Der Versuch einer Erklärung
Auf der Bühne steht ein älterer Herr mit teigigem Gesicht und fisteliger Stimme. Er spricht eine Stunde in mäandernden Aussagen, Selbstlobpreisungen, hunderten Lügen und vielen Fehlern. Er verwechselt sogar die Namen von Ländern. Immer wieder verliert er den Faden. Phasenweise stellt sich sogar der Eindruck ein, er weiß nicht so richtig, wo er sich befindet.
Dazu schreibt die führende Tageszeitung in Deutschland folgenden Teaser auf der Homepage:
„„Ich bitte nur um ein Stück Eis“ – US-Präsident Trum schwärmt im Weltwirtschaftsforum in Davos von Europa, um es dann heftig zu kritisieren. Er untermauert seinen Anspruch auf Grönland und erklärt seine Zollpolitik zum Auslöser für ein Wirtschaftswunder.“
Wie kann das passieren? Wie können Menschen, die so stolz darauf sind, dass sie die besten darin sind, Hintergründe zu recherchieren, Umstände zu analysieren und klar zu informieren solch einen Text zu diesem Ereignis verfassen?

Das Gefühl, dass die Medien “ihren Job” nicht machen, breitet sich aus. Bei mir. Aber auch bei anderen. Zum Teil ist es schwer zu ertragen, wie über eine zerbröselnde Weltordnung berichtet wird, als ob gerade ein üblicher Mittwochnachmittag sei. Und nun das Wetter.
Bei manchen Teilen der Medien geht es sehr wahrscheinlich um eine politische Agenda, die ganz konkret von den Eigentümer*innen gesteuert wird.
Aber diese Zeitung, die ich oben zitiere, gehört sehr sicher nicht dazu. Und das gilt auch für viele andere Medien.
Viele Journalist*innen sind extrem stolz auf ihren Beruf und nehmen ihn sehr ernst. Gerade wenn sie sich in den so genannten Leitmedien befinden. Es gibt großartige Journalist*innen und dem Konstrukt der Leitmedien haben die aktuellen Demokratien extrem viel zu verdanken.
Warum sie gerade so versagen, kann also nicht einfach daran liegen, dass sie alle eine sinistre Agenda verfolgen - auch sanftere Versionen solch eines Szenarios scheinen mir sehr unwahrscheinlich.
Ich glaube einer der wichtigsten Erklärungen für das, was da passiert, lässt sich mit „Es kann nicht sein, was nicht sein darf.“ überschreiben.
In Real Time kollabiert um uns die gesamte alte Ordnung. Donald Trumps Rede in Davos ist ein deutliches Zeichen dafür.
Für diese alte Ordnung gab es viele tragende Säulen. Die NATO, die Position der USA als (halbwegs) fürsorgliche Weltmacht gehörten dazu. Und auch die ernstzunehmenden Medien als Vermittelnde in dieser Welt. Vermittelnde zwischen politischen Akteuren und uns. Dem Volk mit Wahlauftrag.
Medien sind Teil dieser alten Ordnung. Und ihre Analysen haben sich immer in einem klar gesteckten Referenzrahmen bewegt.
Diesen Rahmen gibt es nicht mehr.
Und jetzt wissen die Medienschaffenden nicht mehr weiter.
Zu diesem Rahmen gehörte auch, dass man in gewisser Weise Spielchen mitspielte. Also Positionen als Nachrichten teilte, von denen alle Informierten wussten, dass das jetzt auch ein bisschen Theater war. Und die Nachricht gab man dann trotzdem als Information weite.
Alles Teil eines Theaters. Das aber nah an der Realität war. Und – so war das Abkommen – halbwegs gute Intentionen hatte. Und Regeln folgte, die man als „vernünftig“ interpretieren könnte. Realpolitik. Und dazu passend so etwas wie “Realmedien”. Ein bisschen Theater, grundsätzlich guter Wille.
Das schreibe ich jetzt so aus. Genau so ausgesprochen und gelehrt wird das in Redaktionen natürlich nicht. Aber das merkt man dann schon, wenn man in der Arbeit ist.
Eine von diesen halbbewussten Informationen, die es zwischen Menschen gibt.
Wenn wir Menschen Teil eines Systems werden – wie zum Beispiel einer Zeitungsredaktion – dann machen wir uns die Regeln dieses Systems zu eigen. Sonst können wir dort auf Dauer nicht überleben.
