Zum Hauptinhalt springen

Ihr wolltet sie, ihr kriegt sie!

Liebe Community,

auf Instagram habe ich euch kürzlich gefragt, über welche von zwölf Vorkämpferinnen ihr gern ein Kurzporträt lesen wollt. Das Ergebnis: Clara Zetkin. Nun denn, lasst uns über die Galionsfigur der sozialistischen Frauenbewegung reden - und über die Frage, wie man gleichzeitig eine Person würdigen und den Personenkult um sie hinterfragen kann.

Außerdem in diesem Newsletter:

  • Lesetermine für Die Vorkämpferinnen und

  • Podcast-Tipps zum Tag der lesbischen Sichtbarkeit.

Erst Sozialistin, dann Frauenrechtlerin?
Clara Zetkin (1857-1933)

Ich gebe zu, um Clara Zetkin drücke ich mich immer ein bisschen herum. Ich finde sie hochspannend, und sie war extrem wichtig. Sie war maßgeblich daran beteiligt, die sozialistische bzw. sozialdemokratische Bewegung auf das Frauenwahlrecht einzuschwören - und das war angesichts der Tatsache, dass ein sozialdemokratisches Gremium das Frauenwahlrecht letztlich in Deutschland einführte, bei weitem nicht nur eine Sache von parteipolitischer Bedeutung. Gleichzeitig wird um sie ein Kult betrieben wie um kaum eine andere Frauenrechtlerin - zulasten vieler anderer Feministinnen auch innerhalb des sozialistischen Lagers und natürlich immer wieder auch in Abgrenzung zu bürgerlichen Frauenrechtlerinnen.

Nun ist es immer so eine Sache, an einem Heldinnenmythos zu kratzen. Ich will Clara Zetkin ja nicht von einem Sockel stoßen, auf den sie sich selbst nie gestellt hat. Es würde ihr auch nicht gerecht, wenn ich ins Gegenteil verfiele - denn wie gesagt: Ihre Verdienste sind unbestritten. Wenn wir also hie und da eine Nuance hinzufügen oder ein Narrativ korrigieren, so dürfen wir nicht vergessen: Sie war immer noch die Frau, die 1889 mit großem Erfolg die „Frauenfrage“ auf die sozialistische Agenda setzte. Und nicht nur das.

Clara Zetkin: Eine bürgerliche Frau wechselt das Lager

Clara Zetkin wurde 1857 als Clara Eißner in eine bürgerliche Familie hineingeboren. Sie wuchs in Leipzig auf, wo sie eine Ausbildung zur Fremdsprachenlehrerin machte.

Nach dem Schulabschluss lernte sie den russischen Sozialisten Ossip Zetkin kennen, der in Leipzig lebte. Durch ihn kam sie in Kontakt mit sozialistischen Ideen. Den Eltern missfiel es, aber Clara scherte das nicht: Als Ossip im Zuge der „Sozialistengesetze“ 1878 aus Deutschland ausgewiesen wurde, folgte sie ihm nach Paris, wo sie seinen Namen annahm und mit ihm zwei Kinder bekam.

Ossip starb 1889. Im gleichen Jahr hatte Clara ihren ersten Auftritt auf großer Bühne: In Paris hielt sie die erste frauenpolitische Rede, die je auf einem Internationalen Sozialistenkongress gehalten wurde. Und sie nutzte ihre Chance: Es wurde ein fulminanter Auftritt, in dem sie den Männern ins Stammbuch schrieb, dass die Frauen gern an der Befreiung der Arbeiterklasse mitwirkten - aber nicht als selbstlosen Liebesdienst, sondern mit der klaren Erwartung, ihren gerechten Anteil an den Früchten dieser Befreiung zu haben.

Gleichzeitig gab sie die Losung aus, dass die Befreiung der Frau nur innerhalb der sozialistischen Bewegung denkbar sei. Im Kapitalismus, so ihre Überzeugung, könne eine Frau nie wirklich frei sein - also galt es, konsequent an der Seite der Männer der Arbeiterklasse zu kämpfen. Mit bürgerlichen Frauen konnte es dagegen für sie keine Zusammenarbeit geben - auch dort nicht, wo man vielleicht gleiche Ziele hatte. Die Debatten darum waren aufreibend und verschlangen auf allen Seiten viel Energie. (Ob sie heute immer noch sagen würde, dass linke Männer zwangsläufig die besseren Allies als bürgerliche Frauen sind … da würde ich allerdings mal ein Fragezeichen machen. 🤔)

Mit ihrer Überzeugung setzte sie auch gegen Kritikerinnen in der sozialistischen/sozialdemokratischen Frauenbewegung durch - die es durchaus gab: Lily Braun und Henriette Fürth beispielsweise waren anderer Meinung. Clara Zetkin führte diese Debatte scharf und offenbar nicht sonderlich demokratisch: In der von ihr verantworteten sozialistischen Frauenzeitschrift Die Gleichheit kamen die Kritikerinnen jedenfalls nach einigen anfänglichen Auseinandersetzungen nicht mehr zu Wort.

Clara Zetkin konnte in Konflikten hart sein, auch im Ton. Nicht zuletzt die bürgerlichen Frauen bekamen das zu spüren. Gleichzeitig trug genau diese Kompromisslosigkeit, die sie auch im eigenen Lager zu zeigen gewillt war, durchaus Früchte: Schon 1891 nahm die SPD bei einem Parteitag die Forderung nach dem Frauenwahlrecht in ihr Programm auf.

