung im Standard gelesen. Und da ich mich selbst vor wenigen Wochen noch in Arkansas befand auch mit Anspannung: “Ein Dorf in Arkansas nur für Weiße hofft auf den Kollaps der Demokratie” (Öffnet in neuem Fenster)

📖 Und last but not least noch zwei Buchempfehlungen von Laurie Penny (Öffnet in neuem Fenster) und Moshtari Hilal (Öffnet in neuem Fenster) zum Thema “Schönheitsstandards” und den Fragen, wer die festlegt und wieso damit so viel Geld verdient werden kann:

Mehr von Cleo

Alle aus der SCHWEIZ, aufgepasst: Am 19.04. erscheint mein allererster Print-Artikel im NZZ Magazin 😍

Es geht um den Einsatz von KI-Chatbots beim Dating und ich habe die Erfolgs- und Misserfolgs-Geschichten von drei Personen erzählt, die ChatGPT als Dating-Coach eingesetzt haben.

Holt euch ein Exemplar am Kiosk und schickt mir Fotos!!

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Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

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Kategorie Cleographie

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