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In welcher Zeit war ich eigentlich am glücklichsten?

Neulich las ich einen Artikel, der die Frage stellte, wann man eigentlich am glücklichsten gewesen ist. Obwohl ich meine Antwort sofort kannte, dachte ich kurz nach, ob das wirklich stimmen konnte. War es nicht die Kindheit, als ich mit meinem Bruder und den Jungs aus der Nachbarschaft auf dem Bolzplatz stand, Schmetterlingen nachjagte und auf Bäume kletterte? Oder meine Jugend, in der ich jeden Tag von meinen besten Freunden umgeben war, unendlichen Spaß hatte und das Leben kennenlernte? Oder die Studienzeit, als ich frei war wie nie? Oder, nach Jahren an der Uni endlich der Eintritt ins Berufsleben, mit verantwortungsvollen Aufgaben, selbst verdientem Geld und meinem Namen auf Seite 1 der Zeitung, die ich früher ausgetragen hatte? Nein, muss es nicht die Zeit meiner Familiengründung gewesen sein, als meine Tochter auf die Welt kam und ich heiratete?

Glück ist ein flüchtiger Zustand, es kommt und geht. Wann ich am glücklichsten war, kann ich nicht beantworten. Zu jeder Zeit, mal mehr und mal weniger. Ich würde die Frage anders stellen. Wann war ich am nächsten an dem Leben, das mir entspricht? Wann war ich am nächsten an dem Menschen, der ich bin? Wann war ich am nächsten an den Menschen, bei denen ich mich aufgehoben fühlte? Wann achtete ich am besten auf mich, gab meinen Bedürfnissen genügend Raum und war am besten in der Lage, sie zu erfüllen? Wann habe ich mich am sichersten gefühlt, in meinem Leben und in mir selbst? Wann war ich am mutigsten und am ehrlichsten zu mir selbst? Wann hatte ich den stärksten Einfluss auf mein eigenes Leben? Wann war ich nicht nur auf dem Weg, oder auf der Flucht, sondern angekommen und voll und ganz da? Nein, ich habe keinen Zweifel, dass diese Zeit jetzt ist.

Ich beschäftige mich gern mit Vergangenem, weil ich daraus lernen kann, warum ich geworden bin, wer ich bin. Und warum die Welt ist, wie sie ist. Weil es den Punkt, an dem ich stehe, in Relation setzt. Aber ich lebe in der Gegenwart. Die Vergangenheit ist für mich kein Ort, an den ich zurückkehren möchte, weder meine eigene noch die der Welt.

Viele Menschen scheinen das anders zu sehen. Sie sehnen sich zurück nach einer verlorenen Zeit, die noch in Ordnung war. Die normal war. In der man noch sagen konnte, was man wollte. In der man sich nicht dafür rechtfertigen musste, was man aß und trank und wie man heizte. In der man nicht ständig Rücksicht auf Befindlichkeiten nehmen musste – außer natürlich, man gehörte zu jenen Gruppen, auf die selten Rücksicht genommen wurde.

Ein Glück, dass ich nicht in dieser Welt leben muss, die es nie gegeben hat, und ehrlich genug zu mir selbst bin, um zu erkennen, dass das Leben und die Zeit nur eine Richtung kennen.

Foto: Artin Bakhan

Der bulgarische Schriftsteller Georgi Gospodinov schreibt: “Die Vergangenheit unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der Gegenwart – sie fließt nie in eine Richtung.” Während die Gegenwart linear auf eine imaginierte Zukunft zustrebt, ist die Vergangenheit ein abgeschlossener Raum. In seinem Roman Zeitzuflucht, der 2023 mit dem International Booker Prize ausgezeichnet wurde, stellt Gospodinov diese Ordnung in Frage.

Zeitzuflucht hat bei mir viele Überlegungen angestoßen, oder vertieft, die mich seit Langem beschäftigen. Fragen nach Verlusten, nach Zukunft, nach dem Neubeginn, der doch unweigerlich auf die Zeitenwende folgen muss, von der die ganze Zeit gesprochen wird. Aber niemand spricht von einem Zeitenanfang. Wie sieht dieser Anfang aus? Was geschieht mit unserer Vorstellung von Zeit, wenn sich die Zukunft verschließt? Wie können wir in der Gegenwart noch Sicherheit und Heimat finden?

