
„Die alte Welt liegt im Sterben, die neue ist noch nicht geboren: Es ist die Zeit der Monster“, notierte Gramsci in seinen Gefängnisheften, um die kulturelle und politische Hegemonie in Umbruchzeiten zu analysieren. Er bezeichnet damit eine Zwischenzeit voller Unsicherheit, in der das Alte nicht mehr funktioniert und das Neue noch nicht geboren ist. Bis heute oder heute mehr denn je wird der Satz genutzt, um Krisen wie ökologische, soziale oder politische Transformationsprozesse zu beschreiben, in denen alte Gewissheiten nicht mehr gelten.
Ich denke, heute dürfen wir nicht mehr von Krisen reden, sondern von Kollaps, vielfältig und brutal. Unbestritten ist, dass alte Gewissheiten keine Gültigkeit mehr haben und das wir bei ehrlicher Betrachtung in Zugzwang sind – uns zu entscheiden und etwas zu tun. Dieser Text wird sich um das noch namenlose KollapsLARP-Szenario-Trainingslager-Übungscamp drehen, welches Tadzio Müller und ich zusammen mit einigen anderen Personen dieses Jahr organisieren. In Gramscis Verständnis sind auch wir als Kollapsbewegung mit unterschiedlichen Richtungen und Ansätzen, ebenso wie wir mit unserer Idee eines dieser Monster. Das Unfertige in Zwischenzeiten, mit dem gearbeitet werden muss, mit dem ausprobiert werden muss, um etwas Fertiges zu werden bzw. um etwas beizutragen zu Transformationsprozessen. Dieser Text sollte sich in der ursprünglichen Idee eigentlich noch viel mehr um unser namenloses Vorhaben drehen, als er es jetzt tun wird. Keine Angst, you’ll get all the information you need, aber während ich zu Hause sitze, REMs „Monster“ auf dem Plattenteller und (nicht zum ersten Mal) überrollt werde und mich auch genauso fühle von dem, was mir Nachrichten, News – Feeds in den sozialen Medien und Nachrichten von Freund:innen und Genoss:innen ungefiltert und ununterbrochen ins Haus liefern, wird mir klar, dass dieser Text doch etwas anders aussehen wird als gedacht. Dass er anders aussehen muss – auch weil unsere Idee aus genau dem, was sich in einem realen Highspeed-Teufelskreis abspielt, entstanden ist und weil jede Schlagzeile zeigt, wie relevant diese Idee ist.
Worum geht es also?
Wir organisieren einen einwöchigen Intensivkurs in solidarischer Kollaps- und Katastrophenvorbereitung. Es wird um Praxis gehen und abends vermutlich auch etwas um die eigene radikale Geschichte, nähergebracht von denen, die sie erlebt haben, um uns zu erinnern an die vielfältige Praxis, die wir nicht neu erfinden müssen.
Zwischen dem 21. Und 27.9. werden viertägige Trainings in vermutlich vier Themenbereichen stattfinden: Versorgung und Logistik, Kommunikation, Trauma – Response und 1. Hilfe sowie Selbstverteidigung und Schutz. Nach einem Tag Pause zum besseren Kennenlernen, sacken lassen, ausruhen, quatschen…wird es am Wochenende um die gemeinsame praktische Umsetzung des Gelernten in Szenarien, LARP-Anteilen und Rollenspielen gehen. Dabei werden wir vermutlich sehen, was im Zusammenspiel alles noch nicht funktioniert oder besonders schwierig ist, und genau das ist neben Skills zu den einzelnen Themen ein gewünschter Reflexions- und Lerneffekt des Ganzen. Auch wenn uns der Name noch nicht klar ist, das Warum ist umso klarer und es ist für uns der einzige logische nächste Schritt.
Das Kollapscamp 2025 war ein riesiger Erfolg. Es war für uns zu Beginn auch Risiko, quasi eine politische Wette, dass im August 800+ Menschen daran teilnehmen wollen, auch wenn im Herbst des Vorjahres, als wir anfingen, das Ganze zu organisieren, nicht viel darauf hindeuten würde. Die Wette ging auf und das Kollapscamp hat dafür gesorgt, Kollaps auf die Agenda zu setzen, Menschen an das Thema heranzuführen und den Raum zu öffnen, der nun gefüllt werden kann. Es wird auch 2026 wieder ein Kollapscamp geben, um das Begonnene fortzusetzen, was uns sehr freut.
