Von Hasnain Kazim - Taxiteller / Füller / Textperle / Böhnchen in Stade
Liebe Leserin, lieber Leser,
haben Journalisten Macht? Autoren? Schriftsteller? Reicht die Kraft der Worte aus, um Gedanken zu verändern, Welten zu erschaffen und am Ende sogar Wirklichkeit zu formen? Man hört das bisweilen, aber ich bin mir nicht sicher, ob „Macht“ hier das treffende Wort ist.
Natürlich gibt es Recherchen, die in Texte münden, nach denen Regierungen stürzen, Manager ihre Posten verlieren oder Menschen vor Gericht stehen. Doch letztlich tragen jene, um die es in solchen Texten geht, selbst die Verantwortung für das, was aus ihrem Handeln und Reden folgt.
Und doch: Schreiber nehmen Einfluss auf ihr Schicksal. Sie graben Kritikwürdiges aus, legen es frei, heben es auf die Bühne und erzeugen auf diese Weise Druck. „Einfluss nehmen“ erscheint mir deshalb als der passendere Ausdruck als „Macht ausüben“. Wer schreibt, hat in der Regel kein Mandat; er spricht kein Recht und setzt es auch nicht durch.
Vielleicht ist das jetzt aber auch nur Haarspalterei. Natürlich gibt es kraftvolle – vielleicht sogar doch machtvolle? – Texte, die uns prägen. Es gibt Bücher, darunter keineswegs nur Sachbücher, die meine Sicht auf die Welt verändert haben. Manche begleiten einen ein Leben lang, nicht nur in der Jugend. Manche vermitteln ein Lebensgefühl, einen Sound, von dem man fortan glaubt, ihn selbst erfahren zu haben. Durch Lektüre können wir Dinge erleben, die uns in der Wirklichkeit nie begegnen würden – leider oder auch zum Glück.
Ich gebe zu: Es freut mich, wenn ein Text von mir etwas bewirkt. Und sei es nur etwas Kleines.
Mein geschätzter Kollege Nils Minkmar ist ein Feingeist. Wir kennen uns noch aus unserer gemeinsamen Zeit beim „Spiegel“. Seit einiger Zeit macht er den äußerst hörenswerten Podcast „Was bisher geschah“, den ich Ihnen sehr ans Herz lege. (Öffnet in neuem Fenster) Gemeinsam mit dem Geschichtsjournalisten Joachim Telgenbüscher geht er damit auch auf Tour und steht auf der Bühne. Kürzlich waren sie im Ruhrgebiet, und vergangene Woche schickte Nils mir dieses Bild und schrieb dazu: „Mein erster TT! Gruß aus Bochum.“

„TT“ steht für: Taxiteller. Gyros, natürlich mit Zaziki und Zwiebeln, dazu Currywurst und Pommes. In meinem Buch „Deutschlandtour“ (Öffnet in neuem Fenster) habe ich darüber geschrieben:
Nach einer Lesung in Essen jedenfalls bekam ich einmal: Taxiteller. Das ist: Currywurst mit Pommes PLUS Gyros und Zaziki. Das Beste aus zwei Welten! Sagenhaft! Taxiteller! Im Internet finden sich Beiträge, die diese Spezialität beurteilen – es reicht von „Widerlich!“ bis „Superklasse!“ – und ihre Entstehung erklären. Demnach suchte ein Taxifahrer nach Schichtende einen Imbiss auf und bestellte Gyros. Das Fleisch reichte aber nicht mehr aus, und so wurde die Portion mit Currywurst und Pommes aufgestockt – der Taxiteller war geboren! Ich lese aber auch einen Text im Netz, wonach Leute in einem Grillimbiss in Bochum Currywurst mit Pommes bestellten, aber weil es so gut nach Gyros roch, auch sagten: „Mach mir doch ein bisschen Gyros dabei!“ Dieser Imbiss soll das Gericht aber „Mantagyros“ oder, kurz: „MG-Teller“ genannt haben. Wir werden am Ende nicht herausfinden, woher der Taxiteller wirklich rührt. Ich jedenfalls finde ihn: hervorragend!