Einige dieser Fragen habe ich bereits in früheren Ausgaben angerissen. In der heutigen Ausgabe, einem Essay über Verluste und ein neues Zeitbewusstsein, versuche ich ihnen tiefer auf den Grund zu gehen. Zeitzuflucht, der Roman, ist der Ausgangspunkt; Zeitzuflucht, als Ort, das Ziel meiner Suche.

In welcher Zeit finden wir noch Zuflucht?

Im Zentrum von Gospodinovs Roman stehen die sogenannten Kliniken für die Vergangenheit, die der rätselhafte Protagonist Gaustín ins Leben ruft – ein Zeitreisender des Geistes, der zwischen den Jahrzehnten wechselt und verschiedene Gestalten und Berufe annimmt, zum Beispiel den des Alterspsychiaters. Gaustín errichtet seine Kliniken ursprünglich für Demenzkranke, die in der Vergangenheit eine therapeutische Zuflucht finden sollen. “Für sie ist nicht die Vergangenheit, sondern die Gegenwart ein fremdes Land, die Vergangenheit ist ihre Heimat”, erklärt er.

In den Einrichtungen werden die Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts detailgetreu rekonstruiert, sodass die Bewohner*innen in einer Welt leben können, die ihrer eigenen Erinnerung entspricht. Tapeten, Sofas, Stühle, Platten und Poster entsprechen dem gewählten Jahrzehnt. Die Seifen riechen wie damals, Limos schmecken wie damals, und ihre Verpackungen sind stilecht. Die Zeitungen lässt Gaustín Tag für Tag nachdrucken. Nichts darf die Illusion durchbrechen.

Und der Plan funktioniert. Die Menschen blühen auf, nachdem sie sich längst vom Leben abgewandt hatten. Sie beginnen zu reden, hören die Beatles, essen Kekse und liegen in Sakko und Schuhen auf dem Bett des Kinderzimmers, als wären sie in ihren achtjährigen Körper zurückgekehrt.

“Der Mensch ist die einzige Zeitmaschine, über die wir verfügen”, heißt es im Roman. Und weil es eben bis heute keine Wurmlöcher und magischen Sanduhren gibt, mit denen wir zurückreisen könnten, bedient sich Gospodinov einer Illusion, die im Fortgang des Romans immer mehr Menschen anzieht. Der in einer krisenhaften Gegenwart lebende Mensch, der vor einer noch ungewisseren Zukunft steht, ist dazu fähig, sich an frühere Zeiten zu erinnern und sie emotional erneut zu durchleben. Dabei stellt er fest, dass er seine einzige Zeitzuflucht in der eigenen Vergangenheit finden kann.

Was als medizinisches Projekt beginnt, entwickelt sich bald zu einer gesellschaftlichen Bewegung. Die Demenzkranken sind nur die Vorboten.

“Dieser Strom von Menschen ohne Gedächtnis heute ist alles andere als Zufall … Sie sind hier, um uns etwas zu sagen. Und glaub mir, eines Tages, in naher Zukunft, werden viele beginnen, allein in die Vergangenheit hinabzusteigen, aus freiem Willen ihr Gedächtnis zu ‘verlieren’. Es kommt eine Zeit, in der immer mehr von ihnen sich in ihrer Höhle verstecken werden wollen, zurückkehren werden wollen. Und nicht, weil es ihnen so gut geht, übrigens.”

Titelbild: Dimitar Donovski

Die Idee der Zeitschutzräume breitet sich aus. “Wir werden wohl alle Jahrzehnte vorrätig halten müssen”, stellt Gaustín fest. Die Vergangenheit wuchere wie Unkraut. Zunächst kommen Angehörige der Patient*innen in die Klinik, dann weitere, gesunde Einzelpersonen, die in konkreten Jahren leben möchten und “die sich in der Jetztzeit nicht zu Hause fühlen”. Das Recht auf Vergangenheit sollte für alle gelten, findet Gaustín.

So beginnen ganze Nationen damit, in kollektiver Erinnerung Zuflucht zu suchen. Per Referendum entscheiden sie sich für eine frühere Epoche als neues Gesellschaftsmodell. Überall schießen Kliniken und Hotels für Vergangenheit aus dem Boden. Und zunehmend wird Nostalgie von einem individuellen Bedürfnis zu einer politischen Kraft.

Was bleibt von der Zukunft, wenn niemand mehr darin leben will? Gospodinovs utopische Idee der Zeitzufluchtskliniken, die sich bald als Dystopie herausstellt, ist keineswegs aus der Luft gegriffen. Sie spiegelt eine weitverbreitete Wahrnehmung wider, die unsere Gegenwart und Zukunft betrifft.

