In Teil 1 von “Der (Ex-)Billionär und seine Fanboys (Öffnet in neuem Fenster)” haben Historiker Jonas Stephan (Öffnet in neuem Fenster) und ich Elon Musk etwas genauer unter die Lupe genommen. Es ging darum, wie Elon Musk sich ökonomisch aufplustert und in welcher machtpolitischen Tradition er steht. Der zweite Teil widmet sich u.a. der Frage, wie Musk-Fans das Blut an Elons Händen bewusst ignorieren und mit welchen Strategien der Milliardär sich selbst jeglicher politischer Verantwortung entziehen will, obwohl er eine glasklare Agenda verfolgt. Wir zeigen euch, warum es keinen einzigen Grund gibt, Elon Musk abzufeiern – und viele dagegen.

Schmückt sich gern mit fremden Federn: Der Tesla-Chef (Öffnet in neuem Fenster).
Held der Arbeit
Zentrales Argument der Elon-Fans ist stets Musks angeblicher Fleiß. Für seine Fanboys, die ihn natürlich übermäßig und ungebührlich abkulten, ist Elon Musk so etwas wie der Held der Arbeit und alle anderen, insbesondere seine Kritiker, sind im Vergleich zum Tesla-Gott bloß arbeitsscheue, motivationsgestörte Hänger:
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(Öffnet in neuem Fenster)Neben der omnipräsenten Neiddebatte – Autor Roman Pletter merkt zu Recht an, dass man die spiegelverkehrte “Gierdebatte (Öffnet in neuem Fenster)” viel seltener führe, auch Philosophen wie Christian Neuhäuser (Öffnet in neuem Fenster) beschäftigen sich akademisch mit dem Zusammenhang zwischen Neid, Gier und Gerechtigkeit (Öffnet in neuem Fenster) – steht oft Elon Musks angebliche übermenschliche Arbeitsmoral im Fokus seiner Fans. Musk sei ein Machertyp, und sein ultrahartes Machertyp-Arbeitspensum rechtfertige seinen Wohlstand und seinen Erfolg voll und ganz. Wer das anders sieht, sei entweder Beamter, faul – oder beides. Muskianer kolportieren gerne, der Tech-Chef habe routinemäßig “100-Stundenwochen” (von 168 verfügbaren Wochenstunden, das nur nebenbei). Elons größter Fanboy, seine KI Grok, führt das irre Arbeitspensum auch regelmäßig ins Feld. Logischerweise als Argument dafür, warum Elon Musk selbst den ehemaligen Schwergewichtsboxer Mike Tyson im Wettkampf besiegen könne:
(Öffnet in neuem Fenster)… oder fitter sei als Basketball-Legende LeBron James (Öffnet in neuem Fenster):
(Öffnet in neuem Fenster)Um zu erkennen, wie lächerlich diese Wettkampfprognose ist, braucht man kein Oben-ohne-Foto von Elon (Öffnet in neuem Fenster). Offenbar ist die KI Grok gar nicht mal so intelligent, sondern in erster Linie darauf trainiert, ihrem Herrn und Meister zu gefallen. Zweifel sind auch angebracht im Hinblick auf den Wahrheitsgehalt des Musk’schen 100-Stunden-Mythos. Elons ungesunde Leidenschaft fürs Gaming ist allgemein bekannt (eine andere, die Zufuhr externer Stimulanzien betreffende, ist ein offenes Geheimnis (Öffnet in neuem Fenster)). Jimmy Soni berichtet in seiner Kollektivbiografie „The Founders (Öffnet in neuem Fenster)“, Musk habe Ende der 1990er viele Nächte durchgezockt, während seine Firma „X.com (Öffnet in neuem Fenster)“ – später Erstversuch einer Online-Bank – phasenweise mit heruntergelassenen Hosen (nämlich ohne Geschäftsmodell) dastand. Und auch während seines kurzen, aber verheerenden Stunts als DOGE-Chef im letzten Jahr wollte Elon offenbar nicht auf sein Hobby verzichten. Als er ein luxuriöses Zehn-Zimmer-Apartment gleich neben dem Weißen Haus bezog, stellte er als erste Amtshandlung einen riesigen Gaming-Monitor (Öffnet in neuem Fenster) auf.
(Öffnet in neuem Fenster)Musks temporärer Winterpalast, die Secretary of War Suite im Eisenhower Executive Office Building.