Was einige von uns aber schon während dem Camp 2025 festgestellt haben, beinhaltet bei allem Erfolg auch ein Aber: um unserem Ziel, praktisch handlungsfähig in der Katastrophe zu sein, wirklich näherzukommen, braucht es definitiv auch andere Formate, die mehr in die Tiefe gehen. Menschen, die sich dem Thema Kollaps nähern, die verstehen, dass es nötig ist, etwas zu tun und die etwas tun wollen, können nicht entscheidend weiterkommen, indem sie jedes Jahr wieder nur an Themen schnuppern und erste Einblicke gewinnen. Unser Event ist der Versuch zu fokussieren und ein Experiment nicht nur ein neues Thema aufzumachen, sondern eine neue Art des Aktivismus zu lernen. Eine die weiß, dass im Kollaps mehr Risiken auf uns zukommen, dass es mehr Vorbereitung und Ausbildung braucht als zum Beispiel bei einer klassischen Aktion von zivilem Ungehorsam. Wir starten einmal mehr eine politische Wette.
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Wir gehen mit dieser Wette weg vom Camp für ein Wochenende, ebenso wie von einem offenen Camp. Dazu ändern wir auch die Vorbereitung. Den Aufbau und Inhalt der viertägigen Trainings und des Wochenendes erarbeiten wir mit denen, die über das Wissen verfügen, welches es zu vermitteln gilt und nicht über übliche calls for content. Wir starten bei 0 und übergeben denen Verantwortung, die das Wissen und die Fähigkeit zur Wissensvermittlung haben. Auch die Teilnehmer:innenauswahl ist bei diesem Versuch wichtiger Teil des Orga – Prozesses, da wir themenspezifisch direkt Personen und Strukturen möglichst frühzeitig anfragen und einbinden wollen, für die entsprechendes Wissen hoffentlich relevant und nützlich sein wird, über einen Nutzen für die jeweilige Einzelperson hinaus. Wir haben einen riesigen Haufen Arbeit vor uns und wir haben die Wette noch lange nicht gewonnen. Aber wir freuen uns darauf, denn es fühlt sich gut und richtig an, in diese Richtung nicht nur zu denken, sondern zu gehen, auch weil es nicht als einmaliges Event gedacht ist, wenn es funktioniert. Wir wollen Menschen neben dem Kollapscamp zwei weiterführende Optionen ermöglichen: selbst Teil von Strukturen werden zu können, die handlungsfähig sind und mittelfristig tatsächlich Strukturen zur Verfügung stellen, die helfen können, wenn Kollapsszenarien eintreten. So oder so, wir müssen sie aufbauen und neben unserer Idee sehen wir zum Glück viele ähnliche Ideen und Angebote aus ganz unterschiedlichen Richtungen, die daran arbeiten und das ist wichtig gemessen am Bedarf und der Notwendigkeit.
Noch ein paar Gedanken zur Kollapsbewegung
Wir werden mit unserem Ansatz auch dieses Mal auf Kritik stoßen – zu lang, zu praktisch, zu viel dies, zu wenig das. Das ist ok, denn dieses Camp kann und soll nicht für „alle“ sein, anders ist es auch nicht zu machen. Unsere Idee fordert ebenso einmal mehr Bruchlinien heraus und bringt sie zutage, die unserer Meinung nach bestehen und bestehen dürfen. Bruchlinien entlang bestimmter Fragen und entlang des eigenen = ganz persönlichen Selbstverständnisses die zwar irgendwie eine entweder-oder-Situation darstellen, die aber dann einfach als Tatsachen nebeneinander unter dem Dach einer Kollapsbewegung (und neben einer Klimabewegung 😉) stehen können, weil es sowohl für das entweder als auch für das oder Optionen in der Bewegung gibt. Diese Bruchlinien muss man aushalten, ohne gleich „Spaaaltung“ zu schreien, denn unterschiedliche Richtungen, Ansätze und Veränderungen in eigenen Positionen sind eigentlich schon allein deshalb logisch und erwartbar, weil wir keine vorgegebene enge Kollapsdefinition haben und weil Kollaps für jede:n anders aussehen und zu unterschiedlichen Zeitpunkten eintreten kann.