Sorgenvolle Blicke in die Zukunft

Im Jahr 2021 ergab die Zukunftsstudie des Rheingold Instituts (Öffnet in neuem Fenster), dass zwei Drittel der Menschen in Deutschland ängstlich in die Zukunft blicken. Die Bevölkerung sei durch die Allgegenwart schwerer Krisen verunsichert, das Vertrauen in die Zukunft fundamental erschüttert, heißt es in der Studie. Die Mehrheit begegnet gesellschaftlichen Herausforderungen und anstehenden Umbrüchen mit einer resignativen Grundhaltung. “Sie glaubt nicht daran, dass die großen Probleme unserer Zeit gelöst werden können.”

Zu einem ähnlichen Ergebnis kommt eine Untersuchung der Universität Bonn. (Öffnet in neuem Fenster) Dem Bericht zufolge blicken 84% der Deutschen pessimistisch in die Zukunft. Die Studie zeigt, dass es sich nicht nur um den Ausdruck einer aktuellen Stimmungslage handelt. Vielmehr verfestigen sich negative Zukunftserwartungen. In der Bonner Studie wurde die Frage, ob es künftigen Generationen in Deutschland besser oder schlechter gehen werde als heute, deutlich pessimistischer beantwortet als einige Jahre zuvor.

Nur noch 16% glauben, dass es künftigen Generationen, also ihren Kindern und Enkeln, besser gehen wird. Auch Studien aus anderen Ländern belegen, dass Menschen der Zukunft ihrer Gesellschaft pessimistisch entgegensehen und dass sich dieser Eindruck zunehmend verfestigt. Eine US-Studie zeigt, (Öffnet in neuem Fenster) dass sich dadurch auch der Blick auf die Vergangenheit verändert: Sie erscheint in einem besseren Licht.

Es sieht ganz danach aus, dass die überwiegende Mehrheit den Glauben an eine gute, lebenswerte Zukunft verloren hat. Das, was wir bisher unter Zukunft verstanden haben, wurde von ganz wesentlichen Vorstellungen getragen: Grundsätzlich ist die Zukunft offen, ein noch nicht festgelegter Raum. Doch Zukunft verspricht Fortschritt, und wir können sie gestalten. Während die Vergangenheit vergangen ist und wir in einer gegenwärtigen Welt leben, die unsere Vorfahren geschaffen haben, können wir beeinflussen, wie sich diese Welt verändern und zum Besseren wenden soll – für uns selbst und künftige Generationen. Das Leben fließt nur in eine Richtung: nach vorn. Die Zukunft liegt in unseren Händen. Oder?

“Sobald wir das Gefühl haben, dass eine Zukunft außerhalb unseres Einflussbereiches liegt, ist sie nicht mehr der Möglichkeitsraum, den wir gestalten, sondern etwas, dem wir hilflos ausgeliefert sind”, schreibt die Politikwissenschaftlerin und NATO-Militärstrategin Florence Gaub in ihrem Buch Zukunft. Eine Bedienungsanleitung.

Und der Politikwissenschaftler und Zeitforscher Jürgen P. Rinderspacher hält fest: “Es geht nicht mehr um Verbesserung, sondern lediglich noch um die Abwehr von Verschlechterung, von vorausberechneten und teilweise schon heute spürbaren Katastrophen. Politisches Engagement junger Leute heute für die Zukunft bedeutet Krisenmanagement.”

Krisenmanagement, das klingt nicht nach vielversprechenden Zukunftsplänen. Wer nur noch Katastrophen abwendet, gestaltet nicht. Darauf weisen auch die Klimaaktivist*innen der Letzten Generation hin: Nach Kriegen oder einzelnen Naturkatastrophen hätten Städte und Infrastruktur wieder aufgebaut werden können, sagt Aktivist Christian Bergemann. “Wenn die Katastrophen aber alle paar Jahre kommen, werden ganze Regionen unbewohnbar.” Wir stünden an einem einzigartigen Zeitpunkt der Menschheitsgeschichte, weil sich unser Planet von den Schäden, die wir gerade anrichteten, nicht in absehbarer Zeit erholen könne.