Aber, wie im ersten Teil von Der (Ex-)Billionär und seine Fanboys (Öffnet in neuem Fenster), so wollen wir auch hier großzügig sein. Wer noch nie eine Nacht durchgezockt hat oder anderweitig Zeit vertrödelt hat, werfe den ersten Stein.
Nehmen wir den 100-Stunden-Mythos also für bare Münze. Doch selbt wenn: Mit diesem Argument sind die Muskianer auf dem Holzweg. Wer ein derart perverses Pensum abfeiert, predigt nämlich zunächst nur eine neoliberale Arbeitsmoral und eine durch und durch libertäre Wirtschaftsideologie. Mit protestantischer Arbeitsethik (Öffnet in neuem Fenster), die harte Arbeit, Pflichterfüllung und Disziplin als wesentliche Bestandteile eines gottgefälligen Lebens sieht, hat das in Wirklichkeit wenig zu tun. Denn Elon Musk oder auch deutsche „Machermänner“ wie Matthias Döpfner (Öffnet in neuem Fenster) oder Friedrich Merz (Öffnet in neuem Fenster) verherrlichen durch ihre angeblich so harte Arbeit weniger den Herrgott, sondern vielmehr sich selbst. So wird die Arbeit von der göttlichen Huldigung zur reinen Ego-Nummer degradiert. Das bleibt im neoliberalen Lobgesang auf die Arbeitsmoral meist außen vor.
Was folgt also aus angeblich harter Arbeit, aus angeblich brutalen Wochenstunden? Gut absehbar ist, was nicht daraus folgt: Dass Musk seinen Überreichtum (Öffnet in neuem Fenster) aus ethisch-moralischer Sicht verdient hat. Fleiß, Anstrengung und Arbeit sind für sich genommen keine ethischen Kategorien. Aus ethischer Perspektive ist wichtiger, dass aus diesem Fleiß, der Anstrengung und der Arbeit etwas moralisch Gutes entsteht. Radikal gesprochen: Die Geschichte der Welt ist voll von Diktatoren, Terroristen und Mördern, die nicht nach einer 40-Stunden-Woche die Füße hochgelegt haben. Wer viel arbeitet, ist deswegen nicht automatisch ein guter Mensch. Auch Menschen- oder Drogenhändler müssen fleißig sein, um auf ihrem (illegalen) Markt zu bestehen. Dass Pablo Escobar (Öffnet in neuem Fenster) sich aus kleinen Verhältnissen hochgearbeitet hat, ändert nichts daran, dass wir sein Leben nicht an seiner außergewöhnlichen Arbeitsmoral bewerten sollten, sondern an seiner Wirkung. Und die war blutig. Die Zeitung El País schreibt in einer Rezension der Netflix-Serie Narcos (Öffnet in neuem Fenster):
Escobar paid his hit men around €580 for each police officer they picked off. By end of the Medellin Cartel’s reign in Colombia, 550 had met their deaths in this way. In 1991, more than 100 explosive devices went off in the city between September and December. Escobar’s legacy was a river that ran with the blood of more than 5,000 victims (Öffnet in neuem Fenster) who were killed between 1989 and 1993.
(Übers.: Escobar zahlte seinen Auftragskillern etwa 580 € für jeden Polizisten, den sie töteten. Bis zum Ende der Herrschaft des Medellín-Kartells in Kolumbien waren auf diese Weise 550 Menschen ums Leben gekommen. Im Jahr 1991 explodierten zwischen September und Dezember mehr als 100 Sprengsätze in der Stadt. Escobars Vermächtnis war ein Fluss, der vom Blut von mehr als 5.000 Opfern floss, die zwischen 1989 und 1993 getötet wurden.)
https://english.elpais.com/elpais/2018/08/31/inenglish/1535708632_118999.html (Öffnet in neuem Fenster)Wer sich jetzt empört, dass wir einen der größten Tech-Unternehmer unserer Zeit mit einem mordenden Drogenboss vergleichen, der halte inne. Auch Musk hat Blut an seinen Händen, und zwar nicht wenig. Blut, das seine Fanboy-Brigade mit allen Kräften ignoriert.