Zerwürfnisse und Konflikte

Die Sache mit dem Internationalen Frauentag überspringen wir hier einmal. Was es damit (und mit der Behauptung, Clara Zetkin sei seine Initiatorin) auf sich hat, habe ich euch im Podcast (Öffnet in neuem Fenster) und in einem früheren Newsletter schon erzählt.

Weniger bekannt ist vielleicht, dass Clara Zetkin auch maßgeblich daran beteiligt war, dass sich 25 sozialistische Frauen aus mehreren Ländern im März 1915 in der Schweiz zu einem Pazifistinnenkongress trafen. Die deutsche Sozialdemokratie verfolgte zu jener Zeit noch eine Politik des „Burgfriedens“ - sprich: man kritisierte die kaiserliche Kriegspolitik nicht offen -, weswegen es keine offizielle deutsche Delegation zu diesem Treffen gab. Clara Zetkin und einige Genossinnen fuhren also als Einzelpersonen - ohne den Segen der Partei.

Die unterschiedlichen Haltungen innerhalb der deutschen Sozialdemokratie zum Krieg führten in den folgenden Jahren zu erheblichen Zerwürfnissen: 1916 spaltete sich ein linker Flügel von der „Mehrheits“-SPD ab und nannte sich „Unabhängige Sozialdemokratische Partei“ - oder USPD. Von der USPD spaltete sich kurz später wiederum ein linker Flügel ab und gründete 1919 mit anderen Bündnissen gemeinsam die Kommunistische Partei. Dieser Partei schloss sich auch Clara Zetkin an.

Hoch gelobt und doch marginalisiert

In der KPD war es dann jedoch mehr oder weniger vorbei mit Clara Zetkins Einfluss. Zwar rühmte man sich, die prominente Vorkämpferin der sozialistischen Frauenbewegung in den eigenen Reihen zu haben, aber eine führende, prägende Rolle gestand man ihr nicht mehr zu.

Das mochte auch daran gelegen haben, dass Clara Zetkin in vielen Fragen nicht mit der offiziellen Parteilinie übereinstimmte. Stalin stand sie kritisch gegenüber, und sie weigerte sich, die Sozialdemokraten als „Faschisten“ zu bezeichnen (eine Gleichsetzung, die in der KPD ab den späten 1920er Jahren durchaus gängig war). So blieb sie eine Frau mit einem großen Namen, aber ihr Einfluss schwand. Zunehmend haderte sie damit, eine Balance zwischen Treue zur kommunistischen Sache und Kritik an der Partei zu finden.

1933 hielt sie als Alterspräsidentin des letzten frei gewählten Reichstags ihre letzte Rede - und die letzte Rede einer Frau überhaupt. Darin warnte sie eindringlich vor der drohenden nationalsozialistischen Diktatur - und entwarf gleichzeitig die Vorstellung eines „Sowjetdeutschlands“ (also einer kommunistischen Rätediktatur) als Gegenutopie.

Ob ihr dieser Satz von ihrer Partei in die Rede hineingeschrieben wurde? Entsprechende Vermutungen gibt es in der Forschung. Vielleicht war es auch ein mehr oder weniger freiwilliges Zugeständnis an die Partei; vielleicht war es tatsächliche Überzeugung. Oder eine Mischung aus allem.

Clara Zetkin starb wenige Monate später in der Nähe von Moskau. Ihr Andenken wurde insbesondere in der DDR stets hochgehalten - zumindest in Worten. Die Politik wurde trotzdem nahezu ausschließlich von alten, weißen Männern bestimmt.

Ob die Diskriminierung von Frauen also doch nicht am politischen System, sondern am Sexismus der Männer liegt? 🤔

***

Mehr zu Clara Zetkin und auch anderen (sozialistischen wie bürgerlichen) Frauenrechtlerinnen gibt es ab 29.4. auch im Buch. Übrigens: Falls ihr die Signieraktion bei Autorenwelt verpasst habt, aber trotzdem gern ein signiertes Exemplar hättet: Bei Dussmann gibt es noch welche! (Öffnet in neuem Fenster)

Die Vorkämpferinnen on Tour

Die Vorbereitungen für Lesungen laufen weiter auf vollen Touren. Hier schon mal die fest terminierten und buchbaren; weitere werden folgen.

Wenn ihr Interesse an einer Lesung in eurer Nähe habt, fragt doch einmal in einer örtlichen Buchhandlung oder Bibliothek nach - vielleicht lässt sich etwas arrangieren!

Am 26.4. ist Tag der lesbischen Sichtbarkeit

Alle Jahre wieder begehen wir Ende April den Tag der lesbischen Sichtbarkeit. Damit es auch ein Tag der lesbischen Hörbarkeit wird, habe ich euch zum Abschluss dieses Newsletters ein paar ausgewählte Podcast-Folgen der Frauen von damals mit lesbischen Protagonistinnen herausgesucht.

Alle Links gehen zu Spotify*; die Folgen sind aber auch auf Podcast Addict, Apple Podcast und anderen unabhängigen Plattformen verfügbar. Die Kooperation mit Deezer hat mein Host leider eingestellt.

*Ich arbeite nach wie vor an einer neutralen Hosting-Lösung, brauche dafür aber noch etwas Zeit!

Und jetzt wünsche ich euch ein schönes letztes Aprilwochenende, hoffentlich mit viel Sonnenschein!

Herzlich,

eure Bianca

0 Kommentare

Möchtest du den ersten Kommentar schreiben?
Werde Mitglied von Frauen von damals und starte die Unterhaltung.
Mitglied werden