Mit diesem Buch habe ich keine Regierung gestürzt, ich habe die Welt nicht erschüttert, kein politisches Beben ausgelöst – aber ich habe es geschafft, dass der Feinschmecker Nils Minkmar einen Taxiteller bestellt! „TT war sehr lecker“, schreibt er mir später noch (und beim Wort „lecker“ falle ich als Wahl-Wiener kurzzeitig in Ohnmacht, aber das ist ein anderes Thema). „Fusionküche. Hätte ich ohne dein Buch nie bestellt.“
Okay, ich habe Macht!
Das schönste Geschenk…
… ist das, das von Herzen kommt. Nils’ Taxiteller-Foto ist solch ein Geschenk. Ich freue mich über so etwas.
Kürzlich schrieb mir der Fernsehmoderator, Journalist und Künstler Michel Abdollahi und fragte nach meiner Adresse. Er wolle mir etwas schicken, kündigte er an. Ich nahm an, es handle sich um ein Buch, vielleicht um sein im September 2025 erschienenes Werk mit dem Titel Es ist unser Land (Öffnet in neuem Fenster). Also schickte ich ihm meine Postanschrift und vergaß die Angelegenheit wieder.
Einige Wochen später kehrte ich von einer Reise zurück und fand ein Packerl von Michel vor. Wie ein Buch fühlte es sich nicht an. Ich öffnete es und entdeckte zunächst eine Karte, in der er mir schrieb, dass er den beiliegenden Füller vor zehn Jahren gekauft habe. All die Zeit habe er sich vorgenommen, mit ihm zu schreiben, doch immer wieder zum nächstbesten verfügbaren Stift gegriffen. Nun wünsche er sich, dass dieser Füller ein Zuhause bei einem Menschen finde, der ihn zu schätzen und zu nutzen wisse.
Michel hatte im März 2026 meine Buchpremiere von „Der Islam und ich“ im Berliner Pfefferbergtheater moderiert, beziehungsweise: Wir führten dort ein gemeinsames Bühnengespräch. An jenem Abend erzählte ich ihm von meiner Leidenschaft für Schreibgeräte, insbesondere für Füllhalter. Im weiteren Verlauf sprachen wir auch über das gute Leben: darüber, was ein Mensch eigentlich braucht und wie vieles von dem, was wir besitzen, wir in Wahrheit gar nicht benötigen.
Ich öffnete das Holzetui, das sich in dem Paket befand, und hielt diesen wunderschönen Stift in den Händen. Ich befüllte den Füller mit meiner derzeitigen Lieblingstinte und schrieb ihm sogleich damit zurück:

Welch ein schönes Geschenk! Und wie rührend, dass er bei diesem Stift an mich gedacht hat. Ich weiß, dass dieser Füller kostspielig ist. Doch für mich ist er weit mehr als das: Er ist kostbar. Weil ich zu schätzen weiß, dass Michel sich die Mühe gemacht hat, für ihn ein gutes Zuhause zu suchen. Das hat er nun bei mir, und jedes Mal, wenn ich mit ihm schreiben werde, werde ich daran denken, wie ich ihn erhalten habe.
Ich habe mir vorgenommen, auch einmal die Dinge durchzugehen, die ich zwar gerne besitze, aber die vielleicht anderswo ein besseres Zuhause finden könnten.
Und noch ein Geschenk
Es kommt vor, dass mir nach Lesungen kleine Geschenke zugesteckt werden. Aufmerksamkeiten von Leserinnen und Lesern, von Zuhörern. Mehr als einmal waren darunter Mettbrötchen. Nun ist das, bei aller Sympathie für dieses Lebensmittel, ein durchaus heikles Unterfangen ob der Verderblichkeit dieses Geschenkes. Ich weiß diese Geste sehr zu schätzen, allein, ich esse nach Lesungen keine Mettbrötchen, die mir mitgebracht werden.