Elon Musk hat Blut an den Händen
Musk fing Anfang 2025 mit seiner Department of Government Efficiency (Öffnet in neuem Fenster) (DOGE) genannten Pseudo-Behörde damit an, die US-amerikanische Regierungsarbeit nach seinem Gusto umzugestalten. Während es DOGE vordergründig um Verschlankung der Regierungsarbeit und um Kostenersparnis ging, war die tatsächliche Mission der Umbau der institutionellen Machtstrukturen gemäß Project 2025 (Öffnet in neuem Fenster). Die Idee: Trumps Rechtsruck (man könnte sagen: Faschisierung (Öffnet in neuem Fenster)) US-amerikanischer Politik sollte nicht auf identitätspolitischer Ebene Halt machen, sondern sich vielmehr so tief in das Machtgewebe der USA eingraben, dass die Umgestaltung irreversibel und nachhaltig ist. Im Fadenkreuz von DOGE stand u.a. US-AID. Die US-Behörde für internationale Entwicklung (United States Agency for International Development, USAID (Öffnet in neuem Fenster)) ist seit Jahrzehnten die weltweit bedeutendste staatliche Organisation für humanitäre Hilfe. Oder besser gesagt, sie war es. Denn Elon Musk und seine Handlanger haben sie binnen Wochen zerlegt – widerrechtlich und ohne Rücksicht auf Verluste.
In einem Beitrag auf X feiert sich Musk dafür. Anstatt auf Partys zu gehen, habe man US-AID „in den Buschhacker geworfen“. Die Wortwahl offenbart nicht nur den Musk-typischen technokratischen Nihilismus, sondern auch dessen Unfähigkeit, trotz nahezu grenzenloser Macht auch nur ansatzweise lässig oder cool zu wirken (Musks Tweets sind meist das verbale Äquivalent zu Gesundheitsminister Kennedys Klimmzügen (Öffnet in neuem Fenster)).
(Öffnet in neuem Fenster)Was Elon Musk hier beiläufig als coole Machergeste beschreibt, die echte Machertypen auch am Wochenende vollbringen, ist in Wahrheit nichts anderes als die Einstellung zahlloser Hilfsprojekte, Impfkampagnen und internationaler Lebensmittelhilfen. Während „America First“ andernorts nicht viel mehr war als ultrarechtes Sonntagsgerede, hat das Ende der Entwicklungshilfebehörde US-AID konkrete Konsequenzen. Konkrete Konsequenzen in Form von Leid und Tod. Schätzungen gehen davon aus, dass als direkte Folge des DOGE-Attentats auf US-AID bis 2030 über 9 Millionen Menschen sterben werden (Öffnet in neuem Fenster), darunter allein 2,5 Millionen Kinder unter 5 Jahren.
Wer kritisiert, wird beleidigt
Doch Elon Musk will von den Folgen seiner Kettensägenpolitik nichts wissen, im Gegenteil. Wie so oft, wenn dem Billionärboy die Wirklichkeit nicht passt, geht er in den Konfrontationsmodus:
(Öffnet in neuem Fenster)Als er Ende Juni schrieb, man könne nicht „einen einzigen Namen nennen eines Menschen, der daran gestorben ist“ , wurde er, wenig überraschend, mit Namen, Daten und Opferzahlen überflutet. Besonders der New-York-Times-Journalist Nicholas Kristof zögerte keine Sekunde und beschrieb ein fatales Schicksal nach dem anderen:
(Öffnet in neuem Fenster)Konfrontiert mit dem Blut an seinen Händen, reagierte Musk erst gar nicht und anschließend, wenig überraschend, mit Wut und Beleidigungen:

(Öffnet in neuem Fenster)Im Umgang mit Kritik gleicht Elon Musk jenen, die ihn anhimmeln. Fakten ausblenden, Tatsachen leugnen, Probleme kleinreden – und sobald Kritiker Fakten vorlegen und auf die Leichen im Keller hinweisen, wird ausgeteilt. Dieses Verhalten ist typisch für das trumpistische Zeitalter (Öffnet in neuem Fenster). Der Populist von heute biegt im besten Fall Halbwahrheiten zurecht, meist lügt er fröhlich vor sich hin. Sobald man ihn auf seine Lügen hinweist, rastet er aus (die eindeutig sexistische Komponente, welche diese „Verteidigungsaggression“ bei Donald Trump hat, ist nicht zu übersehen (Öffnet in neuem Fenster)). Der Tagesspiegel fasst es so zusammen: „Der Techmogul hatte sich für die Streichung von Hilfsgeldern starkgemacht. Eine Mitverantwortung für den Tod von Menschen weist Elon Musk zurück. Auf Kritik reagiert er mit Beleidigungen.“
https://www.tagesspiegel.de/internationales/folgen-der-usaid-kurzungen-musk-bestreitet-todesfalle-und-schlagt-auf-x-um-sich-15785694.html (Öffnet in neuem Fenster)Und wer jetzt trotzdem dagegen hält, Millionen Tote hin oder her, immerhin hat DOGE reinen Tisch gemacht, den müssen wir enttäuschen. Schon länger pfiffen es die Spatzen von den Dächern: Musks Pseudo-Behörde war nicht sonderlich effektiv (Öffnet in neuem Fenster). Heute mehren sich die Anzeichen, dass die DOGE-Abrissorgie das US-Staatsdefizit sogar erhöht hat:
https://www.instagram.com/p/Dad6gcxjzqK/ (Öffnet in neuem Fenster)DOGE war also wieder einmal eine Elon’sche Luftnummer.