Alle, die mal eine toxische Beziehung, ein toxisches Elternhaus oder einen toxischen Arbeitsplatz verlassen haben, kennen dieses Gefühl. Man ist raus, dreht sich um, schaut zurück und denkt: WAS ZUR HÖLLE HAB ICH DA EIGENTLICH MITGEMACHT? Man kann sich kaum noch erklären, wie man das ausgehalten hat. Nicht gesehen hat. Nicht verstanden hat.
Wer im System steckt, der kann es nicht vollständig wahrnehmen. Vieles ist ein unausgesprochenes Miteinander nach bestimmten Regeln.
Was aber tun, wenn niemand je darüber spricht, alles läuft nach einer Vielzahl von Regeln – und dann gelten all diese Regeln auf einmal nicht mehr?
Wie sich auf neue Regeln einigen? Ad hoc schlicht nicht möglich. Es gibt noch nicht einmal einen Ablauf, nachdem man sich jetzt richten könnte. Es gibt kein Manual, das man dafür lesen kann.
Also macht man erstmal nach den alten Regeln weiter. Denn irgendwas muss man ja machen.
Das kann man immer wieder in kollabierenden Gemeinschaften sehen. Menschen halten an Ritualen fest, die für Außenstehende vollkommen sinnentleert sind.
Da macht zum Beispiel ein Vater jahrelang die Zimmer seiner Kinder sauber. Obwohl die längst aus dem Haus sind. Und kaum nach Hause kommen.
Im Geschichtsunterricht erinnere ich mich an ein Bild von einer Frau, die akribisch die Straße vor ihrem ausgebombten Haus fegt. Links und rechts von ihr die Trümmer. Der Wind zerrt an ihrem Haar.
So etwa fühlt sich jetzt einiges in unserer Welt an. Und die Medien (die “Guten”, denen es wirklich um etwas geht) haben - so wie ganz viele von uns, seien wir ehrlich - noch nicht ihren Platz gefunden.
Das hat auch damit zu tun, dass die Medien zu großen Teilen von weißen wohlhabenden Männern gemacht werden. Sie sind einfach nicht besonders geschult im Improvisieren und der Krisenbewältigung. Einer der unangenehmen Nebeneffekte von sehr vielen Privilegien.
Vermutlich trägt auch ein Verantwortungsgefühl zu dem aktuellen Medienverhalten bei. Auch wenn es – aus meiner Sicht – mittlerweile schädlich ist.
Es ist etwas anderes, wenn ich – oder auch ein wirkmächtigerer Account – etwas ins Internet schreibt, oder ob eine seit Jahrzehnten die öffentliche Meinung maßgeblich formende Zeitung titelt: DER US-PRÄSIDENT IST VERRÜCKT UND SENIL.
Stellen wir uns das mal kurz vor. (Abgesehen davon, dass dieser Titel zwei Ferndiagnosen enthält, was dem journalistischen Ethos widersprechen würde. Und der ist sehr wichtig und muss in alle Richtungen gelten.) Würden das alle Medienhäuser ungefähr so titeln – es würde für sehr viel Chaos sorgen. Für große Angst bei Menschen, die ihre Meinung stark von den Schlagzeilen formen lassen. Vielleicht auch für einen Börsencrash. Vielleicht auch zu Zöllen und Kriegsdrohungen aus den USA. (Man könnte die USA unter Trump vielleicht mit einem schwer toxischen Ehemann vergleichen. Man sollte sich gut überlegen, wann man ihn konfrontiert und wie. Sonst wird man vielleicht totgeschlagen.)
Zeitungen können tatsächlich nicht einfach schreiben, wie der verantwortliche Redakteur gerade so fühlt, oder auch wie die gesamte Redaktion sich gerade fühlt – und das ist auch wirklich gut so. Dafür gibt es ja extra Meinungsseiten und Hintergrundstücke - und dort finden auch die Stimmen statt, die wir uns wünschen. (Wenn auch erschütternd wenig aus meiner Sicht. Aber dennoch.)
Und da sind wir eben wieder beim obigen Punkt. Die Regeln, die das gefasst haben, wie sich ein Nachrichtenjournalist zu verhalten hat – die funktionieren einfach nicht mehr.
Und es gibt keine anderen Regeln. Keinen Plan B.
Was nun?
Ich weiß es auch nicht.
Weiter so wird auf Dauer nicht funktionieren.
In den Medien arbeiten zum Teil sehr sehr kluge Menschen und ich glaube ganz fest, dass vielen Journalist*innen wirklich viel an unserer Demokratie liegt, an einer lebenswerten Welt und an der Bedeutung ihres Berufs. Ich hoffe einfach, sie kommen aus genau diesen Gründen schnell zu Lösungen.
Liebe Journalist*innen, wir brauchen euch. XOXO