Manchmal sind die Geschenke auch für Frau Dr. Bohne bestimmt: Spielzeug, Leckerlis, auch einmal ein Kauknochen. Dinge, die auf langen Zugfahrten, wenn das Bordbistro mal wieder geschlossen bleibt, bisweilen auch mir zugutekommen.
In Berlin reichte mir eine Frau einen Umschlag. „Für Hasnain Kazim und Frau Dr. Bohne“, stand darauf. Ich hielt ihn für einen etwas umfangreicheren Brief. „Lesen Sie’s später, in Ruhe“, sagte sie. Ich bedankte mich und steckte den Umschlag ein.
Später, im Zug, fand ich die Muße, ihn zu öffnen. Darin: ein Heft, ein schmales Büchlein. Die Hunde der Rutschkys oder: Vom Kuddelmuddel des Lebens. Autorin: Ulrike Schlue. Eine Widmung wie auf dem Umschlag: „Für Hasnain Kazim und Frau Dr. Bohne“. Fünfundvierzig Seiten, dazu Zeichnungen von Barbara Wrede. Ein Eigendruck, Selbstverlag.

Was mochte das sein? Der Name Rutschky kam mir bekannt vor: Katharina und Michael Rutschky, das Intellektuellenpaar. Und ich erinnerte mich dunkel daran, dass seine Tagebücher post mortem erschienen waren – und dass sie, sagen wir: nicht frei von Bosheit gegenüber engen Freunden gewesen sein sollen, die daraufhin entsprechend entsetzt, enttäuscht, verletzt reagierten.
Der Text nahm mich gefangen. Es geht um eben dieses Paar und um ihren Hund Quarto, beziehungsweise Quattro, der seit dem Tod der Rutschkys bei Frau Schlue lebt. Ein kurzer Text und doch einer, in dem es um alles geht: um den Sinn des Lebens, ach, das Leben! – aber auch um Freundschaft, Tod, Liebe, Verrat, Metamorphosen. Um Hunde, ja, vor allem um Hunde. Und ein wenig auch um Kinder, wobei jener wunderbare Satz fällt, „dass Kinder keine Hunde ersetzen können“.
Dieser Text ist eine Perle. Er hat mich weit über die Dauer der Zugfahrt hinaus beschäftigt. Ich hoffe sehr, dass er bald größere Verbreitung findet, eine Form annimmt, in der auch Sie ihn lesen können. Und ich werde Frau Schlue, die mir diesen Umschlag überreicht hat, demnächst schreiben.
Vergangene Woche habe ich an dieser Stelle ein Bücherpaket zur Verlosung angekündigt, und zwar für alle Mitglieder und Neumitglieder. Die Gewinnerin oder den Gewinner werde ich in der kommenden Woche informieren und, sofern ein Einverständnis vorliegt, hier bekannt geben.
Frau Dr. Bohne und ich sind in meiner Heimatstadt Stade. Für Böhnchen ist es der erste Besuch in Norddeutschland, und nach der langen Zugreise war sie ziemlich erschöpft.
Eigentlich wollten wir an dieser Stelle noch unsere Gedanken zum Thema Freiheit, zu Wolfram Weimer, zur Meinungsfreiheit, zur Cancel Culture an Universitäten und zum Tabakverkaufsverbot in England zu Papier bringen, aber vielleicht holen wir das ein anderes Mal nach. Jetzt gehen wir doch lieber erst einmal eine Extrarunde spazieren, um Stade zu erkunden.

Ich wünsche Ihnen einen schönen Sonntag und eine erbauliche Woche!
Herzliche Grüße aus Stade,
Ihr Hasnain Kazim
P. S.: Wenn Sie mir ermöglichen möchten, weiterhin Zeit für das Schreiben der „Erbaulichen Unterredungen“ freizuhalten, können Sie das tun, indem Sie Mitglied werden. Das geht hier: