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#24: Vom Schreiben träumen, leben, heilen

Ich liebe Schreiben - in der Theorie. Autorin zu sein ist eine romantische Idee. Aber sobald es an die Praxis geht, kostet das Schreiben mich mehr Überwindung als morgens um 6 Uhr ins Fitnessstudio zu gehen. Jeden Tag. Wenn ich anfangen möchte, strebt alles in mir in die entgegengesetzte Richtung des Schreibtischs. Weil das nachvollziehbare Formulieren von Gedanken Schwerstarbeit ist, die Mut erfordern und Schmerzen verursachen kann.

Wieso ich mir dann diesen Beruf ausgesucht habe? Das ist es ja, hab ich gar nicht. Es war nie mein Traum, vom Schreiben zu leben oder überhaupt regelmäßig Texte zu veröffentlichen. Und trotzdem ist das Leben als selbstständige Schriftstellerin traumhaft. Zum ersten Mal in meiner Karriere als Karriere-Inhaberin muss ich mir keine Gedanken mehr über meine “Work-Life-Balance” machen. Nicht, weil Schreiben als Beruf keinen Ausgleich brauchen würde, sondern weil mich das Schreiben selbst zu Pausen zwingt. Es gibt kein 9 to 5 in der Schriftstellerei, weil man nicht auf Termin schreiben kann. Zumindest nicht, wenn es gut werden soll.

Zwar interessiert das weder eigene Deadlines noch Redaktionen oder Verlage, aber Kreativität auf Knopfdruck gibt es nicht (sorry, Chatty). Als Autorin muss man also lernen, Texte entsprechend früher anzufangen, damit genug Zeit für die kleinere oder größere Schreibblockade bleibt. Oder damit zu leben, dass Texte, die aus Abgabedruck heraus geschrieben werden, einfach schlechter sind als Texte, die reifen durften. Ganz wie dieser Newsletter heute 😉

Jedenfalls zwingt das Schreiben einen genauso zum Nicht-Schreiben. Zum Pausen machen, Input holen, Gefühle fühlen und reflektieren. Und dann ist es plötzlich wieder da und hat ganz nebenbei ein paar deiner Wunden in Echtzeit geheilt. Aber dazu später mehr.

Als ich am 17. Januar 2021 die ersten beiden Texte auf meinem neuen persönlichen Blog “Cleographie” (Öffnet in neuem Fenster) veröffentliche, klopft mein Herz ungewohnt heftig. Zum ersten Mal in meinem Leben gebe ich Fremden im Internet die Möglichkeit, meine Gedanken zu finden, zu lesen, zu missverstehen und zu kommentieren. Gemischte Gefühle machen sich deswegen in mir breit. Einerseits weiß ich, dass das Netz voll ist mit persönlichen Sexblogs und Geschichten über offene Beziehungen, weil ich hier die Definition von late to the party bin und mich so schlecht mit Google Indexierung auskenne, dass eh niemand meine Seite finden wird.

Andererseits fühle ich mich exponiert und angreifbar, weil bisher die Anonymität des Liebestagebuchs und die massiv-filternden E-Mail Postfächer des Deutschlandfunk jegliches Feedback fremder Leute zu meinen Gedanken von mir abgehalten hatten. Noch einen Blog über Alternativen zur Monogamie und Sexgeschichten zu eröffnen, war trotzdem mein Projekt der letzten Monate gewesen. Nicht weil das was total Neues war, sondern weil es meins werden würde. Nicht nur, weil Corona vorher so viele andere Hobbies wegfallen ließ, sondern auch weil ich entdeckt hatte, dass es mir Freude machte und mir bei meiner persönlichen Entwicklung half, meine Reflektionen zu Papier zu bringen.

Allerdings konnte und kann ich mich so viel besser dazu motivieren, wenn mein Schreiben ein Ziel hat. Und das ist auch heute noch die Möglichkeit, von anderen Menschen gelesen zu werden. Und zwar ganz besonders die Themen, die hochgradig persönlich und verletzlich sind.