Ich ganz persönlich habe verstärkt in den letzten Tagen – im Zuge der Diskussionen um ICE-Terror und -Morde und die Reaktionen darauf, beim quälenden Warten und bangen Blicken nach Budapest zu Maja, bei einer sehr schockierenden Reaktion einer vermeintlich kollapsbewussten Person auf die Nachricht über die Streichung von Zuschüssen für HIV-Medikamente, bei dem, was die Aufrufe, Rojava zu VERTEIDIGEN und dorthin aufzubrechen mit mir machen – bemerkt, dass es einen Unterschied gibt zwischen sich betroffen fühlen und betroffen sein und das dieser Unterschied oft ausschlaggebend dafür ist, auf welcher Seite der Bruchlinie man sich positioniert. Ich BIN betroffen vom ICE-Terror, auch wenn ich keine BIPoC-Person bin und nicht in Minneapolis lebe, weil ich weiß, dass wir hier nicht in Sicherheit vor solchen Zuständen sind und weil sich dann Menschen (inkl. mir selbst), mit denen ich heute noch Tagebaue blockiere und Wälder besetze, auch eine Kugel einfangen könnten. Ich BIN betroffen von dem, was in Rojava passiert, weil Rojava für etwas Größeres steht. Ich BIN betroffen vom Prozess gegen Maja, weil ich die Familie kenne, weil ich mit Maja in Kontakt bin, weil ich non-binär und ANTIFA bin. Ich BIN betroffen, wenn Medikamente nicht mehr für alle zur Verfügung stehen, auch wenn ich sie nicht benötige, weil Freund:innen deswegen Angst haben. Ich BIN betroffen, weil ich Gruppen zugeordnet werde, die bereits realen Angriffen jenseits von Marginalisierung und deren Konsequenzen ausgesetzt sind. Ich BIN betroffen, weil auch ich angegriffen werde und weil Freund:innen, Familie und Genoss:innen angegriffen werden. Ich fühle mich nicht betroffen, während mir Privilegien, Gruppenzuweisungen und Fähigkeiten, sich (auch mental und emotional) abzugrenzen noch die Option geben, nicht betroffen zu sein. Ich BIN betroffen, deshalb steige ich ein in unsere politische Wette, deshalb möchte ich in bestimmten Bereichen handlungsfähig werden und Strukturen schaffen, die das in anderen sind. Auch deshalb forciere ich bestimmte Bruchlinien. Die helfen im Notfall nämlich zu wissen, wer welche Hilfe benötigt und wer diese leisten kann. Es ist dabei vollkommen nachvollziehbar und in Ordnung, dass nicht jede:r diese Betroffenheit teilt. Wer nicht queer ist, sieht Angriffe auf queere Personen als etwas Furchtbares, aber nicht als Angriffe auf sich selbst und daraus ergeben sich in logischer Konsequenz auch andere Reaktionen und Positionen.
Unser Camp für dieses Jahr ist das Camp für Menschen, die betroffen sind. Es ist keine Abwertung und Ausgrenzung anderer, sondern der Versuch einer Selbstermächtigung aus unserer eigenen Situation heraus und ich freue mich darauf zu erleben, wie wir diese Woche gemeinsam angehen und nutzen werden, wie es sich anfühlt, für sich selbst und die eigene Community etwas zu tun, um unsere Lage selbst zu verändern. Ein wesentlicher Punkt, wenn es darum geht, gemeinsam mit Verbündeten etwas zu schaffen, ist meiner Meinung nach die Notwendigkeit zunächst Klarheit zu bekommen, wo und wofür es Verbündete mit welchem Wissen und Fähigkeiten braucht, wo stoßen wir selbst an Grenzen, an denen Unterstützer:innen ansetzen können. So lassen sich funktionierende Netzwerke aufbauen. Das KollapsLARP-Szenario-Trainingslager-Übungscamp ist Ende September unser Angebot an euch, die ihr betroffen seid.
Für alle eure Fragen, Namensvorschläge 😉 und wenn ihr/eure Gruppe Interesse habt, dabei zu sein, meldet euch gerne unter scully@systemausfall.org (Öffnet in neuem Fenster). Wir sind jetzt im Arbeitsmodus und in den nächsten Wochen und Monaten wird es immer wieder Texte rund um das LARP-Szenario-Trainingslager-Übungscamp geben und irgendwann hat das Ding auch einen Namen, versprochen.