Ein einzigartiger Zeitpunkt in der Menschheitsgeschichte. Das ist sicher nicht übertrieben. Vielen Menschen wird bewusst, dass es um nicht weniger als alles geht: ihre Lebensgrundlage. Und dass sie einer Macht gegenüberstehen, die sie nicht kontrollieren können. Es besteht keine Chance, mit der Natur darüber zu verhandeln, wie stark sich die Erde aufheizt, wann bestimmte Kipppunkte erreicht werden, wann und wo sich die nächste Naturkatastrophe ereignen wird. Es bleibt auch keine Zeit mehr zu hoffen, dass die Klimakatastrophe ausbleibt oder nicht ganz so dramatisch verläuft. “Die Welt wird so gewiss schlechter, wie mein Haar ergrauen wird, und die Zukunft ist etwas, das wir einfach hinter uns bringen müssen”, schreibt die US-amerikanische Künstlerin und Schriftstellerin Jenny Odell in ihrem Buch Zeit finden und bezeichnet diese Sichtweise als Klimanihilismus.

Foto: Nathan Anderson


Kollektive Verluste

Eine solche Sicht ist ermüdend, denn von ihr bleibt wenig mehr als Resignation, Stillstand und Depression. Doch einfach darüber hinwegzugehen und an die Fähigkeit zu Hoffnung und Optimismus zu appellieren, bringt uns ebenso wenig weiter. Schließlich gibt es berechtigte Zweifel daran, dass es unseren Kindern einmal besser gehen wird. Es sind nicht nur schlechte Stimmung und ein allgemeiner Hang zum Pessimismus, die Menschen so desillusioniert nach vorn blicken lassen.

Angesichts der jüngsten Erfahrungen und der noch bestehenden Gefahren von Pandemie, Klimawandel, Krieg, Wohlstandsverlust und gesellschaftlichen Konflikten, erscheinen Aufrufe zu positivem Denken und die Erinnerung, dass ja durchaus auch gute Dinge geschehen, wie eine Missachtung der eigenen Gefühle. Sicher gibt es Good News und wertvolle soziale und technische Fortschritte. Doch sie können und sollten nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Verlusterfahrungen, die Menschen derzeit machen, real und valide sind. Es gibt allen Grund dazu, traurig, ernüchtert und ängstlich zu sein. Pessimismus hilft nicht weiter. Sich zu täuschen und anderen Menschen ihre Gefühle abzusprechen, waren aber auch noch nie kluge Ideen.

“In Sachen Erkenntnis ebenso hinderlich wie der Negativismus ist die Einstellung der Abwehr, wenn man also von den Verlusten nichts (mehr) hören will, sie aktiv ausblendet”, schreibt Andreas Reckwitz in seiner großen neuen Studie Verlust, in der er ebenso wie Daniel Schreiber in seinem Essay Die Zeit der Verluste ergründet. Etwas Grundlegendes sei in den zurückliegenden Jahren ins Wanken geraten, meint Schreiber, erst langsam setze das Begreifen ein: Die immer fragiler werdende Ära der Stabilität sei vorbei.

“Wie lange wussten wir schon vom voranschreitenden Klimawandel, seinen omnipräsenten Extremwetterlagen, von der menschlich verursachten Erderwärmung, die bereits in der Spanne unseres Lebens so weit fortgeschritten war wie zum letzten Mal in einem geologischen Zeitraum mehrerer hunderttausend Jahre. Von den Diktatoren neuen Schlages, die auch in demokratischen Ländern die Kontrolle an sich rissen und die Uhr in eine Zeit des Totalitarismus, der Fremdenfeindlichkeit, der Misogynie und offenen Homophobie zurückdrehten. Von der plötzlichen Salonfähigkeit rechtsextremen Hasses, unter anderem in der ältesten Demokratie der Welt und in jenem Land, unserem Land, das sich aufgrund seiner Geschichte geschworen hatte, besonders wachsam gegenüber dieser Form des Hasses zu sein.”

Wir seien in den zurückliegenden Jahren so damit beschäftigt gewesen, die Chronologie unserer kollektiven Verluste zu rekonstruieren, dass wir gar nicht dazu gekommen seien, uns darüber auszutauschen, was wir konkret verloren hätten. “Handelte es sich um ein Gefühl der Sicherheit? Um Gewissheiten? Ein gemeinschaftliches Selbstverständnis?”, fragt Schreiber. Selbst die Zuversichtlichsten würden die Verluste spüren, aber sie seien zu gestaltlos und zu bedrohlich, um sie überhaupt zu benennen. “Noch weniger kommen wir dazu, uns jener psychischen Arbeit zu stellen, die für den Umgang mit ihnen notwendig ist.”