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Über die Edition F Journalistin Sarah Große-Johannböcke stieß ich diese Woche auf einen Substack-Artikel, der eine mögliche Erklärung für diesen Wunsch enthält. Der Text von Decolonizing Love über die unerkannte Trauerarbeit in Polyamorie (Öffnet in neuem Fenster), ist unfassbar feinfühlig und klar geschrieben, benennt viele emotionale Herausforderungen in Beziehungen zu Partner*innen, Freund*innen oder Familie, auf die man durch eine mono-normative Kultur nicht vorbereitet wird und macht eine ganz wichtige Beobachtung: Uns allen passieren andauernd Verluste, die nicht einmal etwas mit Tod oder Trennung von einer nahestehenden Person zu tun haben müssen.

Auch schon die Transformation einer Beziehung von nah zu ferner kann sich wie ein Verlust anfühlen. Ein Verlust von Sicherheit, Routine, Vertrauen oder gemeinsamen Plänen. Zudem brauchen Verluste Anerkennung und das Gesehen werden von außen, damit wir sie besser verwinden können. Deswegen seien kulturelle Umgangsformen mit dem Tod so ritualisiert. Um die Trauer sichtbar, nachvollziehbar und mitfühlbar zu machen. Doch bis auf die ganz vereinzelt stattfindende Scheidungsparty habe ich bisher noch nicht erlebt, dass wir das Verarbeiten anderer Beziehungsverluste irgendwie ritualisiert hätten. Genau hier kommt das Schreiben ins Spiel. 

Im Text heißt es, dass Trauer Zeug*innen und Rituale braucht, um verarbeitet werden zu können. Wenn ich über meine Erlebnisse und Gefühle schreibe, mache ich sie erfahrbar für andere. Ich schaffe mir die Möglichkeit, Menschen zu Zeugen meines Verlusts zu machen und das ist unfassbar heilsam - nicht nur für mich selbst, sondern auch für diejenigen, die sich mit meinem Erleben, aber besonders mit der Art und Weise, wie ich es erzähle, identifizieren können.

Übrigens liegt im Wie des Erzählens eine spannende Idee. Nämlich die, dass der eigene emotionale und psychische Zustand stark davon abhängt, ob wir uns unser Leben als Drama oder als Komödie erzählen. Eine These, die auch der “narrative therapy” Methode (Öffnet in neuem Fenster) zugrunde liegt und die aus der Idee des radikalen Konstruktivismus (Öffnet in neuem Fenster) entstanden ist. Viele große Worte, die im Kern nur sagen, dass Realität allein durch unsere eigene Wahrnehmung der Dinge um uns herum entstünde. Und dass die Bewertung unserer Umstände als “schlimmer unausweichlicher Schicksalsschlag”, “Strafe für schlechtes Verhalten” oder “dornige Chance für die Persönlichkeitsentwicklung” komplett in unserer Hand läge. 

Ja, man hört schon die ganzen Selbstbestimmungs-Psycho-Ratgeber und Self-Help-Podcasts im Hintergrund mit den Hufen scharren. Natürlich steckt in so einer Idee die Gefahr, vor lauter “du musst das einfach nur positiv sehen” psychische Krankheiten und das Abwälzen aller Verantwortung auf die isolierte Einzelperson komplett zu ignorieren. 

Gleichzeitig sehe ich in der Art und Weise, wie wir uns unser eigenes Leben erzählen, auch die Möglichkeit, sich tatsächlich immer wieder mehrere Notausgänge heraus aus verfahrenen Situationen einzubauen. Hintertürchen in die Hoffnung.

Ganz ähnlich habe ich das schon einmal mit meinen Gästen und der Autorin Ricardia Bramley bei diesem Salon darüber besprochen, wie man mit Humor Trennungen überwindet (Öffnet in neuem Fenster). Und genauso parallel empfinde ich das Aufschreiben meiner Geschichten als mächtiges Werkzeug, nicht nur, um meine Gedanken zu ordnen, sondern auch, um ihnen den Ton zu verpassen, der mich (und andere) weitermachen lässt.

Dabei erinnere ich mich noch sehr gut an all die Ängste und Vorannahmen in meinem Kopf, die sich Ende 2020 gegen meine Idee richteten, mein Schreiben auf eigene Faust zu veröffentlichen.