(Öffnet in neuem Fenster)Es gibt keinen Grund, Elon Musk abzukulten
(Öffnet in neuem Fenster)Nein. Unsere Takes sind u.a.
dass massive Vermögensungleichheit und das Überreichtum einiger weniger die Demokratie schwächen (Öffnet in neuem Fenster) und
es staatliche Verantwortung ist, Gerechtigkeit auch über Steuergerechtigkeit (Öffnet in neuem Fenster) herzustellen, sowie dass
private, nicht gewählte Akteure (Öffnet in neuem Fenster) wie Elon Musk weit weniger Einfluss auf ein demokratisch gewähltes Gemeinwesen haben sollten und
ihre Verherrlichung – bei gleichzeitiger Ignoranz ihrer Schandtaten – uns allen schadet.
Es gibt nicht nur keinen Grund, Elon Musk sklavisch abzukulten, im Gegenteil: Es gibt viele gute Gründe, dies nicht zu tun. Er ist ein Mann, der rechtsextreme Accounts (Öffnet in neuem Fenster)promotet, selbst ultrarechte Inhalte verbreitet (Öffnet in neuem Fenster), fragwürdige Quellen und erfundene Inhalte teilt (Öffnet in neuem Fenster), oder, schon fast vergessen, wie vor anderthalb Jahren mehrfach den Hitlergruß macht (Öffnet in neuem Fenster). Der Guardian belegt: In letzter Zeit postete Musk doppelt so oft rassistischen Content als über den SpaceX-Börsengang (Öffnet in neuem Fenster). Alles in allem sehen wir einen ultrarechten Hardliner, der sein soziales Netzwerk (Öffnet in neuem Fenster)X.com (Öffnet in neuem Fenster) als Verlängerung seines fragilen Egos und Instrument politischer Scharfmacherei benutzt.
https://www.suhrkamp.de/buch/muskismus-t-9783518001318 (Öffnet in neuem Fenster)Dass hinter diesem Agieren kein Zufall, sondern ein Prinzip steht, arbeiten die Autoren Quinn Slobodian und Ben Tarnoff in ihrem Buch überzeugend „Muskismus“ heraus. Während der Fordismus (Öffnet in neuem Fenster)des 20. Jahrhunderts auf sozialen Frieden durch steigende Löhne und Massenkonsum setzte, basiert der Muskismus (Öffnet in neuem Fenster) u.a. auf einer Allianz mit extremen Rechten, Aushöhlung der Demokratie, Untergrabung staatlicher Souveränität und einer Haltung, die man auch als Tech-Feudalismus beschreiben kann. Männer wie Elon Musk und Peter Thiel (Öffnet in neuem Fenster) nutzen demokratische Strukturen als Tool, um ihre eigene Wirkmacht zu vergrößern. Am Ende stehen jedoch antidemokratische Strukturen (Öffnet in neuem Fenster), in denen einige wenige Broligarchen (Öffnet in neuem Fenster) sich zusammenschließen, um die Gesellschaft und die Politik nach ihrem Gutdünken zu gestalten. Wir bleiben dabei: Wer das abfeiert, ist Teil des Problems.
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Jonas’ Linkliste:
https://linktr.ee/deutschland33_45pod (Öffnet in neuem Fenster)Jans Linkliste:
https://wonderl.ink/@janskudlarek (Öffnet in neuem Fenster)www.janskudlarek.de (Öffnet in neuem Fenster)
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