“Die Palette der Verlustemotionen ist breit und reicht von Trauer, Scham und Angst bis hin zu Wut, Empörung und Verbitterung”, schreibt Reckwitz. Auch er empfiehlt, Verlusterfahrungen stärker zu reflektieren. Zwar habe es immer Verluste gegeben, sie gehörten zum Menschen dazu. Die moderne Gesellschaft aber sei vom Fortschrittsdenken geprägt und von der Möglichkeit des maximalen individuellen Glücks und Erfolgs. Und nun tritt das Gegenteil ein. Jeder ist seines Glückes Schmied in einer Welt, die um ihn zusammenbricht. In dieser Welt ist nur glücklich, wer über genügend Resilienz verfügt.

Was für eine Zeitenwende für eine Gesellschaft, deren Prämissen bisher Fortschritt, Steigerung und Gewinnmaximierung waren. Doch für diesen Gewinn betrieb sie Raubbau an den begrenzten ökologischen und menschlichen Ressourcen. Die daraus entstandenen Verluste, Nebeneffekte des Wachstums, konnte der Kapitalismus lange kaschieren. Das gelingt immer schlechter. Die Fortschrittserzählung trägt nicht mehr.

Umso größer ist die Wucht, die durch Enttäuschung, Verlust- und Zukunftsangst erzeugt wird. Mitunter schlägt die Resignation in Wut um, und die Wut sucht sich Schuldige: die Eliten, Migrant*innen, Feminist*innen und “Globalisten”. Und natürlich die Botschafter*innen der schlechten Nachrichten: Wissenschaftler*innen, Journalist*innen, Aktivist*innen, Künstler*innen und Politiker*innen.

Kein Wunder, dass der rechte Populismus in einer solchen Zeit blüht. “Das populistische Versprechen lautet, vermeintlich ideale, jedenfalls bessere Verhältnisse, wie sie früher geherrscht hätten, zwischenzeitlich aber verloren wurden, wiederherzustellen”, schreibt Reckwitz. Die immer neuen Verlustängste kämen dem Populismus gerade recht, er werde regelrecht dadurch genährt.

Zuversicht ist ein bewusstes Tun

Doch wie sieht eine Antwort auf das politische Verlustunternehmertum aus, das die Populist*innen laut Reckwitz weltweit mit Erfolg betreiben? Was offensichtlich fehle, sei ein Raum, in dem Menschen und Gemeinschaften ihre Verluste verarbeiten könnten und in dem auf Basis dieses Prozesses neue Ideen für Lösungen reiften, wie wir mit den erlittenen Verlusten und entstandenen Unsicherheiten umgehen könnten.

“Meine Überzeugung ist, dass wir lernen können, mit der Ungewissheit umzugehen. Dazu müssen wir den Fokus stärker auf unsere Einflussmöglichkeiten richten”, sagt Vera Starker, Wirtschaftspsychologin, Organisationsberaterin und Autorin des Bestsellers Mut zur Zuversicht. Aber ist dieser Einfluss tatsächlich noch groß genug, wenn man sich die Nachrichten dieser Tage und Jahre vor Augen führt?

Foto: Mark Eder

“Wir haben entweder die Möglichkeit, uns zu ergeben oder konsequent den eigenen Fokus zu lenken, dorthin, wo ich etwas bewirken kann”, sagt Starker. Sie rückt den Menschen und sein tiefes Bedürfnis zu gestalten und auf Widrigkeiten zu reagieren in den Mittelpunkt ihres Denkens. “Es hört sich lapidar an, wenn ich sage, dass wir Bäume pflanzen und Bienenhotels aufstellen können. Das ist es aber nicht. Sich zu engagieren ist die einzige Antwort, die wir geben können. Dann entsteht Kraft, dann entsteht Wirksamkeit, dann entstehen Lösungen.”

Zuversicht ist für Vera Starker kein erzwungener Optimismus, keine Selbsttäuschung, um die Realität besser auszuhalten. Ihr geht es darum, die Aufmerksamkeit bewusster zu lenken und die Realität zu gestalten. Zuversicht sei nicht nur ein Gefühl, sondern eine Entscheidung, ein bewusstes Tun. Zuversicht sei die Grundlage, um überhaupt handlungsfähig zu sein. Denn warum sollten wir sonst handeln, wenn wir nicht an ein gutes Resultat glaubten?