Wer soll das lesen wollen? Du kennst dich doch gar nicht aus! So gut ist dein Schreiben bei weitem nicht… Ich habe diese Stimmen meine “inneren Kritiker*innen” getauft, ihnen individuelle Namen und Persönlichkeiten gegeben und kurzerhand in meinem Notizbuch über SIE geschrieben. Woher sie kommen, was sie bewirken wollen und letztlich, wieso ich nicht auf diese Stimmen hören will. Als das aus dem Weg geräumt war, musste ich nur noch einen gefühlten Bachelorabschluss in Datenschutzerklärung machen, bevor ich Cleographie endlich in die digitale Welt hinaus entlassen konnte. 

Fünf Jahre später habe ich ein Sachbuch über feministische Sexualität publiziert, veröffentliche seit 2023 eigene Artikel, aber auch Interviews mit mir in führenden Medien des gesamten DACH-Raums und habe mich hauptberuflich als Schriftstellerin selbstständig gemacht. Obwohl das nie mein Ziel war. Bis es das doch wurde. 

Denn der Moment, in dem nicht irgendein Jürgen aus dem Internet, sondern eine echte Journalistin (Hi, Charlotte ✌️) mir zum ersten Mal Feedback zu meinen Texten gab, ließ mich Verdacht schöpfen. Verdacht und Hoffnung, dass ich gut genug war, um dem Geschichten Erzählen eine echte Chance einzuräumen. Mich nicht mehr hinter “Ach, das ist doch nur ein Hobby, damit verfolge ich keine Karriereziele” zu verstecken. Die Angst vor dem Scheitern an den Grenzen des eigenen Könnens zu überwinden und mich vor allem immer wieder zum Schreiben zu überwinden. 

Denn so einfach, wie das Steady Blog-Tool es hier suggeriert, ist es oft nicht:

Aber manchmal ist es das eben doch. Und immer ist es die Überwindung von Ängsten und Anstrengungen wert.

Deswegen möchte ich auch euch Leser*innen des Newsletters heute einmal gerne dazu auffordern, gemeinsam mit dem Stift die Träume in die Hand zu nehmen, die ihr für lächerlich, unnötig oder selbstbezogen haltet. Es startet mit dem Aufschreiben oder Erzählen der eigenen Geschichte. Und wieso sollte ihr erster Entwurf direkt zu einer Tragödie werden, wenn wir ihn genauso gut als Held*innenreise formulieren können 😉

Empfehlungen

Wer mit dem Schreiben noch gar nicht so viel am Hut hat und sich fragt: “Schreiben, ja, aber worüber?”, dem*der möchte ich dieses kleine, aber feine Arbeitsbuch von Doris Dörrie empfehlen:

📺🎧 Und wem es bei der aktuellen international-politisch Lage zwischendurch nach ein bisschen queerem Eskapismus ist, dem empfehle ich die Serie “Heated Rivalry” bzw. diese Episode des Podcasts The Rest Is Entertainment dazu: “The Heated Rivalry Hype Explained” (Öffnet in neuem Fenster) - falls noch Unklarheiten bestehen, warum alle die Show so hot finden. Funny und klug und Eskapismus, ohne unpolitisch zu werden!

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🎭 Diese Woche ginge es übrigens weiter - mit meiner Kolumne im Tagesspiegel und meinen Expeditionen zu den unterschiedlichsten Sexpartys Deutschlands 😌 Nachlesbar mit Tagesspiegel+ Abo: “Eine Nacht auf Schloss Milkersdorf - Sexpartys gibt es also auch für Spießer” (Öffnet in neuem Fenster) Es klingt wie eine Szene aus “Eyes Wide Shut”: ein abgelegenes Schloss, auf dem Pärchen wilde Orgien feiern. Unsere Autorin war dabei. Sie hatte sich mehr davon versprochen.

Kontakt

Du möchtest mit mir über etwas, das du bei mir gelesen oder gehört hast, sprechen? Dann kannst du mich über meine Website (Öffnet in neuem Fenster) erreichen oder mir bei Instagram eine DM (Öffnet in neuem Fenster) schreiben. Ich freue mich auf deine Gedanken!

Danke für’s Lesen und liebe Grüße von

Cleo

Dank

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Kategorie Cleographie

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