“Zuversicht speist sich aus Selbstwirksamkeit, Resilienz, Hoffnung und Optimismus”, erklärt sie. Wer sich als selbstwirksam erlebe, könne auch in Zukunft davon ausgehen, dass das eigene Handeln einen Unterschied mache. Dadurch entstehe Vertrauen, in sich selbst und in das direkte Umfeld, das sich zum Besseren wende. Und dadurch könne Sicherheit entstehen – eine Sicherheit, die aus uns selbst herauskomme. “Wir sollten nicht anfangen, unsere menschlichen Grundbedürfnisse nach Bindung, Sicherheit, Kontrolle und Orientierung infrage zu stellen”, sagt Vera Starker. Wir könnten aber danach fragen, wie sich diese Bedürfnisse auch ohne die äußere Stabilität erfüllen ließen.

Das würde bedeuten: Wir können unsere getrübten Zukunftsgefühle annehmen, um schließlich zu erkennen, dass uns gar nichts anderes übrig bleibt, als uns den Verlusten und den daraus resultierenden Aufgaben zu stellen. Gegen die Angst hilft nur hindurchzugehen und nicht vorbei. Wer das tut, weiß aus eigener Erfahrung, dass ein unüberwindbares Problem plötzlich lösbar erscheint und gar nicht mehr so groß.


Wollen wir die letzte oder die erste Generation sein?

Ist es also doch möglich, sich in der Zeit, in der wir leben und handeln und aus der wir Perspektiven für die Zukunft ableiten, wieder zu beheimaten? Finden wir eine Zeitzuflucht, ohne Vergangenheitskliniken errichten zu müssen? Nämlich dann, wenn wir Zuflucht in uns selbst finden und erkennen, wozu wir trotz allem imstande sind? Geht es vielleicht darum, sich nicht zwingend eine bessere Zukunft vorzustellen, sondern eine andere, die ebenso lebenswert ist? “Hoffnung und Sehnen können letztlich nur im Unterschied zwischen heute und einem unbestimmten Morgen existieren”, schreibt Jenny Odell.

“Die Zukunft ist nicht das, was tatsächlich eintritt, sondern ein individueller, kreativer, imaginärer und sinnlicher Prozess”, heißt es bei Florence Gaub. Unsere Fähigkeit, uns verschiedene Zukünfte vorzustellen, sei unser einziges Instrument zum Umgang mit Ungewissheit. Je stärker jemand der Auffassung sei, dass die Zukunft in der eigenen Hand liege, desto optimistischer sei diese Person.

In den Vergangenheitskliniken in Gospodinovs Roman Zeitzuflucht versprühen die Patient*innen mit der Zeit weniger Freude und Optimismus. Immer häufiger diagnostiziert er ein schweres Sinndefizit: erschwerte Atmung, keine Lust mehr, Luft zu holen, plötzlicher Anflug von Sinnlosigkeit, kollektive Angst, Melancholie, Gleichgültigkeit, Futurophobie.

Zeitzuflucht lässt sich als Fiktion lesen, je nach Geschmack als dunkle Dystopie oder als eskapistische Träumerei: In welcher Zeit war ich eigentlich am glücklichsten? Ich verstehe seine Zeitzuflucht als Mahnung. Wenn wir als Gesellschaft die Fähigkeit verlieren, in der Gegenwart zu leben, zerstören wir jeglichen Fortschritt. Der Rückgriff auf vermeintlich bessere Zeiten führt zu einer kollektiven Realitätsverweigerung und allgemeinem Stillstand.

Wenn wir uns in diesem Zustand einrichten, eine handfeste Zukunftsphobie entwickeln und den Sinn für unser Handeln verlieren, dann sind wir tatsächlich die letzte Generation, die noch etwas hätte bewirken können, es aber nicht getan hat, weil sie darin verharrte, ihre erlittenen Verluste zu beklagen und sich an früher zu erinnern.

Aber wir verlieren ja nicht nur. Wir gewinnen auch hinzu: die Kreativität und die Möglichkeiten zur Neuorientierung, die erst in der Unsicherheit entstehen. Die Verantwortung, aus der ein neues Verständnis von Generationengerechtigkeit erwachsen kann. Eine neue Form von Solidarität. Eine neue Form von Zeitbewusstheit, mit der Menschen die Tiefendimension gesellschaftlicher Entwicklung begreifen: Wir gewinnen einen geweiteten Blick. Und was noch? Es wird sich zeigen. Die Zukunft ist offen.

Foto: Artem Sapegin

Dieser Text ist in leicht veränderter Form zuvor bei Perspective Daily erschienen.

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